Das Rampenlicht der Medien und die Rolle als Experte

Das jüngste Gastspiel in der Talkshow “Schawinski” nehme ich zum Anlass, um meine Präsenz in den Medien zu thematisieren. Wieso? In den letzten Monaten wurde ich oft auf diese Rolle angesprochen. Ich will nun auch auf meinem privaten Blog klären, was es damit auf sich hat.

Seit ich Bücher über politische Kommunikation schreibe und ein Blog betreibe, erhalte ich Medienanfragen. Das begann im Herbst 2006, anfänglich ganz sanft, inzwischen sind es 300 bis 400 Anfragen pro Jahr. Mehr als die Hälfte davon kann ich aus zeitlichen Gründen nicht annehmen. Priorität hat immer die richtige Büez. Wenn ich es aber einrichten kann, gebe ich gerne Auskunft. Das geht oft nur, wenn ich meinen Tag kurzfristig umstelle und Nachtarbeit leiste. Wenn ich von einem Thema wenig weiss, lehne ich ab und verweise an die Bochslers, Bühlmanns oder Golders.

Drei Prinzipien halte ich hoch:

1.  Fairplay. Ich habe den Anspruch, dass meine Einschätzungen nicht parteiisch sind. Das ist mir nicht ganz immer gelungen.

2.  Unabhängigkeit. Ich trage nie gleichzeitig zwei verschiedene Hüte. Wenn meine Kommunikationsagentur involviert ist, mache ich gegenüber Medien keine Einschätzungen, basta. In den letzten zehn Jahren ist es zu keinem einzigen Interessenkonflikt gekommen.

3.  Verständlichkeit. Normale Menschen können mit dem Politologen-Kauderwelsch nichts anfangen. Politik muss einfach vermittelt werden, also fungiere ich als Übersetzer. 51 Prozent der Jugendlichen finden Politik kompliziert (Quelle: easyvote) Wenn wir es nicht schaffen, sie im Alter zwischen 15 und 18 Jahren abzuholen und anzufixen, bleiben sie ein Leben lang apolitisch. Das Risiko: Sie werden anfällig für Populismus von rechts oder von links. (Politische Bildung finden alle Player stets wahnsinnig wichtig. Wird es aber konkret mit ihrer Förderung, dann, ja dann kommt das Motörchen schon ins Stottern.)

Medienauftritte und -auskünfte werden normalerweise nicht bezahlt, es gibt auch keine Reisespesen. Die Ausnahmen: Bei „Giacobbo/Müller“ erhielt ich 200 Franken bar auf die Hand. Danke, Billag-Gemeinde! Dafür habe ich aber auch geschwitzt, gopelletti! Wenn ich an Wahltagen bei privaten TV-Sendern Instant-Analysen liefere, gibt es ein bescheidenes Honorar. Ich achte darauf, dass der Anteil der Expertli-Tätigkeit 10 Prozent meiner Arbeitszeit nicht übersteigt. Mehr wäre nicht verkraftbar.

Öffentliche Auftritte streicheln mein Ego, klar, und ich mag den Adrenalinkick. Aber ich brauche sie nicht für mein Wohlbefinden. Ich bilde mir auch nichts auf diese Expertenrolle ein – es ist ein Job. Natürlich, die Medienpräsenz machte mich zweifellos bekannter. Gewisse Türen haben sich deswegen geöffnet, andere sind ins Schloss geschnappt. Zweiteres ist menschlich, weil ich regelmässig Akteure im politischen Zirkus kritisiere. Apropos: Im Bundeshausperimeter beobachte ich Politiker, Journalisten und Berater mit einem (selbst-)ironischen Lächeln. Fast alle halten sich für enorm wichtig, der Testosteronspiegel ist hoch, Regula Stämpfli würde dieses Gockelgehabe womöglich als „Schnäbi-Wettbewerb“ bezeichnen.

Kein Understatement, sondern eine realistische Selbsteinschätzung: In der Gilde der Politbeobachter stehe ich in der dritten Reihe. Dort bin ich am richtigen Ort. Mir fehlen Ehrgeiz und Brillanz, um vorzurücken. Mir fehlt leider auch die Zeit, um wieder selber zu forschen.

Dass Medien-Politologen überhaupt eine beachtliche Präsenz erlangen konnten, liegt an den Medien selber. Seit Ende der Neunzigerjahre entpolitisieren sie sich schleichend, anstelle von abgeklärter Einordung werden lieber Konflikte abgebildet. Auf vielen Redaktionen fehlen heute Routiniers, die wissen wie der Hase in der Politik läuft. Die Medien-Politologen „übernahmen für die Journalisten das Denken“, kritisierte Christof Moser (Ex-„Schweiz am Sonntag“, neu bei „Project R“) einmal. Das Outsourcing von Einschätzung und Analyse verstärkt die Expertokratie.

Wer Medienpräsenz hat, erhält nicht nur Applaus, sondern muss auch jederzeit mit Diffamierungen auf Social Media oder per E-Mail rechnen; anonyme Briefe und Telefonanrufe gibt es auch. Unsere Zunft kriegt ihr Fett genauso ab wie jene der Politikerinnen und Politiker. Das kann geschäftsschädigend sein, Neid und Missgunst kommen hinzu.

Ich hoffe, dass diese Zeilen zur Klärung beitragen, danke.

 

P.S.  Die “Best-of”-Zusammenstellung der Interviews usw., die ich seite 2006 gegeben habe, sind im Medienspiegel meiner Kommunikationsagentur aufgeführt.

One thought on “Das Rampenlicht der Medien und die Rolle als Experte

  • 15. Februar 2017 at 13:16
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    Kurz und klar, träf und wahr, alles nachvollziehbar. Ich finde es gut, dass Du Dich klar äusserst. Wer das nicht aushält, hat ein Problem mit einer offenen, toleranten Gesellschaft. Und wenn ich mit einer Deiner Aussagen nicht einig bin, heisst das noch lange nicht, dass mir der Mark auf den Wecker geht.

    Wir dürfen nicht nur von den “Fremden”, die zu uns kommen, Toleranz erwarten und dass sie sich unserer offenen Gesellschaft anpassen. Wir müssen selbst auch die Mimösli im Garten lassen, wo sie hingehören, und nicht dauernd mittragen und zur Schau stellen. An uns liegt es, basta.

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