Am Fluss werden Fremde zu Vertrauten

Berauscht von der langen, rasanten Abfahrt durch einen dichten Eichenwald spuckt mich das schmale Strässchen unten im Tal auf einem staubigen Platz aus. Ich schüttle mich wie ein Hund, dessen Pelz nass geworden ist, um die steifen Glieder zu lockern, gähne mehrmals herzhaft und ohne die Hand vor den Mund zu halten, bis es in den Ohren leise ploppt.

Unverhofft bin ich bereits am Ziel angelangt: auf dem Campingplatz Cozon, der sich an den Dorfrand schmiegt. Er ist klein und verwunschen, ich mag ihn auf Anhieb. Der gleichnamige Fluss gluckert talwärts. Saint-Pierre-d’Entremont hat 570 Einwohner und im einzigen Laden eine freundliche Verkäuferin, die mir den Unterschied zwischen Hafer und Haferflocken erklärt. Ich fragte nach «avoine», richtig wäre «flocons d’avoine» gewesen («Ach, tant pis.»)

Auf dem Campingplatz hat es drei Gäste, die alle fast zur selben Zeit eingetroffen sind: Olivier, Vincent und ich. Es ist kein Zufall, dass wir uns bald zusammentun.

Olivier kommt aus Lausanne, studierte Geografie und baut heute Tunnel. Er macht seine erste grössere Tour mit einem Mountainbike und hat heute eine wilde Etappe durch die Berge in den Knochen. Wenn er die Haare offen trägt, würde jeder Hardrocksänger blass vor Neid.

Vincent lebt in St-Étienne, hat eine hohe Stirn und wache Augen. Er ist Profimusiker, der mit einer Band, einem Duo und solo verschiedene Programme und Stile spielt. Er ist zu Fuss unterwegs und hat die letzten beiden Nächte im Wald übernachtet. Vom nächsten Tag an zieht er zusammen mit seiner Schwester weiter durch die Natur.

Ich mache einen Topf Pasta und strecke die Sauce Bolognaise mit Kürbiskernen (Zink!), frischen Tomaten, Zwiebeln und Knoblauch. Letzterer stärke das Immunsystem und sei gut für die Arterien, sagte mein Grosi jeweils. Knobli fördert aber auch die Verdauung und sorgt, wie sich Stunden später wieder einmal zeigen sollte, für das eine oder andere halblaute Tönli im Schlafsack – olfaktorisch ist das herausfordernd, aber halbwegs narkotisiert höre ich womöglich die Geräusche der Nacht weniger gut.

Einer der Jungs hat drei Dosen Bier organisiert, der andere steuert ein Dessert bei. So sitzen wir in den Abend hinein, erzählen einander von unseren Leben, und es fühlt sich an, als ob wir uns schon lange kennen würden. Die beiden könnten meine Söhne sein, aber solche Konstellationen erlebe ich erstaunlicherweise je länger, desto öfter.

Am nächsten Morgen ist es kalt. Wir bauen unsere Zelte ab und umarmen uns zum Abschied. Dann zieht jeder in seine Richtung: Olivier entschwindet mit seinem Bike im Wald, Vincent wandert dem Fluss entlang, ich habe einen weiteren Pass vor mir.

Es sind solche Begegnungen, die einen guten Tag on the road zu einem wunderbar runden Tag machen.


Foto oben: amis Chartreuse

Schweiss und sanfter Spott in der Steigung

Das Navigationsgerät zeigt elf Prozent Steigung, die Sonne brennt mir auf den Rücken, das T-Shirt klebt schweissnass am Leib. Im Schritttempo kurble ich bergwärts und höre meinem lauten Schnaufen zu. Links: Natur, rechts: Natur, vorne: Natur, oben: Blau. Nichts stört die Stille. Es ist einfach: schön.

Ein Gümmeler schiebt sich scheinbar mühelos auf meine Höhe. Als er mich schon fast überholt hat, schaut er herüber und mustert Velo und Gepäck. In seinem ledernen Rentnergesicht erkenne ich eine Mischung aus Bewunderung und sanftem Spott. Ich kenne diesen Blick.

«Bonne route!», stösst er hervor und zieht mit seinem 9-Kilo-Velöli davon. Ich tippe mit der linken Hand an die Stirn und denke: «Mein Herz schlägt noch viel länger als deines, ätsch!». Auf Velotouren überkommen mich bei Steigungen zuweilen derart bösartige Gedanken, dass ich selbst darüber erschrecke.

Zehn Tage, rund fünfhundert Kilometer und sechstausend Höhenmeter liegen hinter mir auf dieser Tour, die mich von Bern bis nach Marrakesch führen soll. Und ja, «ça roule», es läuft fast immer rund und gut. Keine Wildsau hat mich bislang umgerannt, keine Hornisse gestochen, kein Virus angefallen. An den Beinen habe ich ein paar Schrammen – Zeugnisse von Abfahrten durch wildes Gelände, die meine «Street Credibility» hoffentlich ein wenig erhöhen.

Vor genau zwei Jahren radelte ich von Bern nach Uzès in die Provence, um dort mit dem Chörli eine Woche lang zu proben. Damals war der Regen ein steter Begleiter. Als ob die Wettergötter das jetzt wiedergutmachen wollten, beschenken sie mich bislang mit prächtigen Spätsommertagen.

Beim Fahren lasse ich mir Zeit. Ich will den Flow geniessen und mich gleichzeitig an das neue Set-up am Velo gewöhnen. Das stattliche Gewicht von Gefährt, Gepäck und mir entwickelt bergab ordentlich Schub – und Felgenbremsen ziehen anders als die Hydraulikbremsen mit Öldruck, die ich die letzten zehn Jahre gewohnt war.

Am meisten Zeit verbringe ich allerdings nicht im Sattel, sondern liegend. Ich brauche unendlich viel Schlaf, und wenn das nicht geht, döse ich im Zelt vor mich hin. Zur Belohnung gibt’s jeden Abend ein Kapitel aus Alex Capus’ «Querfeldein» – ein wunderbarer Roman. Es geht eben nichts über gedruckte Bücher.

P.S.
Aktuell campiere ich am Fuss der Alpe d’Huez. Morgen ist sie an der Reihe und ich am Abend fix & foxy.

«Ich lebe für diese Aufgabe»

Vorsicht: Das ist ein Posting in eigener Sache.

Der Grund: Als Geschäftsführer der Allianz Pro Medienvielfalt bekämpfe ich seit mehr als vier Jahren die SRG-Halbierungsinitiative. Das nahm die Redaktion von «Bund»/BZ zum Anlass, mich zu porträtieren.

Das bringt ich dazu, ein Schlaglicht auf vier prägende Kapitel meines Lebens zu werfen. Alle passen letztlich zu einem Titel: «Medien und Demokratie».

🔵 Unmittelbar nach dem Bürgerkrieg in Bosnien baute ich dort eine Radiostation auf. Eine Stiftung aus Österreich finanzierte die Startphase, ich war verantwortlich für Programm und Personal.

Journalistinnen und Journalisten der drei ethnischen Gruppen, die sich zuvor vier Jahre lang bekämpft hatten, formten ein Team. Das klappte – dank einer langen Aussprache in der zweiten Woche.

Der Friedensvertrag von Dayton war zwar unterzeichnet, praktisch alle Medien blieben aber abhängig von den ehemaligen Kriegsparteien.

➡️ Was ich aus dieser Zeit mitgenommen habe: Unabhängige Medien fallen nicht vom Himmel.

🔵 Als Ende 2008 die Tamedia-Konzernspitze die Traditionszeitung «Der Bund» mit der «Berner Zeitung» fusionieren wollte, schrie tout Bern auf. «Drrrr Bund» war eine Institution, eine gute Zeitung mit prägenden Köpfen, aber wirtschaftlich in Schieflage geraten. (Ich kriegte sie 1994 erstmals in meinen Händen – in Zürich.)

Ich orchestrierte den Widerstand gegen die Fusion – ein halbes Jahr und rund 1200 Stunden Fronarbeit später, die meine damals dreiköpfige Firma geleistet hatte, war sie vom Tisch. (Die Website «Rettet den Bund» ist noch heute im Netz.)

➡️ Was ich aus dieser Zeit mitgenommen habe: Hör auf dein Bauchgefühl – und tue, was du für richtig hältst.

🔵 Als 2017 ein paar junge Libertäre ihre Bieridee namens «No Billag» vors Volk brachten, wurde ich mandatiert, dagegenzuhalten. Der Abstimmungskampf war für uns im Komitee «Nein zum Sendeschluss» episch lang, sorgte aber zuweilen für einen Kick.

Am 6. März 2018 war das Verdikt klar: 71.6 Prozent der Stimmberechtigten sagten Nein, die jüngste Altersgruppe – diejenige, die angeblich nie SRG konsumiert –, erreichte sogar 75 Prozent.

An jenem Abend liess ich mir ein Schaumbad ein, war mir aber schon damals bewusst: Der nächste Angriff kommt bestimmt.

Und er kam.

🔵 Am 8. März 2026 kommt die Halbierungsinitiative zur Abstimmung. Faktisch handelt es sich um die perfide Schwester von «No Billag», aber das haben viele Menschen bis heute nicht durchschaut.

Seit mehr als vier Jahren treibt mich diese Halbierungsinitiative um – und zuweilen raubt sie mir den Schlaf.

➡️ Was ich aus «No Billag» und dem Kampf gegen die SRG-Halbierungsinitiative mitnehme: Wenn es drauf ankommt, steht die Zivilgesellschaft auf. Es ist beeindruckend, was sie in den letzten Monaten getan hat.

Das Porträt gibt es hier als PDF zum Herunterladen:
Der Frontmann gegen die Halbierungsinitiative («Bund», 23. Februar 2026, PDF)

🔗 Die Links zu diesem Artikel auf den beiden Online-Portalen:
– Beim «Bund»
– Bei der «Berner Zeitung»

Mein Dank geht an Brigitte Walser für den kritischen, aber fairen Artikel und an Franziska Rothenbühler für die Fotos.

Leiden am Berg

Aus der Ferne sieht er aus wie ein unförmiger Klotz, der nicht zur lieblichen Provence passen will. Hobby-Radler aus halb Europa flüstern seinen Namen mit grossem Respekt: Mont Ventoux. Der Schweizer Veloprofi Beat Breu, der in den Achtzigerjahren am Berg die Konkurrenz oft stehen liess, würde ihn «einen Sauhund» nennen. Ich habe mich an diesem legendären Tour-de-France-Pass versucht. Protokoll eines episch langen Aufstiegs.

Auf meinen Velotouren habe ich etwas schnell gelernt: Nichts geht über Haferbrei am Morgen! So gibt es auch heute einen grossen Topf davon, angereichert mit Nüssen, Bananenrugeli, Trauben, Honig und Gewürzen. Während ich Löffel um Löffel in den Mund schiebe, bin ich mental schon unterwegs.

Ich schwinge mich aufs Rad und blicke auf die Uhr. Es ist 9.50 Uhr. Aus dem Nichts imitiere ich SRF-Moderator Arthur Honegger: «10vor10 – das ist der Blick hinter die einzige Schlagzeile des Tages: Schafft es Bausi auf den Monsterberg? Wir sind dabei!»

Langsam rolle ich über die farbigen Herbstblätter, die am Boden liegen. Von Malencène aus beginnt der Kampf am Berg. Vor mir liegen 21 Kilometer und 1580 Höhenmeter bis zur Passhöhe. Der Mont Ventoux sei sehr anspruchsvoll, haben mir schon viele Velofahrerinnen erzählt, die Steigung variiert zwischen 4 und 14 Prozent. Ich habe Respekt. Zugleich rufe ich mir in Erinnerung, dass ich vergleichbare Pässe in der Türkei und in Armenien auch schaffte – mit deutlich mehr Gepäck und bei mehr als 30 Grad. «Ça marche!», rede ich mir zu.

Schon bald habe ich einen Rhythmus gefunden. Eine fröhliche Wandergruppe wünscht mir vielstimmig «bonne route!». Die Temperatur ist angenehm, ich atme die frische Waldluft tief ein, da macht sich aus dem Nichts der Mistral bemerkbar. Gefühlt wird es 10 Grad kälter. Ein paar Minuten später ist er wieder weg, die Sonnenstrahlen wärmen meinen Rücken. Das tut unendlich gut. Ich kurble weiter.

Am Berg fahre ich immer sehr langsam, weil ich meine Grenzen kenne. Für die heutige Etappe habe ich festgelegt, 5 Kilometer und 400 Höhenmeter pro Stunde zurückzulegen, «auso nume ned gschprängt». Am Strassenrand mache ich einen gelb-weiss markierten Stein aus: Noch 20 Kilometer, die Steigung beträgt aktuell 9 Prozent. Zwei Momente lang überkommen mich Zweifel: «Schaffst du das?» Mein T-Shirt ist schon schweissnass.

Die Ruhe ist herrlich. Es gibt nur den Wald und mich. Manchmal rauschen die Baumkronen leise im Wind. Glücksgefühle kommen auf, ich liebe diese Phasen. Dann wird der Anstieg ruppig – 12 Prozent. Ein Schweisstropfen trifft den Lenker, eine halbe Minute ein zweiter, ein dritter. «Was macht ihr da?», frage ich sie halblaut. Wie immer, wenn ich allein radle, führe ich Selbstgespräche.

Ein Gümmeler schiebt sich an mir vorbei und mustert dabei «Yellow Jeff» und mein Gepäck. «Bonjour!» Ich erwidere seinen Gruss und staune über seine Leichtigkeit, während ich im zweiten Gang kräftig treten muss. «Hätte ich doch ein kleineres Ritzel montiert!», schelte ich mich. Diese Selbstkritik wurde in den letzten Jahren zu einem Evergreen. Selbst schuld.

Nach einer halben Stunde fühlen sich die Oberschenkel schon ziemlich hart an, ich muss eine Pause einlegen. Ich stakse herum wie ein Graureiher auf Futtersuche, strecke mich der Sonne entgegen und massiere die Muskeln. Und wieder melden sich Zweifel: «Schaffst du das?»

Der feine rote Strich am Navigationsgerät zeigt an, wo am Berg ich mich befinde – noch nirgendwo. Ermutigender ist die Zahl nebenan: 450 Höhenmeter habe ich hinter mir, also ungefähr einen Viertel. Es ist 10.50 Uhr und wieder gebe ich den Arthur Honegger: «10 vor 11 – der Schweiss läuft, der Protagonist kämpft, seine Muskeln sind hart. Schafft er es bis hinauf? Bleiben Sie dran!», gebe ich mit sonorer Stimme von mir.

Ein Pärchen mit schiggen Rennvelos und schiggen Dresses schliesst zu mir auf. Nach einem kurzen Wortwechsel können wir Mundart weiterreden. Sie kommen aus Basel und klingen auch so. Bald fehlt mir die Luft für eine brauchbare Konversation, und die beiden ziehen davon. Wieder löst sich ein Schweisstropfen von der hohen Stirn und trifft den Lenker.

Nach Kilometer 9 beträgt die Steigung 14 Prozent. Ich mühe mich keuchend im ersten Gang ab, spüre, wie mein Herz pumpt, und leide. «Stuzzi Cadenti!»

Der Blick wird frei auf die Region. Er ist spektakulär, aber ich kann ihn nicht geniessen. Also: pausieren. Ich setze mich ins Gras und packe ein kleines Picknick aus: einen Schockoriegel, der besser schmeckt als er aussieht, Haselnüsse und eine Nektarine. Für jeden Bissen lasse ich mir Zeit.

Je höher ich klettere, desto kälter wird es. Wenn ich ausatme, bilden sich Wölkchen. Wieder macht sich der Mistral bemerkbar.

Unangemeldet entfährt mir ein lauter Furz. Ich erschrecke. «Pardon!», murmle ich in die Stille hinaus und muss grinsen. Da ist niemand weit und breit, der Wind zerstäubt die Duftnote sofort.

Ein grosser Parkplatz wird sichtbar, an dessen Ende steht ein Gebäude. Als ich näherkomme, stellt es sich als ein Restaurant heraus. «Ouvert» prangt am Eingang in grünen Lettern. «Ein Geschenk des Himmels!», juble ich innerlich. Minuten später dampft eine heisse Schokolade vor mir. Ich halte die grosse Tasse mit beiden Händen und spüre, wie die Wärme zurückkommt. Die Uhr zeigt 11.50 Uhr. «Es ist 10 vor 12! – der Kampf wird hart und härter.» Die Honeggersche Schlagzeile gebe ich halblaut von mir. Die Leute am Nebentisch schauen mich verwundert an, ich zucke entschuldigend die Schultern.

Draussen ist es bissig kalt. Ich ziehe die Windjacke über und die Wollkappe noch tiefer ins Gesicht. Es fehlen noch 500 Höhenmeter, «come on, das schafft du!», mache ich mir selbst Mut. Die Strasse wird schmaler. Im Rückspiegel kommt etwas auf mich zu. Ein paar Sekunden später surrt ein E-Biker an mir vorbei, «Weichbecher!», zische ich. In einer Kurve steht eine Frau mit blonden Zöpfen und einem rotem Kopf. «Ça va?», frage ich und denke: «Doofe Frage.» Sie antwortet mit einem Schwall an Worten, die ich als Niederländisch verorte.

Weiterkurbeln. Schwitzen. Leiden.

Längst wurden die Föhren durch Eichen abgelöst. Auf beiden Seiten der Strasse wächst Moos. Meine Kraft hat nachgelassen. Praktisch immer fahre ich im ersten Gang und kann ihn nicht mehr richtig durchtreten. «Ach, das Ritzel, das verdammte Ritzel!»

Die Holländerin hat wieder aufgeholt. Zwei Minuten rollen wir nebeneinander bergan und schweigen. Dann fragt sie unvermittelt: «Why are we doing this?» Ich muss mich konzentrieren, um überhaupt eine verständliche Antwort zu formulieren. «Cause we are nuts!» Sie nickt nur, tritt in die Pedale und setzt sich von mir ab.

Plötzlich taucht ein Turm über den Baumwipfeln auf. Kein Zweifel, das muss das Gebäude auf der Passhöhe sein. Die Perspektive auf ein baldiges Ende der Plackerei wirkt besser als Koffein. Aus «Schaffe ich das?» wird «Ich schaffe es!»

Weiterkurbeln.

Die Baumgrenze liegt hinter mir. Der Blick in die Weite ist atemberaubend. Dieses Mal kann ich ihn geniessen. Bei der nächsten Spitzkehre setzt der Wind wieder ein. Er ist eisig und trägt eine milchig-weisse Wand mit sich. Die Nebelschwaden erschweren die Sicht. Ich mache mit klammen Fingern ein paar Fotos, der rote Strich auf der Navigations-App ist fast auf der Bergspitze angelangt. Mehrere Velofahrerinnen und -fahrer rollen vorsichtig die Strasse runter. Einige von ihnen feuern mich an: «Allez!», Daumen hoch, «Good job!» Das motiviert.

Mein Körper ist unterkühlt. Ich strample weiter. Honeggers «10 vor 1»-Ausgabe lasse ich aus. Es fehlen mir der Schnauf und die passende Schlagzeile.

Wegen des Nebels sehe ich vielleicht noch 20 Meter weit. Schliesslich ist sie laut Navigation da, die allerletzte Kurve. Ein mächtiger Gebäudekomplex wird rechter Hand sichtbar. Auf der Passhöhe steige ich ab, was ähnlich viel Zeit braucht, wie wenn Joe Biden zu einem Rednerpult trippelt.

Ich schlüpfe in die Regenhosen, die letzte Schicht, die ich dabei habe. Mir ist kalt bis auf die Knochen. Ein anderer Tourist fotografiert mich vor der obligaten Tafel, die mit Klebern übersäht ist. Der Wind heult und mir wird klar, wieso der Berg Ventoux heisst – der Wind ist überall.

Ein Mann mampft stoisch an seinem Sandwich und schaut in die Ferne. Ich habe keinen Hunger, sondern will so schnell wie möglich den Berg hinunter. «Zur Belohnung des Tages darfst du für einmal Warmduscher sein», erkläre ich mir selber.

Plötzlich steht die Holländerin mit einem lachenden Gesicht vor mir. Unsere Hände klatschen zusammen – «High Five»! Wir haben den «Sauhund» geschafft.

Das Streckenprofil stammt von der Website quaeldich.de

Als wir England mit 2:1 schlugen

Die Fans strömen aus allen Richtungen herbei, das «Joggeli» füllt sich. Das Fussballstadion in Basel ist alt und sanierungsbedürftig, aber es atmet Geschichte. Es ist der erste Match der Schweizer Fussballnationalmannschaft, bei dem ich als Zuschauer dabei bin, und es sollte ein grosser Abend werden.

Ich war Teenager und Fussball hatte einen grossen Stellenwert in meinem Leben. Bei jeder Runde der Nationalliga A hörte ich Radio DRS, das die wichtigsten Spiele jeweils live übertrug. Mein Lieblingsclub war Servette Genf, weil er den attraktivsten Fussball spielte. Wenn Sportreporter Mario Santis Stimme aus dem Äther klang, wurde er noch eine Klasse besser.

Dass ich an ein WM-Qualifikationsspiel gehen konnte, war ausserhalb meiner Vorstellungskraft. Doch da überraschte mich mein Vater: «Filius», sagte er eines Abends, «Schweiz – England schauen wir uns im Stadion an.» Das fühlte sich an wie Weihnachten! Ein paar Schulfreunde durften auch mitkommen.

Mit dem Zug fuhren wir nach Basel, und schon unterwegs waren wir aufgekratzt. Die Vorfreude war kaum zu bändigen – endlich mittendrin! Wir schreiben den 30. Mai 1981, ein milder Samstagabend.

Im «Joggeli» stellen wir uns auf der Höhe der Mittellinie hin. Um uns herum hat es viele Romands. Mit unseren schüchternen Französischkenntnissen verständigen wir aus auf einen gemeinsamen Schlachtruf. Er klingt überzeugend und geht so: «Hopp Suisse, hopp Suisse!» (Dass die Romands das «H» nicht richtig aussprechen konnten, amüsierte mich im Stillen.) Wir schreien ihn den ganzen Abend, ohne müde zu werden.

Was auf dem Rasen passiert, ist verzückend. Die Schweiz beginnt selbstbewusst und abgeklärt. Wir Fans spüren: Da liegt etwas in der Luft. Der neue Trainer Paul Wolfisberg (im Bild rechts) hatte innerhalb von kurzer Zeit eine Mannschaft zusammengeschweisst, die nicht nur ansprechend spielt (wie zuvor), sondern auch gute Resultate erzielt. Nach vielen Jahren war die Teilnahme an einer Endrunde endlich wieder in Griffweite. «Olé España!» (Es ging um die Qualifikation für die WM 1982 in Spanien.)

Nach einer halben Stunde schiesst Fredi Scheiwiler den Führungstreffer. 40’000 Fans hüpfen auf und ab. Keine zwei Minuten später doppelt Claudio Sulser nach. Der Jubel im Stadion kennt keine Grenzen, wir können es kaum fassen: Die Schweiz führt gegen England, dort, wo die Wiege des Fussballspiels steht, mit 2:0!

Plötzlich kommt eine andere Dynamik auf: Auf den Rängen fliegen faustgrosse Steine durch die Luft. Mehrere Dutzend Engländer gehen auf die Schweizer Fans los, ein Securitas-Wächter wird zu Boden geschlagen.

Der Match wird unterbrochen, die Bühne hat sich gedreht: 22 Spieler und drei Schiedsrichter schauen zu, was auf den Stehplätzen passiert. Die Schlägereien sind heftig, wir haben Angst, können aber nicht davonrennen.

Nach ein paar Minuten klingen die Aggressionen ab, die Hooligans ziehen sich zurück. Der Match geht weiter. England gelingt der Anschlusstreffer. Die Phase des Leidens beginnt – für Wolfisbergs Elf auf dem Rasen, für uns auf den Rängen.

Doch den Sieg lassen wir uns nicht mehr nehmen! Nach dem Schlusspfiff gleicht das «Joggeli» einem Tollhaus, Wildfremde umarmen sich und schreien ihre Freude in den Nachthimmel hinaus.

Berauscht marschieren wir zurück zum Bahnhof. Immer wieder reissen wir die Arme in die Höhe, unsere Stimmen geben nur noch ein heiseres Krächzen von sich. Egal. Das Adrenalin pumpt weiter. Was für ein Sieg, was für ein Abend!

In den verflossenen 43 Jahren hat mich kein anderer Match mehr ähnlich mitgerissen wie damals. Auch wenn die Schweizer Nati heute Abend im EM-Viertelfinal England schlägt, wird das so bleiben. «Big Money» und schmierige Figuren wie Sepp Blatter und Gianni Infantino haben den Männerfussball kaputt gemacht.

Mein fünftes Baby kommt

Das Tempo, das wir anschlagen, ist rasant. Für nichts nehmen wir uns mehr richtig Zeit. Ausgedehnte Velotouren sind das Gegenmodell: sie entschleunigen und reduzieren das Leben auf das Wesentliche. Mich machen sie glücklich.

Einen Sommer lang fuhr ich ostwärts – bis in den Iran. Diese Reise gibt es jetzt zwischen zwei Buchdeckeln. Du kannst mitfahren, mitfiebern und dich hoffentlich mit mir freuen – schweissfrei und in deinem Tempo.

Mein fünftes Buch ist ein Liebhaberprojekt. Eine Leseprobe von «Immer weiter ostwärts» und das Bestellformular gibt es auf der Website meiner Firma.

Mein erster Rausch – wegen Tina

Als Teenager hatte ich Pickel auf der Stirne, Flausen im Kopf, Bäckerhosen im 7/8-Schnitt und eine grosse Liebe: Musik. Das Geld, das ich als Zeitungsverträger verdiente, reinvestierte ich zu praktisch 100 Prozent in Langspielplatten. (Für Leute der Generation Z: Das sind Kuhfladen-grosse schwarze flache Scheiben, die beim Abspielen x-fach besser klingen als dieselben Songs über Spotify & Co.) Samstag für Samstag pilgerte ich nach Brugg zu «Fairplay Records», und Co-Inhaber René Wermelinger (selig) wusste genau, welche «heissen Scheiben» er mir vorspielen musste.

Er verdiente gutes Geld mit mir, und ich habe dank ihm eine grandiose Sammlung. Nie würde ich mich auch nur von einer dieser Platten trennen!

Als mir René an einem Frühlingstag im Jahr 1984 «Private Dancer» von Tina Turner auflegt, kippe ich nicht vom Hocker. Erst bei «I might have been queen» bin ich hin und weg. Begeistert sage ich: «Einpacken!», 19 Franken wechseln den Besitzer und ich radle heimwärts. In meinem Zimmer tanzt die Nadel über die LP, und diese wird beim Hören jedes Mal besser.

Erhebungen kommen immer wieder zum selben Schluss: Die Musik, die uns im Alter zwischen 15 und 18 Jahren gefiel, lässt uns ein ganzes Leben lang nicht mehr los. Sie prägt.

Ein knappes Jahr später ist Tina Turner auf Europatournee. Ich fahre mit viel Bargeld in die ferne Stadt, um im Vorverkauf Tickets zu ergattern. Das Internet gab es damals noch nicht, und ich erinnere mich, wie ich einen kleinen Stapel glänzendes Papier wie eine Trophäe nach Hause brachte: 15 Eintrittskarten. (Eine kostete damals 24 Franken.)

Am 8. März 1985 fährt unsere bunt zusammengewürfelte Truppe mit dem Zug nach Oerlikon, und wir drücken uns mit 10’000 anderen Fans vorfreudig ins Hallenstadion. Um acht Uhr geht das Licht aus, Bryan Adams stürmt auf die Bühne und macht vom ersten Moment an klar, dass er richtig abdrücken will. Das Publikum ist flugs auf den Beinen und lässt sich anstecken, die Party geht los. Wer lange Haare hat, lässt sie durch die Luft wirbeln.

So viel Charisma, so viel Energie

Kaum ist Tina Turner auf der Bühne, geraten die Fans im ausverkauften Stadion erst recht aus dem Häuschen. Die Band ist stark, das Set ausgezeichnet, die Energie, die die Sängerin über die ganze Show mobilisieren kann, ist enorm. Tina zieht uns in ihren Bann mit ihrem Charisma und ihrer Stimme, die mal roh, mal soulig klingt. Am besten finde ich ihre Covers von Al Green, CCR, Iggy Pop oder den Beatles. Sie gibt ihnen ihre eigene Prägung. Was den Unterschied zu fast allen anderen Künstlerinnen ausmacht, ist ihre Präsenz.

Ich hüpfe während des ganzen Konzerts im Takt mit, reisse immer wieder die Arme in die Höhe und fühle mich zum ersten Mal in meinem Leben komplett berauscht, und das ohne einen Schluck Alkohol getrunken zu haben. «Rock is a drug» wussten Spliff schon 1980 in ihrer grandiosen «The Spliff Radio Show».

Aufgekratzt taumeln wir durch die Strassen zum Bahnhof und singen die Songs nochmals mit heiserer Stimme. Das klang zweifellos ziemlich falsch, aber: in dieser Nacht gehörte uns die ganze Welt.

 

PS:
Gestern wurde Tina Turner im Alter von 83 Jahren abberufen. Ich zündete eine Kerze an und hörte den ganzen Abend die Songs ihrer langen Karriere. Das beste Album ist für mich «Live in Paris» aus dem Jahr 1971, als ihr damaliger Mann, Ike Turner, noch mitgewirkt hatte. Er war zwar ein übler Kerl, wie wir seit der Biografie «I, Tina» (1986) wissen, aber die richtig guten Songs hat er geschrieben.

Foto: Getty Images

Auf Tournee mit Fotos und Geschichten

Die Feuertaufe habe ich bestanden. Nach der Première des «Diaabends», notabene in Kriens Downtown, fand das Publikum lobende Worte. Das bedeutet: Die nächsten Monate kann man mich buchen. Zur Klärung: Eine Multimediashow wie bei den Profis von Explora & Co. gibt es nicht. Ich bin nicht Fotograf, sondern Geschichtenerzähler, und es macht mir Freude, andere an meinen Abenteuern teilhaben zu lassen.

Das Angebot richtet sich an Quartiervereine, Serviceclubs, Grossfamilien und dergleichen mehr. Öffentliche Vorführungen sind nicht vorgesehen, weil mir dafür der Aufwand zu gross ist. Der «Diaabend» (ich beharre auf diesen Titel!») dauert zwischen 30 und 45 Minuten – länger geht immer.

Vor Ort braucht es einen tüchtigen Beamer oder Flatscreen, Internet und Tee mit Honig. Ich reise mit dem MacBook und einem HDMI-Kabel an. Ein Honorar will ich keines. Wer stattdessen der Bewegung Courage Civil eine Spende entrichtet, macht etwas fürs eigene Karma und unterstützt einen Verein, der Gutes tut. (In diesem Jahr liegt dessen Fokus beim Klimaschutzgesetz, über das wir im Juni abstimmen werden.)

Interessiert?

Eine DM, ein Telefonanruf oder eine E-Mail reichen zum Start:
mark.balsiger@border-crossing.ch

 👉 Zur Fotogalerie auf meinem privaten Blog, die erkennen lässt, was auf die Gäste zukommt.

«Ich finde es faszinierend, was mit einem so schlichten Gefährt möglich ist»

Seit einer Woche bin ich wieder in der Schweiz. Der Wechsel vom radelnden Nomaden zu einem sesshaften Dasein hat geklappt, der Bürostuhl ist weicher als der Velosattel. Zugleich schwelge ich in Erinnerungen und sortiere Fotos für einen… Achtung: Diavortrag. Zusammen mit Bürokollege Suppino habe ich meinen Biketrip in den Iran Revue passieren lassen. Ein Gespräch über Motivationsprobleme, platte Reifen, Hitze, Glückshormone und Gastfreundschaft.

Bürokollege Suppino: In Georgien kamen plötzlich wieder die Schmerzen am rechten Knie, seit vielen Jahren deine fragile Stelle. Hast du ans Aufhören gedacht?

Mark: Auf jeder Velotour bin ich darauf konditioniert, aufhören zu müssen. Wenn der Schmerz am rechten Knie sich richtig entfaltet, wird jeder Kilometer zur Qual. In Georgien musste ich zwei Tage auf die Zähne beissen, zwei weitere Tage spürte ich den Schmerz noch leicht. Danach war alles vorüber – Glück gehabt.

Aber danach hattest du Motivationsprobleme, nicht?

Gut auf Social Media mitgeschnitten, Suppino! Ich geriet aus dem Rhythmus: Zuerst die Schmerzen, dann der starke Regen, der das Bewältigen des einen Passes in der Nähe zur russischen Grenze verunmöglichte. (Region Mestia – Usguli.) Er glich einer Motocross-Strecke. Das war eine herbe Enttäuschung. Ich verlor die Lust am Radeln und dümpelte vor mich hin.

Wie hast du diese Phase überwunden?

Ich machte ein paar kurze Etappen und gönnte mir mehr Erholung. Zudem kehrte ich zu einer Gastfamilie zurück, bei der es mir sehr wohl war. Das waren Motivations-Booster, und prompt kam die Freude zurück.

Viele Leute verbinden mit Velotouren vor allem Plackerei und Monotonie. Was macht eigentlich der Reiz für dich aus?

(Flüstert.) Es geht um Hormone.

Hä, um Hormone?!

Genau. Velofahren macht glücklich. Ich liebe es, Landschaften und Wolkenbildern zu betrachten. Ich kann jederzeit anhalten und kriege viel mehr mit als im Auto. Ist eine Etappe zu Ende, schütte ich erst recht Glückshormone aus. Meistens hält das für mehrere Stunden. Nach einem Wandertag in den Bergen geschieht dasselbe. Joggerinnen und Langläufer kennen das ja auch.

Allein die Glücksgefühle können es aber nicht sein.

War das eine Frage?

(Etwas verlegen.) Ähem, ja.

Velotouren bedeuten für mich Freiheit. Ich finde es faszinierend, was mit einem so schlichten Gefährt und mit purer Muskelkraft möglich ist. Eines Tages Ende Mai setzte ich mich auf «Yellow Jeff» und das Abenteuer konnte beginnen. Ich nahm mir Zeit, die Natur zu er-fahren. Drei Monate später war ich im Iran. Dazwischen liegen zahllose Erlebnisse und schöne Geschichten, von denen ich viele nie vergessen werde.

Kannst du das präzisieren?

Zum einen war ich, wenn immer möglich, auf schwach befahrenen Strassen unterwegs. Das bedeutete viele Extrakilometer und zusätzliche Höhenmeter. Dafür hatte ich Ruhe. Zum anderen kam ich in Kontakt mit vielen Menschen. Das Leben in den elf Ländern, die ich erfuhr, spielt sich draussen ab. Wenn ich irgendwo auf einem Dorfplatz stoppte, dauerte es nicht lange und schon begann ein Gespräch. Nicht selten mit Händen und Füssen – oder mithilfe des «Nichtwörterbuchs», das mir ein Freund geschenkt hatte. Die Leute waren neugierig, oft wurde ich eingeladen – zum Tee, auf ein paar Früchte oder zum Essen. In Armenien, der Türkei und im Iran übernachtete ich sogar bei Familien zu Hause. Die Gastfreundschaft ist gross und auf diese Weise erlebte ich viel mehr als wenn ich in irgendwelchen Hotels abgestiegen wäre.

Das war aber sicher auch anstrengend?

Natürlich. Wenn du einen Abend lang mit Menschen aus einem anderen Kulturkreis sprichst, oft mithilfe des Google-Translators, braucht es Geduld und zugleich viel Aufmerksamkeit. In den letzten Wochen fühlte ich mich manchmal emotional erschöpft.

Unterwegs hast du auch alte Bekannte besucht.

Richtig. Ich traf mich in Sarajevo mit ein paar Leuten meiner Crew, mit der ich 1996/1997, also direkt nach dem Krieg in Bosnien, eine unabhängige Radiostation aufgebaut hatte. War das ein Wiedersehen nach 25 Jahren! Aus anderen Phasen meines Lebens kenne ich Menschen in Tiflis und Yerewan, die ich ebenfalls wieder traf.

Wie hast du deine Erlebnisse verarbeitet?

Wie immer schrieb ich Tagebuch, d.h. meistens noch am selben Abend hielt ich das Wichtigste mit dem MacBook fest. Am Folgetag hatte ich während des Radelns Zeit, die jüngsten Erlebnisse in Ruhe durchzugehen. Wenn dann allerdings bereits wieder Neues passierte, war ich manchmal überfordert.

Teheran, als Ziel definiert, hast du nicht erreicht. Wurmt dich das?

Nein, das war eine pragmatische Entscheidung. Kaum war ich in Täbris, einer grossen Stadt im Nordwesten des Irans, rollte eine neue Hitzewelle heran. Wäre ich nach Teheran weitergefahren, hätte sie mich die verbleibenden fünf bis acht Etappen begleitet. Sorry, das wollte ich mir nicht antun. Stattdessen drehte ich nach Westen ab und war kurze Zeit später im Hochland der Osttürkei. Dort war es tagsüber sommerlich warm, in der Nacht kühlte es massiv ab. Für meinen Körper war das erholend. Wegen dieser Schleife machte ich sogar mehr Kilometer als bis nach Teheran.

Du lieferst das Stichwort: Welche Bedeutung haben die 5200 Kilometer und mehr als 60’000 Höhenmeter, die du zurückgelegt hast?

(Lächelt.) Es sind Zahlen. Mir ging es primär darum, unterwegs zu sein und etwas zu erleben, nicht Kilometer «zu fressen». Aber wenn ich eine Landkarte betrachte, denke ich schon: «Potztuusig, bisch fey e chly vürsi choo.»

Die Schweiz ist ein Veloland. Du hättest ja hier im Zickzack eine Monstertour machen können?

Natürlich, aber der Abenteuerfaktor wäre deutlich kleiner gewesen. In fremden Kulturen unterwegs zu sein ist ungleich anspruchsvoller. Zudem habe ich eine grössere Anzahl Pässe gemacht, viele davon bei fast keinem Verkehr. In der Schweiz ist das schon lange kein Vergnügen mehr, die Alpenwelt ist übernutzt. Die unheilvolle Entwicklung setzte etwa in den Neunzigerjahren ein: Immer mehr Leute wollen die Alpen konsumieren, die Tourismusindustrie fördert das kräftig mit noch mehr Infrastruktur. Ich erinnere mich, wie ich vor mehr als 20 Jahren den höchsten Berg Costa Ricas bestiegen habe, den Chirripó. Er liegt in einem grossen Naturschutzgebiet und jeden Tag dürfen nur ein paar wenige Leute auf Anmeldung hinein. Das ist eine Form des Schutzes, die wir in der Schweiz ernsthaft diskutieren sollten.

Kommen wir zurück zu deiner Velotour. Wie hast du eigentlich übernachtet?

Es gab die ganze Palette: Hotels, Gästezimmer, Hostels, Campingplätze, wild zelten und auf Einladung bei Familien zu Hause.

Hat sich «Yellow Jeff» bewährt?

Ich hatte zwei Platten und sonst keinerlei Probleme. Der Göppel ist solid, aber sehr schwer. In seiner aktuellen Zusammensetzung wiegt er 24 Kilogramm. Erstmals nutzte ich eine gefederte Sattelstütze – das hat sich bewährt. Viel weniger Füdleweh!

Kannst du deine lange Tour ans Nordkap mit derjenigen in den Iran vergleichen?

Das ist unmöglich. Der Trip in den hohen Norden war quasi ein Comeback: 20 Jahren lang konnte ich nie länger als zwei oder drei Stunden Velofahren, danach kam der heftige Schmerz im rechten Knie. An Touren war also nicht zu denken. Es hatte im Sommer 2016 oft geregnet, was mich selten störte. Kulturell anspruchsvoll war es nicht, die Menschen in Deutschland, den Niederlanden und den skandinavischen Ländern sind uns ähnlich. Das war einer der Gründe, weshalb ich dieses Mal in den «Wilden Osten» wollte.

Wie schon auf deiner Tour ans Nordkap warst du allein unterwegs?

Jede Form hat ihre Vor- und Nachteile. Wer allein reist, orientiert sich nach aussen. Das kam mir auf diesem Trip entgegen. Aber natürlich gab es auch lange Abende, an denen ich allein war. Ich finde es wichtig, sich selber ein guter Gesellschafter zu sein.

Was würdest du anders machen?

Ich mag den Konjunktiv grundsätzlich nicht. Was ich beeinflussen oder verbessern kann, mache ich. Ein Evergreen ist das Gepäck: Ich hätte es von Anfang an stärker reduzieren sollen. Das mache ich das nächste Mal besser, und wenn alles Material ausgelegt ist, kommt eine Drittperson und kontrolliert es. Danach gibt’s e kä Birne mehr!

Aha, das nächste Mal. Sind die Pläne schon konkret?

(Grinst.) Nun, mit meiner «bucket list» ist es so eine Sache: Kaum habe ich mir einen Wunsch erfüllt, kommen zwei neue Vorschläge drauf.

Jetzt spann uns nicht länger auf die Folter!

Okay, zuoberst auf der Liste steht: Kanada. Spezifisch British Colombia und Yukon. Von Winnipeg her Richtung Osten soll es auch sehr schön sein. Vielleicht lässt sich beides verbinden. Mein Vater wollte ein halbes Leben lang nach Kanada. Die Wälder faszinierten ihn. Er hat es nie geschafft. Kaum war er frühpensioniert, erlitt er im Forst einen schweren Unfall, blieb wochenlang im Koma und hernach an den Rollstuhl gebunden. Das lehrte mich früh – ich war damals 24 –, von Sachen nicht nur zu reden, sondern sie auch zu machen. Wir haben nur ein Leben!

Die Idee begann in einer Bibliothek zu reifen

Als ich die Anwaltskanzlei verlasse, klebt mir das Hemd am Leib. Die Luft flirrt an diesem heissen Tag, aber ich gehe wie auf Wolken. Im Garten des Restaurants «Gotthard» in Brugg (AG) bestelle ich ein Glas Weisswein und fühle mich grossartig. Ein ehemaliger Pfadikollege hat den ganzen Papierkram für mich erledigt, jetzt bin ich Inhaber einer Kommunikationsfirma. Das war heute vor 20 Jahren. Der Tagebucheintrag ist knapp: «Die Chancen stehen bei 50 Prozent. Pack sie!!!»

Diese 20 Jahre waren manchmal Rock’n’Roll und manchmal Blues; längst nicht alles entwickelte sich so, wie ich wollte. Manchmal hatten wir zu wenig Büez, manchmal zu viel, Work & Life gerieten zuweilen aus der Balance, in den ersten Jahren getraute ich mich nicht, Ferien zu machen. Die langen Velotouren ans Nordkap (2016) und in den Iran (aktuell, noch bis Ende September) sind letztlich Kompensationen dafür. Einmal spielte ich gar mit dem Gedanken, meine Firma zu verkaufen, um endlich einen eigenen Roman schreiben zu können.

Wenn ich auf 20 Jahre Border Crossing zurückblicke, bin ich erfüllt von grosser Dankbarkeit, Freude und auch etwas Stolz. Die Idee der Selbständigkeit begann in der Bibliothek der Universität Cardiff zu reifen. Dort verbrachte ich viele Abende und zuweilen halbe Nächte. (Die Bibliotheken der britischen Unis sind rund um die Uhr zugänglich.) Sie liess mich nicht mehr los.

Würde ich, nach all den Erfahrungen und Fehlern, die ich gemacht habe, den Schritt in die Selbständigkeit wieder wagen? Auf jeden Fall.

Das eigene Ding durchzuziehen beflügelt und manchmal sorgt es für schlaflose Nächte. Beides braucht es. Als Kleinunternehmer bin ich mutig und unkonventionell, in finanzieller Hinsicht allerdings konservativ. So blieb das Aktienkapital immer unangetastet – für schwierige Zeiten. In der Schweiz gibt es prozentual weniger Selbständige als anderswo, das Sicherheitsdenken ist gross, die Angst vor dem Scheitern noch grösser. Das ist schade.

Meilensteine waren die drei Bücher, die ich schrieb, und das vierte, das ich 2020 während der Coronazeit herausgab. Eine Herzensangelegenheit war mir die Rettung der Tageszeitung «Der Bund», die wir 2008/2009 zu unserer Aufgabe machten, und die Rettung des Politforums Käfigturm in Bern, die ich 2015/2016 zusammen mit einem Berufskollegen initiierte und vorantrieb. Beide Projekte waren pro bono.

Zu derselben Kategorie, allerdings bezahlt, zählt 2017/2018 der Kampf gegen «No Billag», der episch lange dauerte. Dass dieselben traurigen Figuren bereits ein zweites Mal mit einer vergleichbarer Volksinitiative kommen, zeigt, was sie von klaren Volksentscheiden halten. Ihre Absicht ist klar: Nach der Halbierung des öffentlichen Rundfunks wollen sie ihn in einem zweiten Schritt ganz zerstören. Der Widerstand gegen «No Nillag 2» ist bereits gebündelt: Im letzten Winter habe ich zusammen mit der Bewegung Courage Civil die Allianz «Pro Medienvielfalt» lanciert. Sie wird zum Bollwerk gegen diese brandgefährlichen Attacke aus der libertären Ecke.

20 Jahre Selbständigkeit sind wie im Flug vergangen. Menschen, die mir wichtig sind, haben sie möglich gemacht.
– 🙏  Mein Dank geht an Beatrice, Manuela, Mathias, Thomas und Aline, die in meiner Firma Spuren hinterlassen haben. Sie haben kritisch, initiativ und mit Schwung mitgewirkt, nie musste ich sie antreiben.

– 🙏  Ich danke den Gspändli aus unserem Netzwerk, mit denen wir seit Jahren eng zusammenarbeiten. Mit ihnen läuft es rund, sie bringen Ideen und Inputs ein, und deshalb werden unsere «Produkte» schliesslich besser. Dieser Kreis vergrössert an Cracks vergrössert sich stetig.

– 🙏  Sie kamen mit einer Herausforderung auf uns zu und wurden zu Auftraggeberinnen und Auftraggeber. Viele von ihnen haben das wiederholt getan. Ihnen danke ich herzlich für das Vertrauen, das partnerschaftliche Kneten an einer Aufgabe und die Honorare.

Im 21. Jahr der Border Crossing AG ist alles im Fluss und ich bin ab dem 1. Oktober wieder im Büro. Was bleibt, ist unser Credo: Knowhow, Herzblut, Pfiff.

Unsere Disziplinen sind Medienarbeit, Krisenkommunikation, strategische Kommunikation und Auftrittskompetenz/Rhetorik. Gelegentlich machen wir auch Abstimmungs- und Wahlkampagnen. Ein Drittel der Aufträge stammt aus dem politischen Umfeld, Referenzen gibt’s hier. Dieser Werbespot musste zur Feier des Tages sein!

Und wie feiere ich dieses 20-Jahr-Jubiläum? Allein und ganz still, irgendwo in den Bergen Armeniens, mit dem Velo, aber ohne Weisswein. Ich werde mich heute für eine Stunde in den Schatten eines Baumes setzen und auf die Abenteuer meines «Budelis» zurückschauen.

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