Bertschi, Balsiger, blaue Augen

Seit bald 20 Jahren versuche ich zu eruieren, wieso Newcomer Hugo Hugentobler gewählt wurde, währenddem Fredy Fretz, der Kronfavorit derselben Partei, auf der Strecke blieb. Was machte Kandidatin Doris Dosenbach besser als Balbina Bally?

Aus diesen Fragen wurde in den Nullerjahren eine grosse Studie, die ich an der Uni Bern erarbeitete. 1500 Kandidatinnen und Kandidaten, die in den Nationalrat gewählt werden wollten, stellte ich dieselben 70 Fragen – das Codieren und Auswerten war eine Mordsbüez. So entstand schliesslich das 26-Erfolgsfaktoren-Modell, will heissen: es gibt insgesamt 26 Faktoren, die in einem Wahlkampf eine Rolle spielen.

Das Aussehen ist ein Erfolgsfaktor. Georg Lutz, inzwischen Politologieprofessor an der Universität Lausanne, kam 2007 in einer grossen Feldstudie zum selben Schluss: «Gutaussehende Kandidatinnen und Kandidaten erhalten mehr Stimmen.»

So viel zur Vorgeschichte.


Am 23. Oktober letzten Jahres kommentierte ich beim Regionalsender Tele M1 als Expertli die Aargauer Wahlen. Eine der Überraschungen dieses Wahltages: Karin Bertschi aus dem Bezirk Kulm, damals 26 Jahre alt, wurde aus dem Stand gewählt, routinierte SVP-Kämpen liess sie hinter sich.

Sie sei «ein politisches Greenhorn», gestand sie freimütig. Die Medien hatten aber zuvor dafür gesorgt, dass Bertschi einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde. Der Boulevard liebt die «Recycling-Prinzessin», sie führt in Reinach (AG) eine Recyclingfirma und nutzt den Boulevard. Sie tut es sympathisch. Als Prinz oder hochbezahlter Berater hätte ich ihr allerdings nahegelegt, die Fotosessions am Arbeitsplatz mit «Blick», «Schweizer Illustrierten» & Co. im Overall oder in Jeans zu bestreiten. Bilder sollten stimmig sein.

Doch zurück zum Wahltag: Bei der Instant-Analyse mit Tele-M1-Moderatorin Sabrina Müller dampfte ich den Erfolg Bertschis auf einen 20-Sekünder ein: «Sie ist jung, fotogen und ein kleiner Medienstar. In dieser Kombination reicht das für eine Wahl.» Die wissenschaftliche Erkenntnis schob ich hinterher – zum Glück.

Am letzten Dienstag wurde mein Zitat im „TalkTäglich“ von Tele M1 rezykliert, zu Gast war: Karin Bertschi. Konfrontiert mit meiner fast 14 Monate alten Einschätzung konterte sie:

«Ist Herr Balsiger nur frustriert, weil er als Mann geboren wurde, keine blauen Augen und Rapunzelhaare hat?» Und fügte an: «Wenn seine These wahr wäre, müssten im Grossen Rat ja lauter Miss-Schweiz-Kandidatinnen sitzen.»

Die «Aargauer Zeitung» gehört zur selben Mediengruppe wie Tele M1 (Peter Wanners AZ Medien). Wie alle anderen Medien ist sie erpicht darauf, möglichst viele Klicks zu generieren. Dazu eignet sich Videocontent vorzüglich. Menschen mögen bewegte Bilder, Algorithmen auch. Also hat die AZ den Talk zusammengefasst und zwei Videosequenzen integriert. Der Titel dieser Story:

Nun, liebe Frau Bertschi, Sie werden zu diesem Blog-Posting finden, weil Politikerinnen in der Regel etwas eitel sind, Politologen übrigens auch, und deshalb wende ich mich direkt an Sie. Klären wir doch diese Sache mit einem Augenzwinkern:

Sie haben blaue Augen – me too. Seit 50 Jahren. Meine blinzeln seit jeher lebenslustig in die Welt, la vita e bella. Das mit der Frustration will also auch nicht passen, und stellen Sie sich vor: ich bin gerne Mann. Bleiben die Rapunzelhaare. Ich musste herzhaft lachen, als Sie dies im Gespräch mit Moderator Rolf Cavalli erwähnten. Sehen Sie, in meinem Alter ist Mann schon zufrieden, wenn auf dem Kopf überhaupt noch etwas spriesst.

Über ihre Wahl habe mich übrigens gefreut! Ich freue mich für jede Frau, die in ein politisches Amt gewählt wird, egal zur welcher Partei sie gehört. Es gibt zu wenig Frauen in der Politik! Testosterongesteuerte Politik bringt uns nicht weiter, egal ob im Bundeshaus oder im Unterwallis.

Der 20. Oktober 2019 ist in meiner Agenda vorgemerkt. Dann finden die nächsten eidgenössischen Wahlen statt. Wenn Sie bis dann noch einen Strick in der Politik zerreissen, werden Sie den Sprung in den Nationalrat vermutlich schaffen. Hoffentlich erhöht das auch den Frauenanteil in der SVP-Fraktion. Zurzeit liegt er unter 20 Prozent.

P.S.
Liebe Leser (m) und Gwundernasen (w/m), der wahre Grund für diesen Text: Ich wollte aufzeigen, wie das Clickbaiting der Medien funktioniert. Den Teaser platzierte ich auf meinem Facebook-Profil.

Zum Abgang gibt’s noch etwas Vox Populi:

Eine Auswahl der Online-Kommentare in der «Aargauer Zeitung» vom 6. Dezember 2017.

#EgoPost #TeleM1 #KarinBertschi #WahlAG16 #nrw19 #Clickbaiting

Das Rampenlicht der Medien und die Rolle als Experte

Das jüngste Gastspiel in der Talkshow “Schawinski” nehme ich zum Anlass, um meine Präsenz in den Medien zu thematisieren. Wieso? In den letzten Monaten wurde ich oft auf diese Rolle angesprochen. Ich will nun auch auf meinem privaten Blog klären, was es damit auf sich hat.

Seit ich Bücher über politische Kommunikation schreibe und ein Blog betreibe, erhalte ich Medienanfragen. Das begann im Herbst 2006, anfänglich ganz sanft, inzwischen sind es 300 bis 400 Anfragen pro Jahr. Mehr als die Hälfte davon kann ich aus zeitlichen Gründen nicht annehmen. Priorität hat immer die richtige Büez. Wenn ich es aber einrichten kann, gebe ich gerne Auskunft. Das geht oft nur, wenn ich meinen Tag kurzfristig umstelle und Nachtarbeit leiste. Wenn ich von einem Thema wenig weiss, lehne ich ab und verweise an die Bochslers, Bühlmanns oder Golders.

Drei Prinzipien halte ich hoch:

1.  Fairplay. Ich habe den Anspruch, dass meine Einschätzungen nicht parteiisch sind. Das ist mir nicht ganz immer gelungen.

2.  Unabhängigkeit. Ich trage nie gleichzeitig zwei verschiedene Hüte. Wenn meine Kommunikationsagentur involviert ist, mache ich gegenüber Medien keine Einschätzungen, basta. In den letzten zehn Jahren ist es zu keinem einzigen Interessenkonflikt gekommen.

3.  Verständlichkeit. Normale Menschen können mit dem Politologen-Kauderwelsch nichts anfangen. Politik muss einfach vermittelt werden, also fungiere ich als Übersetzer. 51 Prozent der Jugendlichen finden Politik kompliziert (Quelle: easyvote) Wenn wir es nicht schaffen, sie im Alter zwischen 15 und 18 Jahren abzuholen und anzufixen, bleiben sie ein Leben lang apolitisch. Das Risiko: Sie werden anfällig für Populismus von rechts oder von links. (Politische Bildung finden alle Player stets wahnsinnig wichtig. Wird es aber konkret mit ihrer Förderung, dann, ja dann kommt das Motörchen schon ins Stottern.)

Medienauftritte und -auskünfte werden normalerweise nicht bezahlt, es gibt auch keine Reisespesen. Die Ausnahmen: Bei „Giacobbo/Müller“ erhielt ich 200 Franken bar auf die Hand. Danke, Billag-Gemeinde! Dafür habe ich aber auch geschwitzt, gopelletti! Wenn ich an Wahltagen bei privaten TV-Sendern Instant-Analysen liefere, gibt es ein bescheidenes Honorar. Ich achte darauf, dass der Anteil der Expertli-Tätigkeit 10 Prozent meiner Arbeitszeit nicht übersteigt. Mehr wäre nicht verkraftbar.

Öffentliche Auftritte streicheln mein Ego, klar, und ich mag den Adrenalinkick. Aber ich brauche sie nicht für mein Wohlbefinden. Ich bilde mir auch nichts auf diese Expertenrolle ein – es ist ein Job. Natürlich, die Medienpräsenz machte mich zweifellos bekannter. Gewisse Türen haben sich deswegen geöffnet, andere sind ins Schloss geschnappt. Zweiteres ist menschlich, weil ich regelmässig Akteure im politischen Zirkus kritisiere. Apropos: Im Bundeshausperimeter beobachte ich Politiker, Journalisten und Berater mit einem (selbst-)ironischen Lächeln. Fast alle halten sich für enorm wichtig, der Testosteronspiegel ist hoch, Regula Stämpfli würde dieses Gockelgehabe womöglich als „Schnäbi-Wettbewerb“ bezeichnen.

Kein Understatement, sondern eine realistische Selbsteinschätzung: In der Gilde der Politbeobachter stehe ich in der dritten Reihe. Dort bin ich am richtigen Ort. Mir fehlen Ehrgeiz und Brillanz, um vorzurücken. Mir fehlt leider auch die Zeit, um wieder selber zu forschen.

Dass Medien-Politologen überhaupt eine beachtliche Präsenz erlangen konnten, liegt an den Medien selber. Seit Ende der Neunzigerjahre entpolitisieren sie sich schleichend, anstelle von abgeklärter Einordung werden lieber Konflikte abgebildet. Auf vielen Redaktionen fehlen heute Routiniers, die wissen wie der Hase in der Politik läuft. Die Medien-Politologen „übernahmen für die Journalisten das Denken“, kritisierte Christof Moser (Ex-„Schweiz am Sonntag“, neu bei „Project R“) einmal. Das Outsourcing von Einschätzung und Analyse verstärkt die Expertokratie.

Wer Medienpräsenz hat, erhält nicht nur Applaus, sondern muss auch jederzeit mit Diffamierungen auf Social Media oder per E-Mail rechnen; anonyme Briefe und Telefonanrufe gibt es auch. Unsere Zunft kriegt ihr Fett genauso ab wie jene der Politikerinnen und Politiker. Das kann geschäftsschädigend sein, Neid und Missgunst kommen hinzu.

Ich hoffe, dass diese Zeilen zur Klärung beitragen, danke.

 

P.S.  Die “Best-of”-Zusammenstellung der Interviews usw., die ich seite 2006 gegeben habe, sind im Medienspiegel meiner Kommunikationsagentur aufgeführt.

Giacobbo und der Gorilla

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Das Schönste an
der letzten „Giacobbo/Müller“-Sendung sind die zahllosen Rückmeldungen, die ich per Telefon, E-Mail und SMS erhalten habe – „Hellou soziale Anerkennung!” Zum Teil meldeten sich Leute, die ich vor 20 Jahren aus den Augen verloren hatte. Auch Dutzende von Unbekannten mailten mir ihre Feedbacks, die teilweise sehr präzis waren. Zum Beispiel D.K.:

„Ihre 10 Minuten bei Giacobbo/Müller habe ich als sehr erfrischend erlebt; klare Aussagen, etwas Humor und dazu noch mehr als nur ein Hauch Feminismus. Mein Eindruck wurde leider getrübt durch ihre Körpersprache (die Hände waren Klasse). Die gorillamässige Sitzhaltung wirkte wenig sympathisch. Das können Sie besser.“

D.K. hat Recht, non-verbal bot ich einen merkwürdigen Auftritt and I’m not fishing for compliments. Doch schauen Sie ihn sich selber an:

Giacobbo/Müller – Late Service Public: Talk vom 20. November 2016

Seit nunmehr 14 Jahren
mache ich Einzelpersonen fit für wichtige Auftritte, eine Mehrheit davon kommt übrigens nicht aus der Politik. Ich trainiere mit Ihnen, wie sie überzeugend argumentieren und Botschaften platzieren können. Bei Vorträgen, Interviews, Podien und Präsentationen vor der Geschäftsleitung. Als Talkgast bei der „Late-Night-Show“ von SRF war ich nun selber gefordert. Wie viele Tipps, die ich jeweils in unseren Trainings vermittle, konnte ich selber umsetzen?

Nun, ich bin nicht zufrieden mit meinem Auftritt. Wieso?

– Ich brachte nur in Teilen rüber, was ich im Kopf hatte, wichtige Punkte vergass ich komplett, und das darf nicht passieren.

– Die Schlagfertigkeit, sonst eine Stärke von mir, war wie weggeblasen. Es war nicht mein Ziel, lustig zu sein. Das funktioniert nie. Aber ein paar Pointen wollte ich schon landen.

– Dass ich nervös war, zeigte meine Körpersprache. Das ständige Vor- und Zurücklehnen – eben der “Gorilla” – hätte es nicht gebraucht. Während des ganzen Talks suchte ich meine Mitte.

Was mich noch lange ärgern wird: Die Beratung von Politikerinnen und Politikern ist seit 14 Jahren bloss ein Nischengeschäft meiner Agentur. Unsere Aufträge kommen hauptsächlich aus der Privatwirtschaft, zum Teil von der öffentlichen Hand sowie von Einzelpersonen, die keine politischen Ämter innehaben. Das hätte ich Viktor Giacobbo, Mike Müller und der „Late-Night“-Gemeinde in zwei Sätzen erklären sollen. Im Stress vergass ich es – Scheibenkleister, Plattform nicht genutzt.

In schöner Erinnerung ist mir der zweite Teil des Sonntags: Die ganze Crew geht jeweils nach der Show im „Kaufleuten“ essen, die Gäste dürfen mit. Das Znacht war lukullisch, die Runde in bester Laune. Ein feiner Abend, aber äbe: der Auftritt, goppeletti!

 

Nachtrag vom 12. Dezember 2016:

“Giacobbo/Müller” ist Geschichte, gestern wurde die letzte Sendung ausgestrahlt, Talkgast war Bundesrätin und Medienministerin Doris Leuthard – ein würdiger Abschluss. “Late Service Public” wurde in den letzten Jahren oft belächelt, Satire habe einen schweren Stand in der Schweiz, die Pointen seien flach. Diese Kritik ist nicht falsch, aber sie blendet aus, dass “Giacobbo/Müller” auch viele gute Momente hatte, bestens unterhielt und “eine Sendung wie die Schweiz war”, wie  “Tages-Anzeiger”-Redaktor Philipp Loser schreibt. Er würdigt die Sendung auf eine faire Art.

„Lerchen trällern auch im Landregen“

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Seit rund zwei Wochen bin ich wieder in der Schweiz. Die Anpassung an ein sesshaftes Leben hat zum Glück problemlos geklappt, ich bin wohl in Bern. Zugleich schwelge ich in Erinnerungen. Zusammen mit Bürokollege Suppino habe ich meine dreimonatige Velotour von Bern ans Nordkap Revue passieren lassen. Ein Gespräch über den „Flow“ und die soziale Isolation, platte Reifen, Hornhaut und den „Läck-mir“, über Ueli Giezendanners Haare und meine Learnings.

Bürokollege Suppino: Du warst 72 Tage lang im Sattel. Wie dick ist eigentlich die Hornhaut am A…, ach, du weißt schon.

Mark: Wir beginnen dieses Gespräch also mit dem Hintern (grinst) – grossartig! Dann halt. Es ist ein Mythos, dass sich am Arsch, pardon l’expression, Hornhaut bildet. Er schmerzte die ersten vier, fünf Tage, danach ging es. Gut gepolsterte Velohosen, ein passender Sattel und Hygiene haben sicher geholfen. Es gibt übrigens Radler, die schwören auf „Füdlecrème“, ich halte sie für ein Placebo.

Du hast die Ausrüstung angeschnitten. Erfahrene Tourenbiker sagen, dass sie 80 Prozent des Erfolgs ausmacht.

futter_383_img_2581Für jedes Wetter geeignete Kleider dabei zu haben hilft enorm, klar. Ich habe unterwegs mehrmals Sachen dazugekauft und ausgewechselt. Mein postgelbes Velo ist übrigens eine Einzelanfertigung; es hat sich bewährt. Genauso wie Zelt, Schlafsack und das Kochmaterial. Sehr wichtig ist allerdings auch die mentale Verfassung. Wenn es im Kopf nicht stimmte, kam ich nicht voran. Und noch etwas, Suppino: Ich musste futtern wie noch nie in meinem Leben – Pasta, viel Pasta, manchmal wars auch Reis. Oder Pizzen. Mein Kalorienverbrauch hatte sich von einem Tag auf den anderen verdoppelt. Ich konnte mir auch täglich Erdbeertörtchen und andere Süssigkeiten als Belohnung erlauben – hach! (Bei dieser Aussage habe ich wohl die Augen verzückt geschlossen.)

Hast du eigentlich vor deiner Tour trainiert?

Nein. Ich habe eine gute Grundkondition, weil ich schon seit vielen Jahren fünfmal pro Woche im Hallenbad schwimme und oft in den Bergen unterwegs bin. Die Kondition auf dem Velo kam mit dem Fahren. Ich wollte ja nicht möglichst schnell möglich weit kommen.

Sondern?

Ich wollte Zeit haben und die Natur er-fahren. Das funktioniert nur mit dem Fahrrad: Ich machte Halt, wo es mir gefiel, setzte mich unter einen Baum, um zu lesen, beobachtete Tiere in der freien Wildbahn, besuchte alte Freunde und radelte mit Tempi, die mir gerade behagten. Manchmal sportlich, manchmal sehr gemächlich. Was ich unterwegs erlebte, kann ich weiterhin nicht in Worte fassen. Nur so viel: Velofahren bedeutet für mich Freiheit. Frische Luft in den Lungen, die Stille der Natur, sanft vorbeiziehende Landschaften und dabei den eigenen Körper spüren – das war der Mix, der immer wieder zu einem Flash führte.

Das klingt esoterisch?

Wie es klingt, ist mir egal. Ich erzähle dir, wie ich mich unterwegs fühlte. Von wenigen Tagen ausgenommen schüttete das Velofahren Glückshormone aus. Kombiniert mit dem „Flow“, der beim Radeln meistens kam, war das, hach… schlicht wunderbar!

Viele Leute glauben, dass längere Velotouren langweilig und monoton sind.

Es gibt auch Leute, die behaupten, die Wüste sei tot. Dabei ist sie voller Leben! Doch zurück zum Velofahren: Ich konnte mich an den Landschaften und Wolkenbildern nicht sattsehen, und ich habe seit Kindsbeinen ein geschultes Auge für Tiere in freier Wildbahn. Das half: Ich habe Elche, Fischadler, eine Wildsau, Eisvögel und viele andere Tiere gesehen. Unterwegs kam nie Langweile auf; ich hatte auch viel Zeit zum Nachdenken.

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Andere machen solche Touren zu zweit oder mit einer kleinen Gruppe, du warst alleine unterwegs.

Ich fuhr tatsächlich fast immer alleine, und das habe ich sehr genossen. Ich gehe auch gerne ab und zu alleine wandern oder ins Theater. Meine Route nordwärts richtete ich nach den Leuten in Deutschland und Skandinavien aus, die ich in den letzten 25 Jahren kennen gelernt habe. Etwa 40 Nächte kam ich so bei Bekannten und Freunden unter, und das war schön. Sie stellten mir ein Gästebett oder eine Couch zur Verfügung, nach meiner Ankunft hüpfte ich jeweils unter die Dusche, wusch meine Veloklamotten, machte zehn Minuten Stretching und beantwortete Geschäftsmails. Hernach gabs Znacht und wir verbrachten kurzweilige Abende. Gerade wegen dieser Kombination spreche ich so euphorisch über meine Velotour. In Deutschland kenne ich nur wenig Leute, dort erlebte ich die soziale Isolation mehrmals, und sie bekam mir nicht. Mit Wohnmobil-Pensionären ins Gespräch zu kommen war kaum möglich, und falls doch, fand ich es nicht bereichernd.

Gabs eigentlich auch brenzlige Situationen?

Die Hunde waren selten aggressiv, ich wurde von keinem Elch überrannt und blieb auch sonst unfallfrei. Auf der Strasse hatte ich ein paar Mal Glück, etwa wenn ein Automobilist den Rechtsvortritt missachtete oder zu knapp überholte. In vielen Tunneln Norwegens übermannte mich die Angst oder ein mulmiges Gefühl, weil sie schlecht ausgeleuchtet, eng und zugig-kalt sind. Wenn mich ein übermüdeter Lastwagenchauffeur übersehen hätte… Mon Dieu!

Und wie viele Platten hast du eingefangen?

Zwei. Eine davon im strömenden Regen irgendwo im Nowhere Dänemarks. Zuerst stiess ich meinen Standardfluch aus: „Stuzzi cadenti rotondi!“, was übrigens bloss „runde Zahnstocher“ heisst, aber eindrücklich klingt. Dann schob ich mein Rad zu einem Bauernhof, wo ich in einer offenen Scheune den Schlauch flickte. Nach einer halbe Stunde war ich wieder unterwegs – vergnügt pfeifend. Dreissig Kilometer entfernt warteten Freunde und ein warmes Nachtessen auf mich, kein Grund also, missmutig zu sein.

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Trotzdem, hattest du manchmal auch den „Läck-mir“? (Für die Leser ausserhalb der Schweiz: “Läck-mir” ist ein Helvetismus, zu übersetzen mit: Es kackt mich an. Etwa.)

(Lacht.) Der Optimismus ist ein treuer Begleiter, man kann ihn mir vermutlich nicht austreiben. Wenn etwas schiefläuft, erkenne ich dennoch auch positive Aspekte, und wenn etwas nicht richtig läuft, stachelt mich das an. Ganz pragmatisch versuche ich immer, aus einer Situation das Beste zu machen. Lassen wir doch die Esoterik, die du ja schon sanft ins Spiel gebracht hast, nochmals anklingen. Mir gefällt ein Sprichwort aus Uganda: „Wende dich der Sonne zu, dann fallen die Schatten hinter dich.“ All das half mir auf meiner Tour. Ein Beispiel: Wenn es stundenlang regnete, und das tat es oft, konzentrierte ich mich auf die Lerchen. Die trällern nämlich auch während eines Landregens. Ein erstaunlicher Vogel: klein, unscheinbar und in der Luft kein eleganter Flieger. Aber er singt – unverdrossen. Also radelte ich – unverdrossen.

Okay, okay, du Gute-Laune-Mensch! Hast du trotzdem ab und zu mit dem Gedanken gespielt, die Tour abzubrechen?

Ja, einmal. Es war am zweiten Tag, in den Jurahöhen. Ich musste über den Passwang, die Steigung betrug bis zu 13 Prozent, eineinhalb Stunden lang schob ich mein Gefährt, keuchte und schwitzte – und die Sonne brannte darnieder. Ich fluchte wie ein Fuhrhalter, Ueli Giezendanner wären die Haare zu Berge gestanden. Ein latentes Risiko war mein rechtes Knie: Das hat die letzten 20 Jahre keine langen Etappen auf dem Velo mehr zugelassen. Aber auf dieser langen Tour ging es, nur sieben Tage fuhr ich mit Schmerzen. Dafür bin ich unendlich dankbar.

Wie hast du eigentlich navigiert?

Für die grobe Orientierung kaufte ich mir jeweils Landkarten im Massstab 1:250’000 oder 1:300’000. Mal auf dem Rad halfen diese natürlich nicht mehr. Dafür hatte ich die App „Komoot“, die mir meistens einen guten Routenvorschlag machte. Ergänzend nutzte ich „Naviki“ und in den Städten „Google Maps“. Auf Wegweiser für Radwege konnte man sich nicht verlassen. Ich habe auch Leute auf der Strasse angehauen, oder andere Biker.

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Du betonst bei jeder Gelegenheit die 5500 Kilometer, die du im Sattel zurückgelegt hast. War es dir wichtig, das Nordkap zu erreichen?

Nein, es ging mir darum, unterwegs zu sein. Die längste Zeit war #ToNorthCape2016 bloss eine Chiffre. Sie klingt spektakulärer als #nordwärts. Erst auf den Lofoten-Inseln meldete sich der Ehrgeiz, und ich definierte das Ziel glasklar: „Jawohl, ich will ganz hoch.“ Die letzten acht Tage bzw. 600 Kilometer war es oft empfindlich kalt, aber fast immer trocken. Hätte es ständig geregnet, wäre ich an meine Grenzen gestossen. Die Kombination von Kälte, Wind und Regen macht mürbe. Eine befreundete Radtourenfahrerin sagt zwar, das forme den Charakter. Ich kann auf die Zähne beissen, aber tagelang würde ich mich nicht quälen.

Wie hast du deine Abenteuer „On the Road“ festgehalten?

Wie immer! Seit nunmehr 30 Jahren schreibe ich Tagebuch, zwar nicht täglich, sondern immer dann, wenn etwas für mich Relevantes passiert. Auf meiner Velotour tippte ich jeden Abend vor dem Einschlafen meine Erlebnisse in den Laptop. Das ging ratzfatz. Einzelne Abschnitte habe ich später ausgebaut, veredelt und als Postings auf dieses Blog gestellt. Hier führte ich auch ein „Log Book“ in englischer Sprache; es war primär gedacht für die internationalen Freunde, die mich beherbergten. Du hast die Postings doch sicher auch gelesen, Suppino!

Ähh, ja… ich meine, nein. Hmm…. doch! Ich habe die Story mit der schönen Schwedin mit Genuss reingezogen. Darf ich jetzt wieder die Fragen stellen?

Go on.
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Was würdest du anders machen?

Die Routenwahl durch Deutschland war ein Fehler. Ich würde entweder in Basel mit einem Schiff den Rhein hinunter bis Rotterdam schippern oder durch die Bundesländer im Osten radeln. Der Mosel und dem Rhein entlang zu fahren war landschaftlich deutlich weniger attraktiv als durch Schleswig-Holstein und Skandinavien. Zudem würde ich mein Gepäck noch viel stärker limitieren, ich schleppte zu viel Gewicht mit. Okay, das erhöhte den Trainingseffekt (lacht). Bei der nächsten grossen Velotour werde ich eine gute Kamera und ein separates Navigationsgerät, etwa von Garmin, verwenden. Für alles das iPhone zu brauchen war riskant, gerade im Dauerregen.

Aha, die nächste grosse Velotour!

Mit dem Trip von Bern ans Nordkap konnte ich eine Position auf meiner „Bucket List“ streichen. Während des Fahrens sind mir aber neue Ideen gekommen. Nur so viel: Es wird nicht 20 Jahren dauern, bis ich das nächste Abenteuer mit dem Velo starte.

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Bundespräsident Johann Schneider-Ammann spricht – Franzzz…ösisch

Das Dîner ist beendet, der Fromage zum Abrunden war succulent. Der Sprachstudi mit ergrautem Haupthaar sitzt zusammen mit seiner französischen Gastfamilie vor der Kiste. Es läuft “Le petit journal” auf Canal+. Das ist eine locker-flockige Show, manchmal lustig, manchmal doof – oftmals verstehe ich die Pointen und Dialoge nicht. Mon Dieu, cette vitesse! Ich habe dieses Programm aber längst zu einem integralen Teil meines Sprachunterrichts erklärt.

Gestern Abend zucke ich ganz plötzlich zusammen: Unser Bundespräsident wird eingeblendet! Er flimmert in die warme Stube. Und dann… spricht er. Französisch. Langsam, aber voller Enthusiasmus und mit raumgreifender Gestik, so wie man ihn kennt. Er spricht zum Tag der Kranken. Diese Ansprache habe Kultpotenzial, hatte ich tagsüber auf Schweizer Kanälen knapp mitgekriegt.

Et bien, mes compatriotes, président Johann Schneider-Ammann, tout à coup célèbre en France – regardez cette séquence du “petit journal” (6:51 min):

Was Johann Schneider-Ammann von Ronald Reagan unterscheidet und was die Berater des Bundespräsidenten verpasst haben, erläutere ich in einem Gastbeitrag auf dem Branchenportal “Persönlich”.

 

 

Schawinski, Michael Hermann und Bügelhilfe Balsiger

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Mit 12 war er mein Held, weil er uns mit Pop-Musik – unserer Musik! – versorgte. Vom Pizzo Groppera aus, 24 Stunden am Tag, das „Phone in“ mit Jürg Hofer und Dani Ambühl, jeweils samstags tief in der Nacht, war für mich das höchste aller Radiogefühle. Nicht einmal “Sounds”, die eine Stunde pro Tag mit François Mürner, die Mutter SRG vor 1983 mit unserer Musik erlaubte, konnte das “Phone in” toppen.

Mit 20 schrieb ich Roger Schawinski einen zweiseitigen Brief. Ob er das „Hofstatt Festival“ in Brugg (AG), das ich mit Freunden aus dem Boden stampfte, auf der Frequenz von Radio24 live übertragen wolle, fragte ich ihn. Eine Antwort blieb aus, und ich war enttäuscht.

Mit 48 sass ich ihm gegenüber. Am letzten Montag wars, abends um 23 Uhr. In irgendeinem Studio im Leutschenbach. Zusammen mit Politgeograf Michael Hermann analysierte ich bei „Schawinski“ die Wahlen.

Schawi ist auch aus der Nähe ein Phänomen: Sobald die Kameras laufen, sprintet er los wie ein Gepard auf der Jagd, schlägt Hacken, rudert mit den Händen, wackelt mit dem Kopf, in seinem Gesicht wetterleuchtet es. Er springt von einem Thema zum nächsten, Hermann ist ihm dicht auf den Fersen, ich keuche hinterher. Mein einziger Gedanke – immer wieder: „Ich will meine Sätze beenden! Ich will einfach meine Sätze beenden! Sei knapp und präzis! Sprich verständlich!“ Bereits bei einem ultrakurzen Zögern fährt Schawinski sofort dazwischen, und schon sind wir wieder anderswo, mein Argument bleibt in der Steppe liegen.

Etwa die Hälfte meiner Sätze bringe ich zu Ende.


Gestern schrieb mir via Twitter eine Frau, die ich nicht kenne. Sie habe uns zugeschaut und dazu ihre Wäsche gebügelt. Ich antwortete nur mit einem Wort und einem Satzzeichen: faltenfrei?

P.S.  Im “Club” von SRF wäre das Sprechdenken erlaubt. Die Idee “Bügelhilfe Balsiger” bleibt auf der Liste.

 

Wenn ein Linker mit dem linken Fuss aufsteht

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Dienstagabend, kurz vor sechs
, Telli-Quartier Aarau. Im Studio von “TeleM1” soll “TalkTäglich” in Szene gehen. Der Aargauer SVP-Chef Thomas Burgherr, gepudert, Gesprächsleiter und AZ-Chefredaktor Christian Dorer, gepudert, und das Expertli für politische Winkelzüge, gepudert – alle sind bereit. Die Kameramänner sowieso.

Einer fehlt: SP-Nationalrat Cédric Wermuth. 18.02 Uhr. Wermuth ruft an. Er habe in Bern den falschen Zug erwischt und sei nun in Liestal…

Murphy lächelt süffisant, Wermuth hechtet in ein Taxi und donnert via Frick und die Staffelegg nach Aarau. Der Kampf um die Minuten beginnt, die Sorgenfalten des Aufnahmeleiters werden grösser, der Talk wird künstlich nach hinten geschoben, Wermuth trifft ein, hat zu wenig Geld für das Taxi, Dorer hilft aus – und schon sind wir auf Sendung.

Nach der Aufnahme bekennt Wermuth, er sei mit dem linken Fuss aufgestanden und fragt in die Runde: “Ist heute Vollmond?”

Merke: Politiker sind zwar immer im richtigen Film, aber gelegentlich nicht im richtigen Zug.