Ein Wiedersehen in den Wäldern Schwedens

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Neben den Erlebnissen in der Natur das Schönste an meiner Velotour: Begegnungen. Begegnungen mit bislang unbekannten Menschen und mit alten Bekannten. Zum Beispiel mit Beatrice und Familie.

Nach ihrem Politologiestudium absolvierte Beatrice 2005 ein Praktikum in meiner Kommunikationsagentur. Wach und breit interessiert, kniete sie sich in ihre neuen Aufgaben, fasste schnell Fuss, machte einen guten Job und wuchs mir ans Herz.

Danach zog sie weiter, doktorierte an der Uni Zürich zur “Demokratischen Legitimität in der Umweltpolitik”, gründete eine Familie und schaffte den Sprung in das kommunale Parlament der Stadt Baden. In all den Jahren blieben wir in Kontakt und trafen uns ab und an auf einen Schwatz.

Dass Beatrice, Philippe und der siebenjährige David zurzeit auch in Schweden unterwegs sind, ging allerdings unter meinem Radar durch. Bis am Donnerstagmorgen als mir Beatrice eine SMS schickte…

„Hallo Bärn!“ (Ihre SMS beginnen immer so. Meine immer mit „Hallo Baden!“)

Das Trio ist also mit dem Auto im Süden Schwedens unterwegs, ich mit dem Velo. Klar, dass wir uns treffen wollen. Irgendwo.

Wo treffen sich Bernerinnen, wenn sie sich verabreden? Natürlich beim Loeb-Egge. Es war schon immer so.

Wo treffen sich Zürcher? Wohl in einer angesagten Bar in der Nähe des Escher-Wyss-Platzes. (So viel Klischee ist an einem Sonntagabend erlaubt.)

Und wie heisst der Treffpunkt ehemaliger und aktueller Badener, wenn sie in Schweden unterwegs sind? Natürlich Karlström!

So sieht es dort aus:

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Karlström besteht aus sechs Sommerhäuschen, einem weissen Plastikstuhl, einem Teich und einer Armada gut erzogener Frösche. Als ich dort nächtigte, verzichteten sie auf alle Fälle auf ein Konzert. Karlström liegt mitten in einem Wald und hat Seeanstoss. Der Zugang ist versteckt, die Bucht lieblich, das Wasser sicher 24 Grad warm. Es hat keine Menschenseele hier und keinen Zeltplatz, aber Platz für mein Zelt. Genauso wie ich es mag.

Ich bin per Zufall auf diesen verwunschenen Platz gestossen, gebe dem Trio meine Koordinaten durch, eine Stunde später braust es mit dem Mietauto auf der staubigen Strasse heran. Ein grosses Hallo! Wir haben einander mehr als ein Jahr lang nicht mehr gesehen. Wir palavern, plantschen im See und lassen uns von der Abendsonne bräunen.

Der Hunger meldet sich. Wir verstecken Fahrrad und Gepäck in den Büschen und fahren mit dem Auto ins nächste Städtchen, etwa 20 Kilometer entfernt, wo wir die schwedische Gastronomie testen. Es wird ein wunderbarer Abend.

Schliesslich kehren wir zurück zu den stillen Fröschen. David geht mit beim Aufstellen des Zelts an die Hand, Philippe bläst die Matratze auf und Beatrice flickt die Kordel meiner Badehose. Dann müssen sie los, ihr Hotel ist etwa eine Autostunde von Karlström entfernt.

Von den Eltern habe ich mich schon verabschiedet, David hampelt echli gehemmt vor mir herum. Schliesslich drückt er mir einen Zuckerstengel in die Hand:  “Für die Weiterfahrt“, murmelt er. Auf der Etikette steht “Bläbär” – Blaubeere, in der Schweiz besser als Heidelbeere bekannt.

Gegen Ende der heutigen 130-Kilometer-Etappe, als die Beine schwerer und schwerer wurden, rollte ich den Bläbär-Stengel aus dem Papier und steckte ihn zwischen die Zähne. Der Zuckerschub verfehlte seine Wirkung nicht. Danke, David!

 

Das Buskers, das Bünzlitum und das Partyvolk

Kein anderer Grossanlass passt besser zur Altstadt Berns als das Buskers. Vor der 13. Ausgabe dieses Strassenmusik-Festivals kommt Kritik auf. Es sei zu laut, reklamieren Anwohner, und “Der Bund” verstärkt diese Kritik mit einer fetten Story. Derzeit durch die Wälder Schwedens pedalend, habe ich gestern davon erfahren. Zuerst wurde ich wütend. Gedanken über Bern, das Bünzlitum und eventisierte Anlässe. 

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Wenn die Abendsonne die Gassen und Häuser in warmes Honigmelonengelb taucht, wenn es nach Crêpes und Nasi Goreng riecht, wenn sich grosse und kleine Kinder erwartungsfroh im Halbkreis auf den Boden setzen, wenn jongliert, parliert und musiziert wird – dann ist das Buskers im Gang. Nie ist Bern so herzlich wie während dieser drei Abende im August. Nie sieht man in der Stadt so viele glückliche Gesichter wie dann.
 
Das Buskers wurde stetig grösser und lauter, es mauserte sich zu einem Grossanlass mit einer beachtlichen Wertschöpfung. Die rund 70’000 Besucherinnen und Besucher dürften – ganz grob geschätzt – zwischen 6 und 10 Millionen Franken ausgeben. Leider hat sich das Buskers auch „eventisiert“, d.h. es zieht immer mehr Leute an, die mit Strassenmusik, Akrobatik und Co. nichts anfangen können. Das gleiche Phänomen kann man bei der Museumsnacht und beim Zibelemärit beobachten.
 
Jenen Leuten geht es um etwas anderes: Sie wollen Party machen – saufen. (Die meisten Beizen in der unteren Altstadt sind am Buskers-Weekend bis 3 Uhr morgens offen. Die Gastronomen stehen deshalb auch in der Pflicht.) Das Partyvolk lärmt. Die Bands müssen entsprechend lauter sein, sonst haben sie bei viel Publikum und grosser Geräuschkulisse keine Chance. Also werden ihre Konzerte inzwischen verstärkt. Das hat den Charme dieses Festivals deutlich reduziert, keine Frage. Und es stört offenbar Anwohner in der Altstadt.
 
Die Frage ist: Stört es ein paar Dutzend, ein paar Hundert oder tatsächlich alle Anwohner, wie der „Bund“ mit seinem reisserischen Titel suggeriert. Ungut, wie er so Stimmung gegen diesen Anlass macht, sich auf eine einzige Quelle stützend. Tatsache ist: 2015 ging bei der Polizei keine einzige Lärmklage ein. Das spricht Bände.
 
Was Lärm bedeutet, erfuhr ich, als ich noch sehr jung und knapp bei Kasse war: Ich wohnte an der Badenerstrasse in Zürich, es ging kurz nach 6 Uhr los und klang gegen 23 Uhr ab, 22’000 Verkehrsbewegungen täglich. Die Fenster waren schlecht isoliert und die Wände vibrierten, wenn Lastwagen vorbeidonnerten. Und so ging es 365 Tage pro Jahr. Das, liebe Freunde in der Altstadt, lieber Zuspitzer auf der „Bund“-Redaktion, das ist L ä r m b e l a s t u n g.
 
Das Buskers in Bern findet pro Jahr einmal statt, es dauert drei Abende jeweils von 18 bis 24 Uhr und um Mitternacht ist auch wirklich Schluss. Was hernach lärmt, sind ein paar Tausend Leute in der unteren Altstadt, die noch nicht nach Hause wollen. Aber ach herrje, es gibt ja noch die Fasnacht: Nochmals drei Abende Lärm bis 3 Uhr in der Früh. Man stelle sich vor, YB würde Meister – dann käme noch ein siebter Abend hinzu. Unerträglich!
 

Ironie beiseite: Was könnte man tun?

Es braucht Zivilcourage. Man muss mit den Leuten reden. Die Beizer sollen das Partyvolk zur Rücksichtnahme auffordern. Festivalbesucher und Altstadtbewohnerinnen, die sich gestört fühlen, sollen dasselbe tun. Anständig, aber mit klaren Worten. Das braucht etwas Mut und Autorität. Aber wenn Menschen zäme schnurre, ist das per se nicht schlecht.

Es gibt noch einen anderen Aspekt: Wenn die Welt drunter und drüber geht – Paris, Beirut, Brüssel, Nizza, München – , wenn die Glarners, Erdogans und Trumps ihr Gift versprühen, dann werden fröhliche und friedliche Feste wie das Buskers noch wichtiger.

 
Transparenz:

Meine Firma ist seit vielen Jahren Gönner des Buskers Bern. Ich bin also Partei und habe bislang alle Festivals miterlebt. Die diesjährige Ausgabe werde ich verpassen. Zugegeben, ich mochte das Buskers in seinen Anfängen, also es noch klein und ein Insideranlass war, lieber. Die riesigen Menschenmassen und der Partycharakter spätabends in einzelnen Gassen sind nicht mein Ding. Entsprechend gehe ich jeweils schon auf 17.30 Uhr ans Festival und gegen 22 Uhr wieder nach Hause.

Bern, Buskers Festival

Die Oase des Glücks in Abbekås

Mit müden Beinen schlurfe ich um das Gebäude herum, der Kies knirscht bei jedem Schritt. Rechts stehen bunt bemalte Zirkuswagen, ein Wimpel zwirbelt im lauen Wind, sonst regt sich nichts. Der Innenhof liegt da wie ausgestorben. Ich drücke die angelehnte Türe auf und strecke meine Nase in das kleine Restaurant hinein. Es strahlt Wärme aus. In Hintergrund singt Paolo Conte. Ich mag diesen Ort auf Anhieb, und wer den italienischen Liedermacher auflegt, hat bei mir ohnehin schon 100 Punkte eingeheist.

Da biegt ein Mann mit wilder Mähne um die Ecke. Unter dem linken Arm trägt er einen Korb mit Wäsche.

„Talar du engelska?“, beginne ich.

Eine rhetorische Frage. In Schweden sprechen fast alle Leute Englisch, die meisten sogar auf hohem Niveau.

Seine dunklen Augen blitzen schelmisch und er fragt auf Schwedisch zurück: „Talar du svenska?“

Ich schüttle bedauernd den Kopf.

Der Mann gibt mir die Hand. „Mladen!“

Jetzt bin ich es, der schelmisch fragt: „Bosanki?“ (Bosnisch).

Mladen hebt die Augenbrauen. Ja, die ersten fünf Jahren seines Lebens habe er im Norden Bosniens verbracht, fährt er auf Englisch fort; seither sei er in Schweden. Dabei macht er mit dem rechten Arm eine raumgreifende Geste auf das Gebäude und den Innenhof – das Hotel Vagabond.

Vällkommen – willkommen bei Mladen und seiner Partnerin Janna, einer Schwedin.

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Früher war das Hotel
Vagabond eine Schule. Sie liegt zwischen den beiden kleinen Dörfern Abbekås und Skivarp, etwa eine Autostunde südlich von Malmö. Vor 14 Jahren kauften es Janna und Mladen, beide sind ausgebildete Schauspieler, und bauten es mit der Hilfe von Freunden um. Ein Theater entstand – es lautet auf den Namen Theater Kapija, inspiriert von Ivo Andrićs Klassiker „Die Brücke über die Drina“. Das Theater hat etwa 50 Sitzplätze, eine grosse Bühne und viel Ambiente.

Das Theaterleben ist auch im Süden Schwedens hart, fernab von Städten strömt das Publikum nicht in Massen herbei. Deshalb entstand vor ein paar Jahren ein kleiner Hotelbetrieb. Das Paar kaufte sechs Zirkuswagen und baute sie um. Sie sind rustikal, charmant und ungemein gemütlich. Ihr Inneres haben sie geschmackvoll eingerichtet und bemalt. Die Wagen tragen Namen. Meiner heisst Dizzy – angelehnt an Dizzy Gillespie.

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Zum Znacht gib
t es gegrillten Lachs oder Ćevapčići. Dazu gedämpftes Gemüse, Kartoffelsalat und spanischen Rotwein. Im Vagabond sitzen alle Gäste zusammen an einem Tisch, Fremde werden zu Bekannten, Geschichten machen die Runde. Nach dem Nachtisch – selbstgemachter Schoggikuchen mit Rahm und Himbeeren aus dem eigenen Garten – setzen sich auch die Gastgeber hinzu.

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Zur fortgeschrittenen Stunde
schnallt sich Janna die E-Gitarre um und Mladen den Bass. Und dann geben sie Eigenkompositionen, mal rauh, mal verspielt. Es sind wahre Geschichten aus ihrem Leben. Mladen zupft mit stoischer Ruhe den Viersaiter. Von Janna kommt eine neue Facette zum Vorschein: Auf der Bühne bricht ihr Temperament durch, ja, sie scheint zu explodieren. Das Konzert: authentisch, so nahe, so wuchtig – und deshalb: so gut.

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Wir sitzen da – hingerissen. Es ist Sonntagabend und das Glück hat uns umarmt.

Janna und Mladen haben sich einen Traum erfüllt. Das bedeutet auch harte Arbeit, putzen und ökonomische Unsicherheit. Aber sie tun, was sie wollen und sie tun es mit Leidenschaft. Das steckt an.

Das Hotel Vagabond ist eine Oase des Glücks.

 

P.S.
Der Sommer in Schweden ist von kurzer Dauer, die Saison des Hotels Vagabond auch. Dorthin einen Abstecher zu machen und in die Vagabond-Welt einzutauchen, empfehle ich besonders Familien mit Kindern, Frischverliebten sowie Romantikerinnen und Romantikern.

Hier der Link zum Hotell Vagabond in englischer Sprache (auf Schwedisch hat Hotel zwei “l”), und derjenige zum Teater Kapija (Theater ohne “h”). Dank Google Maps wissen Sie/weisst du mit einen Klick, wo Abbekås liegt: hier.

Hier zahlt man mit Kronen, du Armleuchter!

Mein Körper meldet sich immer zuverlässig, wenn er Flüssigkeit braucht – in den Bergen wie auf dem Rad. So auch jetzt. Der Bidon und die 1,5-Liter-Pet-Flasche sind schon leer, ich brauche Nachschub.

In gemütlichem Tempo rolle ich durch die erste dänische Stadt auf meiner Tour Richtung Nordkap, etwa eine Stunde von Flensburg entfernt. Sie heisst Aabenraa. Vor einem Supermarkt namens „Netto“ stoppe ich und kette meinen Göppel an einen Pfosten. Zielstrebig gehe ich den Regalen entlang und werde schnell fündig: Ich entscheide mich für ein Tetrapak Mangosaft und schon stehe ich an der Kasse.

Die Kassierin hat einen blonden Rossschwanz, ein ungeschminktes Gesicht und müde Augen. Sie wirkt gestresst. Tack-tack-tack – sie tippt mechanisch und sagt dann irgendetwas zu mir. Ich reiche ihr wortlos einen 20er. Sie zögert, schaut zuerst den Geldschein an als komme er vom Mars, dann mich. Lange.

Ich gucke zurück. Verschwitzt. Unter dem Velohelm beginnt es zu kribbeln.

„Guckst du!?“, denke ich und halte die Situation aus. Stille.

Jetzt ergiesst sich ein Wortschwall über mich, ich verstehe nur Bahnhof. Mein Dänisch beschränkt sich auf etwa 25 Wörter, dazu kommen zwei grammatikalisch korrekte Sätze.

Ich suche in meinem Bündel eine andere Note und drücke sie der Kassiererin in die Hand. Sie gibt mir den 20er zurück, leicht angewidert, wie mir scheint. Ich begutachte ihn näher, diesen Schein in leichtem Rosa.

Während sie das Retourgeld zusammenklaubt, lese ich laut – keine Ahnung, weshalb –, was auf dem Geldschein steht: „Bank of Botswana.“

Die Leute in der Schlange hinter mir haben den merkwürdigen Nicht-Dialog natürlich aufmerksam mitverfolgt. Erheiterung kommt auf: Der vielleicht 15-jährige Teenager kichert, ein alter Mann wiederholt laut: „Botswana!“, und zwei Frauen mittleren Alters schauen sich vielsagend an – und dann mich. Mitleidig. Und ein wenig spöttisch. In ihren Gesichtern steht: Woher kommt dieser Mann in seinem lächerlichem Radfahrer-Outfit bloss?

Bei mir meldet sich das Hirn zurück: „Hallo Mark, hier zahlt man mit Kronen, du Armleuchter! Es gibt nicht einmal 20-Kronen-Scheine!“ Meine Gesichtsfarbe hat sich inzwischen leicht verändert.

Vor vier Jahren machte ich zwei Reisen, eine nach Dänemark und eine durch den Süden Afrikas. Die Banknoten, die von diesen Trips übrigblieben, hatte ich offensichtlich in denselben Umschlag gesteckt und mit „DK“ beschriftet.

Wie ein geprügelter Hund schleiche ich aus dem Laden.

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