OFFENER BRIEF AN DEN PRÄSIDENTEN DER JUNGFREISINNIGEN
Lieber Jonas Lüthy
Sie sind einer der Wortführer des Initiativkomitees, welches die Halbierung des SRG-Budgets verlangt. So konnten Sie unlängst einen Gastartikel bei CH Media platzieren. Vom Toggenburg bis nach Liestal war ihr Text in 18 Regionalzeitungen und 18 Online-Portalen zu lesen. So viel zur vielfältigen und intakten Medienlandschaft.
🖍️ Obwohl Sie die Allianz Pro Medienvielfalt erwähnen, verzichtet die Zentralredaktion auf unsere Replik. Ich nehme das sportlich und bringe stattdessen diesen offenen Brief.
Ihre Kampfbegriffe lassen mich kalt. Bemerkenswert finde ich, was Sie alles ausblenden:
🔵 Seit 2015 sind die Gebühren für Privathaushalte um 25 Prozent gesunken. Zurzeit kostet das 28 Franken pro Monat – also weniger als ein Kinobesuch zu zweit. Was hingegen stetig steigt, sind Krankenkassenprämien und Mieten. Vielleicht ist es mir entgangen, aber: Wann haben die Jungfreisinnigen sich in den Bereichen, die uns tatsächlich belasten, für eine Dämpfung eingesetzt?
🔵 Das Gegenprojekt des Bundesrats zwingt die SRG, ihr Budget in den nächsten drei Jahren um 17 Prozent zu reduzieren. Das geht ans Eingemachte. Auch in der Privatwirtschaft wäre dies enorm herausfordernd. Dass die Menschen in unserem Land auf eine Ausdünnung des Rundfunk-Angebots ungehalten reagieren, haben Sie als Basler sicher bemerkt.
🔵 Die Debatte um die Halbierungsinitiative dreht sich hauptsächlich um das Fernsehen. Dabei erreicht beispielsweise Radio SRF ein grosses Publikum – und mit vielen Sendungen Tiefe und Originalität. Ich lege Ihnen «International», die Talkshow «Persönlich», «Input» und «SRF3 Best Talent» ans Herz. Das ist Service public, der nicht von Algorithmen und Werbekunden gesteuert wird.
🔵 Ihre Initiative verlangt einen Fokus auf «Radio- und Fernsehprogramme». Das bedeutet: Bei einem Ja wäre der SRG Online-Journalismus untersagt. Tatsache ist, dass Menschen bis 55 Medien hauptsächlich digital konsumieren. Diese Entwicklung geht rasant weiter.
🔵 Was sich daraus ableitet: Ein Rundfunk ohne überzeugendes Angebot im Netz hat in ein paar Jahren kein Publikum mehr. Ich gehe davon aus, dass Ihnen bewusst ist, was Ihre Volksinitiative fordert.
🔵 Dass die privaten Medien in der tiefsten Krise ihrer Geschichte stecken, erwähnen Sie mit keinem Satz. Dabei fliessen mehr als zwei Milliarden Franken an Werbegeldern jedes Jahr zu ausländischen Tech-Plattformen ab. Die Konsequenzen: Beispielsweise hat Radio 1 von Roger Schawinski seine Redaktion aufgelöst, mehrere UKW-Sender stellte er stillschweigend ab.
❗️Das sind Fakten, Herr Lüthy! Und trotzdem wollen Sie die SRG bis auf ihren Rumpf stutzen. Sie behaupten sogar, mit der Hälfte lasse sich «in allen vier Sprachregionen ohne Weiteres ein hochwertiges Programm» realisieren. Wer sich einmal auch nur oberflächlich mit Medienökonomie und dem Verfassungsauftrag der SRG auseinandergesetzt hat, kommt zu einem anderen Schluss.
Ihre Aussage ist fahrlässig.
🎙️ Ich hoffe, wir haben bald Gelegenheit zu einem Streitgespräch – auf einem Podium oder in einer Redaktion. Challenge accepted. Mit vielen Ihrer Mitstreiter wäre das dröge, weil sie papageienartig stets dieselben Sätze wiederholen.
Freundlich grüsst
Mark Balsiger,
Geschäftsführer Allianz Pro Medienvielfalt
Fotos: Website Jonas Lüthy/zvg



Öffentliche Auftritte streicheln mein Ego, klar, und ich mag den Adrenalinkick. Aber ich brauche sie nicht für mein Wohlbefinden. Ich bilde mir auch nichts auf diese Expertenrolle ein – es ist ein Job. Natürlich, die Medienpräsenz machte mich zweifellos bekannter. Gewisse Türen haben sich deswegen geöffnet, andere sind ins Schloss geschnappt. Zweiteres ist menschlich, weil ich regelmässig Akteure im politischen Zirkus kritisiere. Apropos: Im Bundeshausperimeter beobachte ich Politiker, Journalisten und Berater mit einem (selbst-)ironischen Lächeln. Fast alle halten sich für enorm wichtig, der Testosteronspiegel ist hoch, Regula Stämpfli würde dieses Gockelgehabe womöglich als „Schnäbi-Wettbewerb“ bezeichnen.