Wie viel Greta steckt in uns?

Die Jugend ist erwacht: Zehntausende nahmen am Samstag an den Demonstrationen gegen den Klimawandel teil. Sie sind friedlich, kreativ und geschickt organisiert. Wegbereiterin und Vorbild ist die 16-jährige Aktivistin Greta Thunberg, die seit ihrem Auftritt am WEF in Davos von Klimaleugnern und Zynikern heftig attackiert wird. Die Frage ist, ob die Jugendlichen in der Schweiz ähnlich konstant und konsequent sein werden wie die Schwedin.


Seit Jahren habe ich mich immer mal wieder genervt: «Diese apolitische Jugend, mon Dieu!» Stets «Jolo», voll easy chillen, Mann – und jetzt das: Schülerinnen und Schüler gehen auf die Strasse, demonstrieren gegen den Klimawandel und stellen klare Forderungen auf. Was vor Weihnachten im kleinen Stil begann, wurde am letzten Samstag gross: In rund einem Dutzend Schweizer Städte nahmen insgesamt mehr als 50‘000 Leute teil. Dass an einem schulfreien Tag so viele Junge mitmachten, ist ein neckisches Detail.

Der Klimawandel kann zu einem Megathema werden. Die Jugendlichen haben ihr Mobilisierungspotential noch lange nicht ausgeschöpft. Demonstrieren macht ihnen Spass, das Planen und gemeinsame Erleben verbindet, der Erfolg ist ansteckend, man will dabei sein, findet es megacool. Sie haben eine Klimastreik-Bewegung aufgebaut, die sich mit Social Media und WhatsApp-Gruppen organisiert und bei Bedarf auch offline trifft. Die Gefahr, dass ihre Kampagne von etablierten Akteuren vereinnahmt werden könnte, haben sie frühzeitig erkannt. Bewusst distanziert sich die Bewegung von der institutionellen Politik, Spenden von Parteien nimmt sie nicht an.

Die Medien fahren das Thema gross, es ist in Schulzimmer und an den Familientisch geschwappt. Damit hat die Politisierung der Teenager begonnen, teilweise vielleicht sogar ihrer Eltern. Toll, wenn das eine dauerhafte Wirkung hat. Es ist allerdings auch gut möglich, dass die Klima-Bewegung bald wieder zerfällt. Wenn sich das Demonstrieren abnutzt und die Aufmerksamkeitsprämien ausbleiben, könnten viele das Interesse wieder verlieren.

Greta Thunberg gab im letzten Sommer die Initialzündung für die Kundgebungen, die inzwischen weltweit stattfinden. Zu Beginn demonstrierte die 16-jährige Schwedin alleine, Freitag für Freitag marschierte sie mit ihrem selbstgebastelten Plakat zum Regierungsgebäude in Stockholm. An der UNO-Klimakonferenz im Dezember las sie den Politikern vor der Weltpresse die Leviten. Spätestens seit ihrer Zugreise ans WEF in Davos kennen sie alle. In den sozialen Medien erfährt sie viel Zuspruch, wird aber auch mit Häme und Hass eingedeckt.

Die Prognose sei gewagt: Greta bleibt dran. Lange bevor sie sich übrigens öffentlich engagierte, setzte sie in ihrer Familie einen Sinnes- und Verhaltenswandel durch. Das sollte Schule machen. Demonstrieren ist gut, sein eigenes Verhalten dauerhaft verändern auch. Dafür braucht es allerdings eine enorme Selbstdisziplin. Nur ein Beispiel: Keine Altersgruppe in der Schweiz fliegt mehr als die 18- bis 24-Jährigen. Seit sich Easyjet & Co. durchgesetzt haben, kosten viele Destinationen noch zwei oder drei Drinks. Nach Barcelona für 20 Stutz, eine hippe Metropole, ist alleweil cooler als ein paar Tage Bergün zu verbringen.

Greta würde sich für Bergün entscheiden, und das führt uns zur zentralen Frage: Wieviel Greta steckt in uns?

One thought on “Wie viel Greta steckt in uns?

  • 11. Februar 2019 at 12:56
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    Lieber Mark

    Am liebsten würde ich seitenweise schreiben, das Thema ist gewaltig. Ob sich die Jugend damit mehr engagieren wird? Hoffen wir es. Wenn ich in meiner Familie schaue, wie unsere Kinder Politik und Wirtschaft am Esstisch mitbekommen haben, und mir ihre Kinder, also unsere Enkel, völlig apolitisch erscheinen. Das habe ich nicht hingekriegt. Genau wie “zwöi Manne” und “drü Froue”.

    Aber zur Grundfrage, wie viel Greta denn in uns steckt? Wenig, muss ich ehrlich sagen. Die ganze Energiesituation ist doch völlig “verschissen”. Und meiner Meinung nach ist der Hauptgrund, dass Transporte von Material und Menschen viel zu billig sind. Die Kosten haben im Gesamtbudget keine Bedeutung. Und leider sehe ich auch überhaupt keine wesentliche Verbesserung. Natürlich werden wir langsam besser mit Technologie und besserer Isolation und optimalerer Nutzung. Aber gleichzeitig steigt die Zahl der Nutzer, das Auto mit geringerem Benzinverbrauch wird ersetzt durch ein grösseres mit stärkerem Motor.

    Wir Menschen machen einfach alles, was machbar ist – wohl von der Evolution so programmiert. Zum Überleben und so. Frustrierend ist dabei, dass Massnahmen, die wirklich etwas bringen würden, so komplex sind und so gravierende Folgen haben, dass wir sie eben nicht ergreifen: Flugpetrol ist nicht besteuert. Würde man das tun, würden nur noch die Hälfte der Menschen fliegen, ein ganzer Wirtschaftszweig würde zusammenbrechen, von den Flugzeugbauern über die Millionen Angestellten in Flughäfen bis zur gesamten Tourismusbranche.

    Wir kaufen Trauben aus Südafrika im Winter, gut für die Menschen dort, die wenigstens Arbeit haben. Sagen wir uns. Dass das Zeug aber per Flieger hierher gebracht wird, verdrängen wir. Und so könnte man endlos weiterfahren. Dein Beispiel mit Barcelona mit EasyJet ist super. Ja, wir müssten uns alle massiv einschränken, so dass es weh tun würde. Aber der Mensch macht das nicht. Ich auch nicht. Warum soll ich nicht nach Holland zur Familie meiner Frau fahren? Eben, weil es Energie braucht. Und unser geplantes Nachtessen mit einem nordatlantischen Wildlachs? Umschalten auf Cervelat? Der Lachs schwimmt ja auch nicht zu uns und wird wohl auch per Flieger in die Schweiz und dann per Camion in den Supermarkt gebracht.

    Kurz: es ist zum Verzweifeln. Ich muss mir einfach eingestehen, dass wenig Greta in mir steckt. Kann ich es lernen? Ich habe Angst, eingestehen zu müssen, dass ich es wohl nicht kann.

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