Jetzt hilft nur noch der Druck der Öffentlichkeit

Wir leben im Zeitalter von Fake News, Push-Nachrichten und Glarner-Funiciello-Ringkämpfen. Noch haben wir Alternativen zu schnell hingeworfenen News und belanglosen Storys. Geht es um Einordnung, Hintergrund und Analyse sind Sendungen wie «Echo der Zeit», «Rendez-vous» und «Heute Morgen» von Radio SRF zuverlässige Anker im Sturm. Sie überzeugen durch Qualität und erreichen die Massen – linear, zunehmend auch mit Podcasts.

Produziert werden diese Sendungen, aber auch die Nachrichten und SRF4 News seit jeher in Bern, die Fachredaktionen Wirtschaft, Inland und Ausland sind dort angesiedelt, ebenso die Korrespondentinnen und Korrespondenten. Das hat für Kontinuität und eine Bündelung an Know-how gesorgt. Und es brachte eine Kultur hervor, die unbezahlbar ist.

Doch die SRG- und SRF-Spitze will nun praktisch die gesamte Abteilung Information von Radio SRF von Bern nach Zürich verlegen. Betroffen wären rund 150 Vollzeitstellen (siehe Grafik unten). Zunächst wurde das Zentralisierungsprojekt als Sparmassnahme angepriesen. Als der Spareffekt schon bald auf drei Prozent des gesamten Sparprogramms zusammensackte, musste ein neues Zauberwort her: Digitalisierung. Der Bereich «Forschung und Entwicklung» könne nur systematisch vorangetrieben werden, wenn alle Beteiligten unter einem Dach seien, erklärte SRF-Direktor Ruedi Matter in einem Interview. Das Gegenteil trifft zu: Gerade die Digitalisierung eröffnet Möglichkeiten, um dezentral zu arbeiten. In allen Branchen. (Nebenbei: Die Renovation und der Ausbau des Radiostudios am jetzigen Standort kostete in den letzten Jahren insgesamt 30 Millionen Franken. Wird die Zentralisierung durchgeboxt, soll die Generaldirektion in die Radio-Liegenschaft an der Schwarztorstrasse umziehen. Sie müsste also erneut umgebaut werden, was erneut viel Geld kostete.)

Was bedeutete die Zentralisierung im Leutschenbach?

An einem Pult im Newsroom würde entschieden, wer welche Themen wie aufzubereiten hat. Die Folge wäre Gleichschaltung, der Wettbewerb der Redaktionen und die Differenzierung der Gefässe fallen weg. Die Beiträge werden in Einzelteile zerlegt und von anderen Journalisten über die verschiedenen Vektoren, also TV, Radio und Online, ausgespielt. Kurzfutter überall. Der Autor bzw. die Autorin des Beitrags hat keinen Einfluss mehr auf die weitere Verwertung ebendieses Beitrags. Das ist die Industrialisierung des Journalismus; sie macht ihn kaputt.

Die Bauarbeiten für einen Newsroom im Leutschenbach sind bereits im Gang. Damit ich hier nicht falsch verstanden werde: Ja, SRF soll einen Newsroom betreiben – für die schnelle Information! Egal auf welchem Vektor. Aber das reicht nicht. Die SRG-Sender können sich auf die Dauer nur halten, wenn sie auf Einordnung, Hintergrund und Analyse fokussieren. Dafür bezahlen die Leute gerne Empfangsgebühren. Das Radio ist prädestiniert dafür, TV hingegen bringt primär Themen, die sich bebildern lassen, Sport und Unterhaltung. Online wiederum ist stark auf Videosequenzen angewiesen, zudem sind diesem Vektor enge Grenzen gesetzt, was die Länge der Texte betrifft.

Das Bedürfnis nach fundierter Berichterstattung wird wachsen, zumal die privaten Medienhäuser auf Clickbaiting setzen und kein festes Korrespondentennetz mehr in den Regionen und im Ausland haben. Investigativer Journalismus wird noch wichtiger. Doch wer kann und will ihn ab dem Jahr 2025 noch bieten? Die SRG? Die WOZ? Die Republik, wenn sie überlebt? Hoffentlich die NZZ. Und sonst?

Stille.

Relevante Radiobeiträge kommen linear, on-demand, als Podcast oder auf eine Art, die wir heute noch gar nicht kennen. Neue Formen werden entstehen, Radio ist dynamisch und kostengünstig.

Überzeugende Informations- und Hintergrundsendungen am Radio bedingen Distanz zum Newsroom und damit auch zu Zürich-Leutschenbach. Sonst droht die Verflachung des Angebots, starke Marken wie «Heute Morgen», «Rendez-vous» und «Echo der Zeit» verlören an Bedeutung, und damit würde eine unheilvolle Erosion einsetzen. Newsroom und Hintergrund – das sind zwei Kulturen. Unter einem Dach passen sie nicht zusammen, das Hintergründige würde verwässert.

Aus diesem Grund muss dieses Zentralisierungsprojekt jetzt endlich gestoppt werden. Schluss mit diesem Unfug à la McKinsey! Anders als bei «No Billag» können wir nicht mit einer Volksabstimmung kraftvoll «Njet» sagen. Hintergrundgespräche und politischer Druck haben in den letzten Monaten nicht zu einem Übungsabbruch geführt. Also hilft nur noch der Druck der Öffentlichkeit. Und damit liegt der Ball bei dir/Ihnen! Es geht darum, jetzt Farbe zu bekennen. Auf der Strasse.

Am Donnerstag, 30. August, 19 Uhr, wird auf dem Bundesplatz eine Kundgebung für den Radiostandort Bern stattfinden. Dabei geht es um viel mehr als den Standort von Radio SRF in Bern. Es geht um Föderalismus. Um Qualität. Um Demokratie. Und um den Medienplatz Schweiz.

Selbst wenn an jenem Abend andere Alternativen locken: Kommet zahlreich!

P.S.
Die Crew des Radiostudios Bern hat im Verlauf des Sommers ein Papier erarbeitet, das aufzeigt, wie ein Audio-Kompetenzzentrum in Bern aufgebaut werden könnte – Leseempfehlung.


Zur Grafik: Wie die Abteilung Information von Radio SRF in Bern heute aussieht, und wie sie sich nach der Zentralisierung präsentieren würde:

Auf die Zivilgesellschaft ist Verlass


Der Abstimmungskampf
dauerte fünf Monate, war ausgesprochen intensiv und leider oftmals gehässig. In der Schweizer Mediendatenbank werden vom 1. Oktober letzten Jahres bis am 28. Februar rund 7500 verschiedene Artikel referenziert. Pro Tag erschienen über dieses Thema also durchschnittlich 50 Texte. Das ist rekordverdächtig. «No Billag» liess kaum jemanden kalt, die Vorlage spaltete das Land. Umso wichtiger ist das klare Resultat: Das Volk sagte mit 71,6 Prozent wuchtig Nein zur Verstümmelung bestehender Radio- und TV-Sender.

Über Monate hinweg arbeiteten sich Zehntausende von Menschen an der SRG und ihren Angestellten ab – von NZZ-Chefredaktor Eric Gujer bis zur Wutbürgerin in der hinterfinstersten Gasse in Klein-Basel. Er war eine Abrechnung, unversöhnlich, demagogisch, mitunter sogar hasserfüllt. Das Reizwort «Flüchtlinge» wurde ersetzt durch «SRG» und sie musste für alles hinhalten, am Schluss sogar für die sibirische Kälte der letzten Wochen. In ihren Kommentaren liessen allerdings auch viele «No Billag»-Gegner Anstand und Respekt vermissen.

Es gibt Parallelen zur Abstimmung über die Durchsetzungsinitiative vor zwei Jahren: Auch damals machte die Zivilgesellschaft den Unterschied. (Okay, der Begriff ist die letzten Jahre sehr oft verwendet worden.) Zehntausende von Einzelpersonen haben sich erneut für ein Nein stark gemacht. Dazu kamen die Efforts von Künstlerinnen, Comedians wie Giacobbo/Müller, Schauspielern, Volksmusik- und Sportverbänden. Operation Libero ist inzwischen auf derselben Flughöhe wie die grossen Parteien, das Komitee «Nein zum Sendeschluss» wiederum konnte 1,5 Millionen Franken an Spenden generieren. Zudem erhielt es von den Kreativen unentgeltlich rund hundert Videos zur Verbreitung, viele davon waren hochwertig produziert. Die Reichweite war mit 200’000 Leuten pro Tag so gross wie nie zuvor.

Auf die Zivilgesellschaft ist also Verlass. Die Wir-Schweiz bleibt also deutlich stärker als die Ich-ich-ich-Menschen, deren immergleiche «Ich-ich-ich»-Voten wir die letzten Monate gehört haben. Sie blenden aus, das Gemeinsinn unser Land stark gemacht hat.

Die Schlacht ist geschlagen, das Wasser bleibt unruhig, die SRG geht aber gestärkt aus dieser Abstimmung hervor. Sie sollte dem Kredit, den sie mit diesem Plebiszit erhalten hat, mit Demut und Offenheit begegnen. Es muss ihr gelingen, das Gärtchendenken, das sich mit der Konvergenz noch verstärkte, zu beenden. Die Arbeit der Leute in den Online-Abteilungen ist genauso wichtig wie bei Radio und Fernsehen. Ebenso wichtig ist ein Kulturwandel: Es reicht nicht mehr, wenn die Angestellten eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks einen guten Job machen. Die Programmschaffenden müssen in einen stetigen Austausch mit dem Publikum treten, zuhören, Inputs aufnehmen und vor allem: berührbar werden. Das kann in Schulen, Beizen und bei Service Clubs passieren, in der Stadt und auf dem Land. Das hat nichts mit Anbiederung zu tun. Die «Republik» zeigt, wie dieser Dialog funktionieren soll: «Wir wollen Gastgeber sein, nicht nur digital, auch physisch.»

Die SRG hat eine privilegierte Position. Als gebührenfinanziertes Medienhaus muss sie für die Menschen in unserem Land ein Anker im Sturm sein. Das ist möglich mit überzeugenden Inhalten, mit Dialog und mit Chefs, die intern geschätzt und extern glaubwürdig und empathisch sind. Das neue Generaldirektorengespann Gilles Marchand und Ladina Heimgartner (Foto) kann diese Erwartungen hoffentlich einlösen.

Der US-Präsidentschaftskampf 2016 hat uns vor Augen geführt, wie mächtig Facebook, Algorithmen, russische Trollarmeen und Fake-News sind. Die Schweiz mit ihrer direkten Demokratie ist anfällig auf eine ähnliche Entwicklung. Umso wichtiger ist die Rolle starker und unabhängiger Medien. Fakt ist: Die privaten Medien stecken in einer tiefen Finanzierungskrise. Die Presse hat von 2011 bis 2016 satte 37 Prozent ihrer Werbeeinnahmen eingebüsst. Das ist dramatisch. Insgesamt generierten sie 2016 noch 1,26 Milliarden Franken. Zum Vergleich: Der Erlös der Online-Werbung in der Schweiz betrug 2016 bereits 1,09 Milliarden Franken. Der Löwenanteil dieser Summe fliesst zu den IT-Giganten im Silicon Valley, Apple, Amazon, Facebook und Google. Dort sitzt der Feind, nicht im Leutschenbach.

Ende der Neunzigerjahre führten die privaten Medienhäuser ohne Not die Gratiskultur ein. Damit haben sie sich selbst an die Klippen manövriert. Die Medienmanager glauben inzwischen nicht mehr daran, dass man mit Journalismus Geld verdienen kann. Entsprechend bauen sie die Portfolios um. Es geht darum, wer im kommerziellen Digitalgeschäft überlebt. Das Kerngeschäft von früher – die Information – wird dabei komplett marginalisiert. Nach 20 Jahren Gratiskultur ist die Bereitschaft, für Inhalte zu bezahlen, sehr bescheiden.

Übernahmen und Entlassungen werden auch die nächsten Jahre den Medienplatz Schweiz prägen. Das Trauerspiel um die Schweizerische Nachrichtenagentur sda ist ein aktuelles Beispiel. Umso wichtiger ist es, wenn sich das öffentliche Medienhaus SRG behaupten kann. Es hat eine Chance, wenn seine Vorgesetzten nun vieles richtigmachen. Die Ankündigungen Marchands von gestern lassen hoffen.


Disclaimer:

Ich war bei dieser Volksabstimmung Kampagnenleiter des Komitees «Nein zum Sendeschluss», also Partei.

 

 

Weitere Abstimmungskommentare:

Die «Aber» der schlechten Demokraten (Matthias Zehnder, persönlicher Blog)
Die SRG kann nicht bleiben, wie sie ist (Patrick Feuz, Der Bund)
Es braucht dennoch eine SRG-Reform (Rainer Stadler, NZZ)
Was für ein Signal! (Kasper Surber, WOZ)
Volk beerdigt No Billag – Bürgerliche wursteln weiter
(Gabriel Brönnimann, Tageswoche)
Warum der No-Billag-Streit der Schweiz gut getan hat
(Jacqueline Büchi, Watson)
Nach der Schlacht ist vor der Schlacht (Dennis Bühler, Norwestschweiz)
Jubeltag für die SRG – Reformen sind dennoch nötig
(Claudia Blumer, Tages-Anzeiger)
Die Medienrevolution kommt sowieso (Dominik Feusi, Basler Zeitung)
SRG-Demut ist deplatziert (Erich Gysling, Infosperber)

“Die Power des Internets ist zu verlockend”

Internet-Giganten wie Facebook oder Google filtern aus der Flut von Informationen gezielt heraus, was die einzelnen Nutzerinnen und Nutzer interessieren könnte. Die Folge sind “Filterblasen”: Die eigene Meinung wird bestärkt, andere Meinungen werden ausgeblendet. Die sozialen Netzwerke kennen ihre User immer besser. Der Algorithmus der Plattformen berechnet anhand von Hunderten Parametern, wer wir sind und was wir zu sehen bekommen. Ein Klick hier, ein Like da – und schon sind wir in der Blase gefangen.

Zu diesem Thema stand ich Jürgen Pfister von der „Bündner Woche“ Red und Antwort.


Herr Balsiger, sortieren sich die Menschen immer mehr nach Selbstähnlichkeit?

MB: „Gleich und Gleich gesellt sich gern“ – viele Leserinnen und Leser werden dieses Sprichwort kennen. Es entstand lange bevor das Internet seinen Siegeszug begonnen hat. (Lacht.) Aber es ist schon so: Die Gesellschaft fragmentiert immer mehr, gleichzeitig suchen die Menschen nach Orientierung – zum Beispiel im Netz, und dort vorzugsweise bei Leuten, die ähnlich denken.

Man bewegt sich unter seinesgleichen. Führt das nicht verstärkt dazu, dass man das Bewusstsein für andere Meinungen und für andere Positionen verliert oder, schlimmer noch, ablehnt?

In seiner Ausprägung hiesse das: Es gibt nur Richtig oder Falsch. Wer regelmässig bestätigt wird in seiner Meinung, dann aber plötzlich auf jemanden trifft, der eine konträre Überzeugung hat, ist zuerst irritiert. Dann kommt es zum Knall. Die Schweizer Parteien etwa gleichen inzwischen Sekten, wie sich mein Kollege Michael Hermann einmal ausdrückte. Alle haben die Wahrheit gepachtet, den anderen fehlt es an Intelligenz oder Weitsicht – oder an beidem. Die jahrhundertealte Tradition des Kompromisses, welche die Schweiz stark gemacht hat, wird so geschwächt.

Auch Falschmeldungen schleichen sich in Filterblasen ein. Wird die Unwahrheit zum Instrument der Politik?

Politik und Wahrheit waren noch nie eineiige Zwillinge. Das war auch in den angeblich guten alten Zeiten so.

Wie steht es um die Versuchung, Falschinformationen systematisch zu verbreiten?

Schon zu Zeiten des Römischen Reichs wurde die breite Öffentlichkeit manipuliert; Augustus beispielsweise, sein erster Kaiser, war ein Meister der Propaganda. Dasselbe gilt für die Bolschewiken während der Russischen Revolution 1917 und später für Nazi-Deutschland. Diese drei Beispiele zeigen: Falschinformation und Propaganda gibt es schon sehr lange. Das Internet, das ja die Gesellschaft weltweit hätte demokratisieren können, eröffnet ganz neue Möglichkeiten der Manipulation. Wenn es um Macht und Geld geht, schrecken einige Akteure vor nichts zurück. Die Power des Internets ist zu verlockend, um es nicht für die eigenen Zwecke zu nutzen – und leider oft auch zu missbrauchen.

Eine Gefahr für die Demokratie?

Dort, wo die Demokratie nie stabil werden konnte, ja. Nehmen wir den Konflikt um die Ost-Ukraine als Beispiel. Dort tobt auch ein Krieg im Netz, befeuert von Trolls (ich nenne sie Internet-Hooligans), viele von ihnen sind bezahlt, und von Social Bots. Zweitere sind clevere Computerprogramme, die auf bestimmte Schlagworte selbständig Kurztexte verfassen und in Umlauf bringen – vorab via Twitter oder Facebook. Sie verbreiten „Fake News“, für ihre Enttarnung braucht es aufmerksame Leute, Zeit und Medienkompetenz. Viele User stellen sich aber gar nicht die Frage nach der Verlässlichkeit der Quelle, gerade wenn die „Fake News“ ihre eigenen Überzeugungen stützen. Man teilt, was einem gefällt.

Filterblasen stützen das eigene Weltbild, passen zu dem, was man längst weiss, und sie streicheln das eigene Ego. Wollen wir keine konträren Ansichten mehr sehen?

Sehen Sie, der Mensch ist ein bequemes Wesen. Es braucht weniger Energie, zwei Kilometer mit dem Auto ins Geschäft zu fahren, als dieselbe Distanz in 20 Minuten zu Fuss zu gehen. Also fährt man – täglich. Es ist genauso bequem, sich mit Gleichgesinnten zu umgeben – im realen wie im virtuellen Leben. Es kommt ein weiterer Aspekt dazu: die Beschleunigung, der Megatrend unserer Zeit. Wir rasen durchs Leben, das Tempo überfordert uns, auch die News rollen wie grosse Wellen über uns hinweg. Komplexe Themen zu verstehen, ist aufwändig. Deswegen ziehen wir leichte Medienkost vor, und lieber solche, die bestätigt, was wir zu glauben wissen. Ein menschlicher Zug.

Je mehr personalisiert wird, umso mehr wird vom Rest der Welt ausgeblendet. Im schlimmsten Fall bekommt der Nutzer also gar nichts anderes mehr mit. Welches Risiko gibt es, wenn Meinungen ausgeblendet werden? Wie gefährlich ist diese Art der Meinungsbildung im Netz mit Blick auf Wahlen?

Die Präsidentschaftswahlen 2016 in den USA haben gezeigt, dass zahllose Social Bots eingesetzt worden waren. Zeitweise waren bis zu 20 Prozent aller Tweets nicht mehr von Menschen getextet, sondern von solchen Bots, und das mit klaren Absichten. Die Meldung, der Papst habe sich für Donald Trump ausgesprochen, erreichte Hunderttausende von Menschen in den USA. Und viele von ihnen glaubten sie. Die systematische Verunglimpfung der Medien – Stichwort “Lügenpresse” – hat eine zerstörerische Kraft. Was die Schweiz betrifft, bin ich allerdings nicht pessimistisch: Wir sind wir aufgeklärte Bürger und haben mehr als 150 Jahre Erfahrung mit demokratischen Prozessen.


Fördert das Netz auch gesellschaftliche Extreme?

Diese Vermutung ist naheliegend. Nehmen wir die Wutbürger. Diese hat es zwar schon immer gegeben. Früher sassen sie im „Bären“ oder im „Sternen“ und liessen ihre Fäuste auf den Stammtisch krachen. Sie wetterten über „Tschinggen“, „Dreckstamilen“ oder „Sozialschmarozer“. Inzwischen sitzen die Wutbürger alleine zu Hause vor ihren Laptops und hämmern in die Tasten. Facebook und News-Portale wurden riesige Echokammern. Je lauter man hineinruft, desto grösser ist das Echo, und darum geht es. Je rabiater der Ton, desto höher ist die Aufmerksamkeitsprämie. Das steckt an und vergiftet unsere Gesellschaft. In der Verantwortung stehen auch die Medienhäuser: In den letzten zehn Jahren haben sie versucht, möglichst grosse Online-Communities aufzubauen, die Hürden für Kommentare sind tief. Auf diese Weise wird einer Armada von Wutbürgern eine Plattform geboten.

Im personalisierten Internet sieht der Nutzer nur noch Artikel, die ihn interessieren. Mit diesem Geschäftsmodell verdienen Internet-Konzerne ihr Geld, weil sie mit diesem Werkzeug auch die Werbung auf das jeweilige Profil zuschneiden. Wer beispielsweise Urlaub in Schweden anklickt, bekommt über Google oder Facebook plötzlich nur noch Angebote von Blockhütten an einem schwedischen See angezeigt. Eine tolle Entwicklung oder bedenklich?

Man kann den Datenkraken ja auch ein Schnippchen schlagen. Oder sich überlegt im Netz bewegen und weniger Spuren hinterlassen. Zum Beispiel andere Suchmaschinen als Google nutzen und Facebook nur für private Nachrichten.

Die Medien unterliegen einem rasanten Wandel, Stichwort digitale Disruption. Im Kern geht es um eine Frage, die viele Experten schon seit Jahrzehnten umtreibt: Wie entsteht Öffentlichkeit? Wie gesellschaftlicher Konsens? Haben Sie eine Antwort?

Ich orientiere mich an den beiden grossen W – Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Die Hektik des Alltags lässt uns vergessen, welch zentrale Bedeutung sie haben. Die Medien haben eine eminent wichtige Rolle in der Demokratie, aber sie sind sich dessen kaum mehr bewusst, weil die Zeit für Reflexion fehlt und ein entfesselter Überlebenskampf im Gange ist. Wir als Staatsbürger sollten den relevanten Themen mehr Raum geben, um nachzudenken, zu diskutieren (so wie die Griechen in der Agora), und das am besten in Gruppen, die soziodemografisch durchmischt sind. Ich tue das zum Beispiel in einem 20-köpfigen Chor, dessen Mitglieder aus den unterschiedlichsten Milieus kommen. Das ist sehr bereichernd.

Facebook als Nachrichtenquelle? Viele Nutzer sehen das inzwischen so. Facebook selbst hat sich vielfach dagegen verwahrt, als Medienunternehmen bezeichnet zu werden. Warum? Teilen Sie die Ansicht, dass dies geschieht, um sich vor allem gegen die Art politischer Intervention abzuschirmen, die in Bezug auf traditionelle Medienunternehmen gängig ist? Ich spreche beispielsweise von Presserecht und Gegendarstellungen bei falschen Behauptungen.

Facebook ist wie Google, Apple und Amazon eine Datenkrake. Dank unseren Daten sind diese Tech-Konzerne gross und mächtig geworden, ihre Gewinne sind gigantisch. Im erweiterten Sinne sind Facebook & Co. nicht nur Plattformen, die Beiträge von Medien transportieren, sondern auch Medienunternehmen. Als solche müssen sie sich verstehen. Das bedingt einen Kulturwandel – und es braucht Druck, viel Druck von aussen. Von den Nutzern, aber beispielsweise auch von der EU-Wettbewerbskommission, die ja Ende Juni Google wegen Verstösen gegen das Kartellrecht mit 2,4 Milliarden Euro büsste. Facebook müsste dieselben Pflichten haben wie „Le Monde“, Radio SRF oder die “Bündner Woche”.

Soziale Medien haben die traditionellen Stärken des Journalismus zum Teil entmachtet. Bei Facebook und Google stehen fragwürdige News und Verschwörungsblogs scheinbar gleichberechtigt neben Quellen, die sich an journalistische Standards halten. Eine Chance für die die althergebrachten Medien oder ihr Untergang?

Die Medienhäuser haben die fundamentale Krise der Medien selbst herbeigeführt. In den Neunzigerjahren führten sie aus freien Stücken Gratisnews ein – zuerst mit Pendlerzeitungen, dann im Internet. Das war intelligenzfrei, journalistisch aufbereitete Information darf nie gratis sein! In der Schweiz kümmern sich die grossen Medienhäuser nicht mehr um Qualität und Publizistik; es geht um Quoten, Klicks und Margen. Journalistische Produkte sind nicht mehr ein Kulturgut, sondern industriell aufbereiteter Konfekt – schnell zusammengesucht, schnell geschrieben, schnell vergessen. Einige wenige Medien kämpfen gegen diese Entwicklung zur Verflachung und kompletten Boulevardisierung an. Ein paar davon sind traditionelle und starke Marken, andere werden neu entstehen.

Was kann man selbst tun, um die Blase zum Platzen zu bringen, in der man vielleicht schon längst gefangen ist, ohne es zu merken?

Ich erzähle Ihnen, wie ich vorgegangen bin: Ich wählte sorgfältig ein paar Medien aus, deren Arbeit ich über eine längere Zeitspanne beobachtet und überprüft hatte, Print und Online. Dazu kommen glaubwürdige Meinungsmacher aus meiner Blase sowie Bloggerinnen, die im politischen Spektrum rechts und links zu verorten sind. Das ist mein Medienmenü. Früher abonnierte man NZZ und WOZ. Beiträge von Journalistinnen und Journalisten sollen zum Denken anregen. Ich stosse mich daran, dass Medien konsumiert werden. Dabei auch das Hirn einzuschalten würde helfen. Hunderttausende von Menschen in unserem Land beginnen ihren Medienkonsum um 19.30 Uhr mit der „Tagesschau“, gegen 23 Uhr wuchten sie sich aus dem Sessel und gehen schlafen. Abend für Abend. Wieviel haben sie mitbekommen und vor allem: Wieviel davon können sie später noch abrufen?

Das Original-Interview in der “Bündner Woche” vom 12. Juli 2017 zum Herunterladen:

“Bündner Woche”: Interview komplett (PDF)