Wie ich in der Pampa wieder aufgepäppelt wurde

Inzwischen bin ich seit fünf Wochen mit dem Velo unterwegs. Ich er-fahre den Balkan im Zickzack und habe ein Händchen für Passstrassen, die Stille und atemberaubende Panoramen bieten. Das bedeutet viel Auf und Ab, viel Schweiss und Leiden. Einmal kam ich an meine Grenzen, und davon handelt dieses Posting.

Die Beine sind schwer wie Blei, der Durst quält mich schon seit Stunden. Im Schritttempo rolle ich in das Dorf ein, das ich am Vorabend als Tagesziel festlegte. Die schnelle Recherche ergab, dass es ein stattliches Dorf sein muss. «Stattliches Dorf» bedeutet bei mir, dass es einen Tante-Emma-Laden hat und in der Regel auch Gästezimmer.

Die Realität sieht anders aus: Viele Häuser sind am Zerfallen oder ihre Türen mit Brettern und schweren Kettenschlössern gesichert – Folgen des Kriegs und des Strukturwandels. Es herrscht Totenstille. Das Einzige, was sich bewegt, ist eine Kuh, die widerkäut. «Ein Geisterdorf», flüstere ich und erschrecke ob meiner eigenen Stimme.

Schon den ganzen Tag war ich im Sattel gesessen, die Etappe lang, anspruchsvoll, aber wunderschön. Fast immer fuhr ich auf schmalen Strassen, es herrschte praktisch kein Verkehr. Pro Stunde überholten mich oder kreuzten nicht mehr als ein halbes Dutzend Autos. Sonst gehörte die Pampa mir, und ich radelte und radelte.

Irgendeinmal waren die Bidons leer, aber weit und breit kein Bach, mit dessen Wasser ich sie hätte auffüllen können. «Egal», sagte ich mir, «bei Tante Emma gibt’s wieder Neues.»

Jetzt bin ich da, Tante Emma nicht mehr, aber: ICH BRAUCHE WASSER – JETZT!

Matt schiebe ich mein Fahrrad auf ein Haus zu, das einen bewohnten Eindruck macht, und lehne es an einen Pfosten. Da schiesst aus dem Nichts ein grosser Hund hervor und begrüsst mich euphorisch, so, als wären wir seit vielen Jahren beste Freunde. Er tanzt um mich herum und kann sich fast nicht erholen vor Freude. Ich setze mich zu Boden, streichle ihn ausgiebig und nenne ihn «Perito».

Als er sich beruhigt hat, stemme ich mich hoch. Im Schatten des Hauses sitzt ein älterer Mann und hat mich offenbar beobachtet. Ich versuche, keinen jämmerlichen Eindruck zu machen. «Ja sam… Švicarska… bicikl… nema voda… kaputt», radebreche ich und halte zwei Bidons in die Luft. Übersetzt heisst das: «Ich bin… Schweiz… Fahrrad… kein Wasser… kaputt.»

Mein aktiver Wortschatz in südslawischen Sprachen umfasst etwa 300 Wörter, einen grammatikalisch korrekten Satz bringe ich nicht hin. «Kaputt» ist kein Wort auf dem Balkan, aber die Leute verstehen es dennoch.

Der Mann hat eine Glatze und keine Augenbrauen. Er wuchtet sich aus seinem Stuhl, winkt mit der Hand und tappt hinters Haus, ich hinterher. In der Mitte des Gartens steht ein Ziehbrunnen. Ich juble innerlich. Schnell ist der Deckel weggestossen und der Senior wirft einen Kessel hinunter. Ich höre, wie er auf dem Wasser aufschlägt – «platsch!» – und kann mich fast nicht mehr auf den Beinen halten. «Wasser – endlich!»

Am liebsten hätte ich direkt aus dem Kessel getrunken

Routiniert zieht der Hüne den Kessel am Seil hoch, stellt ihn am Brunnenrand ab, und da ist: d a s  W a s s e r. Es schimmert verführerisch in der Sonne. Am liebsten wäre ich in die Knie gesunken, hätte einen langen Hals gemacht und direkt aus dem Kessel getrunken. Mit zittrigen Händen fülle ich meine Bidons, dann gehen wir wieder unter das Vordach des Hauses. Der Mann deutet auf den zweiten Stuhl, ich setze mich und einen Bidon an. Resolut winkt er ab: «Ne!»

Er steht auf, verschwindet in der Küche und kommt mit einem grossen Glas Wasser zurück. Es ist gekühlt, ich sage «Hvala» (Danke) und trinke langsam und in kleinen Schlücken. Nie war Wasser besser als jetzt, nie! Als das Glas leer ist, zeigt mir der Hausherr, wo ich es wieder auffüllen kann. Nach dem dritten Glas fühle ich mich besser und wir beide versuchen eine Konversation. Die Übersetzungs-App auf dem Sklavengrätli mag ich nicht verwenden, das hätte nicht gepasst. Dank dem «Nichtwörterbuch», das mir ein Freund geschenkt hat, kann ich dem Gastgeber mit Piktogrammen und Bildern ein paar Informationen über mich geben.

Da tritt eine Frau vor die Tür. Sie stellt einen Teller mit Brot und Schinken auf den Tisch. Mit der Hand deutet sie auf den kleinen Stall nebenan, aus dem zwischenhindurch Quietsch-Geräusche und würzige Duftnoten herüberwehen. Ich belege die Brotstücke mit ihrem selbstgemachten Schinken und geniesse jeden Bissen. Dazwischen setze ich das Wasserglas an.

Langsam nehme die Umgebung wieder bewusst wahr. Der Garten ist gepflegt, vorne, hin zur Strasse, befinden sich die Blumen. Sie duften und werden von geschäftigen Bienen und ein paar Hummeln umschwärmt. Er erinnert mich an den grossen Garten, den meine Eltern mit viel Fleiss und Liebe pflegten. Die Frau taucht wieder auf und bringt eine Schüssel mit Kirschen. Ich klatsche in die Hände: «Šećar, Zucker!» Sie hat nussbraune Augen und lächelt. Die Kirschen sind reif und süss und sooo gut.

Es ist doch surreal: Da sitze ich irgendwo in der Pampa der Herzegowina und werde von einem wildfremden Ehepaar aufgepäppelt. Der heisse Sommertag ist einem milden Abend gewichen. Ich geniesse die friedliche Stille und das Gefühl, wieder zu Kräften zu kommen.

Kaum zu glauben, dass hier vor 30 Jahren Krieg herrschte. Zwischen 80’000 und 100’000 Menschen kamen dabei um, mit allen Gräueln: Konzentrationslager, systematische Vergewaltigungen, Genozid. Gegen zwei Millionen, die Hälfte der Bevölkerung, leben heute nicht mehr am selben Ort wie vor 1991, sie sind Flüchtlinge im eigenen Land. Zu ethnischen Säuberungen im grossen Ausmass war es hier schon gegen Ende des Zweiten Weltkriegs gekommen. Zwei Generationen später wiederholte sich die Geschichte.

Schlimm ist, dass sich seit Kriegsende 1995 nur wenig zum Positiven verändert hat. Die grossen radikal-nationalistischen Parteien (SDS, HDZ, SDA), für jede Volksgruppe eine, sind weiterhin an der Macht. Seit 2010 ist Milorad Dodik mit seiner SNSD der starke Mann der Republika Srpska (nicht zu verwechseln mit Serbien). Laut meinen Bekannten im Land hat er den serbisch dominierten Teil Bosniens auf seine Art «privatisiert». Wer zu seiner Clique gehört, geniesst Protektion und Privilegien. Als Mitglied des dreiköpfigen Staatspräsidiums (mit je einem Serben, einem Kroaten und einem Bosniaken) blockiert und hintertreibt er jeden Versuch, das fragile Land zu stabilisieren und vorwärts zu bringen.

In den letzten 25 Jahren habe ich mit vielen Serben, Kroatinnen und Bosniaken (muslimisch-stämmige Bosnier) gesprochen, praktisch alle kritisierten die nationalistischen Parteien massiv. Gewählt werden sie trotzdem, aus Angst, dass die anderen sonst Überhand nehmen könnten. Auf diese Weise wird der Stillstand zementiert und die Nationalisten, diese korrupten Saubanden, scheren sich einen Dreck um das Wohl der Allgemeinheit.

Der Friedensvertrag von Dayton hat zwar den Krieg beendet, aber keine Prosperität gebracht. Hunderttausende von Bosnierinnen und Bosnier sind inzwischen ausgewandert, weil sie in ihrem Land keine Perspektiven sehen. Das ist kultureller Selbstmord. (Ständige Wohnbevölkerung gemäss Wikipedia, 1990: 4,3 Millionen Menschen, 2020: 3,3 Millionen.) Man hätte den nationalistischen Parteien die Teilnahme an den Wahlen von Anfang an verbieten müssen, weil sie alle direkt am Krieg beteiligt waren. Amtsträger während des Krieges hätten auf 20 Jahre ausgeschlossen werden müssen, für irgendwelche anderen oder neue Parteien zu kandidieren. So hätte man diesen Sumpf trockengelegt. Die Weicheier aus dem Westen setzen

Und dann rolle ich davon, in den Sonnenuntergang hinein

Ich schüttle die schweren Gedanken ab und schiele zum Gastgeber hinüber. Schliesslich gebe ich mir einen Ruck und stehe auf. «Enegije!», sage ich laut und deute auf meine bescheidenen Bizeps. Der Mann nickt. Ich bedanke mich beim Ehepaar, verabschiede mich von «Perito», mache das Velo startklar und will losfahren. Da steht der Senior neben mir, drückt mir eine Gurke in der Hand und wirkt etwas verlegen. Dann klopft er mir linkisch auf die Schultern und trottet zurück zum Haus.

Ich stecke die Gurke in die Lenkertasche, trete in die Pedale und rolle in den Sonnenuntergang hinein. Kein Motorenlärm stört die Stille, wie ich auf einem Strässchen bergauf radle. Die Energie ist zurück, die Temperatur angenehm, und ich komme zügig voran.

Nach etwa einer Stunde finde ich, dass es für heute reicht. In einer Waldlichtung stelle ich das Zelt auf und beginne zu kochen. Es gibt Penne und gut gewürzte Pelati. Für den zweiten Gang schäle ich die Gurke, schneide sie in feine Scheiben und streue etwas Satz drüber. Den dunklen Balsamico di Modena denke ich mir dazu – funktioniert. Während ich futtere, haben die Vögel ringsum ihr Abendkonzert begonnen.

Die einfachsten Mahlzeiten sind oft die besten, die schwierigsten Tage letztlich die schönsten.

PS:
– Vom Ehepaar und ihrem Garten machte ich keine Fotos, ich getraute mich nicht. Die Aufnahmen in diesem Posting stammen alle von der aktuellen Velotour, die mittlere von jenem Tag in der Pampa.
– Seit diesem Erlebnis habe ich eine weitere Flasche mit Wasser dabei – nur für Notfälle. Eine gewisse Lernfähigkeit ist also vorhanden.
– Mein Interesse für Bosnien kommt nicht von ungefähr: 1996 und 1997 arbeitete ich dort. Konkret: Ich baute eine unabhängige Radiostation auf. Mehr über dieses Projekt und jene Phase gibt es auf meinem beruflichen Blog zu lesen.
– Schliesslich noch etwas Technisches: Wer einen Kommentar hinterlassen möchte, muss Name und E-Mail-Adresse hinterlassen, sonst wird er nicht aufgeschaltet.

Den schönsten Strand liess ich links liegen

Im Frühling 1996 flog ich über die dalmatinische Küste und war hingerissen von der Landschaft und dem intensiven Blau des Wassers. Vorgelagert sind zahllose Inseln, die sich aneinanderreihen wie eine Perlenkette. Ich beschloss, einmal zurückzukehren. Dieser Tage habe ich das Inselhüpfen an der kroatischen Adria versucht. Ganz ohne Frust ging das nicht, «an Yellow Jeff» lag es nicht.  

Nach der Feinplanung waren Brač und Hrvar aussortiert, weil sie zu nahe bei Split und zu touristisch sind. Stattdessen nahm die Fähre nach Vis, einer Insel, die früher ein militärisches Schutzgebiet war und erst 1995 für Leute aus dem Ausland zugänglich gemacht wurde.

Die Atmosphäre auf Vis ist entspannt, die Menschen sind freundlich, die Strassen verkehrsarm. «Gut gewählt, Mark!», lobe ich mich selbst.

Mehrere Einheimische empfehlen mir, Stiniva zu besuchen. Das sei laut einer Erhebung der schönste Strand Europas, ergänzen sie nicht ganz ohne Stolz.

Am Sklavengrätli werfe ich Google an und tippe den Namen ein. Tatsächlich wurde Stiniva im Jahr 2016 zu «Europe’s most beautiful beach» gekürt. Mehr als 10’000 Leute hatten sich an der Befragung von Tripadviser beteiligt, über die Methodik bringe ich nichts in Erfahrung.

Von Rankings und Superlativen halte ich wenig, aber meine Neugierde ist geweckt. Am zweiten Tag sattle ich «Jellow Jeff» und radle los. Irgendeinmal kommt ein diskretes Schild, ich biege ab und fahre auf einem schmalen, zuweilen staubigen Strässchen weiter. Fünfzehn Minuten später bin auf einem Parkplatz angelangt. Nichts stört die Stille, nur drei Fahrzeuge dösen in der Hitze vor sich hin, aus der Ferne funkelt das Blau des Meers. «Das könnte etwas werden mit diesem Strand», denke ich vorfreudig und lehne mein Fahrrad an einen Baum.

Zu Fuss geht es weiter, der Marsch dauere etwa eine halbe Stunde, steht im Reiseführer. Ich muss mich konzentrieren, weil der Abstieg steil ist und anspruchsvoll ist. Nach ein paar Minuten erklingt durch das Dickicht der Sträucher plötzlich – Geschnatter. Es sind Wortfetzen auf Englisch. Kurze Zeit später entdecke ich auf dem schmalen Pfad den ersten Rücken eines Menschen, dann einen zweiten, einen dritten. Schliesslich mache ich 15 Teenager aus, die vor mir bergab stolpern. Sie tragen Flip-Flops und halten ihr Smartphone in der Hand. «Herr, lass Hirn regnen!», murmle ich in einem Anflug von Boshaftigkeit. Die jungen Amis schnattern und schnattern. «You’re filling the air!», war eine meiner Provokationen, als ich in den USA gelebt hatte.

Den hintersten Teil der Gruppe habe ich bald einmal überholt. Ich grüsse freundlich – kein Echo. Die anderen Teenager machen keine Anstalten, mich vorbeizulassen. Meine Laune verschlechtert sich zusehends. «Macht doch Urlaub am Santa Monica Beach!», denke ich und tadle mich für meinen Egoismus.

Auf einer Lichtung wird der Blick hinunter plötzlich frei, und ich bleibe wie angewurzelt stehen. In der Bucht liegen sicher zehn Boote und Jachten und zwei weitere brausen gerade in hohem Tempo herein.

Der Landweg ist etwas für Dummköpfe

Da fällt es mir wie Schuppen vor den Augen: «Natürlich, die Touristinnen und Touristen lassen sich so bequem zum Stiniva-Strand bringen, der beschwerliche Landweg ist was für Dummköpfe.»

Wenn sich auf jeder Jacht zehn oder fünfzehn Menschen befinden, sind das…. hach, rechnen bei 35 Grad!… ziemlich viele, die sich am Strand tummeln. Sie schnattern sicher alle, und es gibt es eine Happy-Hour-Bar, das übliche Angebot mit Schnocheln, Muscheln und Souvenirs… ach! Fast sämtliche Klichees, die ein Touristenstrand bietet, jagen durch meinen Kopf und ich tadle mich zum zweiten Mal. Dann mache ich rechtsumkehrt, beginne wieder bergwärts zu stapfen und lasse «Europe’s most beautiful beach» links liegen.

Einen Tag später bin ich auf einer anderen Insel unterwegs. Während der Mittagszeit, die Sonne brennt erbarmungslos auf meinen Nacken, entdecke ich einen Strand, der mich die Mühsal sofort vergessen lässt. Er ist verwunschen, naturbelassen und menschenleer. Stattdessen liegt eine herrliche Ruhe über der Bucht. Ich tauche ein und mache ein paar kräftige Züge im türkisblauen Wasser. «That’s my cup of tea!»

Wie dieser Strand heisst, weiss ich nicht, womöglich hat er gar keinen Namen. Ich hoffe einfach, dass er nie einen «Titel» holt.

PS:
– Von meinem Traumstrand machte ich keine Fotos. Die hier verwendete Symbolbild stammt von einem Strand auf Vis – auch schön, auch menschenleer. Ich übernachtete dort unter freiem Himmel.
– Von Stiniva Beach gibt’s selbstverständlich eine eigene Website, sogar auf Deutsch. Und viele schöne Fotos.