Schawinski, Michael Hermann und Bügelhilfe Balsiger

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Mit 12 war er mein Held, weil er uns mit Pop-Musik – unserer Musik! – versorgte. Vom Pizzo Groppera aus, 24 Stunden am Tag, das „Phone in“ mit Jürg Hofer und Dani Ambühl, jeweils samstags tief in der Nacht, war für mich das höchste aller Radiogefühle. Nicht einmal “Sounds”, die eine Stunde pro Tag mit François Mürner, die Mutter SRG vor 1983 mit unserer Musik erlaubte, konnte das “Phone in” toppen.

Mit 20 schrieb ich Roger Schawinski einen zweiseitigen Brief. Ob er das „Hofstatt Festival“ in Brugg (AG), das ich mit Freunden aus dem Boden stampfte, auf der Frequenz von Radio24 live übertragen wolle, fragte ich ihn. Eine Antwort blieb aus, und ich war enttäuscht.

Mit 48 sass ich ihm gegenüber. Am letzten Montag wars, abends um 23 Uhr. In irgendeinem Studio im Leutschenbach. Zusammen mit Politgeograf Michael Hermann analysierte ich bei „Schawinski“ die Wahlen.

Schawi ist auch aus der Nähe ein Phänomen: Sobald die Kameras laufen, sprintet er los wie ein Gepard auf der Jagd, schlägt Hacken, rudert mit den Händen, wackelt mit dem Kopf, in seinem Gesicht wetterleuchtet es. Er springt von einem Thema zum nächsten, Hermann ist ihm dicht auf den Fersen, ich keuche hinterher. Mein einziger Gedanke – immer wieder: „Ich will meine Sätze beenden! Ich will einfach meine Sätze beenden! Sei knapp und präzis! Sprich verständlich!“ Bereits bei einem ultrakurzen Zögern fährt Schawinski sofort dazwischen, und schon sind wir wieder anderswo, mein Argument bleibt in der Steppe liegen.

Etwa die Hälfte meiner Sätze bringe ich zu Ende.


Gestern schrieb mir via Twitter eine Frau, die ich nicht kenne. Sie habe uns zugeschaut und dazu ihre Wäsche gebügelt. Ich antwortete nur mit einem Wort und einem Satzzeichen: faltenfrei?

P.S.  Im “Club” von SRF wäre das Sprechdenken erlaubt. Die Idee “Bügelhilfe Balsiger” bleibt auf der Liste.

 

Fünf Polizisten, ein Rapport, sechzehn Stempel

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Polizist Número um
spricht zwei Brocken englisch, Número dois zwei Brocken spanisch, ich wiederum bringe es auf ein Viertelbröcklein portugiesisch. Polizist Número três kann den beeindruckend grossen Computer bedienen, Número quatro hat lange, rabenschwarze Haare und ist eine hübsche Frau, Número cinco trägt anstelle der Uniform einen dunkelblauen Trainer, ist aber ebenso dienstbeflissen wie seine Gspändli und hält sich wie Número quatro in der zweiten Reihe.

Draussen ist es dunkel und schüttet wie aus Kübeln. Ich befinde mich auf dem Polizeiposten in Vila Nova de Milfontes, einem Dorf, das etwa 150 Kilometer südlich von Lissabon liegt und der Ausgangspunkt ist für ausgedehnte Wanderungen entlang der Atlantikküste (Foto). Wellen, Wind, die Weite – die Natur hier ist wild, wuchtig, süchtig machend.

In einem Moment der Unaufmerksamkeit hat meine Freitagstasche, die mir seit 1999 täglich am Rücken hängt und stets fast alles mitführt, was ich brauche, plötzlich Beine bekommen. Ihr Inhalt: Mac, Fotokamera, i-Phone, Pass, Bücher, Notizen, Zahnpasta, Sackmesser… Dumm gelaufen. Ich schaffte es trotzdem, an einem meiner Vorsätze festzuhalten: gelassen auf Ereignisse zu reagieren, die ich nicht beeinflussen kann.

Ich versuche dem Polizisten-Quintett, den Vorgang des Diebstahls und den Inhalt meiner Tasche zu erklären. Am Anfang verläuft das harzig, doch wir werden bald besser. Jedes Mal, wenn wir uns verstanden haben, nicken sechs Köpfe, das Mimen, das ich vor vielen Jahren bei einer Laienbühne gelernt hatte, hilft auch. Offensichtlich übertreibe ich es einmal: Die Polizisten gucken zuerst verdutzt, dann wechseln ihre Gesichter in den Modus „belustigt“, und als ich schliesslich mit den Augen zwinkere, prusten sie los. Von da an ist das Eis gebrochen.

Nach dem Ausfüllen von vier Seiten Rapport und dem Ausdrucken von vier Exemplaren, die ein Biest von einem Drucker kräftig vordern, zwölf Unterschriften von mir und dem diensthabenden Offizier sowie sechzehn Stempeln – pro Seite einmal – ist dieser Fall im Kasten und ready für die Schweizer Versicherung.

Was ich mit diesem Posting sagen will: Portugiesische Polizisten sind freundlich und hilfsbereit, genauso wie alle ihre Landsleute, die wir getroffen haben, auch. Ohne das mobile Sklavengrätli habe ich die letzten fünf Tage wohl viele Anrufe und SMS verpasst. Sie alle hängen jetzt irgendwo im Apple-Walhalla und werden nie mehr gefunden. Ich weiss nicht einmal, von wem sie stammen. Das tut mir leid und ich bitte die Absenderinnen und Absender um Verständnis.

Inzwischen habe ich mir wieder ein neues Sklavengrätli angeschafft. Die Nummer ist die alte: 079 696 97 02.

P.S. Mobile-lose Tage sind erholend, imfall. Sehr zu empfehlen.