Wie ich mich tief in den Morast geritten habe

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In Norwegen regnet es jeden Tag, es ist wie ein Naturgesetz. Unverzagt sattle ich das Velo und fahre los. Kaum habe ich die 2000-Seelen-Gemeinde Os i Østerdalen (auf Deutsch: Osttal) hinter mir gelassen, geht es steil bergauf. Ich muss in den ersten Gang schalten und komme nur noch im Schritttempo vorwärts. Nach einer Viertelstunde bin ich bachnass. „Wieso wasche ich eigentlich jeden Abend mein Outfit?“, schiesst es mir durch den Kopf.

Die Fahrt geht durch Wälder, vorbei an einzelnen Bauernhöfen, Ferienhäuschen und Bächen. Es ist still geworden, ich höre nur das Rauschen des Regens. Bei diesem Wetter lässt man keinen Hund nach draussen, aber ich reagiere wie immer bei widrigen Umständen: unverdrossen. Der sture Kopf meldet sich.

Ich will den Forollhogna-Nationalpark von Süden nach Norden durchqueren. Er umfasst 1000 Quadratkilometer, ist also etwa gleich gross wie der Kanton Thurgau bzw. sechsmal grösser als der Schweizer Nationalpark im Engadin. Der Forolhogna ist mit 1332 Metern über Meer der höchste Berg in dieser Region.

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Seit nunmehr zwei Monaten
setze ich auf den Routenplaner von Komoot. Seine App schlägt mir jeden Tag zuverlässig eine Route mit wenig Verkehr, aber gut befestigten Strässchen vor. Heute zeigt Komoot an, dass ich durch den Nationalpark fahren soll. Es sei „eine sehr schwere Fahrradtour“, heisst es zwar im Beschrieb. Aber das hat es auf dieser Velotour schon oft geheissen und kann mich deshalb nicht abschrecken. Anhand einer Landkarte wird mir klar, dass ich grosse Höhenunterschiede bewältigen muss.

Zwischen der letzten Siedlung im Süden und der ersten im Norden liegen rund 20 Kilometer, die Distanz zwischen dem Startpunkt, eben Os, und meinem Ziel, dem Dorf Budal, beträgt etwa 70 Kilometer. „Das packst du!“, sage ich mir, schliesslich bin ich fit, habe Proviant und Wasser für zwei Tage dabei, zudem Zelt, Schlafsack und Benzinkocher. „Come on! Regen, Wind und Kälte formen den Charakter!“

Bei der letzten Siedlung mit ein paar wenigen Häuschen steht ein Schild: „Rum“, was so viel wie Raum bedeutet, oder eben: Gästezimmer. Für einen Moment bin ich versucht, abzusteigen und das garstige Wetter auszusitzen. Aber es ist noch nicht einmal Mittag – weiterfahren! Ein Pferd und eine Ziege schauen mir gwundrig nach, wie ich eingepackt in mein farbiges Regenzeugs an ihnen vorbeistrample.

Aus dem soliden Strässchen wird bald einmal ein schmaler Wanderweg. Er führt so steil bergan, dass ich mein Gefährt stossen muss. Schliesslich erreiche ich ein Plateau und hier kriege ich einen Vorgeschmack darauf, wie gross dieser Nationalpark ist: Bis zum Horizont nur Felsen, Moos, Flechten und Hügel. Viele Hügel.

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Der Weg ist mal ausgewaschen und glitschig, mal erschweren Steinbrocken das Weiterkommen, mal bleibe ich im Morast stecken. Plötzlich versperrt mir ein Bach den Weg, wegen des heftigen Regens ist er auf vielleicht vier Meter Breite angeschwollen, das Wasser wadentief. „Die Camel Trophy wurde doch eingestellt“, maule ich. Aber es gibt keine Option: Ich muss den Bach überqueren, will aber keine nassen Füsse, weil: wenn ich etwas hasse, dann sind es nasse Füsse. Also steige ich auf, schalte in den vierten Gang und trete kräftig in die Pedale. Ich habe fünf Meter Anlauf zur Verfügung. Der Schwung reicht bis auf die andere Seite des Baches – für das Vorderrad. Mit den Schuhen lande ich im Wasser. „Dammit!“ Bisher war ich guter Laune gewesen. Jetzt kippt sie.

Der Pfad ist inzwischen unbegehbar geworden, weil er sich tief in den Boden gefressen hat. So komme ich mit „Yellow Bob“, dem Anhänger, nicht mehr weiter. Also kämpfe ich mich durch das offene Gelände, Schrittchen für Schrittchen, und es wird immer kälter. Ich stosse und zerre, keuche und fluche, das Herz pocht – alle zwei, drei Minuten muss ich innehalten, um wieder zu Atem zu kommen. Manchmal fällt das Velo um, ich kann es nicht mehr halten. So vergeht Stunde um Stunde, meine Kräfte schwinden, dafür setzt der Körper Adrenalin frei. Immer wenn ich glaube, den letzten Hügel vor dem grossen See bestiegen zu haben, taucht wieder ein neuer auf.

Dann endlich sehe ich ihn, den ersehnten See, der gemäss Karte schon längst hätte zum Vorschein kommen müssen. An seinem Ufer erkenne ich – hurra! – ein paar Ställe und mehrere Hütten, eine davon ist aus hellem Holz. Helles Holz bedeutet neu gebaut, Zivilisation und vielleicht, vielleicht sogar wieder einen brauchbaren Weg. Und tatsächlich: Nach wenigen hundert Metern gelange ich auf ein passables Strässchen. Ich stosse einen Jauchzer aus, steige auf und verscheuche euphorisch ein paar Schafe vor mir. Doch die Freude ist nur von kurzer Dauer: Das Strässchen verbindet bloss die wenigen Hütten untereinander, es führt nicht weiter. „Gopf!“

Zweifel überkommen mich. „Soll ich umkehren?“ Das GPS-Signal auf der Komoot-Offline-Karte zeigt, dass ich mich auf dem vorgeschlagenen Weg bewege. Etwa die Hälfte der Strecke durch den Nationalpark habe ich hinter mir. „Also vorwärts!“, mache ich mir selber Mut. „Schlimmer kann es nicht mehr kommen.“ Dachte ich.

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Zwischen dem Seeufer und der Ostflanke des mächtigen Forollhogna stolpere ich weiter. Ein giftiger Wind pfeift mir ins Gesicht, es ist eiskalt geworden, den Helm habe ich mit einer warmen Wollkappe ausgetauscht, die Finger spüre ich schon lange nicht mehr. Ein Königreich für richtige Handschuhe! Irgendwann muss es den Wimpel mit der Schweizer Flagge, den ich „Yellow Bob“ ansteckte, abgerissen haben; vermutlich in einem Gestrüpp. Ich lasse das Velo stehen und gehe etwa einen Kilometer zurück. „Wenn sie meine Überreste im nächsten Sommer finden, soll wenigstens die Nationalität sofort geklärt sein“, mache ich auf Galgenhumor. Doch der Wimpel bleibt unauffindbar.

Unbeflaggt stosse ich das Gefährt vorwärts, allerdings komme ich nur noch voran, wenn ich mein volles Gewicht einsetze. Manchmal verliere ich die Balance und falle hin. „Was, wenn ich einen Fuss brechen oder arg verstauchen sollte?“ Bei diesem Gedanken wird mir mulmig zumute. Natürlich habe ich die Notfallnummern Norwegens notiert und fotografiert, aber was hülfe es? Ich blicke auf mein Handy – „kein Netz“. „Natürlich“, denke ich, in diesem abgeschiedenen riesigen Kessel kann ja kein Signal durchkommen. Wenn mir etwas zustiesse, müsste ich das Zelt aufstellen, mich in den Schlafsack robben und darauf hoffen, dass ich entdeckt werde. Das könnte dauern. Ein kalter Schauer läuft meinen Rücken hinab: An Tagen wie diesen ist hier niemand unterwegs – nur ein Dummkopf.

Schliesslich kommt, was in den Bergen fast immer irgendeinmal kommen muss: eine Geröllhalde. Der Pfad ist kaum mehr zu erkennen, an ein Weiterkommen mit dem Anhänger nicht zu denken. Also: absatteln – Wasser trinken – nachdenken. Inzwischen habe ich am Ende des Sees zwei Hütten entdeckt und schöpfe neue Hoffnung. Bis dorthin will ich es heute noch schaffen und in deren Windschatten campieren. Zuerst trage ich die beiden Sacochen zu den Häuschen, 17 Minuten hin, 15 Minuten zurück zur Geröllhalde. 20 Minuten mit dem Velo auf dem Buckel hin, 16 Minuten zurück. Schliesslich „Yellow Bob“ mit der grossen gelben Segeltuchtasche – 22 Minuten hin. Keuchend lasse ich mich zu Boden fallen, der Nordwind fegt über mich hinweg.

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Schliesslich rapple ich mich wieder hoch und drücke die Türklinke der grösseren Hütte nieder. Und siehe da – unverschlossen. Ich juble innerlich. Der Raum ist aufgeräumt, mit hellem Holz ausgekleidet und heimelig. Er ist ausgerüstet mit einem kleinen Tisch, zwei Stühlen, einer Kochnische und einer Pritsche. Die Infrastruktur steht Fischern und Bergsteigern zur freien Verfügung, entziffere ich auf einem Blatt, das an die Wand geheftet wurde. Von waghalsigen Bikern steht nichts.

Auch die kleinere Hütte ist nicht abgeschlossen. Sie hat ein Plumpsklo, ist sauber und olfaktorisch keine Herausforderung; zwei Rollen Toilettenpapier liegen bereit.

Und dann klettert die Angst in mir hoch

Ich braue mir zuerst eine Tasse Tee, ziehe trockene Kleider an und reisse eine Packung Hurtig-Reis auf. Hurtig ist Norwegisch und heisst – Bernerinnen und Berner erahnen es: schnell. Ich hätte mir auch zwei Stunden Zeit gelassen für dieses Mahl, das ich still zu mir nehme. Draussen bricht die Nacht herein, der Wind hat nachgelassen, die Bergkämme schauen zu mir hinab. Ich schaue verzagt zu ihnen hinauf, das Herz tut mir weh. Tagsüber in Wind und Kälte fühlte ich mich besser als jetzt in der Hütte. Die Anspannung hat nachgelassen, dafür setzen mir Ungewissheit und Einsamkeit zu. Also spreche ich laut mit mir selbst. Ich rede mir ins Gewissen: “Weshalb hast du dich bloss derart in den Morast geritten?” Die Angst klettert in mir hoch.

Plötzlich zerreisst ein Geräusch die Stille. Ich zucke zusammen. Mein Handy hat eben zweimal gefiept. Ich glotze es an als ob es ein Ufo wäre. Drei Whazzup-Nachrichten sind hereingetrudelt: Monique findet die Beschreibung meiner gestrigen Etappe „erdenschön“, Ben schickt ein Foto von seinem Göppel und schreibt: „You never ride alone. Wenigstens nicht heute.“ Nicole, eine Tanzpartnerin, fragt nach, wann ich wieder in Bern sei.

Nachrichten aus einer anderen Welt. Dann reisst die Verbindung wieder ab: „Kein Netz“, heisst es auf dem Display.


> Teil II dieses Abenteuers ist am 22. August 2016 erschienen – hier klicken und reinziehen. Schweissfrei.

4 thoughts on “Wie ich mich tief in den Morast geritten habe

  • 18. August 2016 at 14:07
    Permalink

    Hallo Mark

    Wir verfolgen Dich fast täglich und sind ganz begeistert über Deine Meldungen und Geschichten. Hoffen, dass Du Dein Ziel erreichen wirst. Beneiden Dich für die vielen Abenteuer auf Deiner Reise.
    Viel, viel Glück
    Josi u. Marlies

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  • 18. August 2016 at 21:17
    Permalink

    Meine Lieben,

    schön, dass ihr beiden mir “folgt” und meine Geschichten mögt. Heute habe ich einen der schönsten Tage meiner Tour erlebt: sonnig, 20 Grad warm, stahlblauer Himmel, wenig Verkehr und eine höchst abwechslungsreiche Landschaft. Ich konnte mich kaum satt sehen, und das Fahrrad rollte wie von selbst (bis zu Kilometer 100, dann wurden die Beine plötzlich schwer und ich musste “beissen”).

    Eure rot-blaue Tupperware, die ihr mir nach unserem gemeinsamen Grillabend mitgegeben habt, begleitet mich übrigens treu. Ich habe Getreideriegel und Nüsse drin. Immer wenn ich eine Stärkung brauche, und das kommt täglich vor, erinnere ich mich so an euch.

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