Am Fluss werden Fremde zu Vertrauten

Berauscht von der langen, rasanten Abfahrt durch einen dichten Eichenwald spuckt mich das schmale Strässchen unten im Tal auf einem staubigen Platz aus. Ich schüttle mich wie ein Hund, dessen Pelz nass geworden ist, um die steifen Glieder zu lockern, gähne mehrmals herzhaft und ohne die Hand vor den Mund zu halten, bis es in den Ohren leise ploppt.

Unverhofft bin ich bereits am Ziel angelangt: auf dem Campingplatz Cozon, der sich an den Dorfrand schmiegt. Er ist klein und verwunschen, ich mag ihn auf Anhieb. Der gleichnamige Fluss gluckert talwärts. Saint-Pierre-d’Entremont hat 570 Einwohner und im einzigen Laden eine freundliche Verkäuferin, die mir den Unterschied zwischen Hafer und Haferflocken erklärt. Ich fragte nach «avoine», richtig wäre «flocons d’avoine» gewesen («Ach, tant pis.»)

Auf dem Campingplatz hat es drei Gäste, die alle fast zur selben Zeit eingetroffen sind: Olivier, Vincent und ich. Es ist kein Zufall, dass wir uns bald zusammentun.

Olivier kommt aus Lausanne, studierte Geografie und baut heute Tunnel. Er macht seine erste grössere Tour mit einem Mountainbike und hat heute eine wilde Etappe durch die Berge in den Knochen. Wenn er die Haare offen trägt, würde jeder Hardrocksänger blass vor Neid.

Vincent lebt in St-Étienne, hat eine hohe Stirn und wache Augen. Er ist Profimusiker, der mit einer Band, einem Duo und solo verschiedene Programme und Stile spielt. Er ist zu Fuss unterwegs und hat die letzten beiden Nächte im Wald übernachtet. Vom nächsten Tag an zieht er zusammen mit seiner Schwester weiter durch die Natur.

Ich mache einen Topf Pasta und strecke die Sauce Bolognaise mit Kürbiskernen (Zink!), frischen Tomaten, Zwiebeln und Knoblauch. Letzterer stärke das Immunsystem und sei gut für die Arterien, sagte mein Grosi jeweils. Knobli fördert aber auch die Verdauung und sorgt, wie sich Stunden später wieder einmal zeigen sollte, für das eine oder andere halblaute Tönli im Schlafsack – olfaktorisch ist das herausfordernd, aber halbwegs narkotisiert höre ich womöglich die Geräusche der Nacht weniger gut.

Einer der Jungs hat drei Dosen Bier organisiert, der andere steuert ein Dessert bei. So sitzen wir in den Abend hinein, erzählen einander von unseren Leben, und es fühlt sich an, als ob wir uns schon lange kennen würden. Die beiden könnten meine Söhne sein, aber solche Konstellationen erlebe ich erstaunlicherweise je länger, desto öfter.

Am nächsten Morgen ist es kalt. Wir bauen unsere Zelte ab und umarmen uns zum Abschied. Dann zieht jeder in seine Richtung: Olivier entschwindet mit seinem Bike im Wald, Vincent wandert dem Fluss entlang, ich habe einen weiteren Pass vor mir.

Es sind solche Begegnungen, die einen guten Tag on the road zu einem wunderbar runden Tag machen.


Foto oben: amis Chartreuse

Schweiss und sanfter Spott in der Steigung

Das Navigationsgerät zeigt elf Prozent Steigung, die Sonne brennt mir auf den Rücken, das T-Shirt klebt schweissnass am Leib. Im Schritttempo kurble ich bergwärts und höre meinem lauten Schnaufen zu. Links: Natur, rechts: Natur, vorne: Natur, oben: Blau. Nichts stört die Stille. Es ist einfach: schön.

Ein Gümmeler schiebt sich scheinbar mühelos auf meine Höhe. Als er mich schon fast überholt hat, schaut er herüber und mustert Velo und Gepäck. In seinem ledernen Rentnergesicht erkenne ich eine Mischung aus Bewunderung und sanftem Spott. Ich kenne diesen Blick.

«Bonne route!», stösst er hervor und zieht mit seinem 9-Kilo-Velöli davon. Ich tippe mit der linken Hand an die Stirn und denke: «Mein Herz schlägt noch viel länger als deines, ätsch!». Auf Velotouren überkommen mich bei Steigungen zuweilen derart bösartige Gedanken, dass ich selbst darüber erschrecke.

Zehn Tage, rund fünfhundert Kilometer und sechstausend Höhenmeter liegen hinter mir auf dieser Tour, die mich von Bern bis nach Marrakesch führen soll. Und ja, «ça roule», es läuft fast immer rund und gut. Keine Wildsau hat mich bislang umgerannt, keine Hornisse gestochen, kein Virus angefallen. An den Beinen habe ich ein paar Schrammen – Zeugnisse von Abfahrten durch wildes Gelände, die meine «Street Credibility» hoffentlich ein wenig erhöhen.

Vor genau zwei Jahren radelte ich von Bern nach Uzès in die Provence, um dort mit dem Chörli eine Woche lang zu proben. Damals war der Regen ein steter Begleiter. Als ob die Wettergötter das jetzt wiedergutmachen wollten, beschenken sie mich bislang mit prächtigen Spätsommertagen.

Beim Fahren lasse ich mir Zeit. Ich will den Flow geniessen und mich gleichzeitig an das neue Set-up am Velo gewöhnen. Das stattliche Gewicht von Gefährt, Gepäck und mir entwickelt bergab ordentlich Schub – und Felgenbremsen ziehen anders als die Hydraulikbremsen mit Öldruck, die ich die letzten zehn Jahre gewohnt war.

Am meisten Zeit verbringe ich allerdings nicht im Sattel, sondern liegend. Ich brauche unendlich viel Schlaf, und wenn das nicht geht, döse ich im Zelt vor mich hin. Zur Belohnung gibt’s jeden Abend ein Kapitel aus Alex Capus’ «Querfeldein» – ein wunderbarer Roman. Es geht eben nichts über gedruckte Bücher.

P.S.
Aktuell campiere ich am Fuss der Alpe d’Huez. Morgen ist sie an der Reihe und ich am Abend fix & foxy.

Leiden am Berg

Aus der Ferne sieht er aus wie ein unförmiger Klotz, der nicht zur lieblichen Provence passen will. Hobby-Radler aus halb Europa flüstern seinen Namen mit grossem Respekt: Mont Ventoux. Der Schweizer Veloprofi Beat Breu, der in den Achtzigerjahren am Berg die Konkurrenz oft stehen liess, würde ihn «einen Sauhund» nennen. Ich habe mich an diesem legendären Tour-de-France-Pass versucht. Protokoll eines episch langen Aufstiegs.

Auf meinen Velotouren habe ich etwas schnell gelernt: Nichts geht über Haferbrei am Morgen! So gibt es auch heute einen grossen Topf davon, angereichert mit Nüssen, Bananenrugeli, Trauben, Honig und Gewürzen. Während ich Löffel um Löffel in den Mund schiebe, bin ich mental schon unterwegs.

Ich schwinge mich aufs Rad und blicke auf die Uhr. Es ist 9.50 Uhr. Aus dem Nichts imitiere ich SRF-Moderator Arthur Honegger: «10vor10 – das ist der Blick hinter die einzige Schlagzeile des Tages: Schafft es Bausi auf den Monsterberg? Wir sind dabei!»

Langsam rolle ich über die farbigen Herbstblätter, die am Boden liegen. Von Malencène aus beginnt der Kampf am Berg. Vor mir liegen 21 Kilometer und 1580 Höhenmeter bis zur Passhöhe. Der Mont Ventoux sei sehr anspruchsvoll, haben mir schon viele Velofahrerinnen erzählt, die Steigung variiert zwischen 4 und 14 Prozent. Ich habe Respekt. Zugleich rufe ich mir in Erinnerung, dass ich vergleichbare Pässe in der Türkei und in Armenien auch schaffte – mit deutlich mehr Gepäck und bei mehr als 30 Grad. «Ça marche!», rede ich mir zu.

Schon bald habe ich einen Rhythmus gefunden. Eine fröhliche Wandergruppe wünscht mir vielstimmig «bonne route!». Die Temperatur ist angenehm, ich atme die frische Waldluft tief ein, da macht sich aus dem Nichts der Mistral bemerkbar. Gefühlt wird es 10 Grad kälter. Ein paar Minuten später ist er wieder weg, die Sonnenstrahlen wärmen meinen Rücken. Das tut unendlich gut. Ich kurble weiter.

Am Berg fahre ich immer sehr langsam, weil ich meine Grenzen kenne. Für die heutige Etappe habe ich festgelegt, 5 Kilometer und 400 Höhenmeter pro Stunde zurückzulegen, «auso nume ned gschprängt». Am Strassenrand mache ich einen gelb-weiss markierten Stein aus: Noch 20 Kilometer, die Steigung beträgt aktuell 9 Prozent. Zwei Momente lang überkommen mich Zweifel: «Schaffst du das?» Mein T-Shirt ist schon schweissnass.

Die Ruhe ist herrlich. Es gibt nur den Wald und mich. Manchmal rauschen die Baumkronen leise im Wind. Glücksgefühle kommen auf, ich liebe diese Phasen. Dann wird der Anstieg ruppig – 12 Prozent. Ein Schweisstropfen trifft den Lenker, eine halbe Minute ein zweiter, ein dritter. «Was macht ihr da?», frage ich sie halblaut. Wie immer, wenn ich allein radle, führe ich Selbstgespräche.

Ein Gümmeler schiebt sich an mir vorbei und mustert dabei «Yellow Jeff» und mein Gepäck. «Bonjour!» Ich erwidere seinen Gruss und staune über seine Leichtigkeit, während ich im zweiten Gang kräftig treten muss. «Hätte ich doch ein kleineres Ritzel montiert!», schelte ich mich. Diese Selbstkritik wurde in den letzten Jahren zu einem Evergreen. Selbst schuld.

Nach einer halben Stunde fühlen sich die Oberschenkel schon ziemlich hart an, ich muss eine Pause einlegen. Ich stakse herum wie ein Graureiher auf Futtersuche, strecke mich der Sonne entgegen und massiere die Muskeln. Und wieder melden sich Zweifel: «Schaffst du das?»

Der feine rote Strich am Navigationsgerät zeigt an, wo am Berg ich mich befinde – noch nirgendwo. Ermutigender ist die Zahl nebenan: 450 Höhenmeter habe ich hinter mir, also ungefähr einen Viertel. Es ist 10.50 Uhr und wieder gebe ich den Arthur Honegger: «10 vor 11 – der Schweiss läuft, der Protagonist kämpft, seine Muskeln sind hart. Schafft er es bis hinauf? Bleiben Sie dran!», gebe ich mit sonorer Stimme von mir.

Ein Pärchen mit schiggen Rennvelos und schiggen Dresses schliesst zu mir auf. Nach einem kurzen Wortwechsel können wir Mundart weiterreden. Sie kommen aus Basel und klingen auch so. Bald fehlt mir die Luft für eine brauchbare Konversation, und die beiden ziehen davon. Wieder löst sich ein Schweisstropfen von der hohen Stirn und trifft den Lenker.

Nach Kilometer 9 beträgt die Steigung 14 Prozent. Ich mühe mich keuchend im ersten Gang ab, spüre, wie mein Herz pumpt, und leide. «Stuzzi Cadenti!»

Der Blick wird frei auf die Region. Er ist spektakulär, aber ich kann ihn nicht geniessen. Also: pausieren. Ich setze mich ins Gras und packe ein kleines Picknick aus: einen Schockoriegel, der besser schmeckt als er aussieht, Haselnüsse und eine Nektarine. Für jeden Bissen lasse ich mir Zeit.

Je höher ich klettere, desto kälter wird es. Wenn ich ausatme, bilden sich Wölkchen. Wieder macht sich der Mistral bemerkbar.

Unangemeldet entfährt mir ein lauter Furz. Ich erschrecke. «Pardon!», murmle ich in die Stille hinaus und muss grinsen. Da ist niemand weit und breit, der Wind zerstäubt die Duftnote sofort.

Ein grosser Parkplatz wird sichtbar, an dessen Ende steht ein Gebäude. Als ich näherkomme, stellt es sich als ein Restaurant heraus. «Ouvert» prangt am Eingang in grünen Lettern. «Ein Geschenk des Himmels!», juble ich innerlich. Minuten später dampft eine heisse Schokolade vor mir. Ich halte die grosse Tasse mit beiden Händen und spüre, wie die Wärme zurückkommt. Die Uhr zeigt 11.50 Uhr. «Es ist 10 vor 12! – der Kampf wird hart und härter.» Die Honeggersche Schlagzeile gebe ich halblaut von mir. Die Leute am Nebentisch schauen mich verwundert an, ich zucke entschuldigend die Schultern.

Draussen ist es bissig kalt. Ich ziehe die Windjacke über und die Wollkappe noch tiefer ins Gesicht. Es fehlen noch 500 Höhenmeter, «come on, das schafft du!», mache ich mir selbst Mut. Die Strasse wird schmaler. Im Rückspiegel kommt etwas auf mich zu. Ein paar Sekunden später surrt ein E-Biker an mir vorbei, «Weichbecher!», zische ich. In einer Kurve steht eine Frau mit blonden Zöpfen und einem rotem Kopf. «Ça va?», frage ich und denke: «Doofe Frage.» Sie antwortet mit einem Schwall an Worten, die ich als Niederländisch verorte.

Weiterkurbeln. Schwitzen. Leiden.

Längst wurden die Föhren durch Eichen abgelöst. Auf beiden Seiten der Strasse wächst Moos. Meine Kraft hat nachgelassen. Praktisch immer fahre ich im ersten Gang und kann ihn nicht mehr richtig durchtreten. «Ach, das Ritzel, das verdammte Ritzel!»

Die Holländerin hat wieder aufgeholt. Zwei Minuten rollen wir nebeneinander bergan und schweigen. Dann fragt sie unvermittelt: «Why are we doing this?» Ich muss mich konzentrieren, um überhaupt eine verständliche Antwort zu formulieren. «Cause we are nuts!» Sie nickt nur, tritt in die Pedale und setzt sich von mir ab.

Plötzlich taucht ein Turm über den Baumwipfeln auf. Kein Zweifel, das muss das Gebäude auf der Passhöhe sein. Die Perspektive auf ein baldiges Ende der Plackerei wirkt besser als Koffein. Aus «Schaffe ich das?» wird «Ich schaffe es!»

Weiterkurbeln.

Die Baumgrenze liegt hinter mir. Der Blick in die Weite ist atemberaubend. Dieses Mal kann ich ihn geniessen. Bei der nächsten Spitzkehre setzt der Wind wieder ein. Er ist eisig und trägt eine milchig-weisse Wand mit sich. Die Nebelschwaden erschweren die Sicht. Ich mache mit klammen Fingern ein paar Fotos, der rote Strich auf der Navigations-App ist fast auf der Bergspitze angelangt. Mehrere Velofahrerinnen und -fahrer rollen vorsichtig die Strasse runter. Einige von ihnen feuern mich an: «Allez!», Daumen hoch, «Good job!» Das motiviert.

Mein Körper ist unterkühlt. Ich strample weiter. Honeggers «10 vor 1»-Ausgabe lasse ich aus. Es fehlen mir der Schnauf und die passende Schlagzeile.

Wegen des Nebels sehe ich vielleicht noch 20 Meter weit. Schliesslich ist sie laut Navigation da, die allerletzte Kurve. Ein mächtiger Gebäudekomplex wird rechter Hand sichtbar. Auf der Passhöhe steige ich ab, was ähnlich viel Zeit braucht, wie wenn Joe Biden zu einem Rednerpult trippelt.

Ich schlüpfe in die Regenhosen, die letzte Schicht, die ich dabei habe. Mir ist kalt bis auf die Knochen. Ein anderer Tourist fotografiert mich vor der obligaten Tafel, die mit Klebern übersäht ist. Der Wind heult und mir wird klar, wieso der Berg Ventoux heisst – der Wind ist überall.

Ein Mann mampft stoisch an seinem Sandwich und schaut in die Ferne. Ich habe keinen Hunger, sondern will so schnell wie möglich den Berg hinunter. «Zur Belohnung des Tages darfst du für einmal Warmduscher sein», erkläre ich mir selber.

Plötzlich steht die Holländerin mit einem lachenden Gesicht vor mir. Unsere Hände klatschen zusammen – «High Five»! Wir haben den «Sauhund» geschafft.

Das Streckenprofil stammt von der Website quaeldich.de

Mein fünftes Baby kommt

Das Tempo, das wir anschlagen, ist rasant. Für nichts nehmen wir uns mehr richtig Zeit. Ausgedehnte Velotouren sind das Gegenmodell: sie entschleunigen und reduzieren das Leben auf das Wesentliche. Mich machen sie glücklich.

Einen Sommer lang fuhr ich ostwärts – bis in den Iran. Diese Reise gibt es jetzt zwischen zwei Buchdeckeln. Du kannst mitfahren, mitfiebern und dich hoffentlich mit mir freuen – schweissfrei und in deinem Tempo.

Mein fünftes Buch ist ein Liebhaberprojekt. Eine Leseprobe von «Immer weiter ostwärts» und das Bestellformular gibt es auf der Website meiner Firma.

Die gute Seele in Goris

Als Marietta jung war, träumte sie davon, die Welt zu bereisen. Doch ihr fehlte das Geld und so blieb sie in Goris, einer Kleinstadt im Südosten Armeniens und gründete eine Familie.

Dort lernte ich sie im August letzten Jahres auf meiner Velotour in den Iran kennen, nachdem ich mehrere Tage durch die wilden Bergen geradelt war.

Goris liegt still da im prallen Sonnenschein. Es ist heiss und staubig und die Strassen sind menschenleer. Per Zufall entdecke ich ein diskretes Schild, das an einer charmefreien Liegenschaft auf eine Herberge hinweist. Ich drücke auf die Klingel – nichts.

Ich schiebe das Velo an, da schwingt im ersten Stock ein Fenster auf und ein rundes Gesicht wird sichtbar. Die Frau in meinem Alter lächelt und fuchtelt mit den Händen herum. Eine Minute später öffnet sie die Türe und schliesst mich in die Arme. Die Begrüssung macht mit baff, ich habe keine Zeit, mich meiner durchgeschwitzten Klamotten zu schämen.

Marietta hilft mir, die Fahrradtaschen hochzutragen. Ihre Herberge besteht aus einer Küche und drei einfachen, aber sauberen Zimmern. Ich bin noch am Auspacken, als sie schon einen Jus und eine Schale mit Früchten bringt. Ich lange dankbar zu.

Nach der Dusche setze ich mich zu ihr in die Küche, und wir unterhalten uns wie alte Bekannte. Marietta erzählt mir von der Geschichte Armeniens und sie erwähnt, dass ausserhalb von Goris militärische Stellungen gebaut worden waren. Von dort aus würden die Angriffe der aserbaitschanischen Armee abgewehrt. In den letzten Jahren ist es immer wieder zu Scharmützeln gekommen.

Die Wände von Mariettas Herberge sind vollgeschrieben, anstelle eines Gästebuchs hinterlassen die Leute ihre Worte des Dankes auf diese Weise. Marietta ist eine warmherzige wunderbare Gastgeberin. «Weisst du, weil ich selber nicht reisen kann, lade ich die Welt zu mir nach Hause ein.»

Ich bleibe zwei Tage bei ihr, erhole mich von den Strapazen und labe mich an den Köstlichkeiten, die sie mir in ihrem Garten auftischt.

Seit ein paar Tagen ist Goris ein Brennpunkt des Konflikts, der wieder aufgeflammt ist. Die Region Bergkarabach gehört zwar zu Aserbaitschan, wird aber mehrheitlich von Armenierinnen und Armeniern bewohnt. Der Angriff der aserbaitschanischen Armee ist dieses Mal massiv, sie will Fakten schaffen, SRF-Korrespondent Calum MacKenzie spricht von «ethnischen Säuberungen». Wer fliehen kann, flieht, die Autokolonnen sind lang (Foto). Goris ist die nächste Stadt und hat schon mehrere tausend Menschen aufgenommen, die Hilfsbereitschaft der lokalen Bevölkerung sei riesig, berichten westliche Medien.

Bislang konnte ich Marietta nicht erreichen. In den Gedanken schletzt es mich hin und her – zwischen der tragischen Situation dort und der saturierten Gesellschaft hier.

Foto 3: Marut Vanyan

Auf Tournee mit Fotos und Geschichten

Die Feuertaufe habe ich bestanden. Nach der Première des «Diaabends», notabene in Kriens Downtown, fand das Publikum lobende Worte. Das bedeutet: Die nächsten Monate kann man mich buchen. Zur Klärung: Eine Multimediashow wie bei den Profis von Explora & Co. gibt es nicht. Ich bin nicht Fotograf, sondern Geschichtenerzähler, und es macht mir Freude, andere an meinen Abenteuern teilhaben zu lassen.

Das Angebot richtet sich an Quartiervereine, Serviceclubs, Grossfamilien und dergleichen mehr. Öffentliche Vorführungen sind nicht vorgesehen, weil mir dafür der Aufwand zu gross ist. Der «Diaabend» (ich beharre auf diesen Titel!») dauert zwischen 30 und 45 Minuten – länger geht immer.

Vor Ort braucht es einen tüchtigen Beamer oder Flatscreen, Internet und Tee mit Honig. Ich reise mit dem MacBook und einem HDMI-Kabel an. Ein Honorar will ich keines. Wer stattdessen der Bewegung Courage Civil eine Spende entrichtet, macht etwas fürs eigene Karma und unterstützt einen Verein, der Gutes tut. (In diesem Jahr liegt dessen Fokus beim Klimaschutzgesetz, über das wir im Juni abstimmen werden.)

Interessiert?

Eine DM, ein Telefonanruf oder eine E-Mail reichen zum Start:
mark.balsiger@border-crossing.ch

 👉 Zur Fotogalerie auf meinem privaten Blog, die erkennen lässt, was auf die Gäste zukommt.

«Ich finde es faszinierend, was mit einem so schlichten Gefährt möglich ist»

Seit einer Woche bin ich wieder in der Schweiz. Der Wechsel vom radelnden Nomaden zu einem sesshaften Dasein hat geklappt, der Bürostuhl ist weicher als der Velosattel. Zugleich schwelge ich in Erinnerungen und sortiere Fotos für einen… Achtung: Diavortrag. Zusammen mit Bürokollege Suppino habe ich meinen Biketrip in den Iran Revue passieren lassen. Ein Gespräch über Motivationsprobleme, platte Reifen, Hitze, Glückshormone und Gastfreundschaft.

Bürokollege Suppino: In Georgien kamen plötzlich wieder die Schmerzen am rechten Knie, seit vielen Jahren deine fragile Stelle. Hast du ans Aufhören gedacht?

Mark: Auf jeder Velotour bin ich darauf konditioniert, aufhören zu müssen. Wenn der Schmerz am rechten Knie sich richtig entfaltet, wird jeder Kilometer zur Qual. In Georgien musste ich zwei Tage auf die Zähne beissen, zwei weitere Tage spürte ich den Schmerz noch leicht. Danach war alles vorüber – Glück gehabt.

Aber danach hattest du Motivationsprobleme, nicht?

Gut auf Social Media mitgeschnitten, Suppino! Ich geriet aus dem Rhythmus: Zuerst die Schmerzen, dann der starke Regen, der das Bewältigen des einen Passes in der Nähe zur russischen Grenze verunmöglichte. (Region Mestia – Usguli.) Er glich einer Motocross-Strecke. Das war eine herbe Enttäuschung. Ich verlor die Lust am Radeln und dümpelte vor mich hin.

Wie hast du diese Phase überwunden?

Ich machte ein paar kurze Etappen und gönnte mir mehr Erholung. Zudem kehrte ich zu einer Gastfamilie zurück, bei der es mir sehr wohl war. Das waren Motivations-Booster, und prompt kam die Freude zurück.

Viele Leute verbinden mit Velotouren vor allem Plackerei und Monotonie. Was macht eigentlich der Reiz für dich aus?

(Flüstert.) Es geht um Hormone.

Hä, um Hormone?!

Genau. Velofahren macht glücklich. Ich liebe es, Landschaften und Wolkenbildern zu betrachten. Ich kann jederzeit anhalten und kriege viel mehr mit als im Auto. Ist eine Etappe zu Ende, schütte ich erst recht Glückshormone aus. Meistens hält das für mehrere Stunden. Nach einem Wandertag in den Bergen geschieht dasselbe. Joggerinnen und Langläufer kennen das ja auch.

Allein die Glücksgefühle können es aber nicht sein.

War das eine Frage?

(Etwas verlegen.) Ähem, ja.

Velotouren bedeuten für mich Freiheit. Ich finde es faszinierend, was mit einem so schlichten Gefährt und mit purer Muskelkraft möglich ist. Eines Tages Ende Mai setzte ich mich auf «Yellow Jeff» und das Abenteuer konnte beginnen. Ich nahm mir Zeit, die Natur zu er-fahren. Drei Monate später war ich im Iran. Dazwischen liegen zahllose Erlebnisse und schöne Geschichten, von denen ich viele nie vergessen werde.

Kannst du das präzisieren?

Zum einen war ich, wenn immer möglich, auf schwach befahrenen Strassen unterwegs. Das bedeutete viele Extrakilometer und zusätzliche Höhenmeter. Dafür hatte ich Ruhe. Zum anderen kam ich in Kontakt mit vielen Menschen. Das Leben in den elf Ländern, die ich erfuhr, spielt sich draussen ab. Wenn ich irgendwo auf einem Dorfplatz stoppte, dauerte es nicht lange und schon begann ein Gespräch. Nicht selten mit Händen und Füssen – oder mithilfe des «Nichtwörterbuchs», das mir ein Freund geschenkt hatte. Die Leute waren neugierig, oft wurde ich eingeladen – zum Tee, auf ein paar Früchte oder zum Essen. In Armenien, der Türkei und im Iran übernachtete ich sogar bei Familien zu Hause. Die Gastfreundschaft ist gross und auf diese Weise erlebte ich viel mehr als wenn ich in irgendwelchen Hotels abgestiegen wäre.

Das war aber sicher auch anstrengend?

Natürlich. Wenn du einen Abend lang mit Menschen aus einem anderen Kulturkreis sprichst, oft mithilfe des Google-Translators, braucht es Geduld und zugleich viel Aufmerksamkeit. In den letzten Wochen fühlte ich mich manchmal emotional erschöpft.

Unterwegs hast du auch alte Bekannte besucht.

Richtig. Ich traf mich in Sarajevo mit ein paar Leuten meiner Crew, mit der ich 1996/1997, also direkt nach dem Krieg in Bosnien, eine unabhängige Radiostation aufgebaut hatte. War das ein Wiedersehen nach 25 Jahren! Aus anderen Phasen meines Lebens kenne ich Menschen in Tiflis und Yerewan, die ich ebenfalls wieder traf.

Wie hast du deine Erlebnisse verarbeitet?

Wie immer schrieb ich Tagebuch, d.h. meistens noch am selben Abend hielt ich das Wichtigste mit dem MacBook fest. Am Folgetag hatte ich während des Radelns Zeit, die jüngsten Erlebnisse in Ruhe durchzugehen. Wenn dann allerdings bereits wieder Neues passierte, war ich manchmal überfordert.

Teheran, als Ziel definiert, hast du nicht erreicht. Wurmt dich das?

Nein, das war eine pragmatische Entscheidung. Kaum war ich in Täbris, einer grossen Stadt im Nordwesten des Irans, rollte eine neue Hitzewelle heran. Wäre ich nach Teheran weitergefahren, hätte sie mich die verbleibenden fünf bis acht Etappen begleitet. Sorry, das wollte ich mir nicht antun. Stattdessen drehte ich nach Westen ab und war kurze Zeit später im Hochland der Osttürkei. Dort war es tagsüber sommerlich warm, in der Nacht kühlte es massiv ab. Für meinen Körper war das erholend. Wegen dieser Schleife machte ich sogar mehr Kilometer als bis nach Teheran.

Du lieferst das Stichwort: Welche Bedeutung haben die 5200 Kilometer und mehr als 60’000 Höhenmeter, die du zurückgelegt hast?

(Lächelt.) Es sind Zahlen. Mir ging es primär darum, unterwegs zu sein und etwas zu erleben, nicht Kilometer «zu fressen». Aber wenn ich eine Landkarte betrachte, denke ich schon: «Potztuusig, bisch fey e chly vürsi choo.»

Die Schweiz ist ein Veloland. Du hättest ja hier im Zickzack eine Monstertour machen können?

Natürlich, aber der Abenteuerfaktor wäre deutlich kleiner gewesen. In fremden Kulturen unterwegs zu sein ist ungleich anspruchsvoller. Zudem habe ich eine grössere Anzahl Pässe gemacht, viele davon bei fast keinem Verkehr. In der Schweiz ist das schon lange kein Vergnügen mehr, die Alpenwelt ist übernutzt. Die unheilvolle Entwicklung setzte etwa in den Neunzigerjahren ein: Immer mehr Leute wollen die Alpen konsumieren, die Tourismusindustrie fördert das kräftig mit noch mehr Infrastruktur. Ich erinnere mich, wie ich vor mehr als 20 Jahren den höchsten Berg Costa Ricas bestiegen habe, den Chirripó. Er liegt in einem grossen Naturschutzgebiet und jeden Tag dürfen nur ein paar wenige Leute auf Anmeldung hinein. Das ist eine Form des Schutzes, die wir in der Schweiz ernsthaft diskutieren sollten.

Kommen wir zurück zu deiner Velotour. Wie hast du eigentlich übernachtet?

Es gab die ganze Palette: Hotels, Gästezimmer, Hostels, Campingplätze, wild zelten und auf Einladung bei Familien zu Hause.

Hat sich «Yellow Jeff» bewährt?

Ich hatte zwei Platten und sonst keinerlei Probleme. Der Göppel ist solid, aber sehr schwer. In seiner aktuellen Zusammensetzung wiegt er 24 Kilogramm. Erstmals nutzte ich eine gefederte Sattelstütze – das hat sich bewährt. Viel weniger Füdleweh!

Kannst du deine lange Tour ans Nordkap mit derjenigen in den Iran vergleichen?

Das ist unmöglich. Der Trip in den hohen Norden war quasi ein Comeback: 20 Jahren lang konnte ich nie länger als zwei oder drei Stunden Velofahren, danach kam der heftige Schmerz im rechten Knie. An Touren war also nicht zu denken. Es hatte im Sommer 2016 oft geregnet, was mich selten störte. Kulturell anspruchsvoll war es nicht, die Menschen in Deutschland, den Niederlanden und den skandinavischen Ländern sind uns ähnlich. Das war einer der Gründe, weshalb ich dieses Mal in den «Wilden Osten» wollte.

Wie schon auf deiner Tour ans Nordkap warst du allein unterwegs?

Jede Form hat ihre Vor- und Nachteile. Wer allein reist, orientiert sich nach aussen. Das kam mir auf diesem Trip entgegen. Aber natürlich gab es auch lange Abende, an denen ich allein war. Ich finde es wichtig, sich selber ein guter Gesellschafter zu sein.

Was würdest du anders machen?

Ich mag den Konjunktiv grundsätzlich nicht. Was ich beeinflussen oder verbessern kann, mache ich. Ein Evergreen ist das Gepäck: Ich hätte es von Anfang an stärker reduzieren sollen. Das mache ich das nächste Mal besser, und wenn alles Material ausgelegt ist, kommt eine Drittperson und kontrolliert es. Danach gibt’s e kä Birne mehr!

Aha, das nächste Mal. Sind die Pläne schon konkret?

(Grinst.) Nun, mit meiner «bucket list» ist es so eine Sache: Kaum habe ich mir einen Wunsch erfüllt, kommen zwei neue Vorschläge drauf.

Jetzt spann uns nicht länger auf die Folter!

Okay, zuoberst auf der Liste steht: Kanada. Spezifisch British Colombia und Yukon. Von Winnipeg her Richtung Osten soll es auch sehr schön sein. Vielleicht lässt sich beides verbinden. Mein Vater wollte ein halbes Leben lang nach Kanada. Die Wälder faszinierten ihn. Er hat es nie geschafft. Kaum war er frühpensioniert, erlitt er im Forst einen schweren Unfall, blieb wochenlang im Koma und hernach an den Rollstuhl gebunden. Das lehrte mich früh – ich war damals 24 –, von Sachen nicht nur zu reden, sondern sie auch zu machen. Wir haben nur ein Leben!

From Berne to Iran by bike – 50 pictures

Ever since I turned 20 I have got a «bucket list». It keeps me focused on what I really want to do in my life. While cycling to North Cape in summer 2016 the idea of a bike trip to Iran developed and eventually became a plan. I told myself: «One day I will go for it!» This «one day» came at the end of May 2022 as I hopped on «Yellow Jeff» and headed off.

A few days ago I returned to Switzerland.

Behind me:
– 12 countries
– 5200 kilometres
– 62’000 metres in elevation gain

These are just figures. What counts are the experiences, the joys and pains while heading east.

Fews things are as rewarding as bikepacking, #ToTehran2022 is my very own roadmovie. (I missed out on Tehran due to a heatwave and moved on from Tabriz to Türkiye instead.)
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 👉 👉 👉 Click on the first picture and it increases its size. As of then you should move the cursor to the little black button «>» which appears on the right hand side of every picture. Click through and you’ll know why I love bikepacking.

 👉 👉 👉 For the German speakers among you: I published a number of little stories about my trip. For example here. You find all of them in the sidebar on the right hand side. 

Schöner Iran, schwieriger Iran

Zehn Minuten nachdem ich die armenisch-iranische Grenze passiert habe, bin ich schon Multimillionär. Eine Million Rial entspricht etwa drei Schweizer Franken. Ich kriege mehrere dicke Bündel in die Hand gedrückt, und die vielen Banknoten fühlen sich unangenehm an. Ich verteile sie auf alle Gepäckstücke und radle los.

Wenige Minuten später meldet sich der Darm, doch ich habe Glück: Wie durch eine kleine Fügung taucht eine öffentliche Toilette auf. Sie ist sauber, ich übe mich in der Kauertechnik und muss grinsen: «Kaum bin ich im Land der Mullahs angekommen, muss ich schon pfunden!»

Wie ich mir vor dem Häuschen die Hände mit Seife wasche, werde ich von einem Mann in meinem Alter angesprochen. Sein Englisch ist fliessend, er ist neugierig und lädt mich nach Täbris ein, wo er wohnt. «Ich nehme den Weg über die Berge und brauche wohl drei Tage bis dorthin», erkläre ich ihm. Hossein nickt, tippt seine Handynummer in mein Sklavengrätli und fährt mit seinen Angehörigen davon. Schon steht ein Trio vor mir – drei Frauen –, und lädt mich zu sich nach Hause ein. Wieder nach Täbris.

Der chaotisch organisierte Grenzübergang, die schmierigen Geldhändler, der Einkauf von Brot und Tomaten, die Einladungen – ich bin verwirrt und überfordert. Also nichts wie weg in die Berge.

Ich schwinge mich auf «Yellow Jeff», alsbald ist Nordooz, dieser charmefreie Ort an der Grenze, hinter den Hügeln verschwunden. Ich steige ab, tausche die langen Hosen gegen Shorts aus und kurble weiter. Die Landschaft ist karg, die Sonne brennt, das einzige Geräusch, das ich die nächsten Stunden höre, ist mein Schnaufen.

In der Abenddämmerung tauchen die Felder und Berge in verschiedene Farben. Ich setze mich an den Strassenrand und schaue dem Naturspektakel hingerissen zu.

Auf dem Hof einer Bauernfamilie darf ich campieren. Der Vater zeigt mir die Wasserquelle und die Toilette, dann stelle ich das Zelt auf, währenddessen die Kinder im Gras sitzen und mir aufmerksam zuschauen. Als ich am Essen bin, kommt der Vater vorbei und bringt mir frisches Gemüse.

Ich liege im Schlafsack – es ist inzwischen Nacht geworden –, und will den Tag Revue passieren lassen. Da huscht plötzlich ein Lichtkegel durchs Dunkel. Der älteste Junge steht mit Taschenlampe und Handy als Übersetzungshilfe vor meinem Zelt. Er will sich mit mir unterhalten, ich möchte schlafen. Wir finden einen Kompromiss.

Achtzehn Stunden später rolle ich im Schritttempo durch Arzil, ein anderes Dorf in den Bergen. Es liegt da wie ausgestorben, die wenigen Geschäfte sind verriegelt, ich finde keinen einladenden Platz zum Zelten. «Eine Null-Nummer», brumme ich und fahre enttäuscht weiter.

Etwas ausserhalb sitzen ein paar Männer im Schatten der Bäume und trinken Tee. Sie winken mich herbei. Ich setze mich zu ihnen auf die Decke, kriege Früchte und später ein leckeres Znacht. Meine Gastgeber sind sehr aufmerksam: Nachdem ich den Zucker im Tee mit dem Griff der Gabel gerührt habe, stecken sie mir beim Nachschenken diskret einen Löffel zu. Sie selber brauchen keinen, weil sie eine andere Technik anwenden: Den Würfel klemmen sie zwischen die Zähne und setzen dann das Teeglas an. So rinnt das Getränk bei jedem Schluck leicht gesüsst die Kehle herunter.

Mithilfe einer App reden und diskutieren wir stundenlang. Sie stürzt immer mal wieder ab oder übersetzt offensichtlich falsch, was uns zuweilen zum Lachen bringt. Die Atmosphäre ist entspannt, mir ist es wohl in dieser grünen Oase, die harten Stunden bergauf sind vergessen. Die Infrastruktur ist schlicht, aber funktional, hinter den Bäumen rauscht ein Bach talwärts. Junis und seine Frau verbringen jeweils den Sommer hier, weil das Klima viel angenehmer ist als in der Grossstadt. Hier bewirten sie Mitglieder ihrer weitverzweigten Sippe und Gäste wie mich.

«You are ivited» – immer wieder 

Wenn ich über die Strassen brettere, halten gelegentlich Autos, und ich kriege Früchte, Gebäck oder Getränke geschenkt. Die Übergaben geschehen ratzfatz, zuweilen gibt es noch schnell ein Foto – «Instagram? Instagram!» –, nach zwei Minuten ist der Spuck vorbei. In Restaurants passiert mir dasselbe – «you are invited!», zuweilen auch in den kleinen Geschäften, wenn ich ein Getränk kaufen will. Dazu kommen die Einladungen zum Essen und Übernachten.

Die Menschen in der nordwestlichen Ecke des Irans sind ausgesprochen aufmerksam und gastfreundlich, egal ob sie Türken, Kurdinnen, Perser oder Aserbaidschanerinnen sind. Gastfreundschaft ist etwas Schönes, in der Schweiz sollten wir uns eine Scheibe davon abschneiden.

Trotz spektakulärer Natur und der grossen Empathie der Menschen war ich meistens bedrückt, weil die Leute bedrückt sind. Eine schwere Decke liegt auf ihnen, sie leiden. Der Vielvölkerstaat ist ein Land in Moll. Wenn immer wir ins Gespräch kamen, stellten sie eine Frage mit Sicherheit: «Wie denkt ihr über uns?» Die Eindringlichkeit, wie diese Frage adressiert wurde, erlebte ich bislang nur im Kolumbien der Neunzigerjahre, das damals im Würgegriff von Guerilla und Paramilitärs war.

Natürlich redeten wir in überschaubaren Runden über Politik. Die Leute haben sich arrangiert mit Überwachung, Einschränkungen und dem «Filter», wie sie es nennen. Die Mehrheit der Bevölkerung ist nach der islamischen Revolution von 1979 zur Welt gekommen, sie kennt nur dieses System. Die reiferen Semester mussten schon das repressive Regime des Schahs erdulden, es war keinen Deut besser. Viele Menschen hadern mit ihrer Situation, so meine subjektive Einschätzung.

Nehmen wir das Beispiel von Yusuf, wie er hier heissen soll. Er ist 31 Jahre alt, Kurde und promovierter Agrarwissenschaftler. Jetzt verkauft er im Dorfladen seiner Eltern Zwiebeln, Waschmittel und Schleckzeugs. Er ist frustriert, möchte etwas erreichen in seinem Leben und denkt an Flucht. Hundertausende haben sie schon hinter sich, der Braindrain ist enorm. Ein Freund sei im Mittelmeer ertrunken, erzählt Yusuf. Für einen Moment wird sein Blick leer.

Ich empfehle ihm, intensiv Englisch zu lernen und sich dann im Netz nach einem Job aus seinem Bereich zu bemühen, am besten in den Niederlanden. Dort hat die Landwirtschaft einen höheren Stellenwert als in anderen Ländern Europas, zugleich sind sie innovativ und offener.

Wieder auf dem Fahrrad wird mir bewusst, wie hilflos mein Ratschlag war. Das Leben ist verdammt beschissen, wenn man auf seiner Schattenseite geboren wurde.

A little language lesson with Julia

Julia ist neun Jahre alt. Ich habe sie in Nikšič (phonetisch: Nikschitsch), einer Stadt in Montenegro, kennengelernt. Ihre Eltern führen dort ein kleines Hostel, das Charme und Ambiente hat.

Das Mädchen ist neu- und wissbegierig, keck und selbstbewusst. Als ich mit dem Fahrrad ankam, war sie die Erste, die mich begrüsste – per Handschlag und auf Englisch.

Wir verstanden uns auf Anhieb. Julia mag Sprachen, so wie ich auch. Also setzten wir uns in die Küche und machten eine kleine Lektion. So repetierten wir etwa zusammen die Wochentage. Zunächst auf Englisch für sie, dann auf Serbisch für mich. Beide kamen wir einmal ins Stolpern.

Ihr Vater filmte uns und hätte eigentlich auf Deutsch ergänzen sollen, getraute sich dann aber doch nicht.

Beim Abschied sagte mir Julia, dass sie vom nächsten Jahr an Deutsch lernen will. Kinder sind oft sprunghaft, Julia traue ich zu, dass sie sich dahinter klemmt.

PS:
Ja, das ist ein «Jöö»-Video, und ich bin mit dem Thema Kinderbilder und -videos vertraut. Julia und ihre Eltern haben ausdrücklich zugestimmt, dass es hier hochgeladen wird.