Fremdschämen an der Falkenstrasse


NZZ-Chefredaktor Eric Gujer
brachte am Samstag die Schrotflinte in Anschlag – zum wiederholten Mal. Schon der Titel seines Leitartikels knallt: «Die Schweiz braucht keine Staatsmedien». Gujer schiesst scharf auf die SRG. Kritik ist legitim und wichtig: Die SRG hat in der Vergangenheit nicht alles richtig gemacht, klar. Ein paar Schlüsselfiguren wünschte man mehr Empathie und Demut. Doch darum geht es hier nicht.

Gujer übernimmt in seinem Text weitgehend Rhetorik und Logik der No-Billag-Initianten. Aus staatspolitischer und publizistischer Sicht ist das bedenklich. Er suggeriert, das Volk könne am 4. März nächsten Jahres Ja stimmen, das Parlament fände hernach einen kreativen Weg, die Initiative umzusetzen. Entweder hat Gujer den Initiativtext nicht gelesen oder er pokert.

Als Ergänzung zum Blog-Posting von Diego Yanez, dem Direktor der Schweizer Journalistenschule, bringe ich hier eine Replik zu vier Punkten aus Gujers Elaborat.

1. Die SRG ist ein Staatssender

Gujer war einmal Korrespondent in Moskau. Er weiss also genau, dass Staatssender zensurieren und nur die genehme Meinung verbreiten. Schweizer Radio und Fernsehen hingegen hat keine Abhängigkeiten. Die Vereinsstruktur der SRG mit ihren 24’000 Mitgliedern ist typisch für unser Land: Das Unternehmen gehört dem Volk, zwei von neun Verwaltungsratsmitgliedern werden vom Bundesrat bestimmt.

Die SRG-Journalisten beobachten die Arbeit der Behörden in der Regel genau und mitunter kritisieren sie hart. Als Beispiel dient der investigative Journalismus der Magazine «Espresso», «Kassensturz» und «Rundschau». Zudem zeigt die «Samstagsrundschau» von Radio SRF1 Woche für Woche, wie man den Mächtigen aus Politik und Wirtschaft gut vorbereitet und professionell auf den Zahn fühlt. Wir merken: Schweizer Radio und Fernsehen bietet unabhängigen Journalismus.

2. Die SRG ist ein Dinosaurier und verändert sich nicht

SRF4 News ist nur eine von vielen Innovationen des Hauses. Der Sender bringt rund um die Uhr gut aufbereitete Nachrichten. Morgens von 6 bis 9 Uhr wird im Halbstundentakt «Heute Morgen» ausgestrahlt, ein zehnminütiges Journal auf vergleichbarem Niveau wie das «Echo der Zeit». Die SRG befindet sich im Wandel zu einem digitalen Medienunternehmen: Inhalte werden dort angeboten, wo ein Teil des Publikums heute ist – auf Instagram, Youtube, Facebook und Twitter. Die App «Politbox», für Junge konzipiert, holte 2015 einen internationalen Preis. Unlängst kreuzten bei Radio SRF1 Befürworter und Gegner der No-Billag-Initiative für eine Stunde die Klingen. Das Publikum brachte sich ein – via Telefon und Social Media. Wir merken: Die SRG ist unterwegs und macht publikumsnahe Sendungen.

3. Die SRG verzerrt den TV-Markt Schweiz

Trotz neuer Technologie: In der kleinen Schweiz mit ihren vier Sprachregionen spielt der TV-Markt nicht. Die Fixkosten für eine Informationssendung oder einen Spielfilm sind ähnlich hoch, ob sie nun für 5,5 Millionen Menschen in der deutschen Schweiz gemacht werden oder für 82 Millionen in Deutschland.

Rainer Stadler, seit mehr als 25 Jahren Medienredaktor bei der NZZ, ist ein genauer und unbestechlicher Beobachter – und ein Kritiker der SRG. Am letzten Freitag schrieb er: «Es verwundert, dass einige Exponenten weiterhin behaupten, eine private SRG könne sich künftig als Abonnementssender behaupten. Wer solches sagt, ist unredlich, oder er hat keine Ahnung von medienökonomischen Zusammenhängen. Ein Blick in die Nachbarländer genügt, um zu erkennen, dass das nicht funktioniert.» Wir merken: Bei der NZZ wird nicht der profunde Kenner konsultiert, wenn es um Medienthemen geht.

4. Das «Lagerfeuer» Fernsehen gibt es nicht mehr

Als Gujer noch ein Teenager war, lud Kurt Felix jeweils zur grossen Unterhaltungsshow «Teleboy». Strassenfeger gibt es heute noch: Den Dokumentarfilm über Bernhard Russi – ein berührendes Porträt – schauten 850’000 Menschen, die neue Krimiserie «Wilder» brachte Quote und gute Kritiken im Feuilleton, wichtige Spiele der Schweizer Fussballnationalmannschaft, das Lauberhornrennen oder der Historienfilm «Gotthard» kratzten an der 1-Millionen-Grenze. Die Hauptausgabe der «Tagesschau» verfolgen im Durchschnitt 620’000 Leute, und zwar linear. Wir merken: Das Fernsehen ist weiterhin ein Massenmedium.

Fazit: Gujers Leitartikel ist unrecherchiert, faktenfremd und teilweise demagogisch. Viele seiner Arbeitskollegen an der Falkenstrasse werden sich fremdschämen. Es ist nicht das erste Mal. Um es auch mit Polemik zu versuchen: Ohne starken Kaffee am Samstagmorgen hätte ich womöglich geglaubt, Ulrich Schlüers «Schweizerzeit» und nicht die NZZ vor mir zu haben. Was Gujer (Pressefoto unten) mit diesem Stück Konzernjournalismus bewirken will, bleibt sein Geheimnis. Wir erinnern uns aber, was er bei seiner Ernennung im März 2015 sagte: «Das, was wir machen, versuchen wir besonders gut zu machen.»


Dieses Posting erschient zuerst bei «Persönlich», dem Portal der Kommunikationsbranche.

Interessenbindungen des Autors:
Mark Balsiger ist Kampagnenleiter des Komitees «NEIN zum Sendeschluss», das gegen die No-Billag-Initiative kämpft. Mandate der SRG hat er keine.

 

8 thoughts on “Fremdschämen an der Falkenstrasse

  • 18. Dezember 2017 at 7:33
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    Die Replik sitzt und ergänzt jene Matthias Zehnders trefflich.

    Dass Sie den Hitler-Stalin-Satz nicht erwähnen, rechne ich Ihnen als Anstand an.

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  • 18. Dezember 2017 at 15:28
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    Nach dem Leitartikel (hmm, Pamphlet?) von Herrn Gujer ist diese bestens dokumentierte Replik eine Wohltat.

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  • 18. Dezember 2017 at 21:01
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    Der Rechtsstaat und die Rechtssicherheit kostet uns Steuerzahler etwas. Möglichst unabhängige Information müssen wir uns auch etwas kosten lassen. Sonst frisst uns der schnöde Mammon und Big Data auf.

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  • 19. Dezember 2017 at 12:03
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    Dass ein Chefredaktor der NZZ auch von «Staatsmedien» redet, ist himmeltraurig! Er weiss ganz genau, dass das nicht stimmt! Und solche Journalisten werden auf das Volk losgelassen. Die SRG, also die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft, ist ein Verein, dem alle beitreten dürfen. Mit 100 Franken kann man Mitglied auf Lebenszeit werden. Demokratischer geht es nicht mehr! Es ist nur die Frage, ob wir diese Demokratie auch nutzen!

    Werden Sie doch Mitglied bei SRG! Reden Sie mit! Kritisieren Sie, wo nötig, hart! Lassen Sie sich in den Publikumsrat wählen! Ich bin Mitglied in der SRG-Region Bern Freiburg Wallis, ein gewöhnlicher Staatsbürger, Radio- und Fernsehkonsument, also auf keine Art und Weise mit der SRG verbandelt.

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  • 20. Dezember 2017 at 9:26
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    Im Nein-Lager fehlt etwas ganz Fundamentales: Jedesmal wird kurz gesagt „ja, war nicht optimal in der Vergangenheit“, als kurzer Alibi-Satz. Aber es fehlt jegliche Zukunftsvision! Ohne Zukunftsvision ist diese Abstimmung nicht zu gewinnen! Jedem unvoreingenommene Bürger ist doch klar, dass es sonst genauso weiter geht wie bisher. Ich bin absolut gewillt nein zu stimmen, aber definitiv nur, wenn es wenigstens die Hoffnung gibt, dass es nicht genauso weiter geht wie bisher! Also bitte, stellt Zukunftsvisionen für das SRF zur Diskussion, beginnt einen Diskurs, was anders und besser sein muss in der Zukunft. Sonst verliert ihr garantiert, genauso wie Hillary, die meinte es, genüge gegen Trump zu sein. Es genügt nicht, aus der Defensive heraus nur die Argumente der No-Billag Leute zu kontern! Wann begreift ihr das endlich?

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  • 20. Dezember 2017 at 22:18
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    Auf eine NZZ mit diesem Chefredaktor lässt sich viel leichter verzichten, als auf ein Radio und Fernsehen mit einem breiten thematischen und politischen Spektrum.

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