Was einmal kaputt ist, ist kaputt

Die Libertären wollen die AHV abschaffen, das Gesundheitswesen privatisieren und unrentable Postautolinien stilllegen. Für sie gibt es eine Maxime: „Der Markt soll es richten.“ Mit No Billag führen sie derzeit einen verdeckten Kreuzzug gegen die SRG. Tatsache ist: Der Markt richtet zuweilen hin, beispielsweise wenn in der kleinräumigen Schweiz Radio- und TV-Sender ohne Gebühren auskommen müssten. Eine Abstimmungsempfehlung gegen die No-Billag-Initiative, über die wir am 4. März abstimmen.


Die Volksinitiative
ist eine grossartige Errungenschaft und ein Motor der Demokratie. Seit ihrer Einführung vor bald 130 Jahren haben Volksinitativen viele Themen angestossen, innovativen Ideen zum Durchbruch verholfen und uns zu verantwortungsbewussten Bürgerinnen und Bürgern gemacht. Die No-Billag-Initiative hingegen ist nicht innovativ, wie der Staatsrechtler und SRG-Kritiker Urs Saxer Ende Dezember in einem NZZ-Gastbeitrag monierte. Im Gegenteil, sie ist destruktiv. Sie schafft nicht Neues, sondern zerschlägt mit ihrer radikalen Formulierung die Medienvielfalt, die seit 1983 im audio-visuellen Bereich entstanden ist.

«No Billag» klingt beim ersten Hinhören attraktiv, ist aber irreführend. Ohne Radio- und TV-Empfangsgebühren verschwindet auf den 1. Januar 2019 auch die Finanzierungsgrundlage der SRG und von 34 privaten Radio- und Regional-TV-Sendern. Natürlich würden nach einem Ja einige Private versuchen, mit noch weniger Personal und noch tieferen Löhnen ein noch dünneres Programm anzubieten. Das Bundesparlament wiederum würde alles unternehmen, damit eine verstümmelte SRG wenigstens noch eine Informationssendung pro Tag produzieren könnte. Die Demokratie geht deswegen nicht unter, aber: Was einmal kaputt ist, ist kaputt. Die angepasste Bundesverfassung würden einen Wiederaufbau verunmöglichen.

Initianten zerlöchern ihre eigene Volksinitiative

Wie in jedem anderen europäischen Land wird der öffentlich-rechtliche Rundfunk auch in der Schweiz von der Allgemeinheit finanziert. Drei Viertel des SRG-Budgets kommen aus dem Billag-Topf, bei den privaten Regional-TV-Sendern macht der Gebührenanteil durchschnittlich 53 Prozent aus. Es wäre illusorisch, den Ausfall mit Bezahlmodellen und noch mehr Werbung kompensieren zu können. Genau das fordert aber der wirre «Plan B» des Gewerbeverbands. Die Initianten wiederum präsentierten vor wenigen Wochen ihre Vorschläge, die jährlich bis zu 300 Millionen Franken Subventionen vorsehen. Das sind Steuergelder. Damit zerlöchern sie ihre eigene Volksinitiative.

Beide Akteure blenden drei Realitäten aus:

– Das Werbevolumen für Radio und TV ist ausgeschöpft;

– Das TV-Publikum ist nur bereit, für Serien, Spielfilme, Porno sowie ein paar wenige Sportarten (insbesondere Fussball, Tennis, Boxen und Formel 1) zu bezahlen;

– Für das Medium Radio gibt es technisch noch keine Möglichkeiten, um Inhalte nur für Abonnenten bereitzustellen.

Natürlich, die SRG hat in der Vergangenheit Fehler gemacht; natürlich, ein paar ihrer Repräsentanten sind nicht volksnah; natürlich, das Medienhaus muss reformiert werden. Aber man kann nur eine SRG reformieren, die Substanz hat. Laut Wirtschaftsführern ist es nicht möglich, ein Unternehmen mit 6000 Angestellten innerhalb weniger Monate komplett neu auszurichten. Deshalb hinkt der Vergleich mit der Swisscom, die ab Ende der Neunzigerjahre schrittweise in den freien Markt entlassen wurde.

Was passiert, wenn die No-Billag-Initiative angenommen wird? Investoren träten auf den Plan, womöglich haben sie eine politische Agenda und verbreiten ihre Meinung ungefiltert. Mit Sicherheit sind sie gewinnorientiert, ihr Programm orientiert sich ausschliesslich an kommerziellen Kriterien: Gezeigt wird, was Quote bringt. Die Sparten Information und Kultur bringen keine guten Quoten und sind teuer; am Markt lassen sie sich nicht refinanzieren. Das ist in allen Ländern so. Eine solide Demokratie braucht aber unabhängige Medien.


Was im emotional
geführten Abstimmungskampf untergeht: No Billag würde auch Radio SRF treffen. Gerade seine Programme sind aber beim Publikum sehr beliebt und erreichen täglich 2,6 Millionen Menschen, die im Durchschnitt 105 Minuten zuhören. Radio SRF und seine Pendants in den anderen Sprachregionen liefern in den Sparten Information, Kultur und Unterhaltung seit jeher hohe Qualität. Bei Befragungen belegen Radio SRF, RTS, RSI und RTR nach den Kriterien Glaubwürdigkeit, Vielfalt und Professionalität Jahr für Jahr den ersten Platz.

Das komplette Medienangebot kostet ab 2019 jeden Privathaushalt nur noch einen Franken pro Tag. Die Abgabe von 365 Franken pro Jahr muss man in ein Verhältnis stellen: In jedem Haushalt werden für den Medienkonsum im Durchschnitt 2770 Franken jährlich ausgegeben. Die Radio- und TV-Empfangsgebühr entspricht also etwa 14 Prozent.

Richten wir unser Augenmerk abschliessend auf die Bundesverfassung: Bei einer Annahme der Initiative würden im Artikel 93 zwei zentrale Absätze gestrichen:

2   (…) Radio und Fernsehen stellen die Ereignisse sachgerecht dar und bringen die Vielfalt der Ansichten angemessen zum Ausdruck.

5   Programmbeschwerden können einer unabhängigen Beschwerdeinstanz vorgelegt werden.

Was bedeutet das konkret? Radio- und TV-Sender müssen sich nicht mehr an Minimalstandards halten, sie können ausgrenzen, lügen und nur noch Protagonisten, die ihnen passen, einladen. Ombudsstellen und die Unabhängige Beschwerdeinstanz (UBI) gibt es nicht mehr, das kostenlose Beschwerdeverfahren ist abgeschafft. Ombudsmann Roger Blum spricht von Wild-West-Verhältnissen, die drohen würden.


Wohin die Reise
gehen könnte, zeigt die «Rush Limbaugh Show» in den USA. Diese Radio-Talksendung erreicht wöchentlich bis zu 20 Millionen Leute, Gastgeber Limbaugh pöbelt und hetzt, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Seit Ronald Reagan 1987 die «Fairness Doctrine» abgeschafft hat, sind die amerikanischen Medien nicht mehr auf Ausgewogenheit verpflichtet.

Roger Köppel stünde zwar bereit, eine Show nach Limbaughs Vorbild wäre allerdings Gift für den Zusammenhalt in der Schweiz. Mit einem Nein am 4. März können wir eine Entwicklung in diese Richtung verhindern.

Ergänzend:
Ich zahle nur, was ich brauche (Die Zeit, 3. Februar 2018, Matthias Daum/Aline Wanner)
Wie das Gedankengut der Libertären in der Mitte der Gesellschaft landen konnte.


Transparenz:

Ich bin Kampagnenleiter beim Komitee «Nein zum Sendeschluss».

Die Schweiz braucht solide Brücken


Heute vor zwanzig Jahren
stand ich am Fuss des «Volcán de Agua» (Wasservulkan), tags darauf kletterten wir auf seinen Gipfel (3760 Meter über Meer). An den Abstieg erinnere ich mich noch heute wegen den Schmerzen an meinem «Chassis». Ich lebte damals in Guatemala, lernte fleissig Spanisch, unterrichtete Englisch, wurde von meiner Gastfamilie als «el gringo con ojos azules» herumgereicht, bereiste das Land in den kunstvoll bemalten «Chicken Busses» (mehrheitlich ausrangierte Schulbusse aus den USA) und versuchte mich beim Tortillas Backen und Salsatanzen. Beides sorgte für Erheiterung, aber das ist eine andere Geschichte.

Mein Bedürfnis nach gut aufbereiteter Information war auch in jener Phase gross. Die Zeitungen Guatemalas taugten nichts, die internationale Presse war nicht greifbar, das Internet hatte sich noch nicht durchgesetzt. Zum Glück hatte ich einen Weltempfänger dabei, der auf der ausgestreckten Hand Platz fand. Dank diesem Gerät konnte ich auf Kurzwelle die Sendungen von Schweizer Radio International (SRI) empfangen. Heute heisst dieser Dienst übrigens Swissinfo – er ist längst eine Onlineplattform, die übrigens gut und unaufgeregt über die Schweiz berichtet.

Damals hörte ich mir alle zwei, drei Tage zu fixen Zeiten die Sendungen von SRI an und blieb so informiert, was in der Schweiz passiert. Es war eine Brücke in die Heimat.

An diese Phase meines Lebens dachte ich über die Weihnachtstage oft zurück, weil mich das Welt-Mikrofon des «Echo der Zeit» (siehe oben) daran erinnert. Aus diesem Foto wurde schliesslich eines der Sujets für die Abstimmung gegen die No-Billag-Initiative, die wir vorgestern fertigstellten. Hintergrundsendungen wie das «Echo der Zeit» (täglich) oder «International» (wöchentlich) von Radio SRF kosten Geld, sie sind am Markt nicht zu finanzieren, weil er viel zu klein ist. Nach einem Ja zu No Billag am 4. März würden sie verschwinden.

Unser Kleinstaat ohne Ressourcen leistet sich seit 1992 allerhand Isolations-Klamauk. Dabei geht vergessen, dass die Schweiz zusammen mit Grossbritannien das erste globalisierte Land der Welt war. Gerade aus wirtschaftlichen Gründen ist für uns eine stetige Auslandberichterstattung unerlässlich, wir müssen wissen, was in anderen Ländern geschieht. Die Beschränkung auf «Regierungsputsch, Hungersnot, Krieg, Erdbeben», wie das Syndrom seit zwanzig Jahren diskutiert wird, wäre fatal. Die privaten Medien bauen ihre Auslandberichterstattung aus Kostengründen schon seit Jahren schrittweise ab. Aus den Chefredaktionen tönt es: «Das Ausland» interessiere hierzulande halt nicht. Ich halte dagegen: Wir brauchen eine solide Brücke ins Ausland.

Die Kampagnensujets hat übrigens Steven Götz kreiert. Wer einen hervorragenden Grafiker braucht: he’s the one.

P.S.
Klar, über den Claim könnten wir abendfüllend diskutieren. Die Negation ist umstritten, andere Leute in unserem Komitee votierten für ein Fragezeichen. Am Schluss landeten wir bei einem Kompromiss – genauso, wie die Politik in diesem Land, wenn sie pragmatisch bleibt. Eines ist gewiss: «Der Bestatter» beginnt am 2. Januar mit der sechsten Staffel, unser Sujet mit Mike Müller sorgte schon gestern für Wirbel.

Disclaimer:
Ich bin Kampagnenleiter des Komitees «Nein zum Sendeschluss», das gegen die No-Billag-Initiative kämpft.

 

Fremdschämen an der Falkenstrasse


NZZ-Chefredaktor Eric Gujer
brachte am Samstag die Schrotflinte in Anschlag – zum wiederholten Mal. Schon der Titel seines Leitartikels knallt: «Die Schweiz braucht keine Staatsmedien». Gujer schiesst scharf auf die SRG. Kritik ist legitim und wichtig: Die SRG hat in der Vergangenheit nicht alles richtig gemacht, klar. Ein paar Schlüsselfiguren wünschte man mehr Empathie und Demut. Doch darum geht es hier nicht.

Gujer übernimmt in seinem Text weitgehend Rhetorik und Logik der No-Billag-Initianten. Aus staatspolitischer und publizistischer Sicht ist das bedenklich. Er suggeriert, das Volk könne am 4. März nächsten Jahres Ja stimmen, das Parlament fände hernach einen kreativen Weg, die Initiative umzusetzen. Entweder hat Gujer den Initiativtext nicht gelesen oder er pokert.

Als Ergänzung zum Blog-Posting von Diego Yanez, dem Direktor der Schweizer Journalistenschule, bringe ich hier eine Replik zu vier Punkten aus Gujers Elaborat.

1. Die SRG ist ein Staatssender

Gujer war einmal Korrespondent in Moskau. Er weiss also genau, dass Staatssender zensurieren und nur die genehme Meinung verbreiten. Schweizer Radio und Fernsehen hingegen hat keine Abhängigkeiten. Die Vereinsstruktur der SRG mit ihren 24’000 Mitgliedern ist typisch für unser Land: Das Unternehmen gehört dem Volk, zwei von neun Verwaltungsratsmitgliedern werden vom Bundesrat bestimmt.

Die SRG-Journalisten beobachten die Arbeit der Behörden in der Regel genau und mitunter kritisieren sie hart. Als Beispiel dient der investigative Journalismus der Magazine «Espresso», «Kassensturz» und «Rundschau». Zudem zeigt die «Samstagsrundschau» von Radio SRF1 Woche für Woche, wie man den Mächtigen aus Politik und Wirtschaft gut vorbereitet und professionell auf den Zahn fühlt. Wir merken: Schweizer Radio und Fernsehen bietet unabhängigen Journalismus.

2. Die SRG ist ein Dinosaurier und verändert sich nicht

SRF4 News ist nur eine von vielen Innovationen des Hauses. Der Sender bringt rund um die Uhr gut aufbereitete Nachrichten. Morgens von 6 bis 9 Uhr wird im Halbstundentakt «Heute Morgen» ausgestrahlt, ein zehnminütiges Journal auf vergleichbarem Niveau wie das «Echo der Zeit». Die SRG befindet sich im Wandel zu einem digitalen Medienunternehmen: Inhalte werden dort angeboten, wo ein Teil des Publikums heute ist – auf Instagram, Youtube, Facebook und Twitter. Die App «Politbox», für Junge konzipiert, holte 2015 einen internationalen Preis. Unlängst kreuzten bei Radio SRF1 Befürworter und Gegner der No-Billag-Initiative für eine Stunde die Klingen. Das Publikum brachte sich ein – via Telefon und Social Media. Wir merken: Die SRG ist unterwegs und macht publikumsnahe Sendungen.

3. Die SRG verzerrt den TV-Markt Schweiz

Trotz neuer Technologie: In der kleinen Schweiz mit ihren vier Sprachregionen spielt der TV-Markt nicht. Die Fixkosten für eine Informationssendung oder einen Spielfilm sind ähnlich hoch, ob sie nun für 5,5 Millionen Menschen in der deutschen Schweiz gemacht werden oder für 82 Millionen in Deutschland.

Rainer Stadler, seit mehr als 25 Jahren Medienredaktor bei der NZZ, ist ein genauer und unbestechlicher Beobachter – und ein Kritiker der SRG. Am letzten Freitag schrieb er: «Es verwundert, dass einige Exponenten weiterhin behaupten, eine private SRG könne sich künftig als Abonnementssender behaupten. Wer solches sagt, ist unredlich, oder er hat keine Ahnung von medienökonomischen Zusammenhängen. Ein Blick in die Nachbarländer genügt, um zu erkennen, dass das nicht funktioniert.» Wir merken: Bei der NZZ wird nicht der profunde Kenner konsultiert, wenn es um Medienthemen geht.

4. Das «Lagerfeuer» Fernsehen gibt es nicht mehr

Als Gujer noch ein Teenager war, lud Kurt Felix jeweils zur grossen Unterhaltungsshow «Teleboy». Strassenfeger gibt es heute noch: Den Dokumentarfilm über Bernhard Russi – ein berührendes Porträt – schauten 850’000 Menschen, die neue Krimiserie «Wilder» brachte Quote und gute Kritiken im Feuilleton, wichtige Spiele der Schweizer Fussballnationalmannschaft, das Lauberhornrennen oder der Historienfilm «Gotthard» kratzten an der 1-Millionen-Grenze. Die Hauptausgabe der «Tagesschau» verfolgen im Durchschnitt 620’000 Leute, und zwar linear. Wir merken: Das Fernsehen ist weiterhin ein Massenmedium.

Fazit: Gujers Leitartikel ist unrecherchiert, faktenfremd und teilweise demagogisch. Viele seiner Arbeitskollegen an der Falkenstrasse werden sich fremdschämen. Es ist nicht das erste Mal. Um es auch mit Polemik zu versuchen: Ohne starken Kaffee am Samstagmorgen hätte ich womöglich geglaubt, Ulrich Schlüers «Schweizerzeit» und nicht die NZZ vor mir zu haben. Was Gujer (Pressefoto unten) mit diesem Stück Konzernjournalismus bewirken will, bleibt sein Geheimnis. Wir erinnern uns aber, was er bei seiner Ernennung im März 2015 sagte: «Das, was wir machen, versuchen wir besonders gut zu machen.»


Dieses Posting erschient zuerst bei «Persönlich», dem Portal der Kommunikationsbranche.

Interessenbindungen des Autors:
Mark Balsiger ist Kampagnenleiter des Komitees «NEIN zum Sendeschluss», das gegen die No-Billag-Initiative kämpft. Mandate der SRG hat er keine.

 

Bundesratswahlen sind ein Medienspektakel


Bundesratswahlen elektrisieren
viele Journalistinnen und Journalisten. (Zugegeben, Politbeobachter auch.) Das zeigt die jüngste Statistik. In der Schweizer Mediendatenbank wurde der Name Ignazio Cassis vom 15. Juni bis 15. September in 2186 verschiedenen Artikeln genannt. Pro Tag sind das 24 Artikel. Isabelle Moret erreichte in derselben Zeitspanne 1363 Nennungen, Pierre Maudet 1289. (Diese Zahlen umfassen übrigens bloss die deutschsprachigen Medien.) Zum Vergleich: Das Stichwort „Altersvorsorge“ fiel in den letzten drei Monaten in 2713 Artikeln, „Altersreform“ in 826.

Seit Mitte der Neunzigerjahre sind Bundesratswahlen zu einem Medienspektakel geworden, das nicht zu unserem republikanisch geprägten Land passt. Die Personalisierung und Medialisierung der Politik setzte sich auch in der Schweiz fest. Was an Inszenierung noch fehlt: Dass dem frisch Gewählten – oder der frisch Gewählten – eine Krone aufs Haupt gesetzt wird.

Die Veränderungen hat damals das Medium Fernsehen ausgelöst, das Internet gab es zwar schon, war aber bedeutungslos, Mark Zuckerberg drückte dann noch nicht einmal „Bibeli“ in seinem Gesicht aus.

Seit 1994 sind in der Schweiz private TV-Anbieter auf dem Markt, die damals einen anderen Zugang zur Politik suchten als das behäbige Schweizer Fernsehen SRF. Sie haben die Art der Politikvermittlung verändert und beschleunigt, SRF zog mit, etwa mit dem Nachrichtenmagazin „10vor10“. Bei den Wahlen 1999 kamen die ambitionierten nationalen Sender „TV3“ und „Tele24“ dazu – vorübergehend.

Bundesratswahlen eignen sich vorzüglich für das Medium Fernsehen: Es ist unmittelbar und transportiert Emotionen, es suggeriert den Zuschauerinnen und Zuschauern, wie bei einem Fussballmatch vor Ort zu sein.

Die Live-Berichterstattungen mit all ihren Möglichkeiten (Instant-Analysen, Schaltungen an verschiedene Schauplätze, Interviews, Einspielen von älterem Bildmaterial) zeigen allerdings auch schonungslos, wenn Fehlleistungen passieren – technische und journalistische. Das ist der Preis. Die Frage, die bei den Bundesratswahlen vor zwei Jahren „Glanz & Gloria“-Niveau erreichte, lautete: “Wie fühlen sie sich so bei diesen Bundesratswahlen?”

Das Medienspektakel bindet viele Ressourcen. Bei den letzten Wwahlen im Dezember 2015 waren gemäss der Nachrichtenagentur sda 380 Medienschaffende im Einsatz. Morgen dürften es kaum weniger sein. Auf ein Mitglied des Eidgenössischen Parlaments kommen also rund eineinhalb Journalisten.

P.S.
Mein Medienmenu am nächsten Mittwoch ist erprobt: Ich installiere mich in der Stube am Holztisch, vor mir eine Kanne Tee. Es läuft Radio SRF1 – seine Equipe schaukelt Wahlsendungen abwechslungsreich und analytisch, das Geschwätzige, das mich beim Fernsehen oft nervt, fällt weg. Dazu gucke ich Schweizer Fernsehen – ohne Ton. Und vermutlich entfährt mir der eine oder andere Tweet – der Hashtag zum Thema lautet #brw17.

Am Abend schliesslich werde ich zu Gast sein in Markus Gillis „TalkTäglich“, das von „TeleZüri“, „TeleM1“ und „TeleBärn“ ausgestrahlt wird. Dort liefern wir hoffentlich nur wenig Geschwätz, dafür ein paar eigenständige Ansätze.

P.P.S.
Den Toto-Zettel
für die Bundesratswahlen von Morgen können Sie hier als PDF herunterladen. So behalten Sie während den einzelnen Wahlgängen die Übersicht.

 

Der letzte Morgen mit Mona


Während ich diese Zeilen
schreibe, läuft auf SRF3 die allerletzte Morgensendung, die Mona Vetsch moderiert. Sie kriegt immer neuen Besuch im Studio: Hörerinnen, die auf einem Tasse Kaffee vorbeikommen, und Musiker, die ihr live und unplugged die Reverenz erweisen. 17 Jahre lang ist Vetsch regelmässig um 2 Uhr nachts aufgestanden, um uns in den Morgen hinein zu begleiten. Das ist ein Hochseilakt, weil wir das geschwätzig-aufgestellte Blabla der super-mega-coolen Moderatoren nicht mögen. Mona aber kratzte die Kurve. Sie wurde zu einer Marke.

Sie stiess in einer Phase zum „Drüü“, als der Sender auf Durchhörbarkeit getrimmt wurde. Die Privaten hatten diesen Prozess schon hinter sich, seither ist der Musikbrei im Tagesprogramm landauf, landab nur noch etwas: fad. Mona brachte Pfeffer und Salz.

Meine Generation ist mit DRS3, wie der Sender früher hiess, gross geworden. Dass wir der Morgensendung – remember „Vitamin3“ mit François Mürner, Karin Müller, Röbi Koller, hach! – mehrheitlich treu blieben, hat mit Nostalgie und Gewohnheit, aber auch mit Mona Vetsch, Mario Torriani und Philippe Gerber zu tun. Drei Profis mit Talent und Grips, die auffallen wie Orchideen auf einer Wiese mit Löwenzahn.

In der Morgenschiene, wie das im Jargon heisst, kamen Mona oft Fluchwörter wie “Gopfertammi” oder “Huere Siech” über die Lippen. Doch diese federte sie stets gekonnt ab, nie klang es grob oder primitiv. Die Fuhrhaltersprache – charmant eingepackt – gehört zu ihr.

Wer der kleinen Thurgauerin (“Ei Meter füfefüfzg, dörfsch mi duze!”) mit der grossen Klappe das Etikett „frisch, fröhlich und frech“ verpasst, wird ihr nicht gerecht. Sie hat auch einen schnellen Kopf. Und sie stürzte mit ihren Moderationen, so gewagt diese zuweilen auch begannen, praktisch nie ab. Blöd-lustig oder verletzend war sie nie. Kommt dazu: Mona ist vielseitig, intelligent und belesen. Viele Menschen, die oft im Rampenlicht stehen, werden im Verlauf ihrer Karriere eingebildet und selbstgefällig. Mona hingegen ist bis heute Mona geblieben. Noch immer trifft sie sich mit ihren ehemaligen Arbeitskolleginnen, mit denen sie in den Neunzigerjahren bei einem Ostschweizer Privatradio das Handwerk erlernt hatte. Ihre Familie schützt sie vor den Medien.

Mona ist uneitel. Bodenständig. Selbstironisch. Authentisch. Sie stellt nicht sich selbst ins Zentrum, sondern hat ein echtes Interesse an ihrem Vis-à-vis. Oder am Thema, in das sie sich gerade vertieft. Dank diesen Qualitäten überzeugte sich auch in der stündigen Talksendung „Focus“ und, meistens, als Moderatorin des „Club“, ebenso in den Reise- und Spezialsendungen, an deren Namen ich mich nicht erinnern kann.

Liebe Mona, 17 Jahre lang bin ich mit dir am Morgen aufgestanden, ohne je ein schlechtes Gewissen zu haben. Thanks for being Mona, du coole Socke!

Foto: SRF

 

Das Rampenlicht der Medien und die Rolle als Experte

Das jüngste Gastspiel in der Talkshow “Schawinski” nehme ich zum Anlass, um meine Präsenz in den Medien zu thematisieren. Wieso? In den letzten Monaten wurde ich oft auf diese Rolle angesprochen. Ich will nun auch auf meinem privaten Blog klären, was es damit auf sich hat.

Seit ich Bücher über politische Kommunikation schreibe und ein Blog betreibe, erhalte ich Medienanfragen. Das begann im Herbst 2006, anfänglich ganz sanft, inzwischen sind es 300 bis 400 Anfragen pro Jahr. Mehr als die Hälfte davon kann ich aus zeitlichen Gründen nicht annehmen. Priorität hat immer die richtige Büez. Wenn ich es aber einrichten kann, gebe ich gerne Auskunft. Das geht oft nur, wenn ich meinen Tag kurzfristig umstelle und Nachtarbeit leiste. Wenn ich von einem Thema wenig weiss, lehne ich ab und verweise an die Bochslers, Bühlmanns oder Golders.

Drei Prinzipien halte ich hoch:

1.  Fairplay. Ich habe den Anspruch, dass meine Einschätzungen nicht parteiisch sind. Das ist mir nicht ganz immer gelungen.

2.  Unabhängigkeit. Ich trage nie gleichzeitig zwei verschiedene Hüte. Wenn meine Kommunikationsagentur involviert ist, mache ich gegenüber Medien keine Einschätzungen, basta. In den letzten zehn Jahren ist es zu keinem einzigen Interessenkonflikt gekommen.

3.  Verständlichkeit. Normale Menschen können mit dem Politologen-Kauderwelsch nichts anfangen. Politik muss einfach vermittelt werden, also fungiere ich als Übersetzer. 51 Prozent der Jugendlichen finden Politik kompliziert (Quelle: easyvote) Wenn wir es nicht schaffen, sie im Alter zwischen 15 und 18 Jahren abzuholen und anzufixen, bleiben sie ein Leben lang apolitisch. Das Risiko: Sie werden anfällig für Populismus von rechts oder von links. (Politische Bildung finden alle Player stets wahnsinnig wichtig. Wird es aber konkret mit ihrer Förderung, dann, ja dann kommt das Motörchen schon ins Stottern.)

Medienauftritte und -auskünfte werden normalerweise nicht bezahlt, es gibt auch keine Reisespesen. Die Ausnahmen: Bei „Giacobbo/Müller“ erhielt ich 200 Franken bar auf die Hand. Danke, Billag-Gemeinde! Dafür habe ich aber auch geschwitzt, gopelletti! Wenn ich an Wahltagen bei privaten TV-Sendern Instant-Analysen liefere, gibt es ein bescheidenes Honorar. Ich achte darauf, dass der Anteil der Expertli-Tätigkeit 10 Prozent meiner Arbeitszeit nicht übersteigt. Mehr wäre nicht verkraftbar.

Öffentliche Auftritte streicheln mein Ego, klar, und ich mag den Adrenalinkick. Aber ich brauche sie nicht für mein Wohlbefinden. Ich bilde mir auch nichts auf diese Expertenrolle ein – es ist ein Job. Natürlich, die Medienpräsenz machte mich zweifellos bekannter. Gewisse Türen haben sich deswegen geöffnet, andere sind ins Schloss geschnappt. Zweiteres ist menschlich, weil ich regelmässig Akteure im politischen Zirkus kritisiere. Apropos: Im Bundeshausperimeter beobachte ich Politiker, Journalisten und Berater mit einem (selbst-)ironischen Lächeln. Fast alle halten sich für enorm wichtig, der Testosteronspiegel ist hoch, Regula Stämpfli würde dieses Gockelgehabe womöglich als „Schnäbi-Wettbewerb“ bezeichnen.

Kein Understatement, sondern eine realistische Selbsteinschätzung: In der Gilde der Politbeobachter stehe ich in der dritten Reihe. Dort bin ich am richtigen Ort. Mir fehlen Ehrgeiz und Brillanz, um vorzurücken. Mir fehlt leider auch die Zeit, um wieder selber zu forschen.

Dass Medien-Politologen überhaupt eine beachtliche Präsenz erlangen konnten, liegt an den Medien selber. Seit Ende der Neunzigerjahre entpolitisieren sie sich schleichend, anstelle von abgeklärter Einordung werden lieber Konflikte abgebildet. Auf vielen Redaktionen fehlen heute Routiniers, die wissen wie der Hase in der Politik läuft. Die Medien-Politologen „übernahmen für die Journalisten das Denken“, kritisierte Christof Moser (Ex-„Schweiz am Sonntag“, neu bei „Project R“) einmal. Das Outsourcing von Einschätzung und Analyse verstärkt die Expertokratie.

Wer Medienpräsenz hat, erhält nicht nur Applaus, sondern muss auch jederzeit mit Diffamierungen auf Social Media oder per E-Mail rechnen; anonyme Briefe und Telefonanrufe gibt es auch. Unsere Zunft kriegt ihr Fett genauso ab wie jene der Politikerinnen und Politiker. Das kann geschäftsschädigend sein, Neid und Missgunst kommen hinzu.

Ich hoffe, dass diese Zeilen zur Klärung beitragen, danke.

 

P.S.  Die “Best-of”-Zusammenstellung der Interviews usw., die ich seite 2006 gegeben habe, sind im Medienspiegel meiner Kommunikationsagentur aufgeführt.

Service Public, No Billag und die SRG – eine Polemik

Mike Müller ist nicht nur ein Brocken von einem Mann, sondern vor allem auch ein ausgezeichneter Schauspieler. Das fiel mir zum ersten Mal im Sommer 2000 auf, als er in Wedekinds „Frühlings Erwachen“ auf Schloss Lenzburg mitwirkte. Derzeit läuft auf SRF 1 die fünfte Staffel des „Bestatters“. Müller spielt Luc Conrad grandios, auch seine Gspändli auf dem Set werden von Jahr zu Jahr besser. Dieser Krimi ist durch und durch schweizerisch – und er trifft ganz offensichtlich einen Nerv des breiten Publikums. Fast jede zehnte Person in unserem Land guckt ihn. “Der Bestatter”, liebe Leserinnen, ist Service Public.

Anfang Januar zeigte SRF einen Dokumentarfilm über Bernhard Russi, wie wir ihn zuvor nicht gekannt hatten: Ehrlich, sehr reflektiert, verletzlich – ein berührendes Porträt von Michael Bühler. 850’000 Menschen schauten diesen Film, der Marktanteil lag bei 49 Prozent.

Am letzten Donnerstag klebten in unserem Land Hundertausende von Leuten an den Bildschirmen und Handy-Displays. Der Halbfinal am Grand Slam Turnier im australischen Melbourne zwischen Roger Federer und Stan Wawrinka war ein Strassenfeger. Ab 9.20 Uhr zeigte SRF2 diesen Match live – eine hochdramatische Partie. Auch das, liebe Leser, ist Service Public. Die SRG leistet ihn. Er kostet Geld. Gebühren. Billag. Und wir müssen einfach zahlen.

Bei einem Pay-TV-Kanal sind Spitzentennis, Fussball, Formel 1 usw. natürlich auch nicht gratis. Sky beispielsweise verlangt für das Grundpaket plus Sport zurzeit CHF 44.90 pro Monat, jährlich also rund CHF 530.00. Zum Vergleich: Die Billag-Gebühr der SRG-Sender beträgt derzeit 452 Franken, wird aber bald auf 400 Franken reduziert.

Auch „Der Bestatter“ und DOK-Filme kosten Geld. Viel Geld. Es sind unsere Gebühren, die in solche Eigenproduktionen fliessen. Die Rechte für grosse Sportereignisse wie das “Australian Open” muss die SRG für gutes Geld einkaufen. Sie werden regelmässig teurer, weil die Nachfrage gross ist.

Brauchen wir Luc Conrad, den Brocken, der Bösewichte überführt? Federer und Stan, die sich über Stunden ein hochspannendes Duell liefern? DOK-Filme, die Menschen von einer anderen Seite beleuchten? Brauchen wir „Eco“, die „Tagesschau“, „Puls“, „SRF bi de Lüt“, Champions-League-Spiele, das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest?

Natürlich nicht. Wir brauchen, wenn wir diesen Gedanken weiterdrehen, eigentlich auch keine Bücher, keine Theaterstücke, keine Tanzperformances, keine Ausstellungen und keine Konzerte. In Zürich, Bern, Riehen-Basel und Luzern sollen Bulldozer auffahren, um Bernhard Theater, Dampfzentrale, Fondation Beyeler und KKL dem Erdboden gleichzumachen. Diese Institutionen kosten nur Geld. Viel Geld. Es ist unser Geld. Dabei zeigen die privaten TV-Stationen doch, wie es ohne Subventionen und Gebühren geht. Für „Der Bachelor“ und „Tschörmenis next Knackarsch“ müssen wir nichts bezahlen. Geilo!

2018 oder 2019 werden wir über die Volksinitiative „No Billag“ befinden. Nach einem Ja würde Artikel 93 der Bundesverfassung wie folgt ergänzt:

 

5   Der Bund oder durch ihn beauftragte Dritte dürfen keine Empfangsgebühren erheben.

 

Man darf es getrost zuspitzen: No Billag bedeutet No more SRG; sie wäre zerschlagen. Drei Viertel ihres Budgets bestehen aus Gebühren. Der TV-Markt spielt nicht in unserem Land. Er hat nie gespielt, was an der Kleinräumigkeit und den vier Sprachregionen liegt. Mit einem Rumpfbudget könnte vermutlich einzig die Sparte Radio überleben. (Von der Billag profitieren übrigens auch die allermeisten privaten Radio- und TV-Sender, dank dem Gebührensplittung erhalten sie jährlich insgesamt 80 Millionen Franken. Viele von ihnen könnten sonst nicht überleben.)

Klar, nicht alles, was die SRG-Sender produzieren, ist Service Public und längst nicht alles, was sie ausstrahlen, überzeugt. Entzöge man ihr die Mittel für Unterhaltung und grosse Kisten, bliebe das Publikum weg und die Informationssendungen fristeten nur noch ein Mauerblümchendasein. Ist es einmal soweit, würde die Legitimation erneut in Frage gestellt – ein Tod auf Raten.

Klar: die SRG muss sich bewegen. Es geht nicht um die Einschätzung, ob “Glanz & Gloria” lustiger Boulevard oder Volksverdummung ist. Das neue Führungsduo Jean-Michel Cina als Präsident und Gilles Marchand als Generaldirektor hat ab Frühling bzw. Sommer dieses Jahres einen Riesenjob vor sich. Lange, zu lange hat Roger de Weck die Stimmung nicht gespürt und kein Gespür für die Leute entwickelt.

Das SRG-Bashing ist schon seit Jahren en vogue, als Zielscheibe eignet sich der Generaldirektor offensichtlich, dieser schöngeistige Patrizier, der immer so gespreizt spricht. Einzelne Medien betreiben Konzernjournalismus – es geht ums nackte Überleben. Andere Akteure betreiben gezielt Desinformation, wie wir es schon vor der RTVG-Abstimmung im Frühling 2015 miterleben konnten. Das Echo in Social Media und Online-Kommentaren ist laut, unflätig, zum Teil sogar hasserfüllt. Lange bevor „The Donald“ in den USA ernsthaft daran dachte, in die Politik zu gehen, lärmten und marschierten bei uns schon die Mini-Trumps. Man möchte wieder ein Zeichen setzen, den „Staatsender“ schleifen, Roger de Weck eins auswischen.

Zum Vorwurf, die SRG betreibe „Staatssender“

Staatssender gibt es in totalitären Ländern, in denen nur eine politische Partei erlaubt ist. In der Schweiz sind seit 1959 immer mindestens vier Parteien in der Landesregierung vertreten, im eidgenössischen Parlament seit der Einführung des Proporzsystems 1919 sogar deutlich mehr.

Wie kritisch SRF-Journalisten mit dem Spitzenpersonal aus der Politik umgehen, zeigen drei exemplarische Beispiele: In der „Arena“ vom 27. Januar über die USR3 fühlte Moderator Jonas Projer Bundesrat Ueli Maurer hartnäckig auf den Zahn, am 31. Dezember letzten Jahres nahm Géraldine Eicher in der „Samstagsrundschau“ von Radio SRF Bundesrätin Doris Leuthard in den Schwitzkasten, am 16. November 2016 schliesslich stellte Sandro Brotz in der „Rundschau“ der Zürcher Justizdirektorin Jacqueline Fehr ein paar Fragen – so, wie wir es von ihm kennen.

Mit Verlaub, aber das mit dem „Staatssender“ ist bireweich.

Was in Diskussionen mit No-Billag-Freunden auf Facebook und Twitter auffällt: Viele von ihnen nölen oder diffamieren anonym. Mit der Tradition des Dialogs und des Respekts, die in unserem Land über Jahrhunderte gepflegt wurde, hat das nichts mehr zu tun.


Ergänzende Texte:

“Privat” wird ziemlich teuer (Robert Ruoff, 5. Juni 2015, Infosperber)
Die SRG in der digitalen Revolution (Rainer Stadler, 1. September 2016, NZZ)
Medienvielfalt ohne Zwangsgebühren (Olivier Kessler, Co-Präsident der Volksinitiative “No Billag”, Gastbeitrag vom 20. Oktober 2016, NZZ)
Den Schweizer Qualitätsmedien droht die Todesspirale (Karl Lüönd, Gastbeitrag vom 5. Februar 2017, NZZ am Sonntag)


Disclaimer:

Ich war früher einmal Redaktor bei Radio SRF, lange ists her, und die SRG eine faire Arbeitgeberin. Seit 2008 sitze ich im Publikumsrat der SRG, ein „Sounding Board“, das aus 26 Mitgliedern besteht. Wir beobachten über eine längere Zeitspanne systematisch Sendungen, schreiben Berichte darüber und treffen uns monatlich zu einem Austausch mit den Macherinnen und Machern. Ich investiere 18 bis 20 Arbeitstage pro Jahr dafür, dieses „Jöbli“ wirft zwischen 28 und 35 Franken pro Stunde ab, je nachdem wie schnell ich schreibe. Als Selbständiger leiste ich mir also ein teures Hobby. Und weshalb tue ich das? In diesem Gremium ist die Diskussions- und Streitkultur sehr gut entwickelt. Das gefällt mir, und es hat spannende Charaktere in diesem Gremium. Zudem: Kritik – von meiner Seite kommt sie regelmässig – ist so direkt deponiert.

Diese Zeilen basieren nicht auf einem Mandat oder einem Anruf im Stil von „Lieber Mark, könntest du nicht…“; als Claqueur bin ich nicht zu haben. Sie entstanden aus der Perspektive des besorgten Bürgers. Die digitale Disruption führt zu einem Zerfall der Medien. Qualitativ überzeugende Medien sind aber die Voraussetzung für eine stabile Demokratie.

 

Giacobbo und der Gorilla

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Das Schönste an
der letzten „Giacobbo/Müller“-Sendung sind die zahllosen Rückmeldungen, die ich per Telefon, E-Mail und SMS erhalten habe – „Hellou soziale Anerkennung!” Zum Teil meldeten sich Leute, die ich vor 20 Jahren aus den Augen verloren hatte. Auch Dutzende von Unbekannten mailten mir ihre Feedbacks, die teilweise sehr präzis waren. Zum Beispiel D.K.:

„Ihre 10 Minuten bei Giacobbo/Müller habe ich als sehr erfrischend erlebt; klare Aussagen, etwas Humor und dazu noch mehr als nur ein Hauch Feminismus. Mein Eindruck wurde leider getrübt durch ihre Körpersprache (die Hände waren Klasse). Die gorillamässige Sitzhaltung wirkte wenig sympathisch. Das können Sie besser.“

D.K. hat Recht, non-verbal bot ich einen merkwürdigen Auftritt and I’m not fishing for compliments. Doch schauen Sie ihn sich selber an:

Giacobbo/Müller – Late Service Public: Talk vom 20. November 2016

Seit nunmehr 14 Jahren
mache ich Einzelpersonen fit für wichtige Auftritte, eine Mehrheit davon kommt übrigens nicht aus der Politik. Ich trainiere mit Ihnen, wie sie überzeugend argumentieren und Botschaften platzieren können. Bei Vorträgen, Interviews, Podien und Präsentationen vor der Geschäftsleitung. Als Talkgast bei der „Late-Night-Show“ von SRF war ich nun selber gefordert. Wie viele Tipps, die ich jeweils in unseren Trainings vermittle, konnte ich selber umsetzen?

Nun, ich bin nicht zufrieden mit meinem Auftritt. Wieso?

– Ich brachte nur in Teilen rüber, was ich im Kopf hatte, wichtige Punkte vergass ich komplett, und das darf nicht passieren.

– Die Schlagfertigkeit, sonst eine Stärke von mir, war wie weggeblasen. Es war nicht mein Ziel, lustig zu sein. Das funktioniert nie. Aber ein paar Pointen wollte ich schon landen.

– Dass ich nervös war, zeigte meine Körpersprache. Das ständige Vor- und Zurücklehnen – eben der “Gorilla” – hätte es nicht gebraucht. Während des ganzen Talks suchte ich meine Mitte.

Was mich noch lange ärgern wird: Die Beratung von Politikerinnen und Politikern ist seit 14 Jahren bloss ein Nischengeschäft meiner Agentur. Unsere Aufträge kommen hauptsächlich aus der Privatwirtschaft, zum Teil von der öffentlichen Hand sowie von Einzelpersonen, die keine politischen Ämter innehaben. Das hätte ich Viktor Giacobbo, Mike Müller und der „Late-Night“-Gemeinde in zwei Sätzen erklären sollen. Im Stress vergass ich es – Scheibenkleister, Plattform nicht genutzt.

In schöner Erinnerung ist mir der zweite Teil des Sonntags: Die ganze Crew geht jeweils nach der Show im „Kaufleuten“ essen, die Gäste dürfen mit. Das Znacht war lukullisch, die Runde in bester Laune. Ein feiner Abend, aber äbe: der Auftritt, goppeletti!

 

Nachtrag vom 12. Dezember 2016:

“Giacobbo/Müller” ist Geschichte, gestern wurde die letzte Sendung ausgestrahlt, Talkgast war Bundesrätin und Medienministerin Doris Leuthard – ein würdiger Abschluss. “Late Service Public” wurde in den letzten Jahren oft belächelt, Satire habe einen schweren Stand in der Schweiz, die Pointen seien flach. Diese Kritik ist nicht falsch, aber sie blendet aus, dass “Giacobbo/Müller” auch viele gute Momente hatte, bestens unterhielt und “eine Sendung wie die Schweiz war”, wie  “Tages-Anzeiger”-Redaktor Philipp Loser schreibt. Er würdigt die Sendung auf eine faire Art.

Schawinski, Michael Hermann und Bügelhilfe Balsiger

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Mit 12 war er mein Held, weil er uns mit Pop-Musik – unserer Musik! – versorgte. Vom Pizzo Groppera aus, 24 Stunden am Tag, das „Phone in“ mit Jürg Hofer und Dani Ambühl, jeweils samstags tief in der Nacht, war für mich das höchste aller Radiogefühle. Nicht einmal “Sounds”, die eine Stunde pro Tag mit François Mürner, die Mutter SRG vor 1983 mit unserer Musik erlaubte, konnte das “Phone in” toppen.

Mit 20 schrieb ich Roger Schawinski einen zweiseitigen Brief. Ob er das „Hofstatt Festival“ in Brugg (AG), das ich mit Freunden aus dem Boden stampfte, auf der Frequenz von Radio24 live übertragen wolle, fragte ich ihn. Eine Antwort blieb aus, und ich war enttäuscht.

Mit 48 sass ich ihm gegenüber. Am letzten Montag wars, abends um 23 Uhr. In irgendeinem Studio im Leutschenbach. Zusammen mit Politgeograf Michael Hermann analysierte ich bei „Schawinski“ die Wahlen.

Schawi ist auch aus der Nähe ein Phänomen: Sobald die Kameras laufen, sprintet er los wie ein Gepard auf der Jagd, schlägt Hacken, rudert mit den Händen, wackelt mit dem Kopf, in seinem Gesicht wetterleuchtet es. Er springt von einem Thema zum nächsten, Hermann ist ihm dicht auf den Fersen, ich keuche hinterher. Mein einziger Gedanke – immer wieder: „Ich will meine Sätze beenden! Ich will einfach meine Sätze beenden! Sei knapp und präzis! Sprich verständlich!“ Bereits bei einem ultrakurzen Zögern fährt Schawinski sofort dazwischen, und schon sind wir wieder anderswo, mein Argument bleibt in der Steppe liegen.

Etwa die Hälfte meiner Sätze bringe ich zu Ende.


Gestern schrieb mir via Twitter eine Frau, die ich nicht kenne. Sie habe uns zugeschaut und dazu ihre Wäsche gebügelt. Ich antwortete nur mit einem Wort und einem Satzzeichen: faltenfrei?

P.S.  Im “Club” von SRF wäre das Sprechdenken erlaubt. Die Idee “Bügelhilfe Balsiger” bleibt auf der Liste.