Der Mann, der stumm wie ein Fisch blieb

Dieses Ereignis jährt sich heute zum 15. Mal – und es legte einen wichtigen Stein für meine Tätigkeit.

Ich war damals Redaktor bei Radio SRF (hach, DRS….). Nach der Morgensitzung vertiefte ich mich in ein Thema und versuchte, mich schlau(er) zu machen. Alsbald hatte ich jemanden am Telefon, der klar, verständlich und mit einer angenehmen Stimme erklärte, was Sache ist. „Bingo!“, jubelte ich innerlich, „das wird mein Studiogast.“

Gedacht, getan. Ich fragte den Experten, ob er Zeit habe, vorbeizukommen. Längere Beiträge kämen besser rüber, wenn die Gäste in Studioqualität sprechen würden. Er willigte ein und stand am frühen Nachmittag pünktlich vor der Türe. Ein Händedruck, eine Begrüssungsfloskel, ein kurzes gegenseitiges Abchecken und schon hatte ich die Kaffeemaschine in Gang gesetzt.

Im Vorgespräch vermittelte er mir strukturiert und empathisch weitere Hintergründe, und wir steckten die Stossrichtung des Gesprächs ab. Frohgemut führte ich meinen Gast ins Aufnahmestudio, reichte ihm einen Kopfhörer, pegelte die Lautstärke ein, startete das Band (eine Bandmaschine von Revox, hell!) und stellte meine erste Frage. Stille. Mein Vis-à-vis öffnete seinen Mund… langsam, wie in Zeitlupe, schloss ihn wieder, um ihn alsbald erneut zu öffnen. Allein: er brachte keinen Ton über die Lippen.

Ich lächelte ihm aufmunternd zu, machte einen flapsigen Spruch und stellte die Frage erneut. Stille. Wieder blieb mein Gast stumm wie ein Fisch. Gequält blickte er mich an. „Das ist Filippo Leutenegger bei einer Live-Schaltung in die ‚Tagesschau’ auch einmal passiert, als er noch Italien-Korrespondent war. Sie sind also in guter Gesellschaft“, versuchte ich Druck von ihm wegzunehmen. Er schluckte leer und blieb auch beim dritten Versuch stumm, sein Gesicht war inzwischen rot angelaufen.

„Machen wir doch eine Pause, das kann den Knopf lösen“, schlug ich vor. In der Cafeteria trank er ein Glas Wasser, sein Sprechstau war weg, meine Zuversicht stieg. Wieder setzten wir uns ins Aufnahmestudio, „Band läuft!“, ich stellte eine andere Frage – Stille. Mit hängenden Schultern guckte mich mein Gast an. Hilflos. Verschämt. Auch die weiteren Versuche blieben erfolglos.

Schliesslich notierten wir auf Flipcharts die wichtigsten Stichworte – pro Frage ein Blatt. Mit diesem Hilfsmittel und viel Geduld brachten wir schliesslich doch ein paar Antworten auf Band. Brauchbar waren sie nicht: Der Mann stotterte sich durch seine Sätze, seine Aussagen hatten kaum einen roten Faden, die Stimme verlor manchmal ihren Ton. Ich bedankte mich und er verabschiedete sich hastig. Wir beide wussten, dass ich keine einzige Antwort dieses Interviews verwenden konnte.

Ich war deprimiert. Es darf nicht sein, das jemand, der etwas zu sagen hätte, es nicht sagen kann. Zwei Jahre nach diesem Erlebnis gründete ich meine Firma, eines unserer Angebote sind… Kommunikationstrainings. In der Zwischenzeit habe ich über 300 solche Trainings gegeben und ich tue es weiterhin sehr gerne.

Wie ein solches Training mit uns grosso modo abläuft, zeigt ein Beitrag des Regionalsenders „TeleM1“. Er ist zwar nicht mehr taufrisch, eignet sich aber ganz gut für die Selbstpromo. Nebenbei: Rund 75 Prozent aller Trainings geben wir Leuten aus einem nicht-politischen Umfeld.

 

 

 

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