Die schöne Schwedin

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Beim Zähneputzen am Abend wird mir vor dem Spiegel klar: Meine Haare sind zu lang, zu spröde, zu… ach! Ist der Velohelm erst einmal weg, streben sie in alle Himmelsrichtungen, ich könnte als Sohn von Niklaus Meienberg durchgehen. Also ab zum Coiffeur.

Am nächsten Morgen schlendere ich durch Kalmar, einer hübschen Kleinstadt im Süden Schwedens, die in dieser Jahreszeit viele Touristen anlockt, das Leben in den Strassen erwacht langsam, die Sonne scheint wie es sich gehört. Im Gegensatz zu den Coiffeursalons in der Schweiz sind diejenigen hier montags geöffnet, auf jeder Eingangstüre steht “Drop in”.

Im vierten Geschäft darf ich nicht nur eintreten, sondern mich auch gleich bedienen lassen. Eine vielleicht 35-jährige Coiffeuse mit blondiertem Haar und guter Laune dirigiert mich schwungvoll auf den Sessel. Wie immer bringe ich zuerst meine Anstandsfrage: „Talar du engelska?“ Ja, sie spreche Englisch, antwortet sie, aber nicht gerne und auch nicht gut.

Ich erkläre ihr, dass ich die schwedische Sprache sehr möge, aber nicht mehr als 50 Wörter beherrschen würde. Dabei lächle ich sie an und denke schaudernd: „Womöglich verpasst sie mir eine dieser potthässlichen Frisuren, wie sie bei den Fussballstars und ihren zahllosen Nachahmern Mode sind.“

Ich deute auf ihr Namensschild, das diskret in einer Ecke ihres Arbeitsplatzes steht. Nathalie sei doch ein französischer Name. Ihre Augen blitzen: „Je suis Française!“

Magnifique! “Je suis Suisse! Voyez, cet année j’ai passé trois mois en France pour améliorer votre langue.” (Eigentlich wollte ich entrosten sagen, aber das Wort fiel mir nicht ein.) Nathalie ist offensichtlich hoch erfreut, dass wir in ihrer Muttersprache parlieren können. Für mich ist es ein willkommenes Training und es geht ganz flott, obwohl ich seit meinem Tourstart im Elsass nicht mehr Französisch gesprochen habe.

Sie schwingt mir den schwarzen Frisiermantel über die Schultern und das Prozedere beginnt. Da geht die Eingangstüre auf und das warme Schwedisch einer weiblichen Stimme dringt an mein Ohr. Im Spiegel erhasche ich einen Blick der neuen Kundin und bin wie vom Donner gerührt: Sie ist etwa 1 Meter 80 gross, schlank, sportlich und braun gebrannt. Sie hat grüne Augen und lange dunkelbraune Haare, die ihr bis zur Taille reichen. Sie trägt eine schlichte weisse Bluse, aber kein Make up. Sie ist so natürlich. Und sooo schön.

Ja, ich habe lange geguckt, und ja, ich bin hingerissen. Zu meiner Verzückung wird die schöne Schwedin gleich neben mir platziert. Ich schiele verstohlen rüber und warte auf eine gute Gelegenheit, mit ihr ins Gespräch zu kommen.

Plötzlich taucht Amor auf. Der kleine Kerl setzt sich auf die Oberkante des wuchtigen Spiegels, lässt die Beinchen baumeln und zwinkert mir kumpelhaft zu: „Genau dein Typ, gelt?“ „Hau ab!“, fahre ich ihn an. „Ich bin mit em Velo da, keine Zeit für Girls.“

Nebenan geht es jetzt darum, wie viele Zentimeter abgeschnitten werden dürfen – ein heikler Punkt. Das ist meine Chance, schliesslich bin ich eine Kapazität, wenn es um die Haarlängen schöner Frauen geht. Ich klinke mich in das Gespräch ein, elegant, wie ich finde, und gebe in gepflegtem Englisch meine Meinung ab. Die schöne Schwedin dreht ihren Frisiersessel in meine Richtung und schenkt mir ein bezauberndes Lächeln.

Strike! Mein Herz klopft. Im Augenwinkel sehe ich, wie Amor mit nervösen Fingern einen Pfeil aus dem Köcher zieht.

Das Eis ist gebrochen, wir small-talken: Am Platz rechts von mir auf Schwedisch, bei uns auf Französisch, übers Kreuz auf Englisch, die beiden „Hair Artists“ reden zwischenhindurch Schwedisch miteinander. Irgendeinmal sagt die Coiffeuse, die an den Haaren der Holden wirkt: „Ihr beide kommt übrigens aus demselben Land.“ Verblüfft gucken wir einander an. „Wohär chunnscht?“, frage ich die schöne Schwedin.

„Vo Bärn.“

Ich mache grosse Augen und mein Herz setzt einen Takt aus. Mindestens. Amor ist aufgesprungen und tanzt Lambada auf dem Spiegelrand.

“Ich wohne auch in Bern. Im Breitsch“, erzähle ich der schönen Bernerin. Wir reden weiter und schliesslich frage ich sie, was sie denn in Kalmar mache. „Weißt du, mein Partner lebt hier.“ „Aha. Cool“, sage ich und denke: „Merde!“ Bei Konsalik nehmen solche Begegnungen immer einen ganz anderen Verlauf.

 

P.S.
Die frisierende Französin hat übrigens einen guten Job gemacht, ich bin mit meinem Haarschnitt zufrieden. Und das Velo stand nach einer Stunde auch noch vor dem Salon.

Meine Lektion am Fusse des Forollhogna

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Ein schabendes Geräusch reisst mich aus dem Schlaf. Ich krabble auf der Pritsche hoch, schaue aus dem Fenster und sehe – nichts. Es dauert einen Moment, bis mir bewusst wird: es liegt stockdicker Nebel. „Der Tag fängt ja gut an“, knurre ich, öffne die Türe der „Hognabua-Hytte“ und trete in das feucht-kalte Grau hinaus. Unmittelbar vor mir stehen ein paar Schafe und beäugen mich, ehe sie sich wieder der Blache widmen. Sie versuchen, an das Material darunter zu gelangen. Von ihnen stammte also das merkwürdige Geräusch. Sonst ist es still in diesem riesigen Bergkessel.

Den schwierigen Umständen zum Trotz (siehe Teil I dieses “Thrillers”) hatte ich ziemlich gut geschlafen – und ziemlich lange. Es ist weit nach 8 Uhr, als ich mich schliesslich an das Tischchen setze und ein paar Scheiben Vollkornbrot mit Schinken belege. Dazu gibt es Nüsse, eine überreife Banane und Tee. Das beklemmende Gefühl des Vorabends kommt zurück, ich habe Mühe beim Schlucken. Ich versuche es zu reduzieren, indem ich tief atme und laut mit mir spreche. Ein geschärfter Blick auf die Karte zeigt es klar: 15 Kilometer des unwegsamen Geländes im Forollhogna-Nationalpark habe ich hinter mir, bis zu den ersten Siedlungen im Norden fehlen mir etwa fünf Kilometer. „Du hast nur noch einen Viertel zu bewältigen und machst dir trotzdem in die Hosen?!“, versuche ich mich aufzumuntern. Mit bescheidenem Erfolg. Einen Moment lang spiele ich mit dem Gedanken, einfach den nächsten Moment „mit Netz“ abzuwarten und dann eine Notnummer zu wählen. Die Norweger würden mich dann rausholen, am besten mit dem Helikopter.

„Kommt nicht in die Tüte!“, sage ich barsch, so dass ich ob meiner eigenen Stimme erschrecke. „Du hast dir das selbst eingebrockt, jetzt holst du dich da auch wieder raus! Alleine! Basta!“

Der Nebel beginnt sich zu lichten, dafür setzt der Regen wieder ein. Das Thermometer vor der Hütte zeigt vier Grad Celsius. Ich sattle das Fahrrad und marschiere los, den Anhänger mit der grossen gelben Segeltuchtasche lasse ich zurück. Dazu lege ich ein Blatt im A4-Format:

I will pick up my stuff later. Please leave it here.
Mark, Swiss cycler.
August 9th 2016.

Der Pfad ist mal seifig, mal kaum zu sehen. Ich komme nur sehr langsam vorwärts, verliere immer wieder den Halt, das Stossen und Zerren meines Gefährts kostet mich viel Kraft. Alle paar hundert Meter murmelt ein Bächlein munter die Bergflanke herunter. Ich muss einen grossen Schritt machen, um auf die andere Seite zu gelangen. Und wenn das nicht reicht: springen. Ein Sprung mit Velo und Gepäck, zusammen also rund 50 Kilogramm, sieht mit Sicherheit ulkig aus, hat mit Springen aber wenig zu tun und ist durchzogen erfolgreich. Schuhe und Socken sind schon wieder durchnässt, der giftig-kalte Nordwind bläst mir ins Gesicht. Aus dem Grau des Nebels ertönt der klagende Ruf eines Vogels. Immer wieder. Er beherrscht nur einen einzigen Ton. In Moll. Wie ein Gimpel. Es ist mir zum Heulen zumute.

n_192_IMG_2484Als Orientierung dienen mir neben dem GPS-Signal die kunstvoll aufgeschichteten Steinhaufen. Zuweilen ist ein einzelner Stein rot angemalt oder es wird auf Holzpfählen sogar ein kleines Kreuz sichtbar. Irgendeinmal dämmert es mir: Ich befinde mich immer noch auf dem Pilgerweg zum Dom von Nidaros, wie Trondheim früher hiess.

s_192_IMG_2391Vor Wochenfrist stand ich in der schwedischen Kleinstadt Ekshärad, eine Autostunde westlich von Oslo, vor der Kirche. Dort beginnt der Pilgerweg, dort hatte ich das grabsteinartige Werk betrachtet, in das gemeisselt worden war: „536 km till Nidaros“. Dann war ich auf Anraten von Claude Longchamp, der in jener Region seit vielen Jahren Urlaub macht, das Klarälvtal hochgeradelt, immer dem Fluss Klarälven entlang – tagelang. Bis ich im Nationalpark selbstverschuldet in den Morast geriet.

Während ich Schritt vor Schritt setze, versuche ich mir vorzustellen, unter welchen Anstrengungen die Gläubigen damals diesen Pfad bewältigt hatten. Dieser Vergleich motiviert mich sofort: Ich bin besser ausgerüstet und gut genährt, und ich konnte die meiste Zeit fahren.

Manchmal pausiert der unerbittliche Wind für ein paar Minuten, ab und an dringen sogar ein paar zarte Sonnenstrahlen durch die Nebeldecke. Das wärmt meinen Oberkörper und tut unendlich gut. Dann peitscht wieder Regen darnieder, ich rutsche aus, beisse auf die Zähne und kämpfe mich weiter. Inzwischen besteht der Weg nur noch aus groben Steinen, es geht steil abwärts, das Velo kriegt bei jedem Schritt, den ich mache, einen heftigen Schlag ab, seine Bremsen werden immer schwächer. Felder mit ewigem Schnee werden sichtbar, meine Hände und Füsse sind eiskalt, das Trikot klebt schweissdurchtränkt an meinem Leib. Ich rede mir zu: „Fünf Kilometer sind es total. Das schaffst du. Die Hälfte ist vermutlich schon durch. Das schaffst du, come on!“

Wie von Geisterhand reisst die Nebeldecke plötzlich auf und gibt den Blick frei. Unten im Tal schlängelt sich ein Fluss durch sattes Grün, ich sehe ein paar Hütten und Häuser. Von einzelnen steigt Rauch auf – bewohnt! Ich stosse einen Jauchzer aus. „Yes, da unten ist der Albtraum vorbei!“

Doch wie komme ich in dieses Tal hinab? Der Pfad führt auf derselben Höhenkurve weiter. Irgendwann dreht er aber abrupt nach Westen, talwärts. Und er wird stotzig, sehr stotzig. Ich kann das schwer beladene Fahrrad kaum mehr halten, die Öldruckbremsen haben inzwischen den Geist aufgegeben, womöglich ist die Temperatur zu tief für sie. Ich rutsche immer wieder aus. „Stopp – zu gefährlich!“, befehle ich mir. Ich sattle ab und schlinge das schwere Kettenschloss um das Hinterrad des Velos. Die Sacoche mit dem restlichen Proviant, Ersatzkleidern und dem MacBook in der einen Hand, die Lenkertasche mit den Wertsachen unter dem anderen Arm klettere ich vorsichtig weiter, Tritt um Tritt. Der Regen hat den schmalen Pfad komplett ausgewaschen. Nach einer halben Stunde erreiche ich den Talboden, setze meine Füsse zum ersten Mal seit zwei Tagen wieder auf einen befestigten Weg und kann ganz normal gehen.

Zielstrebig gehe ich auf die erste Hütte zu, aus deren Kamin Rauch aufsteigt. Ich klopfe und setze mich auf die schwere Holzbank. Nichts regt sich. Nach zwei Minuten öffnet sich die Türe ein wenig und zwei nussbraune Augen schauen mich an. Erstaunt und misstrauisch. In wenigen Sätzen erkläre ich der jungen Frau mein Malheur. Dabei wird mir gewahr, wie ich aussehe: Mein Regentenue ist nicht mehr knallgelb und grün, sondern voller Dreck und Schlamm, wie das eines Radquerfahrers. Am Abend werde ich im Spiegel entdecken, dass mein Gesicht auch mit trockenem Blut verschmiert war.

Karin, so heisst die Norwegerin, wird etwas zugänglicher und nimmt meine beiden Gepäckstücke in Obhut. „Don’t worry, it’s not a bomb“, versuche ich es mit einem dümmlichen Witz, dann stapfe ich wieder bergwärts. Eine halbe Stunde später habe ich die Waldgrenze erreicht, wo ich die zweite Sacoche und den blauen Seesack packe und damit wieder talwärts strebe. Unterwegs treffe ich auf zwei Bergsteiger, die sich den Forollhogna trotz des miserablen Wetters vorgenommen haben. Sie hören mir schweigend zu, bis einer sagt: „I’m sorry that you can’t bike here.“ Ich nicke und denke: „Ironie ist eigentlich meine Disziplin.“

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Ein alter Pick-up steht vor der Hütte. Karin spricht mit einem vielleicht 55-jährigen Mann, er trägt einen mächtigen Schnauz. Ich grüsse, er nickt knapp. So stehe ich da mit meinem Gepäck und meinen verdreckten Kleidern und fühle mich fehl am Platz. Irgendeinmal fällt mir auf, dass die beiden exakt dieselben Nasen haben. „Is he your father?“, frage ich Karin, „the shape of your noses is exactly the same.“ Sie muss lachen. Das Eis beginnt zu tauen. Ich bitte ihren Vater, mich mitzunehmen: „Ich brauche ein Dach über dem Kopf, irgendwo“, Karin übersetzt. Er wiegt den Kopf kaum merklich hin und her, dann schaut er zu den Berggipfeln hoch. Und dann schweigt er. Eine Minute. Zwei Minuten. Ich übe mich in Geduld, was nicht meinem Temperament entspricht; ich mag klare und schnelle Entscheidungen. Vater und Tochter wechseln ab und zu ein paar Worte, zuweilen übersetzt sie für mich. Dann schweigen sie wieder. Minutenlang. Ich bin keinen Moment versucht, ihn als „Mürggu“ zu etikettieren. Im Gegensatz zu mürrischen Menschen hat er viele Lachfältchen in seinem wettergegerbten Gesicht und gutmütige Augen.

Schliesslich macht er eine Geste, die bedeutet: aufladen. Ich schwinge erleichtert meine vier Gepäckstücke auf die Ladefläche, danke Karin und quetsche mit auf den Beifahrersitz. Er stellt die Heizung an und es wird sofort wohlig warm. Die Karre ruckelt los, wir beide schweigen, aber das stört mich nicht. Nach wenigen Minuten entdecken wir einen jungen Kuckuck im Gehölz. Der Schweigsame stoppt sein Auto und dann beginnt er zu sprechen. Englisch. Er spricht ein schön elaboriertes Englisch, bedächtig und mit dem leichten Singsang, den man bei den meisten Schweden und Norwegern hört. Der Bergbauer und der ehemalige Hobby-Ornithologe haben ein gemeinsames Thema gefunden, die vierzigminütige Fahrt ist kurzweilig.

Auf seinem Hof in Budal angekommen, deutet er auf das Stöckli: „Du kannst hier übernachten.“ Er geht voran, legt Bettzeug bereit und stellt in der Küche den Elektroofen an. Das Haus ist vollgestopft mit Utensilien aus den letzten Jahrzehnten, wie ein Museum. „Are you going to survive her?“, fragt er, schmunzelt und zieht sich zurück. Ich geniesse die Wärme, die sich breit macht, wasche und rasiere mich und schlüpfe in trockene Kleider. Läck Bobby, ist das ein gutes Gefühl!

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Schnell habe ich Spaghetti gekocht. Als ich mich mit Heisshunger über sie hermache, tritt der Bauer wieder in die Küche und bleibt verlegen stehen. Ich bitte ihn, Platz zu nehmen und frage nach seinem Namen. Dann erzählt mir Björn von seiner Passion: der Bären- und Elchjagd. Er erzählt fast zwei Stunden lang und ich höre ihm gespannt zu. Er hat einen grossen Wortschatz und macht kaum Fehler. Als er sich schliesslich zum Gehen wendet, danke ich ihm für seine Hilfe. „It’s allright“, sagt er nur und blickt weg.

Am nächsten Morgen kurz nach 7 Uhr: Björn borgt mir Handschuhe, einen feldgrünen Ölmantel und Wanderschuhe, Grösse 46. Ich ziehe zwei Paar Socken an, denke meine Füsse um sieben Millimeter grösser und so passt das Schuhwerk fast perfekt. Dann fahren wir mit seinem klapprigen Pick up, Baujahr 1985 wie er vergnügt vermerkt, zurück zum Maiensäss, das 27 Kilometer weiter südlich liegt. Es regnet. Ich hatte gut geschlafen und mich noch am Vorabend im Dorfladen mit Proviant eingedeckt, die Zuversicht meldet sich zurück. In der Hütte angelangt, braut Björn zuerst Kaffee, setzt sich und blickt aus dem Fenster. Mich beeindruckt die Ruhe, die dieser Mann ausstrahlt.

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Der Regen hört auf, fünf Minuten später lacht die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Björn fährt zurück zu seinem Hof, ich schultere den Rucksack und steige bergan. Eine Viertelstunde später haben sich die Himmelsschleusen wieder geöffnet, ich erreiche die Waldgrenze, wo mein Fahrrad im Gras liegt – Postgelb auf Dunkelgrün. Ich halte inne und muss eine Entscheidung treffen: Soll ich bis zur „Hognabua-Hytte“ hinauf, also zwei Stunden alleine durch Regen und Nebel wandern oder das Velo gleich wieder durch den Birkenwald abwärts tragen? Ich mag das Schicksal nicht noch einmal herausfordern und entscheide mich für Zweiteres.

Inzwischen ist es 10 Uhr und ich bin wieder auf dem Maiensäss der Bauernfamilie angelangt. Karin und ich hocken vor dem Holzofen, der eine herrliche Wärme verbreitet, trinken Kaffee und schwatzen. Sie ist Sozialarbeiterin und wirkt in der Gemeinde Støren, die etwa 30 Kilometer nördlich von ihrem Wohnort Budal liegt. Das sei ein Bürojob, sagt sie. Umso mehr mag sie als Ausgleich die Natur und die Stille. Seit vielen Jahren verbringt sie hier oben jeweils vier Wochen Sommerferien und besorgt das Dutzend Milchkühe und ein paar Kälbchen. Karin mag es, mit den Händen zu werken, und sie liebt das Tal. Sie nennt Budalen ein „little paradise“. Ein Telefon gibt es hier nicht, mobile Geräte finden in diesem Tal kein Netz, es bleibt herrlich ruhig. Draussen wechselt das Wetter im Halbstundenrhythmus.

Gegen Mittag, als sich gerade wieder einmal die Sonne zeigt, will Karin auf einen Hügel steigen. Dort oben habe sie mit ihrem Handy meistens Empfang, erklärt sie. Und: sie müsse telefonieren. Ich folge ihr, zehn Minuten später sind wir oben – und tatsächlich: Netz. In meinem Gerät purzeln Dutzende von geschäftlichen E-Mails in die Inbox. Nach den Erlebnissen der letzten Tage kommen sie mir vor wie Exoten. Karin spricht in ihr Gerät, dann wendet sie sich mir zu: „Das war mein Vater. Er macht sich Sorgen wegen dir.“ Im Verlaufe des späteren Nachmittags komme er oder ihr Bruder hoch, um mit mir auf den Pass zu steigen und das Material von der „Hognabua-Hytte“ herunterzutragen.

Die Stunden verstreichen. Innerlich hake ich die Mission für heute ab, es ist zu spät.

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Nach einem sehr frühen Znacht helfe ich Karin im Stall, es zahlt sich aus, dass ich früher Landdienst geleistet hatte.

Um 18.15 Uhr schwingt die Türe auf und Björn tritt ein, unter dem Arm einen grossen Rucksack: „Let’s go.“

„Don’t you think it’s too late?“, frage ich ihn zweifelnd. Im Dunkeln auf einem glitschigen Pfad talwärts zu tappen finde ich gefährlich.

„We will walk fast.“

Um 18.30 Uhr startet die Mission „Rescue Yellow Bob“. Ich gehe voran, Karin und Björn folgen mir. Zügigen Schritten schrauben wir uns den Birkenwald hoch, schnell haben wir einen Rhythmus gefunden. Es bleibt trocken, ja die Sicht wird immer besser. Um 20.30 Uhr erreichen wir die „Hognabua-Hytte“. Yellow Bob ist noch da. Klar, wer hätte sich auch mit dem Anhänger und meinem Campingmaterial abmühen wollen. In der Hütte trinken wir heissen Tee und futtern belegte Brote. Ich will schnell wieder aufbrechen, doch Björn hält nichts von Eile. „Weißt du, jedes Jahr kommt ein Radfahrer hier oben durch“, berichtet er. „Dieses Mal bist du es.“ Dabei schaut er mir direkt ins Gesicht, lächelt und hält mir seine Dose mit Snus hin. Ich schiebe einen Streifen in den Mund.

Zwei Minuten später ist mir speiübel, ich will fluchtartig an die frische Luft und falle fast der Länge nach hin. Der Gleichgewichtssinn wird bei diesem Teufelszeug also auch beeinträchtigt – oder spielt mir der Körper sonst einen Streich? Ich spucke das Snus in ein Gebüsch und spüle meine Mundhöhlen mit viel Wasser aus. Dann inhaliere ich ein paar Minuten lang die kalt-würzige Bergluft und langsam fühle ich mich wieder besser.

Um 20.55 Uhr brechen wir auf. Den Inhalt der gelben Segeltuchtasche haben wir auf drei Rucksäcke verteilt, ich schultere den Anhänger und wechsle alle zehn Minuten die Seite. Kurz vor 23 Uhr treffen wir unversehrt im Maiensäss ein, es ist inzwischen stockdunkel geworden.

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Ich bin erschöpft
, erleichtert und erfüllt von tiefer Dankbarkeit. Karin und Björn haben mich aus meiner misslichen Situation herausgeholt, ohne viele Worte zu verlieren. Zunächst waren sie zurückhaltend, ja schüchtern. Die letzten zwei Tage habe ich sie aber als grundehrliche, liebenswürdige Menschen, die das Herz auf dem rechten Fleck haben, kennen gelernt.

 

Epilog:

Die Erlebnisse am Fusse des Forollhogna haben mich aufgewühlt. Es war eine Lektion, die mir dort oben erteilt wurde. Seither bin ich nachdenklicher geworden, die emotionale Bewältigung dieses Abenteuers braucht Zeit und Energie, für ein paar Tage war ich drauf und dran, meine Tour vorzeitig abzubrechen. Das habe ich inzwischen verworfen, mir aber in meiner Endlos-Agenda einen Termin im August eingetragen. Dann will ich den beiden wunderbaren Menschen aus Budal jeweils ein Päckli schicken.

 

 

Wie ich mich tief in den Morast geritten habe

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In Norwegen regnet es jeden Tag, es ist wie ein Naturgesetz. Unverzagt sattle ich das Velo und fahre los. Kaum habe ich die 2000-Seelen-Gemeinde Os i Østerdalen (auf Deutsch: Osttal) hinter mir gelassen, geht es steil bergauf. Ich muss in den ersten Gang schalten und komme nur noch im Schritttempo vorwärts. Nach einer Viertelstunde bin ich bachnass. „Wieso wasche ich eigentlich jeden Abend mein Outfit?“, schiesst es mir durch den Kopf.

Die Fahrt geht durch Wälder, vorbei an einzelnen Bauernhöfen, Ferienhäuschen und Bächen. Es ist still geworden, ich höre nur das Rauschen des Regens. Bei diesem Wetter lässt man keinen Hund nach draussen, aber ich reagiere wie immer bei widrigen Umständen: unverdrossen. Der sture Kopf meldet sich.

Ich will den Forollhogna-Nationalpark von Süden nach Norden durchqueren. Er umfasst 1000 Quadratkilometer, ist also etwa gleich gross wie der Kanton Thurgau bzw. sechsmal grösser als der Schweizer Nationalpark im Engadin. Der Forolhogna ist mit 1332 Metern über Meer der höchste Berg in dieser Region.

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Seit nunmehr zwei Monaten
setze ich auf den Routenplaner von Komoot. Seine App schlägt mir jeden Tag zuverlässig eine Route mit wenig Verkehr, aber gut befestigten Strässchen vor. Heute zeigt Komoot an, dass ich durch den Nationalpark fahren soll. Es sei „eine sehr schwere Fahrradtour“, heisst es zwar im Beschrieb. Aber das hat es auf dieser Velotour schon oft geheissen und kann mich deshalb nicht abschrecken. Anhand einer Landkarte wird mir klar, dass ich grosse Höhenunterschiede bewältigen muss.

Zwischen der letzten Siedlung im Süden und der ersten im Norden liegen rund 20 Kilometer, die Distanz zwischen dem Startpunkt, eben Os, und meinem Ziel, dem Dorf Budal, beträgt etwa 70 Kilometer. „Das packst du!“, sage ich mir, schliesslich bin ich fit, habe Proviant und Wasser für zwei Tage dabei, zudem Zelt, Schlafsack und Benzinkocher. „Come on! Regen, Wind und Kälte formen den Charakter!“

Bei der letzten Siedlung mit ein paar wenigen Häuschen steht ein Schild: „Rum“, was so viel wie Raum bedeutet, oder eben: Gästezimmer. Für einen Moment bin ich versucht, abzusteigen und das garstige Wetter auszusitzen. Aber es ist noch nicht einmal Mittag – weiterfahren! Ein Pferd und eine Ziege schauen mir gwundrig nach, wie ich eingepackt in mein farbiges Regenzeugs an ihnen vorbeistrample.

Aus dem soliden Strässchen wird bald einmal ein schmaler Wanderweg. Er führt so steil bergan, dass ich mein Gefährt stossen muss. Schliesslich erreiche ich ein Plateau und hier kriege ich einen Vorgeschmack darauf, wie gross dieser Nationalpark ist: Bis zum Horizont nur Felsen, Moos, Flechten und Hügel. Viele Hügel.

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Der Weg ist mal ausgewaschen und glitschig, mal erschweren Steinbrocken das Weiterkommen, mal bleibe ich im Morast stecken. Plötzlich versperrt mir ein Bach den Weg, wegen des heftigen Regens ist er auf vielleicht vier Meter Breite angeschwollen, das Wasser wadentief. „Die Camel Trophy wurde doch eingestellt“, maule ich. Aber es gibt keine Option: Ich muss den Bach überqueren, will aber keine nassen Füsse, weil: wenn ich etwas hasse, dann sind es nasse Füsse. Also steige ich auf, schalte in den vierten Gang und trete kräftig in die Pedale. Ich habe fünf Meter Anlauf zur Verfügung. Der Schwung reicht bis auf die andere Seite des Baches – für das Vorderrad. Mit den Schuhen lande ich im Wasser. „Dammit!“ Bisher war ich guter Laune gewesen. Jetzt kippt sie.

Der Pfad ist inzwischen unbegehbar geworden, weil er sich tief in den Boden gefressen hat. So komme ich mit „Yellow Bob“, dem Anhänger, nicht mehr weiter. Also kämpfe ich mich durch das offene Gelände, Schrittchen für Schrittchen, und es wird immer kälter. Ich stosse und zerre, keuche und fluche, das Herz pocht – alle zwei, drei Minuten muss ich innehalten, um wieder zu Atem zu kommen. Manchmal fällt das Velo um, ich kann es nicht mehr halten. So vergeht Stunde um Stunde, meine Kräfte schwinden, dafür setzt der Körper Adrenalin frei. Immer wenn ich glaube, den letzten Hügel vor dem grossen See bestiegen zu haben, taucht wieder ein neuer auf.

Dann endlich sehe ich ihn, den ersehnten See, der gemäss Karte schon längst hätte zum Vorschein kommen müssen. An seinem Ufer erkenne ich – hurra! – ein paar Ställe und mehrere Hütten, eine davon ist aus hellem Holz. Helles Holz bedeutet neu gebaut, Zivilisation und vielleicht, vielleicht sogar wieder einen brauchbaren Weg. Und tatsächlich: Nach wenigen hundert Metern gelange ich auf ein passables Strässchen. Ich stosse einen Jauchzer aus, steige auf und verscheuche euphorisch ein paar Schafe vor mir. Doch die Freude ist nur von kurzer Dauer: Das Strässchen verbindet bloss die wenigen Hütten untereinander, es führt nicht weiter. „Gopf!“

Zweifel überkommen mich. „Soll ich umkehren?“ Das GPS-Signal auf der Komoot-Offline-Karte zeigt, dass ich mich auf dem vorgeschlagenen Weg bewege. Etwa die Hälfte der Strecke durch den Nationalpark habe ich hinter mir. „Also vorwärts!“, mache ich mir selber Mut. „Schlimmer kann es nicht mehr kommen.“ Dachte ich.

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Zwischen dem Seeufer und der Ostflanke des mächtigen Forollhogna stolpere ich weiter. Ein giftiger Wind pfeift mir ins Gesicht, es ist eiskalt geworden, den Helm habe ich mit einer warmen Wollkappe ausgetauscht, die Finger spüre ich schon lange nicht mehr. Ein Königreich für richtige Handschuhe! Irgendwann muss es den Wimpel mit der Schweizer Flagge, den ich „Yellow Bob“ ansteckte, abgerissen haben; vermutlich in einem Gestrüpp. Ich lasse das Velo stehen und gehe etwa einen Kilometer zurück. „Wenn sie meine Überreste im nächsten Sommer finden, soll wenigstens die Nationalität sofort geklärt sein“, mache ich auf Galgenhumor. Doch der Wimpel bleibt unauffindbar.

Unbeflaggt stosse ich das Gefährt vorwärts, allerdings komme ich nur noch voran, wenn ich mein volles Gewicht einsetze. Manchmal verliere ich die Balance und falle hin. „Was, wenn ich einen Fuss brechen oder arg verstauchen sollte?“ Bei diesem Gedanken wird mir mulmig zumute. Natürlich habe ich die Notfallnummern Norwegens notiert und fotografiert, aber was hülfe es? Ich blicke auf mein Handy – „kein Netz“. „Natürlich“, denke ich, in diesem abgeschiedenen riesigen Kessel kann ja kein Signal durchkommen. Wenn mir etwas zustiesse, müsste ich das Zelt aufstellen, mich in den Schlafsack robben und darauf hoffen, dass ich entdeckt werde. Das könnte dauern. Ein kalter Schauer läuft meinen Rücken hinab: An Tagen wie diesen ist hier niemand unterwegs – nur ein Dummkopf.

Schliesslich kommt, was in den Bergen fast immer irgendeinmal kommen muss: eine Geröllhalde. Der Pfad ist kaum mehr zu erkennen, an ein Weiterkommen mit dem Anhänger nicht zu denken. Also: absatteln – Wasser trinken – nachdenken. Inzwischen habe ich am Ende des Sees zwei Hütten entdeckt und schöpfe neue Hoffnung. Bis dorthin will ich es heute noch schaffen und in deren Windschatten campieren. Zuerst trage ich die beiden Sacochen zu den Häuschen, 17 Minuten hin, 15 Minuten zurück zur Geröllhalde. 20 Minuten mit dem Velo auf dem Buckel hin, 16 Minuten zurück. Schliesslich „Yellow Bob“ mit der grossen gelben Segeltuchtasche – 22 Minuten hin. Keuchend lasse ich mich zu Boden fallen, der Nordwind fegt über mich hinweg.

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Schliesslich rapple ich mich wieder hoch und drücke die Türklinke der grösseren Hütte nieder. Und siehe da – unverschlossen. Ich juble innerlich. Der Raum ist aufgeräumt, mit hellem Holz ausgekleidet und heimelig. Er ist ausgerüstet mit einem kleinen Tisch, zwei Stühlen, einer Kochnische und einer Pritsche. Die Infrastruktur steht Fischern und Bergsteigern zur freien Verfügung, entziffere ich auf einem Blatt, das an die Wand geheftet wurde. Von waghalsigen Bikern steht nichts.

Auch die kleinere Hütte ist nicht abgeschlossen. Sie hat ein Plumpsklo, ist sauber und olfaktorisch keine Herausforderung; zwei Rollen Toilettenpapier liegen bereit.

Und dann klettert die Angst in mir hoch

Ich braue mir zuerst eine Tasse Tee, ziehe trockene Kleider an und reisse eine Packung Hurtig-Reis auf. Hurtig ist Norwegisch und heisst – Bernerinnen und Berner erahnen es: schnell. Ich hätte mir auch zwei Stunden Zeit gelassen für dieses Mahl, das ich still zu mir nehme. Draussen bricht die Nacht herein, der Wind hat nachgelassen, die Bergkämme schauen zu mir hinab. Ich schaue verzagt zu ihnen hinauf, das Herz tut mir weh. Tagsüber in Wind und Kälte fühlte ich mich besser als jetzt in der Hütte. Die Anspannung hat nachgelassen, dafür setzen mir Ungewissheit und Einsamkeit zu. Also spreche ich laut mit mir selbst. Ich rede mir ins Gewissen: “Weshalb hast du dich bloss derart in den Morast geritten?” Die Angst klettert in mir hoch.

Plötzlich zerreisst ein Geräusch die Stille. Ich zucke zusammen. Mein Handy hat eben zweimal gefiept. Ich glotze es an als ob es ein Ufo wäre. Drei Whazzup-Nachrichten sind hereingetrudelt: Monique findet die Beschreibung meiner gestrigen Etappe „erdenschön“, Ben schickt ein Foto von seinem Göppel und schreibt: „You never ride alone. Wenigstens nicht heute.“ Nicole, eine Tanzpartnerin, fragt nach, wann ich wieder in Bern sei.

Nachrichten aus einer anderen Welt. Dann reisst die Verbindung wieder ab: „Kein Netz“, heisst es auf dem Display.


> Teil II dieses Abenteuers ist am 22. August 2016 erschienen – hier klicken und reinziehen. Schweissfrei.