Meine Heldinnen im Supermarkt

Donnerstagabend, die Uhr zeigt Viertel nach fünf. Beim Supermarkt im Quartier steige ich vom Fahrrad, schliesse es ab und merke: Etwas ist anders.

Beim Eingang warten tatsächlich nicht Kundinnen und Kunden im üblichen Zwei-Meter-Abstand. Nein, die Angestellten stehen Spalier. Alle haben ein entspanntes Lächeln auf dem Gesicht.

Da dämmert es mir: «Shut, heute ist ja Gründonnerstag, die Läden schliessen um 17 Uhr, sind also jetzt: zu!» Dumm gelaufen, aber typisch für mich. Ich werde es in diesem Leben nicht mehr auf die Rolle kriegen, dass es vor Karfreitag verkürzte Öffnungszeiten gibt.

In meinem Kühlschrank habe es nur noch Senf und Licht, erkläre ich dem Migros-Mitarbeiter, der zuvorderst steht. Das stimmt zwar nicht, klingt aber witzig. Er grinst und sagt in gespielt barschem Ton: «Sie haben drei Minuten Zeit!»

Ich nehme den Ball auf: «In zweieinhalb Minuten stehe ich schon wieder draussen. Grosses Indianerehrenwort!» Er lacht, macht eine elegante Handbewegung und schon bin ich drin, poltere die Rolltreppe hinunter und schnappe mir ein oranges Körbchen.

Ich husche durch das bereits abgedunkelte Ladenlokal, was mir das Gefühl gibt, ein Einbrecher zu sein. Andere Gestalten sind auch noch zwischen den Regalen unterwegs: Zwei bleichgesichtige Familienväter und ein paar Studis mit schlabbrigen Trainerhosen. Ich bin also nicht der einzige, der die Arbeitszeit der Crew verlängert.

Rüebli – hopp, Äpfel – hopp, Birchermüesli – hopp, zwei Liter Milch – hopp, Hefe – hopp. Es ist noch alles da.

Alles?

Nein, das Mehl finde ich nicht! Also gehe ich zur einzigen bedienten Kasse, wo eine junge Frau mit einem dunklen Lockenkopf sitzt. Auch sie scheint gute Laune zu haben.

«Diiiir, exgüsé, ig finde ds Mäu ned. Chöit dir mir säge, wos isch?» (Mein Berndeutsch wird immer besser, ha!)

Sie nickt freundlich: «Ig chume gschnäu mit!»

Dann wieselt sie los, ihre Locken wirbeln durch die Luft, ich hinterher. Schliesslich sind wir beim richtigen Regal angelangt. Es ist leer. «Stuzzi Cadenti!» fluche ich innerlich. Doch dann, nach ein paar Augenblicken, entdecken wir in der untersten Reihe zuhinterst noch eine Packung. Die Verkäuferin greift danach und hält sie ins spärliche Licht. Wie eine Trophäe.

Weissmehl, ein Kilogramm. Um ein Haar hätte ich die junge Frau umarmt.

«Wäutklass! Wüsst dir, morn wotti ä Züpfe mache.»

Sie lächelt und wir knuffen unsere Ellbogen zusammen.

Beim Ausgang stehen immer noch ihre Arbeitskolleginnen und -kollegen, jetzt in lockerer Formation, und tratschen zusammen. Ich hebe die freie Hand zum Gruss: «Dir sit Heldinne. Es riesigs Merci!» Sie wünschen mir einen schönen Abend. Migros-Gründer Dutti hätte spätestens jetzt eine Träne der Freude verdrückt.

 

PS:   Seit die Corona-Krise ihren Anfang nahm, beobachte oder erlebe ich fast jeden Tag solche Szenen. Sie sind herzerwärmend. Die Menschen sind aufmerksam und hilfsbereit, sogar Wildfremde grüssen sich in der Stadt. Meine Hypothese, dass unsere Gesellschaft von Individualismus und Hedonismus zerfressen wurde, ist ins Wanken geraten.

Ein zweites PS:   Was die Angestellten im Detailhandel in diesen Wochen leisten, ist grandios, vor allem: Wie sie es leisten. Eine bessere Bindung zu uns Kundinnen und Kunden gibt es kaum. Das ist mehr Wert als eine Werbekampagne in Millionenhöhe. Mein Shoutout geht an die Migros-Crew am Breitenrainplatz in Bern.

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