Service Public, No Billag und die SRG – eine Polemik

Mike Müller ist nicht nur ein Brocken von einem Mann, sondern vor allem auch ein ausgezeichneter Schauspieler. Das fiel mir zum ersten Mal im Sommer 2000 auf, als er in Wedekinds „Frühlings Erwachen“ auf Schloss Lenzburg mitwirkte. Derzeit läuft auf SRF 1 die fünfte Staffel des „Bestatters“. Müller spielt Luc Conrad grandios, auch seine Gspändli auf dem Set werden von Jahr zu Jahr besser. Dieser Krimi ist durch und durch schweizerisch – und er trifft ganz offensichtlich einen Nerv des breiten Publikums. Fast jede zehnte Person in unserem Land guckt ihn. “Der Bestatter”, liebe Leserinnen, ist Service Public.

Anfang Januar zeigte SRF einen Dokumentarfilm über Bernhard Russi, wie wir ihn zuvor nicht gekannt hatten: Ehrlich, sehr reflektiert, verletzlich – ein berührendes Porträt von Michael Bühler. 850’000 Menschen schauten diesen Film, der Marktanteil lag bei 49 Prozent.

Am letzten Donnerstag klebten in unserem Land Hundertausende von Leuten an den Bildschirmen und Handy-Displays. Der Halbfinal am Grand Slam Turnier im australischen Melbourne zwischen Roger Federer und Stan Wawrinka war ein Strassenfeger. Ab 9.20 Uhr zeigte SRF2 diesen Match live – eine hochdramatische Partie. Auch das, liebe Leser, ist Service Public. Die SRG leistet ihn. Er kostet Geld. Gebühren. Billag. Und wir müssen einfach zahlen.

Bei einem Pay-TV-Kanal sind Spitzentennis, Fussball, Formel 1 usw. natürlich auch nicht gratis. Sky beispielsweise verlangt für das Grundpaket plus Sport zurzeit CHF 44.90 pro Monat, jährlich also rund CHF 530.00. Zum Vergleich: Die Billag-Gebühr der SRG-Sender beträgt derzeit 452 Franken, wird aber bald auf 400 Franken reduziert.

Auch „Der Bestatter“ und DOK-Filme kosten Geld. Viel Geld. Es sind unsere Gebühren, die in solche Eigenproduktionen fliessen. Die Rechte für grosse Sportereignisse wie das “Australian Open” muss die SRG für gutes Geld einkaufen. Sie werden regelmässig teurer, weil die Nachfrage gross ist.

Brauchen wir Luc Conrad, den Brocken, der Bösewichte überführt? Federer und Stan, die sich über Stunden ein hochspannendes Duell liefern? DOK-Filme, die Menschen von einer anderen Seite beleuchten? Brauchen wir „Eco“, die „Tagesschau“, „Puls“, „SRF bi de Lüt“, Champions-League-Spiele, das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest?

Natürlich nicht. Wir brauchen, wenn wir diesen Gedanken weiterdrehen, eigentlich auch keine Bücher, keine Theaterstücke, keine Tanzperformances, keine Ausstellungen und keine Konzerte. In Zürich, Bern, Riehen-Basel und Luzern sollen Bulldozer auffahren, um Bernhard Theater, Dampfzentrale, Fondation Beyeler und KKL dem Erdboden gleichzumachen. Diese Institutionen kosten nur Geld. Viel Geld. Es ist unser Geld. Dabei zeigen die privaten TV-Stationen doch, wie es ohne Subventionen und Gebühren geht. Für „Der Bachelor“ und „Tschörmenis next Knackarsch“ müssen wir nichts bezahlen. Geilo!

2018 oder 2019 werden wir über die Volksinitiative „No Billag“ befinden. Nach einem Ja würde Artikel 93 der Bundesverfassung wie folgt ergänzt:

 

5   Der Bund oder durch ihn beauftragte Dritte dürfen keine Empfangsgebühren erheben.

 

Man darf es getrost zuspitzen: No Billag bedeutet No more SRG; sie wäre zerschlagen. Drei Viertel ihres Budgets bestehen aus Gebühren. Der TV-Markt spielt nicht in unserem Land. Er hat nie gespielt, was an der Kleinräumigkeit und den vier Sprachregionen liegt. Mit einem Rumpfbudget könnte vermutlich einzig die Sparte Radio überleben. (Von der Billag profitieren übrigens auch die allermeisten privaten Radio- und TV-Sender, dank dem Gebührensplittung erhalten sie jährlich insgesamt 80 Millionen Franken. Viele von ihnen könnten sonst nicht überleben.)

Klar, nicht alles, was die SRG-Sender produzieren, ist Service Public und längst nicht alles, was sie ausstrahlen, überzeugt. Entzöge man ihr die Mittel für Unterhaltung und grosse Kisten, bliebe das Publikum weg und die Informationssendungen fristeten nur noch ein Mauerblümchendasein. Ist es einmal soweit, würde die Legitimation erneut in Frage gestellt – ein Tod auf Raten.

Klar: die SRG muss sich bewegen. Es geht nicht um die Einschätzung, ob “Glanz & Gloria” lustiger Boulevard oder Volksverdummung ist. Das neue Führungsduo Jean-Michel Cina als Präsident und Gilles Marchand als Generaldirektor hat ab Frühling bzw. Sommer dieses Jahres einen Riesenjob vor sich. Lange, zu lange hat Roger de Weck die Stimmung nicht gespürt und kein Gespür für die Leute entwickelt.

Das SRG-Bashing ist schon seit Jahren en vogue, als Zielscheibe eignet sich der Generaldirektor offensichtlich, dieser schöngeistige Patrizier, der immer so gespreizt spricht. Einzelne Medien betreiben Konzernjournalismus – es geht ums nackte Überleben. Andere Akteure betreiben gezielt Desinformation, wie wir es schon vor der RTVG-Abstimmung im Frühling 2015 miterleben konnten. Das Echo in Social Media und Online-Kommentaren ist laut, unflätig, zum Teil sogar hasserfüllt. Lange bevor „The Donald“ in den USA ernsthaft daran dachte, in die Politik zu gehen, lärmten und marschierten bei uns schon die Mini-Trumps. Man möchte wieder ein Zeichen setzen, den „Staatsender“ schleifen, Roger de Weck eins auswischen.

Zum Vorwurf, die SRG betreibe „Staatssender“

Staatssender gibt es in totalitären Ländern, in denen nur eine politische Partei erlaubt ist. In der Schweiz sind seit 1959 immer mindestens vier Parteien in der Landesregierung vertreten, im eidgenössischen Parlament seit der Einführung des Proporzsystems 1919 sogar deutlich mehr.

Wie kritisch SRF-Journalisten mit dem Spitzenpersonal aus der Politik umgehen, zeigen drei exemplarische Beispiele: In der „Arena“ vom 27. Januar über die USR3 fühlte Moderator Jonas Projer Bundesrat Ueli Maurer hartnäckig auf den Zahn, am 31. Dezember letzten Jahres nahm Géraldine Eicher in der „Samstagsrundschau“ von Radio SRF Bundesrätin Doris Leuthard in den Schwitzkasten, am 16. November 2016 schliesslich stellte Sandro Brotz in der „Rundschau“ der Zürcher Justizdirektorin Jacqueline Fehr ein paar Fragen – so, wie wir es von ihm kennen.

Mit Verlaub, aber das mit dem „Staatssender“ ist bireweich.

Was in Diskussionen mit No-Billag-Freunden auf Facebook und Twitter auffällt: Viele von ihnen nölen oder diffamieren anonym. Mit der Tradition des Dialogs und des Respekts, die in unserem Land über Jahrhunderte gepflegt wurde, hat das nichts mehr zu tun.


Ergänzende Texte:

“Privat” wird ziemlich teuer (Robert Ruoff, 5. Juni 2015, Infosperber)
Die SRG in der digitalen Revolution (Rainer Stadler, 1. September 2016, NZZ)
Medienvielfalt ohne Zwangsgebühren (Olivier Kessler, Co-Präsident der Volksinitiative “No Billag”, Gastbeitrag vom 20. Oktober 2016, NZZ)
Den Schweizer Qualitätsmedien droht die Todesspirale (Karl Lüönd, Gastbeitrag vom 5. Februar 2017, NZZ am Sonntag)


Disclaimer:

Ich war früher einmal Redaktor bei Radio SRF, lange ists her, und die SRG eine faire Arbeitgeberin. Seit 2008 sitze ich im Publikumsrat der SRG, ein „Sounding Board“, das aus 26 Mitgliedern besteht. Wir beobachten über eine längere Zeitspanne systematisch Sendungen, schreiben Berichte darüber und treffen uns monatlich zu einem Austausch mit den Macherinnen und Machern. Ich investiere 18 bis 20 Arbeitstage pro Jahr dafür, dieses „Jöbli“ wirft zwischen 28 und 35 Franken pro Stunde ab, je nachdem wie schnell ich schreibe. Als Selbständiger leiste ich mir also ein teures Hobby. Und weshalb tue ich das? In diesem Gremium ist die Diskussions- und Streitkultur sehr gut entwickelt. Das gefällt mir, und es hat spannende Charaktere in diesem Gremium. Zudem: Kritik – von meiner Seite kommt sie regelmässig – ist so direkt deponiert.

Diese Zeilen basieren nicht auf einem Mandat oder einem Anruf im Stil von „Lieber Mark, könntest du nicht…“; als Claqueur bin ich nicht zu haben. Sie entstanden aus der Perspektive des besorgten Bürgers. Die digitale Disruption führt zu einem Zerfall der Medien. Qualitativ überzeugende Medien sind aber die Voraussetzung für eine stabile Demokratie.

 

Mordgedanken an einem Traumstrand

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Das Wasser schimmert in verschiedenen Blautönen, Wellen mit Schaumkrönchen rollen landwärts, die Palmen wiegen sich im sanften Wind. Röhrende Wasserjets, penetrante Souvenirverkäufer, testosterongetriebene „Spring Break“-Jungs und lästige Sandfliegen gibt es hier nicht. Nur etwas: Ruhe – meditative Ruhe. Willkommen am Traumstrand, irgendwo auf der Insel Palawan.

Keine 20 Touristen haben sich auf verschlungenen Pfaden bis zu dieser verwunschenen Ecke durchgeschlagen. Die Infrastruktur ist simpel: Sie besteht aus einem Beizli mit drei Tischchen, ein paar wackeligen Stühlen und einem halben Dutzend riesiger Kissen, in die man sich fläzen darf.

Ich löffle das einzige Gericht, das es gibt: eine Fischsuppe, dick, mit kleinen Gemüsestücken und vielen Kräutern versetzt. Bei jedem Bissen platzt ein Feuerwerk an Aromen auf der Zunge. Dazu trinke ich eiskaltes San Miguel Pilsen. Die Light-Version sei etwas für Memmen, erklärte mir das Oberhaupt der Familie, die hier wirtet. Also entschied ich mich für das echte Bier. „Do you need a glas?“ Ich schüttle den Kopf: „Real men drink beer from the bottle.“ Er grinst und unsere Hände klatschen zusammen – High Five.

Später lasse ich mich im Schatten nieder, sehr zufrieden mit meinem Leben, blinzle in die Sonne und beginne zu lesen. Doch plötzlich kommt Bewegung in die schläfrige Schar Gäste, die es sich hier gut gehen lässt. Vier junge Blondinen sind eingetroffen, schlank, braun gebrannt, durchtrainiert und voller Energie. Nein, es sind keine Rettungsschwimmerinnen aus Kalifornien und rote Einteiler tragen sie auch nicht. Wie sich herausstellt, kommen die Girls aus Finnland und, boy, wie sie surfen können! Unermüdlich zeigen sie ihre Kunststücke, was mein Ritual durcheinanderbringt: Lesen, dösen, lesen, dösen wird ergänzt. Subito.

Im Verlaufe des Nachmittags taucht ein Mann mit rot-blonden Haaren auf, Europäer oder Nordamerikaner, wohl zwischen 25 und 30 Jahre alt. Er packt umständlich seine Tasche aus, Minuten später beginnt es zu surren, eine Drohne steigt in die Luft. „What the hell!“, murmle ich. Der Rotblonde steuert den weissen Flugkörper dem Strand und lässt ihn über der kleinen Beiz und den Surferinnen kreisen. Stets ist das feine, aber unangenehme Surren zu hören. Auch andere Touristinnen und Touristen fühlen sich gestört, wir werfen uns vielsagende Blicke zu.

Neben mir liegt eine unreife Kokosnuss. Ich wiege sie in der Hand, sie hat eine gute Grösse, das Gewicht wäre ideal. Plötzlich blitzt ein Gedanke auf, der mich erschreckt: Mord. Der Vollzug wäre simpel: Ich pirsche mich von hinten an den Rotblonden heran und erschlage ihn mit der Kokosnuss – zack! Oder ich warte, bis die Drohne in Wurfdistanz ist – und dann: bumm! Man muss wissen: Präzisionswürfe waren lange vor der Rekrutenschule eine Befähigung von mir, ich treffe fast immer.

Zum Glück beginnt sich eine weitere Option zu entwickeln, und sie gewinnt die Oberhand. Ich rapple mich hoch, was erst beim dritten Versuch gelingt, atme einmal tief durch, stapfe durch den Sand zum Rotblonden und formuliere eine Ich-Botschaft, hoch anständig und in etwas gestelztem British English. Er blickt mich einen Augenblick wortlos an. Dann nickt er. Kurz darauf landet seine Drohne sanft im Sand, ich hole in der Beiz zwei San Miguel – Pilsen, what else.

 

 

Nachtrag vom 4. Januar:

Hinter den Kulissen hat mir eine Leserin geschrieben. Eine grüne Kokosnuss reiche nicht aus, um jemanden “zack” totzuschlagen, sie sei zu weich. Damit hat sie vermutlich recht, mir geht die Erfahrung in diesem Bereich noch ab. Was ich aber sicher weiss: Um eine Drohne vom Himmel zu holen hätte diese Nuss alleweil gereicht. Das nächste Mal werde ich den Beweis antreten.

Nachtrag vom 30. März 2017:

In der Schweiz besitzen inzwischen etwa 100’000 Personen eine Drohne. Was sie beim Fliegen beachten sollten und welche Konsequenzen rechtlich drohen, beleuchtet dieser Artikel in der NZZ.

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