My new baby from the desert – or from China

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New Year’s Eve
in Essaouira/Maroc: Totally relaxed I stroll through the Bazar looking for a teapot. Even though I have become a heavy tea drinker ever since I had lived in London I still do not own such a piece. The Maroccans are as addicted as me so I assumed that my search would be rather easy.

Booom! – a teapot appears, it simply jumps at me: a silver-grey coloured, slightly dented example with a rugged look, a nice shape and yes – character! I already saw that beauty sitting back home in my kitchen. The voice of a man pulls me back to the narrow street. It belongs to the owner of the little store and within two and a half seconds he has started “the full tourist program” explaining in three languages that this teapot is a very, very, very special edition, you know, more than 50 years old, you know, and originally used by the Berbers in the desert, you know. Then the program stopps and he mentions a price – surely a “special price” only for me, you know.

I take the teapot gently in my hands and start my program: “See, just by holding this beautifully made piece I can tell you that many decades ago, Boujir Abdullah Rahmani, a prince of the Sahara owned it. He was a wise man, tall, highly respected and the father of 43 kids. He usually drank tea out of this pot while collecting his thoughts at night, after he went hunting with his falcons or just before he set off for new adventures.” I pause.

The shop owner looks at me pretty puzzled. “Ok, half the price and it’s yours.”

I pay and he wraps the teapot into an old newspaper. As I reach the door he shouts: “What do you do for living?”

I stop and turn around: “See, I support the Maroccan economy. And sometimes I tell stories. Just like you.”

He smiles. “By the way, there’s no Boujir Abdullah Rahmani.”

I’m counting slowly to five and switch on a serious face. Finally I reply: “I know.”

For a moment, we are looking at each other and then, all of a sudden, we both burst out laughing.

P.S.  It is easily possible that this teapot was produced a few months ago in China, put into some chemical liquid to get the patina look, and was then smashed on the floor in order to be dented. But you know what: I don’t care. imagination ist stronger than reality. So I stick to the story of Boujir Abdullah Rahmani and I just love drinking tea out of my new baby from the desert. No doubt, I can feel the spirit of the prince and the Sahara, too, you know.

Fünf Polizisten, ein Rapport, sechzehn Stempel

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Polizist Número um
spricht zwei Brocken englisch, Número dois zwei Brocken spanisch, ich wiederum bringe es auf ein Viertelbröcklein portugiesisch. Polizist Número três kann den beeindruckend grossen Computer bedienen, Número quatro hat lange, rabenschwarze Haare und ist eine hübsche Frau, Número cinco trägt anstelle der Uniform einen dunkelblauen Trainer, ist aber ebenso dienstbeflissen wie seine Gspändli und hält sich wie Número quatro in der zweiten Reihe.

Draussen ist es dunkel und schüttet wie aus Kübeln. Ich befinde mich auf dem Polizeiposten in Vila Nova de Milfontes, einem Dorf, das etwa 150 Kilometer südlich von Lissabon liegt und der Ausgangspunkt für ausgedehnte Wanderungen entlang der Atlantikküste ist (Foto). Wellen, Wind, die Weite – die Natur hier ist wild, wuchtig, süchtig machend.

In einem Moment der Unaufmerksamkeit hat meine Freitagstasche, die mir seit 1999 täglich am Rücken hängt und stets fast alles mitführt, was ich brauche, plötzlich Beine bekommen. Ihr Inhalt: Mac, Fotokamera, iPhone, Pass, Bücher, Notizen, Zahnpasta, Sackmesser… Dumm gelaufen. Ich schaffte es trotzdem, an einem meiner Vorsätze festzuhalten: gelassen auf Ereignisse zu reagieren, die ich nicht beeinflussen kann.

Ich versuche dem Polizisten-Quintett, den Vorgang des Diebstahls und den Inhalt meiner Tasche zu erklären. Am Anfang verläuft das harzig, doch wir werden bald besser. Jedes Mal, wenn wir uns verstanden haben, nicken sechs Köpfe, das Mimen, das ich vor vielen Jahren bei einer Laienbühne gelernt hatte, hilft auch. Offensichtlich übertreibe ich es einmal: Die Polizisten gucken zuerst verdutzt, dann wechseln ihre Gesichter in den Modus „belustigt“, und als ich schliesslich mit den Augen zwinkere, prusten sie los. Von da an ist das Eis gebrochen.

Nach dem Ausfüllen von vier Seiten Rapport und dem Ausdrucken von vier Exemplaren, die ein Biest von einem Drucker kräftig vordern, zwölf Unterschriften von mir und dem diensthabenden Offizier sowie sechzehn Stempeln – pro Seite einmal – ist dieser Fall im Kasten und ready für die Schweizer Versicherung.

Was ich mit diesem Posting sagen will: Portugiesische Polizisten sind freundlich und hilfsbereit, genauso wie alle ihre Landsleute, die wir getroffen haben, auch. Ohne das mobile Sklavengrätli habe ich die letzten fünf Tage wohl viele Anrufe und SMS verpasst. Sie alle hängen jetzt irgendwo im Apple-Walhalla und werden nie mehr gefunden. Ich weiss nicht einmal, von wem sie stammen. Das tut mir leid und ich bitte die Absenderinnen und Absender um Verständnis.

Inzwischen habe ich mir wieder ein neues Sklavengrätli angeschafft. Die Nummer ist die alte: 079 696 97 02.

P.S. Mobile-lose Tage sind erholend, imfall. Sehr zu empfehlen.

Eine Bumm-bumm-Massage an Weihnachten

Andere beschenken sich in diesen Stunden, also darf ich mir am Abend des zweiten Weihnachtstages auch etwas gönnen – eine Massage.

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Ich erkläre Buth (Foto) meinen Wunsch. Der Kambodschaner ist Tuk-Tuk-Fahrer und ein Glücksfall: Er ist ehrlich, extravertiert (als Asiate!), immer guter Laune, und er hat ein runden fröhliches Gesicht. Die ausgezeichneten Englischkenntnisse, die er sich bei buddhistischen Mönchen aneignete, erleichtern den Austausch enorm. Er zeigte mir heute die Tempel, das schwimmende Dorf auf dem Mekong, das Vietnamesen gebaut hatten, weil ihnen das Geld fehlte, Land zu erwerben. Dazwischen spielen wir Billard und trinken Kaffee. Buths Stadt heisst Kampong Cham. Sie besteht aus verschwenderisch breiten Strassen und Pseudo-Kolonialhäuser mit viel Umschwung und noch mehr Kitsch. Die Liegenschaften der regionalen Regierung gleichen Palästen, und die Autos, die davor parken, sind neu, fett und teuer. Wer sich hier einen Posten holt, hat gute Beziehungen und viel Geld, und nach vier oder acht Jahren nochmals ein bisschen mehr von beidem.

Doch zurück zu meinem persönlichen Weihnachtsgeschenk – der Massage. „Do you want Bumm bumm massage or regular massage?“, fragt Buth. Ich muss verdutzt dreingeblickt haben. Buth bricht in schallendes Gelächter aus und los geht die Fahrt. Nach ein paar Minuten bringt er sein Gefährt in einer Seitenstrasse zum Stehen. Hühner trippeln geschäftig herum, irgendwo liegt eine Katze, Hunde begutachten die Neuankömmlinge neugierig, bleiben aber auf Distanz, kleine Kinder sitzen im Staub und spielen, auf einem improvisierten Grill brutzelt irgendetwas. Vor dem Hauseingang erkenne ich im Halbdunkel einen jungen Mann, klein und dicklich, mit nacktem Oberkörper und nur mit einer hellblauen Seidenhose bekleidet. Unsicher tappt er umher. Im Neonlicht sieht er aus wie ein Bonsai-Sumo-Kämpfer. Wie sich herausstellt, ist er blind. Das also ist der Masseur. Mit seiner Mutter – oder Schwester? – handle ich eine Behandlung für eine Stunde aus.

Schnell ist die Pritsche vor dem Haus hergerichtet, nur von einer kleinen Wand aus Bambus geschützt, ich ziehe mich bis auf die Unterhosen aus und mache es mir bequem, und schon ertasten die Hände des Blinden fachmännisch meinen Rücken, den Nacken und die Beine. „Wie eine Kontrolle“, schiesst er mir durch den Kopf. Und dann geht es los: Von wegen Massage, phoah!, hat dieser Kerl Kraft in den Fingern; er knetet, ja walkt mich durch. Zielsicher findet er jeden, aber aaauch wirkliiich jeeeden Trigger-Punkt. Der Ablauf ist stets derselbe: Wenn er an einer dieser heiklen Stellen zu drücken beginnt, eine Minute, zwei Minuten, eine halbe Ewigkeit lang, kräftig und immer kräftiger… schiessen mir zuerst die Tränen in die Augen. Ich beisse in das Kissen, um nicht laut zu schreien. Wenn der grösste Schmerz vorüber ist, stellt sich das Gefühl einer Lähmung ein. Ich liege und leide still vor mich hin und hadere mit mir: „Dämlicher Masochist. Und das an Weihnachten.“

Rings um mich herum geht das Leben weiter: Ich höre Kindern herumwuseln, Nachbarn kommen auf einen Schwatz vorbei und gehen wieder. Vermutlich gucken sie meine Rückseite ausgiebig an, so einen langen Falang sieht man hier schliesslich nicht aller Tage. Schliesslich die Erlösung: „Finished!“, sagt der Masseur. Ich atme auf, drehe mich um – und erschrecke: Vor mir steht ein anderer Mann, gross und schlank, aber auch nur mit einer hellblauen Seidenhose bekleidet. Ganz offensichtlich ist auch er blind. Er muss meine Reaktion gespürt haben: „My brother“, bringt er hervor und deutet mit der rechten Hand nach hinten. Und tatsächlich: Dort döst der Dickliche in einer Hängematte. Während der Prozedur müssen sie sich abgewechselt haben. Cleveres Geschäftsmodell.


Auf dieser Reise musste mein Rücken auch noch anderswo leiden: Am ersten Segeltag im Andamanensee schlummerte ich, zufrieden und faul im gespannten Netz liegend, ein. Die reflektierende Sonne hinterliess Spuren. Sie sehen “gfürchig” aus, taten aber nicht weh. Dermatologen: weggucken!

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