Als mich plötzlich zwei Elche anglotzten


Nebelschwaden hängen
in den Baumwipfeln und Sträuchern – erste Anzeichen des Herbstes, der hier im Norden schon begonnen hat. Ich befinde mich zurzeit in der schwedischen Provinz Värmland, nahe an der Grenze zu Norwegen. In gemächlichem Tempo radle ich auf einem Schottersträsschen nordwärts. Es ist kühl an diesem frühen Morgen, ein leichter Gegenwind bläst, es nieselt und ich bin noch nicht ganz wach. Kein Mensch weit und breit, kein anderer Radfahrer, keine Autos, kein Traktor – einfach Stille. Herrlich.

Eine leichte Rechtskurve – und dann plötzlich sehe ich sie, etwa 25 Meter vor mir, mitten auf dem Strässchen: Sie haben dünne und unendlich lange Beine, ihre Köpfe sind unförmig. Die beiden ausgewachsenen Elche glotzen in meine Richtung, machen aber keinen Wank. Ich bin nun hellwach, drossle das Tempo und rolle langsam auf sie zu.

Die Elche glotzen. Ich glotze.

Sie scheinen etwas verwirrt zu sein. Womöglich ist es wegen meinem Outfit, bestehend aus einer knallgelbe Regenjacke, einer giftig-grüne Regenhose sowie einem Velohelm, der an einen Kübel erinnert. Ich sehe zweifellos ziemlich doof aus. Das gilt allerdings auch für die Elche. Bei ihnen ist das seit Geburt so. Arme Geschöpfe.

Das gegenseitige „Schau-mir-in-die-Augen-Schlaks“ dauert keine drei Sekunden. Dann galoppieren die beiden ohne jegliche Eleganz davon, halten aber nach 30 Metern auf einem Stoppelfeld inne und glotzen wieder zu mir hinüber. Dann verschwinden sie im Dickicht.

Ein Ausschnitt aus meinem Tagebuch – datiert vom 4. August 2016.

Seit Anfang Juni ist es ein Ritual: Jeden Abend scrolle ich vor dem Einschlafen durch das Tagebuch #ToNorthCape2016 und lese nach, was ich genau vor einem Jahr erlebte. Ergänzt mit Fotos desselben Tages bin ich so noch einmal auf dieser Velotour, die von Bern ans Nordkap führte. Schweissfrei.


In einer Sommerserie
porträtiert die “Aargauer Zeitung” Leute, die einen Roadtrip unternommen haben. Vorgestern war meine Velotour von Bern ans Nordkap an der Reihe.

Als PDF zum Herunterladen:

“Velofahren bedeutet für mich Freiheit” (PDF, 2. August 2017)

 

From Copenhagen to Berlin by bike – 19 pictures

Whenever I enter the basement my lovely yellow bicycle looks at me with puppy eyes and says: “Hey partner, I wanna go for a ride again, pleeeeaaase!”

The truth is: my tour bike has not been moved ever since I came home from the North Cape last September. So it’s high time to hop on the saddle again. I’ve chosen Copenhagen-Berlin, a route which is very popular in summer and flat like a pancake – perfect for the opening of the season. Denmark in May is absolutely marvellous and I guess this applies to Northern Germany, too. I can’t wait to “fly” across the mild spring inhalling the air filled with blossoming flowers and trees. It’s about the flow.

> That’s what I wrote ath the end of April 2017.

Now I’m on the road. “A flash light”:

Three – two – one – blossoming! In the countryside it smells so intensely that I was flashed after inhaling for a half an hour. The sunrays hit the bright yellow fields of rape while the larks never get tired singing their melodies – welcome to Danish spring. It’s magic. If it’s mild and sunny.

Two nights ago, the temperature dropped below zero. Next morning, while sitting on the saddle my butt felt rather frosty. The weather has changed dramatically: now it’s ice cold, the wind is blowing often quite heavily, and the rain falls mostly horizontally which means: Straight. Into. My. Face.

It was a rough day but after six hours I stopped at a cozy little hotel, meanwhile in Northern Germany, with an extremely friendly staff. I’m their only guest and they fixed me a lavish dinner. So in fact I have no reason to complain.

> Another jump forward:

Today, I arrived safely in Berlin. Three half days warming up (along the Roskilde Fjord) followed by the seven day tour were awesome in many ways. I’ll do it again. Soon.

#CopenhagenBerlin2017

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Mordgedanken an einem Traumstrand

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Das Wasser schimmert in verschiedenen Blautönen, Wellen mit Schaumkrönchen rollen landwärts, die Palmen wiegen sich im sanften Wind. Röhrende Wasserjets, penetrante Souvenirverkäufer, testosterongetriebene „Spring Break“-Jungs und lästige Sandfliegen gibt es hier nicht. Nur etwas: Ruhe – meditative Ruhe. Willkommen am Traumstrand, irgendwo auf der Insel Palawan.

Keine 20 Touristen haben sich auf verschlungenen Pfaden bis zu dieser verwunschenen Ecke durchgeschlagen. Die Infrastruktur ist simpel: Sie besteht aus einem Beizli mit drei Tischchen, ein paar wackeligen Stühlen und einem halben Dutzend riesiger Kissen, in die man sich fläzen darf.

Ich löffle das einzige Gericht, das es gibt: eine Fischsuppe, dick, mit kleinen Gemüsestücken und vielen Kräutern versetzt. Bei jedem Bissen platzt ein Feuerwerk an Aromen auf der Zunge. Dazu trinke ich eiskaltes San Miguel Pilsen. Die Light-Version sei etwas für Memmen, erklärte mir das Oberhaupt der Familie, die hier wirtet. Also entschied ich mich für das echte Bier. „Do you need a glas?“ Ich schüttle den Kopf: „Real men drink beer from the bottle.“ Er grinst und unsere Hände klatschen zusammen – High Five.

Später lasse ich mich im Schatten nieder, sehr zufrieden mit meinem Leben, blinzle in die Sonne und beginne zu lesen. Doch plötzlich kommt Bewegung in die schläfrige Schar Gäste, die es sich hier gut gehen lässt. Vier junge Blondinen sind eingetroffen, schlank, braun gebrannt, durchtrainiert und voller Energie. Nein, es sind keine Rettungsschwimmerinnen aus Kalifornien und rote Einteiler tragen sie auch nicht. Wie sich herausstellt, kommen die Girls aus Finnland und, boy, wie sie surfen können! Unermüdlich zeigen sie ihre Kunststücke, was mein Ritual durcheinanderbringt: Lesen, dösen, lesen, dösen wird ergänzt. Subito.

Im Verlaufe des Nachmittags taucht ein Mann mit rot-blonden Haaren auf, Europäer oder Nordamerikaner, wohl zwischen 25 und 30 Jahre alt. Er packt umständlich seine Tasche aus, Minuten später beginnt es zu surren, eine Drohne steigt in die Luft. „What the hell!“, murmle ich. Der Rotblonde steuert den weissen Flugkörper dem Strand und lässt ihn über der kleinen Beiz und den Surferinnen kreisen. Stets ist das feine, aber unangenehme Surren zu hören. Auch andere Touristinnen und Touristen fühlen sich gestört, wir werfen uns vielsagende Blicke zu.

Neben mir liegt eine unreife Kokosnuss. Ich wiege sie in der Hand, sie hat eine gute Grösse, das Gewicht wäre ideal. Plötzlich blitzt ein Gedanke auf, der mich erschreckt: Mord. Der Vollzug wäre simpel: Ich pirsche mich von hinten an den Rotblonden heran und erschlage ihn mit der Kokosnuss – zack! Oder ich warte, bis die Drohne in Wurfdistanz ist – und dann: bumm! Man muss wissen: Präzisionswürfe waren lange vor der Rekrutenschule eine Befähigung von mir, ich treffe fast immer.

Zum Glück beginnt sich eine weitere Option zu entwickeln, und sie gewinnt die Oberhand. Ich rapple mich hoch, was erst beim dritten Versuch gelingt, atme einmal tief durch, stapfe durch den Sand zum Rotblonden und formuliere eine Ich-Botschaft, hoch anständig und in etwas gestelztem British English. Er blickt mich einen Augenblick wortlos an. Dann nickt er. Kurz darauf landet seine Drohne sanft im Sand, ich hole in der Beiz zwei San Miguel – Pilsen, what else.

 

 

Nachtrag vom 4. Januar:

Hinter den Kulissen hat mir eine Leserin geschrieben. Eine grüne Kokosnuss reiche nicht aus, um jemanden “zack” totzuschlagen, sie sei zu weich. Damit hat sie vermutlich recht, mir geht die Erfahrung in diesem Bereich noch ab. Was ich aber sicher weiss: Um eine Drohne vom Himmel zu holen hätte diese Nuss alleweil gereicht. Das nächste Mal werde ich den Beweis antreten.

Nachtrag vom 30. März 2017:

In der Schweiz besitzen inzwischen etwa 100’000 Personen eine Drohne. Was sie beim Fliegen beachten sollten und welche Konsequenzen rechtlich drohen, beleuchtet dieser Artikel in der NZZ.

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James kann nicht kochen – eine Weihnachtsgeschichte

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Kurz vor 23 Uhr checke ich ein. Das Hotel hat drei Sterne, neunzehn Stockwerke und eine unsympathische Rezeptionistin; es ist seelen- und geruchslos, ein Bunker. Aus dem zweiten Stock dröhnt übersteuerte Karaoke-Musik, die Stimmen treffen die Töne selten, aber egal: Ich bleibe ja nur eine Nacht, am nächsten Morgen geht die Reise weiter. Die Versuchung, mich auf Manila, diesen Moloch einer Stadt einzulassen, war auch während der Ferienvorbereitung nie erwacht.

Im Zimmer angelangt, stelle ich meinen Rucksack in eine Ecke, klatsche mir kaltes Wasser ins Gesicht, ziehe ein frisches T-Shirt an und schon bin ich wieder draussen. Die tropische Wärme empfängt mich. Überall blinken Lampen, Lämpchen und Reklamen, Motorräder, Taxis und Tuk-Tuks rollen vorbei, „diese Stadt schläft nie“, erzählte mir ein Kollege, der einmal hier gelebt hat.

Ich will nicht um die Häuser ziehen, sondern mir bloss noch etwas die Füsse vertreten. Schon nach ein paar Minuten entdecke ich die ersten Obdachlosen: Sie schlafen in den Eingängen der Läden, unter Bäumen, auf den Treppen einer Kirche – überall, wo sie ein wenig Schutz finden. Standard ist eine Unterlage aus Karton, einige haben zusätzlich eine verfilzte Decke zur Verfügung, Dritte wiederum liegen auf dem blossen Boden. Es sind Teenager, Greise und viele elternlose Kinder, die jüngsten dürften noch nicht einmal im schulpflichtigen Alter sein.

Als ich die Hotellobby betrete, löst sich gerade eine Hochzeitsgesellschaft auf, eine Hundertschaft gut gekleideter Leute macht sich auf den Weg nach Hause. „Nehmt doch Gesangsstunden!“, brummle ich vor mich hin und verschwinde in meinem heruntergekühlten Zimmer.

Zwei Tage später.

Die Güggel in der erweiterten Nachbarschaft geben alles, damit ich vor den ersten Sonnenstrahlen aufwache – Concerto Grosso. Ich bin inzwischen auf der Insel Palawan angekommen, eine Flugstunde westlich von Manila, und habe mich in einer gemütlichen Lodge einquartiert. Nach dem Frühstück – phoa, diese Fruchtsäfte! – schnüre ich meine Wanderschuhe und packe ich einen kleinen Rucksack, was ich für die nächsten Stunden brauche: eine grosse Flasche Wasser, das Sackmesser, den Fotoapparat (die gute alte Canon) und ein Buch, aber bewusst keine Landkarte und auch das mobile Sklavengrätli bleibt zurück. Ich will einfach mal drauflos. Das mache ich seit vielen Jahren immer mal wieder – ein Erfolgsrezept.

Zügigen Schrittes streife ich durch das grüne Dickicht, die Sonne dient als grobe Orientierung. Plötzlich stehe ich auf einer Lichtung, Hühner trippeln geschäftig herum, zwei Hunde liegen faul in der Sonne, im Hintergrund sind ein solides Holzhaus und zwei Bungalows zu erkennen. Vorne, unter einem einfachen runden Bambusdach, das von acht Pfählen getragen wird, nehme ich Bewegungen war. Aus der Nähe entpuppt sich die auf allen Seiten offene Hütte als Freiluftküche. Töpfe sind aufgereiht, Kellen hängen an einer Schnur, auf der Theke stehen mehrere Plastiksäcke mit Gemüse.

Zwei junge Leute schälen Gurken. Als sie mich entdecken, grüssen sie freundlich. „Do you want to try our cookies?“ Schon streckt mir die Frau einen Teller mit ihren Güetzi entgegen. Das Gebäck ist grünlich…, schmeckt vorzüglich, allerdings habe ich keine Ahnung, was ich mir in den Mund schiebe. So sind wir flugs in ein munteres Gespräch über Zutaten im Speziellen und das Leben im Allgemeinen verwickelt. Beide sind Frohnaturen und neugierig, ihr Englisch ist fliessend.

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Ziel des Tages
sei, dass James endlich kochen lerne, erklärt Mimi. Und so kommandiert sie Schritt für Schritt, was er zu tun hat, mal greift sie ein, mal tadelt sie kumpelhaft – die Kochsession wird zur Comedy und wir müssen oft lachen. Schliesslich hat sie doch das Meiste selber erledigt, und vor mir steht eine Mahlzeit, die lecker duftet: Reis, gegrillter Fisch, eine pikante Sauce und ein mit viel Liebe dekorierter Gurkensalat. Wir futtern zu dritt, das Zmittag schmeckt vorzüglich. (Okay, eine richtige Salatsause fehlte. Aber… das hätte ja mein Job sein können, stupid!)

Nun müssen Mimi und James für die Gäste, die die Bungalows gemietet haben, kochen. Ich schultere den Rucksack und frage die beiden, was ich ihnen schulde. „Nothing“, klingt es zurück. Ihre Stimme tönt bestimmt. „You were our guest.“

Ich klaube mein Schweizer Sackmesser aus dem Hosensack und lege es auf den Tresen. „Merry Christmas!“ Sie danken und winken, wie ich mich zum Gehen wende. Nach ein paar Metern drehe ich mich nochmals um: „One day, I’ll be back. Make sure you know how to cook then, James!“

Der junge Mann lacht über das ganze Gesicht und macht das „Daumen-hoch“-Zeichen. „Sure!“

„Lerchen trällern auch im Landregen“

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Seit rund zwei Wochen bin ich wieder in der Schweiz. Die Anpassung an ein sesshaftes Leben hat zum Glück problemlos geklappt, ich bin wohl in Bern. Zugleich schwelge ich in Erinnerungen. Zusammen mit Bürokollege Suppino habe ich meine dreimonatige Velotour von Bern ans Nordkap Revue passieren lassen. Ein Gespräch über den „Flow“ und die soziale Isolation, platte Reifen, Hornhaut und den „Läck-mir“, über Ueli Giezendanners Haare und meine Learnings.

Bürokollege Suppino: Du warst 72 Tage lang im Sattel. Wie dick ist eigentlich die Hornhaut am A…, ach, du weißt schon.

Mark: Wir beginnen dieses Gespräch also mit dem Hintern (grinst) – grossartig! Dann halt. Es ist ein Mythos, dass sich am Arsch, pardon l’expression, Hornhaut bildet. Er schmerzte die ersten vier, fünf Tage, danach ging es. Gut gepolsterte Velohosen, ein passender Sattel und Hygiene haben sicher geholfen. Es gibt übrigens Radler, die schwören auf „Füdlecrème“, ich halte sie für ein Placebo.

Du hast die Ausrüstung angeschnitten. Erfahrene Tourenbiker sagen, dass sie 80 Prozent des Erfolgs ausmacht.

futter_383_img_2581Für jedes Wetter geeignete Kleider dabei zu haben hilft enorm, klar. Ich habe unterwegs mehrmals Sachen dazugekauft und ausgewechselt. Mein postgelbes Velo ist übrigens eine Einzelanfertigung; es hat sich bewährt. Genauso wie Zelt, Schlafsack und das Kochmaterial. Sehr wichtig ist allerdings auch die mentale Verfassung. Wenn es im Kopf nicht stimmte, kam ich nicht voran. Und noch etwas, Suppino: Ich musste futtern wie noch nie in meinem Leben – Pasta, viel Pasta, manchmal wars auch Reis. Oder Pizzen. Mein Kalorienverbrauch hatte sich von einem Tag auf den anderen verdoppelt. Ich konnte mir auch täglich Erdbeertörtchen und andere Süssigkeiten als Belohnung erlauben – hach! (Bei dieser Aussage habe ich wohl die Augen verzückt geschlossen.)

Hast du eigentlich vor deiner Tour trainiert?

Nein. Ich habe eine gute Grundkondition, weil ich schon seit vielen Jahren fünfmal pro Woche im Hallenbad schwimme und oft in den Bergen unterwegs bin. Die Kondition auf dem Velo kam mit dem Fahren. Ich wollte ja nicht möglichst schnell möglich weit kommen.

Sondern?

Ich wollte Zeit haben und die Natur er-fahren. Das funktioniert nur mit dem Fahrrad: Ich machte Halt, wo es mir gefiel, setzte mich unter einen Baum, um zu lesen, beobachtete Tiere in der freien Wildbahn, besuchte alte Freunde und radelte mit Tempi, die mir gerade behagten. Manchmal sportlich, manchmal sehr gemächlich. Was ich unterwegs erlebte, kann ich weiterhin nicht in Worte fassen. Nur so viel: Velofahren bedeutet für mich Freiheit. Frische Luft in den Lungen, die Stille der Natur, sanft vorbeiziehende Landschaften und dabei den eigenen Körper spüren – das war der Mix, der immer wieder zu einem Flash führte.

Das klingt esoterisch?

Wie es klingt, ist mir egal. Ich erzähle dir, wie ich mich unterwegs fühlte. Von wenigen Tagen ausgenommen schüttete das Velofahren Glückshormone aus. Kombiniert mit dem „Flow“, der beim Radeln meistens kam, war das, hach… schlicht wunderbar!

Viele Leute glauben, dass längere Velotouren langweilig und monoton sind.

Es gibt auch Leute, die behaupten, die Wüste sei tot. Dabei ist sie voller Leben! Doch zurück zum Velofahren: Ich konnte mich an den Landschaften und Wolkenbildern nicht sattsehen, und ich habe seit Kindsbeinen ein geschultes Auge für Tiere in freier Wildbahn. Das half: Ich habe Elche, Fischadler, eine Wildsau, Eisvögel und viele andere Tiere gesehen. Unterwegs kam nie Langweile auf; ich hatte auch viel Zeit zum Nachdenken.

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Andere machen solche Touren zu zweit oder mit einer kleinen Gruppe, du warst alleine unterwegs.

Ich fuhr tatsächlich fast immer alleine, und das habe ich sehr genossen. Ich gehe auch gerne ab und zu alleine wandern oder ins Theater. Meine Route nordwärts richtete ich nach den Leuten in Deutschland und Skandinavien aus, die ich in den letzten 25 Jahren kennen gelernt habe. Etwa 40 Nächte kam ich so bei Bekannten und Freunden unter, und das war schön. Sie stellten mir ein Gästebett oder eine Couch zur Verfügung, nach meiner Ankunft hüpfte ich jeweils unter die Dusche, wusch meine Veloklamotten, machte zehn Minuten Stretching und beantwortete Geschäftsmails. Hernach gabs Znacht und wir verbrachten kurzweilige Abende. Gerade wegen dieser Kombination spreche ich so euphorisch über meine Velotour. In Deutschland kenne ich nur wenig Leute, dort erlebte ich die soziale Isolation mehrmals, und sie bekam mir nicht. Mit Wohnmobil-Pensionären ins Gespräch zu kommen war kaum möglich, und falls doch, fand ich es nicht bereichernd.

Gabs eigentlich auch brenzlige Situationen?

Die Hunde waren selten aggressiv, ich wurde von keinem Elch überrannt und blieb auch sonst unfallfrei. Auf der Strasse hatte ich ein paar Mal Glück, etwa wenn ein Automobilist den Rechtsvortritt missachtete oder zu knapp überholte. In vielen Tunneln Norwegens übermannte mich die Angst oder ein mulmiges Gefühl, weil sie schlecht ausgeleuchtet, eng und zugig-kalt sind. Wenn mich ein übermüdeter Lastwagenchauffeur übersehen hätte… Mon Dieu!

Und wie viele Platten hast du eingefangen?

Zwei. Eine davon im strömenden Regen irgendwo im Nowhere Dänemarks. Zuerst stiess ich meinen Standardfluch aus: „Stuzzi cadenti rotondi!“, was übrigens bloss „runde Zahnstocher“ heisst, aber eindrücklich klingt. Dann schob ich mein Rad zu einem Bauernhof, wo ich in einer offenen Scheune den Schlauch flickte. Nach einer halbe Stunde war ich wieder unterwegs – vergnügt pfeifend. Dreissig Kilometer entfernt warteten Freunde und ein warmes Nachtessen auf mich, kein Grund also, missmutig zu sein.

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Trotzdem, hattest du manchmal auch den „Läck-mir“? (Für die Leser ausserhalb der Schweiz: “Läck-mir” ist ein Helvetismus, zu übersetzen mit: Es kackt mich an. Etwa.)

(Lacht.) Der Optimismus ist ein treuer Begleiter, man kann ihn mir vermutlich nicht austreiben. Wenn etwas schiefläuft, erkenne ich dennoch auch positive Aspekte, und wenn etwas nicht richtig läuft, stachelt mich das an. Ganz pragmatisch versuche ich immer, aus einer Situation das Beste zu machen. Lassen wir doch die Esoterik, die du ja schon sanft ins Spiel gebracht hast, nochmals anklingen. Mir gefällt ein Sprichwort aus Uganda: „Wende dich der Sonne zu, dann fallen die Schatten hinter dich.“ All das half mir auf meiner Tour. Ein Beispiel: Wenn es stundenlang regnete, und das tat es oft, konzentrierte ich mich auf die Lerchen. Die trällern nämlich auch während eines Landregens. Ein erstaunlicher Vogel: klein, unscheinbar und in der Luft kein eleganter Flieger. Aber er singt – unverdrossen. Also radelte ich – unverdrossen.

Okay, okay, du Gute-Laune-Mensch! Hast du trotzdem ab und zu mit dem Gedanken gespielt, die Tour abzubrechen?

Ja, einmal. Es war am zweiten Tag, in den Jurahöhen. Ich musste über den Passwang, die Steigung betrug bis zu 13 Prozent, eineinhalb Stunden lang schob ich mein Gefährt, keuchte und schwitzte – und die Sonne brannte darnieder. Ich fluchte wie ein Fuhrhalter, Ueli Giezendanner wären die Haare zu Berge gestanden. Ein latentes Risiko war mein rechtes Knie: Das hat die letzten 20 Jahre keine langen Etappen auf dem Velo mehr zugelassen. Aber auf dieser langen Tour ging es, nur sieben Tage fuhr ich mit Schmerzen. Dafür bin ich unendlich dankbar.

Wie hast du eigentlich navigiert?

Für die grobe Orientierung kaufte ich mir jeweils Landkarten im Massstab 1:250’000 oder 1:300’000. Mal auf dem Rad halfen diese natürlich nicht mehr. Dafür hatte ich die App „Komoot“, die mir meistens einen guten Routenvorschlag machte. Ergänzend nutzte ich „Naviki“ und in den Städten „Google Maps“. Auf Wegweiser für Radwege konnte man sich nicht verlassen. Ich habe auch Leute auf der Strasse angehauen, oder andere Biker.

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Du betonst bei jeder Gelegenheit die 5500 Kilometer, die du im Sattel zurückgelegt hast. War es dir wichtig, das Nordkap zu erreichen?

Nein, es ging mir darum, unterwegs zu sein. Die längste Zeit war #ToNorthCape2016 bloss eine Chiffre. Sie klingt spektakulärer als #nordwärts. Erst auf den Lofoten-Inseln meldete sich der Ehrgeiz, und ich definierte das Ziel glasklar: „Jawohl, ich will ganz hoch.“ Die letzten acht Tage bzw. 600 Kilometer war es oft empfindlich kalt, aber fast immer trocken. Hätte es ständig geregnet, wäre ich an meine Grenzen gestossen. Die Kombination von Kälte, Wind und Regen macht mürbe. Eine befreundete Radtourenfahrerin sagt zwar, das forme den Charakter. Ich kann auf die Zähne beissen, aber tagelang würde ich mich nicht quälen.

Wie hast du deine Abenteuer „On the Road“ festgehalten?

Wie immer! Seit nunmehr 30 Jahren schreibe ich Tagebuch, zwar nicht täglich, sondern immer dann, wenn etwas für mich Relevantes passiert. Auf meiner Velotour tippte ich jeden Abend vor dem Einschlafen meine Erlebnisse in den Laptop. Das ging ratzfatz. Einzelne Abschnitte habe ich später ausgebaut, veredelt und als Postings auf dieses Blog gestellt. Hier führte ich auch ein „Log Book“ in englischer Sprache; es war primär gedacht für die internationalen Freunde, die mich beherbergten. Du hast die Postings doch sicher auch gelesen, Suppino!

Ähh, ja… ich meine, nein. Hmm…. doch! Ich habe die Story mit der schönen Schwedin mit Genuss reingezogen. Darf ich jetzt wieder die Fragen stellen?

Go on.
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Was würdest du anders machen?

Die Routenwahl durch Deutschland war ein Fehler. Ich würde entweder in Basel mit einem Schiff den Rhein hinunter bis Rotterdam schippern oder durch die Bundesländer im Osten radeln. Der Mosel und dem Rhein entlang zu fahren war landschaftlich deutlich weniger attraktiv als durch Schleswig-Holstein und Skandinavien. Zudem würde ich mein Gepäck noch viel stärker limitieren, ich schleppte zu viel Gewicht mit. Okay, das erhöhte den Trainingseffekt (lacht). Bei der nächsten grossen Velotour werde ich eine gute Kamera und ein separates Navigationsgerät, etwa von Garmin, verwenden. Für alles das iPhone zu brauchen war riskant, gerade im Dauerregen.

Aha, die nächste grosse Velotour!

Mit dem Trip von Bern ans Nordkap konnte ich eine Position auf meiner „Bucket List“ streichen. Während des Fahrens sind mir aber neue Ideen gekommen. Nur so viel: Es wird nicht 20 Jahren dauern, bis ich das nächste Abenteuer mit dem Velo starte.

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From Berne to North Cape by bike – 25 pictures

From Berne to North Cape by bike – 25 pictures

– June 3th 2016, I left Berne behind me in the pouring rain;
– August 31th, I arrived at the North Cape, it’s a sunny morning.

After 90 days and 5500 kilometers on the road, I reached “The Top of the World” as the Norwegians advertise their site in the Arctic. I cycled across parts of Switzerland, France, Germany, The Netherlands, Denmark, Sweden and Norway. A long lasting dream of mine came through. It was even more precious than I expected. Take a look at the pictures and you know why.


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For 20 years this bike trip had been on my bucket list. Few things in my life have been as rewarding and fulfilling, #ToNorthCape2016 is my very own “Road Movie”.

For those of you who understand German: I’ve published a couple of stories about my trip. Why don’t you start with the “thriller”. But watch out, it’s a longread!

Die Nacht, die ich nicht im Zelt verbrachte

Das Schild auf der Strasse verkündet: „Åtvidaberg“. In gemächlichem Tempo pedale ich in das Städtchen hinein. Es hat eine gute Energie, Amselmännchen geben ihr abendliches Konzert, die warme Sonne wirft lange Schatten. Dann wird der Blick frei auf den See und die Entscheidung ist gefallen: Hier bleibe ich für eine Nacht.

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Dass es in Schweden überhaupt eine Gemeinde namens Åtvidaberg gibt, weiss ich erst etwa seit einer Stunde. Sie hat 7000 Einwohner und liegt zwischen Göteborg und Stockholm. Im Verlaufe des Nachmittags entdeckte ich sie irgendeinmal auf meiner Landkarte.

s_frida_wallberg_383_maxresdefaultWie ich im Schatten eines alten Baumes dank diesem Internet und meinem Sklavengrätli in Erfahrung bringe, ist Åtvidaberg die Heimat von Frida „Golden Girl“ Wallberg, einer hübschen, 1 Meter 69 grossen Frau (Foto). Sie hat keine goldene Kehle, sondern eiserne Fäuste. Als Boxerin holte sie unter anderem den Profi-Weltmeistertitel im Superfeder-Gewicht. Der Glanz des FC Åtvidaberg ist hingegen schon länger verblasst: Zu Beginn der Siebzigerjahre war dieser Fussballklub eine grosse Nummer im Land gewesen: 1970 und 1971 gewann er den Cup, in den beiden darauffolgenden Jahren die Meisterschaft. Adaptiert auf Schweizer Verhältnisse hiesse das: Eine Mannschaft wie der FC Oberglatt hätte vor 40 Jahren die damaligen Platzhirsche der Nationalliga A, Basel, den FC Zürich, GC und Servette, hinter sich gelassen. Eine ulkige Vorstellung.

Doch zurück zum Jetzt: Am Bysjön, so heisst der See, will ich zelten. Wild, wie immer, weil während der Hochsaison auf den Campingplätzen Schwedens die Wohnmobile ausgerichtet sind wie in Rimini die Badetücher – not my cup of tea.

Binnen weniger Minuten habe ich mehrere geeignete Plätzchen für mein Zelt entdeckt. Doch das Aufstellen kann warten, ich muss zuerst ein anderes Grundbedürfnis stillen. Der Magen macht sich schon ein Weilchen bemerkbar: “Futter – aber dalli!” Zehn Minuten später parkiere ich meinen postgelben Göppel vor dem Restaurant des örtlichen Golfklubs. Ich bestelle Lachs, Kartoffeln und Gemüse, setze mich in die Abendsonne, strecke die müden Beine, bin zufrieden mit dem Leben und geniesse die Aussicht.

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Mit meinem Radler-Outfit falle ich unter den Golfspielerinnen und -spielern etwa so auf wie ein Löwenzahn unter Orchideen. Am Tisch nebenan sitzt ein Pärchen, das mich nach wenigen Minuten prompt darauf anspricht. Ob ich denn auch Golf spiele, fragt mich der Mann. Ich komme nicht in Versuchung, den beiden irgendetwas von meiner vermasselten Karriere als Minigolfer oder von meiner ruhigen Hand zu erzählen, vom richtigen Golf habe ich soviel Ahnung wie ein Ozelot von Algebra. Also lenke das Gespräch auf meine Velotour in den hohen Norden.

Ich finde die beiden auf Anhieb sympathisch und sie mich offenbar auch. Nach wenigen Minuten rücken wir die Stühle um einen Tisch herum. Wir unterhalten uns blendend, Mia und Peter haben Humor und sind wie alle Schwedinnen und Schweden sehr höflich. Es stellt sich heraus, dass er Chairman des lokalen Golfclubs ist. Ich dürfe mein Zelt auf der 18-Loch-Anlage aufstellen, wenn ich wolle. Ich finde den Gedanken reizvoll, die Heringe in diesen gepützelten Rasen zu drücken und am Morgen die ersten Spieler mit meiner verschlafenen Visage zu erschrecken. Wir plaudern und scherzen weiter, nach einer Stunde bietet mir das Ehepaar an, dass ich bei ihnen zu Hause im Gästezimmer übernachten dürfe – was für eine schöne Geste. Ich muss nicht überredet werden, zumal ein richtiges Bett allemal für einen besseren Schlaf sorgt – ein Erfahrungswert.

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Wir spazieren durch die Quartiere, eine Viertelstunde später erreichen wir ihr Haus, das am Waldrand liegt. Auf dem Gartensitzplatz machen wir es uns gemütlich, die beiden sind aufmerksame Gastgeber, Sohn Jimmie, der in Chicago studiert und gerade Semesterferien hat, gesellt sich mit einem Kollegen dazu, ein guter Whisky macht die Runde. Es ist mir wohl bei den Björlings, ich mag offene, unkomplizierte Menschen, die die Kultur „des offenen Hauses“ pflegen.

Es ist möglich, dass ich ihnen zu später Stunde versprach, im nächsten Sommer zurückzukehren, um das Golfspielen zu lernen. Es könnte ja sein, dass ich Talent habe. Sonst werde ich Boxtrainer. In Åtvidaberg.

 

P.S.
Ja, liebe Leserin, ich bin mir bewusst: Der Titel dieses Postings weckte womöglich Hoffnungen auf eine „Juicy Story“ – ein alter Journalistentrick. Nope, lieber Leser, daraus wurde nichts, pardon. Aber: Åtvidaberg ist eine Reise bzw. einen Zwischenstopp wert. Mit oder ohne Golfschläger.

Als Trösterli: So sieht mein Zelt aus, wenn ich die Nacht darin verbracht habe und währenddieser nur etwas geschah: Es fiel Regen. Viel Regen.

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Die schöne Schwedin

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Beim Zähneputzen am Abend wird mir vor dem Spiegel klar: Meine Haare sind zu lang, zu spröde, zu… ach! Ist der Velohelm erst einmal weg, streben sie in alle Himmelsrichtungen, ich könnte als Sohn von Niklaus Meienberg durchgehen. Also ab zum Coiffeur.

Am nächsten Morgen schlendere ich durch Kalmar, einer hübschen Kleinstadt im Süden Schwedens, die in dieser Jahreszeit viele Touristen anlockt, das Leben in den Strassen erwacht langsam, die Sonne scheint wie es sich gehört. Im Gegensatz zu den Coiffeursalons in der Schweiz sind diejenigen hier montags geöffnet, auf jeder Eingangstüre steht “Drop in”.

Im vierten Geschäft darf ich nicht nur eintreten, sondern mich auch gleich bedienen lassen. Eine vielleicht 35-jährige Coiffeuse mit blondiertem Haar und guter Laune dirigiert mich schwungvoll auf den Sessel. Wie immer bringe ich zuerst meine Anstandsfrage: „Talar du engelska?“ Ja, sie spreche Englisch, antwortet sie, aber nicht gerne und auch nicht gut.

Ich erkläre ihr, dass ich die schwedische Sprache sehr möge, aber nicht mehr als 50 Wörter beherrschen würde. Dabei lächle ich sie an und denke schaudernd: „Womöglich verpasst sie mir eine dieser potthässlichen Frisuren, wie sie bei den Fussballstars und ihren zahllosen Nachahmern Mode sind.“

Ich deute auf ihr Namensschild, das diskret in einer Ecke ihres Arbeitsplatzes steht. Nathalie sei doch ein französischer Name. Ihre Augen blitzen: „Je suis Française!“

Magnifique! “Je suis Suisse! Voyez, cet année j’ai passé trois mois en France pour améliorer votre langue.” (Eigentlich wollte ich entrosten sagen, aber das Wort fiel mir nicht ein.) Nathalie ist offensichtlich hoch erfreut, dass wir in ihrer Muttersprache parlieren können. Für mich ist es ein willkommenes Training und es geht ganz flott, obwohl ich seit meinem Tourstart im Elsass nicht mehr Französisch gesprochen habe.

Sie schwingt mir den schwarzen Frisiermantel über die Schultern und das Prozedere beginnt. Da geht die Eingangstüre auf und das warme Schwedisch einer weiblichen Stimme dringt an mein Ohr. Im Spiegel erhasche ich einen Blick der neuen Kundin und bin wie vom Donner gerührt: Sie ist etwa 1 Meter 80 gross, schlank, sportlich und braun gebrannt. Sie hat grüne Augen und lange dunkelbraune Haare, die ihr bis zur Taille reichen. Sie trägt eine schlichte weisse Bluse, aber kein Make up. Sie ist so natürlich. Und sooo schön.

Ja, ich habe lange geguckt, und ja, ich bin hingerissen. Zu meiner Verzückung wird die schöne Schwedin gleich neben mir platziert. Ich schiele verstohlen rüber und warte auf eine gute Gelegenheit, mit ihr ins Gespräch zu kommen.

Plötzlich taucht Amor auf. Der kleine Kerl setzt sich auf die Oberkante des wuchtigen Spiegels, lässt die Beinchen baumeln und zwinkert mir kumpelhaft zu: „Genau dein Typ, gelt?“ „Hau ab!“, fahre ich ihn an. „Ich bin mit em Velo da, keine Zeit für Girls.“

Nebenan geht es jetzt darum, wie viele Zentimeter abgeschnitten werden dürfen – ein heikler Punkt. Das ist meine Chance, schliesslich bin ich eine Kapazität, wenn es um die Haarlängen schöner Frauen geht. Ich klinke mich in das Gespräch ein, elegant, wie ich finde, und gebe in gepflegtem Englisch meine Meinung ab. Die schöne Schwedin dreht ihren Frisiersessel in meine Richtung und schenkt mir ein bezauberndes Lächeln.

Strike! Mein Herz klopft. Im Augenwinkel sehe ich, wie Amor mit nervösen Fingern einen Pfeil aus dem Köcher zieht.

Das Eis ist gebrochen, wir small-talken: Am Platz rechts von mir auf Schwedisch, bei uns auf Französisch, übers Kreuz auf Englisch, die beiden „Hair Artists“ reden zwischenhindurch Schwedisch miteinander. Irgendeinmal sagt die Coiffeuse, die an den Haaren der Holden wirkt: „Ihr beide kommt übrigens aus demselben Land.“ Verblüfft gucken wir einander an. „Wohär chunnscht?“, frage ich die schöne Schwedin.

„Vo Bärn.“

Ich mache grosse Augen und mein Herz setzt einen Takt aus. Mindestens. Amor ist aufgesprungen und tanzt Lambada auf dem Spiegelrand.

“Ich wohne auch in Bern. Im Breitsch“, erzähle ich der schönen Bernerin. Wir reden weiter und schliesslich frage ich sie, was sie denn in Kalmar mache. „Weißt du, mein Partner lebt hier.“ „Aha. Cool“, sage ich und denke: „Merde!“ Bei Konsalik nehmen solche Begegnungen immer einen ganz anderen Verlauf.

 

P.S.
Die frisierende Französin hat übrigens einen guten Job gemacht, ich bin mit meinem Haarschnitt zufrieden. Und das Velo stand nach einer Stunde auch noch vor dem Salon.

Meine Lektion am Fusse des Forollhogna

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Ein schabendes Geräusch reisst mich aus dem Schlaf. Ich krabble auf der Pritsche hoch, schaue aus dem Fenster und sehe – nichts. Es dauert einen Moment, bis mir bewusst wird: es liegt stockdicker Nebel. „Der Tag fängt ja gut an“, knurre ich, öffne die Türe der „Hognabua-Hytte“ und trete in das feucht-kalte Grau hinaus. Unmittelbar vor mir stehen ein paar Schafe und beäugen mich, ehe sie sich wieder der Blache widmen. Sie versuchen, an das Material darunter zu gelangen. Von ihnen stammte also das merkwürdige Geräusch. Sonst ist es still in diesem riesigen Bergkessel.

Den schwierigen Umständen zum Trotz (siehe Teil I dieses “Thrillers”) hatte ich ziemlich gut geschlafen – und ziemlich lange. Es ist weit nach 8 Uhr, als ich mich schliesslich an das Tischchen setze und ein paar Scheiben Vollkornbrot mit Schinken belege. Dazu gibt es Nüsse, eine überreife Banane und Tee. Das beklemmende Gefühl des Vorabends kommt zurück, ich habe Mühe beim Schlucken. Ich versuche es zu reduzieren, indem ich tief atme und laut mit mir spreche. Ein geschärfter Blick auf die Karte zeigt es klar: 15 Kilometer des unwegsamen Geländes im Forollhogna-Nationalpark habe ich hinter mir, bis zu den ersten Siedlungen im Norden fehlen mir etwa fünf Kilometer. „Du hast nur noch einen Viertel zu bewältigen und machst dir trotzdem in die Hosen?!“, versuche ich mich aufzumuntern. Mit bescheidenem Erfolg. Einen Moment lang spiele ich mit dem Gedanken, einfach den nächsten Moment „mit Netz“ abzuwarten und dann eine Notnummer zu wählen. Die Norweger würden mich dann rausholen, am besten mit dem Helikopter.

„Kommt nicht in die Tüte!“, sage ich barsch, so dass ich ob meiner eigenen Stimme erschrecke. „Du hast dir das selbst eingebrockt, jetzt holst du dich da auch wieder raus! Alleine! Basta!“

Der Nebel beginnt sich zu lichten, dafür setzt der Regen wieder ein. Das Thermometer vor der Hütte zeigt vier Grad Celsius. Ich sattle das Fahrrad und marschiere los, den Anhänger mit der grossen gelben Segeltuchtasche lasse ich zurück. Dazu lege ich ein Blatt im A4-Format:

I will pick up my stuff later. Please leave it here.
Mark, Swiss cycler.
August 9th 2016.

Der Pfad ist mal seifig, mal kaum zu sehen. Ich komme nur sehr langsam vorwärts, verliere immer wieder den Halt, das Stossen und Zerren meines Gefährts kostet mich viel Kraft. Alle paar hundert Meter murmelt ein Bächlein munter die Bergflanke herunter. Ich muss einen grossen Schritt machen, um auf die andere Seite zu gelangen. Und wenn das nicht reicht: springen. Ein Sprung mit Velo und Gepäck, zusammen also rund 50 Kilogramm, sieht mit Sicherheit ulkig aus, hat mit Springen aber wenig zu tun und ist durchzogen erfolgreich. Schuhe und Socken sind schon wieder durchnässt, der giftig-kalte Nordwind bläst mir ins Gesicht. Aus dem Grau des Nebels ertönt der klagende Ruf eines Vogels. Immer wieder. Er beherrscht nur einen einzigen Ton. In Moll. Wie ein Gimpel. Es ist mir zum Heulen zumute.

n_192_IMG_2484Als Orientierung dienen mir neben dem GPS-Signal die kunstvoll aufgeschichteten Steinhaufen. Zuweilen ist ein einzelner Stein rot angemalt oder es wird auf Holzpfählen sogar ein kleines Kreuz sichtbar. Irgendeinmal dämmert es mir: Ich befinde mich immer noch auf dem Pilgerweg zum Dom von Nidaros, wie Trondheim früher hiess.

s_192_IMG_2391Vor Wochenfrist stand ich in der schwedischen Kleinstadt Ekshärad, eine Autostunde westlich von Oslo, vor der Kirche. Dort beginnt der Pilgerweg, dort hatte ich das grabsteinartige Werk betrachtet, in das gemeisselt worden war: „536 km till Nidaros“. Dann war ich auf Anraten von Claude Longchamp, der in jener Region seit vielen Jahren Urlaub macht, das Klarälvtal hochgeradelt, immer dem Fluss Klarälven entlang – tagelang. Bis ich im Nationalpark selbstverschuldet in den Morast geriet.

Während ich Schritt vor Schritt setze, versuche ich mir vorzustellen, unter welchen Anstrengungen die Gläubigen damals diesen Pfad bewältigt hatten. Dieser Vergleich motiviert mich sofort: Ich bin besser ausgerüstet und gut genährt, und ich konnte die meiste Zeit fahren.

Manchmal pausiert der unerbittliche Wind für ein paar Minuten, ab und an dringen sogar ein paar zarte Sonnenstrahlen durch die Nebeldecke. Das wärmt meinen Oberkörper und tut unendlich gut. Dann peitscht wieder Regen darnieder, ich rutsche aus, beisse auf die Zähne und kämpfe mich weiter. Inzwischen besteht der Weg nur noch aus groben Steinen, es geht steil abwärts, das Velo kriegt bei jedem Schritt, den ich mache, einen heftigen Schlag ab, seine Bremsen werden immer schwächer. Felder mit ewigem Schnee werden sichtbar, meine Hände und Füsse sind eiskalt, das Trikot klebt schweissdurchtränkt an meinem Leib. Ich rede mir zu: „Fünf Kilometer sind es total. Das schaffst du. Die Hälfte ist vermutlich schon durch. Das schaffst du, come on!“

Wie von Geisterhand reisst die Nebeldecke plötzlich auf und gibt den Blick frei. Unten im Tal schlängelt sich ein Fluss durch sattes Grün, ich sehe ein paar Hütten und Häuser. Von einzelnen steigt Rauch auf – bewohnt! Ich stosse einen Jauchzer aus. „Yes, da unten ist der Albtraum vorbei!“

Doch wie komme ich in dieses Tal hinab? Der Pfad führt auf derselben Höhenkurve weiter. Irgendwann dreht er aber abrupt nach Westen, talwärts. Und er wird stotzig, sehr stotzig. Ich kann das schwer beladene Fahrrad kaum mehr halten, die Öldruckbremsen haben inzwischen den Geist aufgegeben, womöglich ist die Temperatur zu tief für sie. Ich rutsche immer wieder aus. „Stopp – zu gefährlich!“, befehle ich mir. Ich sattle ab und schlinge das schwere Kettenschloss um das Hinterrad des Velos. Die Sacoche mit dem restlichen Proviant, Ersatzkleidern und dem MacBook in der einen Hand, die Lenkertasche mit den Wertsachen unter dem anderen Arm klettere ich vorsichtig weiter, Tritt um Tritt. Der Regen hat den schmalen Pfad komplett ausgewaschen. Nach einer halben Stunde erreiche ich den Talboden, setze meine Füsse zum ersten Mal seit zwei Tagen wieder auf einen befestigten Weg und kann ganz normal gehen.

Zielstrebig gehe ich auf die erste Hütte zu, aus deren Kamin Rauch aufsteigt. Ich klopfe und setze mich auf die schwere Holzbank. Nichts regt sich. Nach zwei Minuten öffnet sich die Türe ein wenig und zwei nussbraune Augen schauen mich an. Erstaunt und misstrauisch. In wenigen Sätzen erkläre ich der jungen Frau mein Malheur. Dabei wird mir gewahr, wie ich aussehe: Mein Regentenue ist nicht mehr knallgelb und grün, sondern voller Dreck und Schlamm, wie das eines Radquerfahrers. Am Abend werde ich im Spiegel entdecken, dass mein Gesicht auch mit trockenem Blut verschmiert war.

Karin, so heisst die Norwegerin, wird etwas zugänglicher und nimmt meine beiden Gepäckstücke in Obhut. „Don’t worry, it’s not a bomb“, versuche ich es mit einem dümmlichen Witz, dann stapfe ich wieder bergwärts. Eine halbe Stunde später habe ich die Waldgrenze erreicht, wo ich die zweite Sacoche und den blauen Seesack packe und damit wieder talwärts strebe. Unterwegs treffe ich auf zwei Bergsteiger, die sich den Forollhogna trotz des miserablen Wetters vorgenommen haben. Sie hören mir schweigend zu, bis einer sagt: „I’m sorry that you can’t bike here.“ Ich nicke und denke: „Ironie ist eigentlich meine Disziplin.“

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Ein alter Pick-up steht vor der Hütte. Karin spricht mit einem vielleicht 55-jährigen Mann, er trägt einen mächtigen Schnauz. Ich grüsse, er nickt knapp. So stehe ich da mit meinem Gepäck und meinen verdreckten Kleidern und fühle mich fehl am Platz. Irgendeinmal fällt mir auf, dass die beiden exakt dieselben Nasen haben. „Is he your father?“, frage ich Karin, „the shape of your noses is exactly the same.“ Sie muss lachen. Das Eis beginnt zu tauen. Ich bitte ihren Vater, mich mitzunehmen: „Ich brauche ein Dach über dem Kopf, irgendwo“, Karin übersetzt. Er wiegt den Kopf kaum merklich hin und her, dann schaut er zu den Berggipfeln hoch. Und dann schweigt er. Eine Minute. Zwei Minuten. Ich übe mich in Geduld, was nicht meinem Temperament entspricht; ich mag klare und schnelle Entscheidungen. Vater und Tochter wechseln ab und zu ein paar Worte, zuweilen übersetzt sie für mich. Dann schweigen sie wieder. Minutenlang. Ich bin keinen Moment versucht, ihn als „Mürggu“ zu etikettieren. Im Gegensatz zu mürrischen Menschen hat er viele Lachfältchen in seinem wettergegerbten Gesicht und gutmütige Augen.

Schliesslich macht er eine Geste, die bedeutet: aufladen. Ich schwinge erleichtert meine vier Gepäckstücke auf die Ladefläche, danke Karin und quetsche mit auf den Beifahrersitz. Er stellt die Heizung an und es wird sofort wohlig warm. Die Karre ruckelt los, wir beide schweigen, aber das stört mich nicht. Nach wenigen Minuten entdecken wir einen jungen Kuckuck im Gehölz. Der Schweigsame stoppt sein Auto und dann beginnt er zu sprechen. Englisch. Er spricht ein schön elaboriertes Englisch, bedächtig und mit dem leichten Singsang, den man bei den meisten Schweden und Norwegern hört. Der Bergbauer und der ehemalige Hobby-Ornithologe haben ein gemeinsames Thema gefunden, die vierzigminütige Fahrt ist kurzweilig.

Auf seinem Hof in Budal angekommen, deutet er auf das Stöckli: „Du kannst hier übernachten.“ Er geht voran, legt Bettzeug bereit und stellt in der Küche den Elektroofen an. Das Haus ist vollgestopft mit Utensilien aus den letzten Jahrzehnten, wie ein Museum. „Are you going to survive her?“, fragt er, schmunzelt und zieht sich zurück. Ich geniesse die Wärme, die sich breit macht, wasche und rasiere mich und schlüpfe in trockene Kleider. Läck Bobby, ist das ein gutes Gefühl!

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Schnell habe ich Spaghetti gekocht. Als ich mich mit Heisshunger über sie hermache, tritt der Bauer wieder in die Küche und bleibt verlegen stehen. Ich bitte ihn, Platz zu nehmen und frage nach seinem Namen. Dann erzählt mir Björn von seiner Passion: der Bären- und Elchjagd. Er erzählt fast zwei Stunden lang und ich höre ihm gespannt zu. Er hat einen grossen Wortschatz und macht kaum Fehler. Als er sich schliesslich zum Gehen wendet, danke ich ihm für seine Hilfe. „It’s allright“, sagt er nur und blickt weg.

Am nächsten Morgen kurz nach 7 Uhr: Björn borgt mir Handschuhe, einen feldgrünen Ölmantel und Wanderschuhe, Grösse 46. Ich ziehe zwei Paar Socken an, denke meine Füsse um sieben Millimeter grösser und so passt das Schuhwerk fast perfekt. Dann fahren wir mit seinem klapprigen Pick up, Baujahr 1985 wie er vergnügt vermerkt, zurück zum Maiensäss, das 27 Kilometer weiter südlich liegt. Es regnet. Ich hatte gut geschlafen und mich noch am Vorabend im Dorfladen mit Proviant eingedeckt, die Zuversicht meldet sich zurück. In der Hütte angelangt, braut Björn zuerst Kaffee, setzt sich und blickt aus dem Fenster. Mich beeindruckt die Ruhe, die dieser Mann ausstrahlt.

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Der Regen hört auf, fünf Minuten später lacht die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Björn fährt zurück zu seinem Hof, ich schultere den Rucksack und steige bergan. Eine Viertelstunde später haben sich die Himmelsschleusen wieder geöffnet, ich erreiche die Waldgrenze, wo mein Fahrrad im Gras liegt – Postgelb auf Dunkelgrün. Ich halte inne und muss eine Entscheidung treffen: Soll ich bis zur „Hognabua-Hytte“ hinauf, also zwei Stunden alleine durch Regen und Nebel wandern oder das Velo gleich wieder durch den Birkenwald abwärts tragen? Ich mag das Schicksal nicht noch einmal herausfordern und entscheide mich für Zweiteres.

Inzwischen ist es 10 Uhr und ich bin wieder auf dem Maiensäss der Bauernfamilie angelangt. Karin und ich hocken vor dem Holzofen, der eine herrliche Wärme verbreitet, trinken Kaffee und schwatzen. Sie ist Sozialarbeiterin und wirkt in der Gemeinde Støren, die etwa 30 Kilometer nördlich von ihrem Wohnort Budal liegt. Das sei ein Bürojob, sagt sie. Umso mehr mag sie als Ausgleich die Natur und die Stille. Seit vielen Jahren verbringt sie hier oben jeweils vier Wochen Sommerferien und besorgt das Dutzend Milchkühe und ein paar Kälbchen. Karin mag es, mit den Händen zu werken, und sie liebt das Tal. Sie nennt Budalen ein „little paradise“. Ein Telefon gibt es hier nicht, mobile Geräte finden in diesem Tal kein Netz, es bleibt herrlich ruhig. Draussen wechselt das Wetter im Halbstundenrhythmus.

Gegen Mittag, als sich gerade wieder einmal die Sonne zeigt, will Karin auf einen Hügel steigen. Dort oben habe sie mit ihrem Handy meistens Empfang, erklärt sie. Und: sie müsse telefonieren. Ich folge ihr, zehn Minuten später sind wir oben – und tatsächlich: Netz. In meinem Gerät purzeln Dutzende von geschäftlichen E-Mails in die Inbox. Nach den Erlebnissen der letzten Tage kommen sie mir vor wie Exoten. Karin spricht in ihr Gerät, dann wendet sie sich mir zu: „Das war mein Vater. Er macht sich Sorgen wegen dir.“ Im Verlaufe des späteren Nachmittags komme er oder ihr Bruder hoch, um mit mir auf den Pass zu steigen und das Material von der „Hognabua-Hytte“ herunterzutragen.

Die Stunden verstreichen. Innerlich hake ich die Mission für heute ab, es ist zu spät.

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Nach einem sehr frühen Znacht helfe ich Karin im Stall, es zahlt sich aus, dass ich früher Landdienst geleistet hatte.

Um 18.15 Uhr schwingt die Türe auf und Björn tritt ein, unter dem Arm einen grossen Rucksack: „Let’s go.“

„Don’t you think it’s too late?“, frage ich ihn zweifelnd. Im Dunkeln auf einem glitschigen Pfad talwärts zu tappen finde ich gefährlich.

„We will walk fast.“

Um 18.30 Uhr startet die Mission „Rescue Yellow Bob“. Ich gehe voran, Karin und Björn folgen mir. Zügigen Schritten schrauben wir uns den Birkenwald hoch, schnell haben wir einen Rhythmus gefunden. Es bleibt trocken, ja die Sicht wird immer besser. Um 20.30 Uhr erreichen wir die „Hognabua-Hytte“. Yellow Bob ist noch da. Klar, wer hätte sich auch mit dem Anhänger und meinem Campingmaterial abmühen wollen. In der Hütte trinken wir heissen Tee und futtern belegte Brote. Ich will schnell wieder aufbrechen, doch Björn hält nichts von Eile. „Weißt du, jedes Jahr kommt ein Radfahrer hier oben durch“, berichtet er. „Dieses Mal bist du es.“ Dabei schaut er mir direkt ins Gesicht, lächelt und hält mir seine Dose mit Snus hin. Ich schiebe einen Streifen in den Mund.

Zwei Minuten später ist mir speiübel, ich will fluchtartig an die frische Luft und falle fast der Länge nach hin. Der Gleichgewichtssinn wird bei diesem Teufelszeug also auch beeinträchtigt – oder spielt mir der Körper sonst einen Streich? Ich spucke das Snus in ein Gebüsch und spüle meine Mundhöhlen mit viel Wasser aus. Dann inhaliere ich ein paar Minuten lang die kalt-würzige Bergluft und langsam fühle ich mich wieder besser.

Um 20.55 Uhr brechen wir auf. Den Inhalt der gelben Segeltuchtasche haben wir auf drei Rucksäcke verteilt, ich schultere den Anhänger und wechsle alle zehn Minuten die Seite. Kurz vor 23 Uhr treffen wir unversehrt im Maiensäss ein, es ist inzwischen stockdunkel geworden.

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Ich bin erschöpft
, erleichtert und erfüllt von tiefer Dankbarkeit. Karin und Björn haben mich aus meiner misslichen Situation herausgeholt, ohne viele Worte zu verlieren. Zunächst waren sie zurückhaltend, ja schüchtern. Die letzten zwei Tage habe ich sie aber als grundehrliche, liebenswürdige Menschen, die das Herz auf dem rechten Fleck haben, kennen gelernt.

 

Epilog:

Die Erlebnisse am Fusse des Forollhogna haben mich aufgewühlt. Es war eine Lektion, die mir dort oben erteilt wurde. Seither bin ich nachdenklicher geworden, die emotionale Bewältigung dieses Abenteuers braucht Zeit und Energie, für ein paar Tage war ich drauf und dran, meine Tour vorzeitig abzubrechen. Das habe ich inzwischen verworfen, mir aber in meiner Endlos-Agenda einen Termin im August eingetragen. Dann will ich den beiden wunderbaren Menschen aus Budal jeweils ein Päckli schicken.

 

 

Wie ich mich tief in den Morast geritten habe

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In Norwegen regnet es jeden Tag, es ist wie ein Naturgesetz. Unverzagt sattle ich das Velo und fahre los. Kaum habe ich die 2000-Seelen-Gemeinde Os i Østerdalen (auf Deutsch: Osttal) hinter mir gelassen, geht es steil bergauf. Ich muss in den ersten Gang schalten und komme nur noch im Schritttempo vorwärts. Nach einer Viertelstunde bin ich bachnass. „Wieso wasche ich eigentlich jeden Abend mein Outfit?“, schiesst es mir durch den Kopf.

Die Fahrt geht durch Wälder, vorbei an einzelnen Bauernhöfen, Ferienhäuschen und Bächen. Es ist still geworden, ich höre nur das Rauschen des Regens. Bei diesem Wetter lässt man keinen Hund nach draussen, aber ich reagiere wie immer bei widrigen Umständen: unverdrossen. Der sture Kopf meldet sich.

Ich will den Forollhogna-Nationalpark von Süden nach Norden durchqueren. Er umfasst 1000 Quadratkilometer, ist also etwa gleich gross wie der Kanton Thurgau bzw. sechsmal grösser als der Schweizer Nationalpark im Engadin. Der Forolhogna ist mit 1332 Metern über Meer der höchste Berg in dieser Region.

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Seit nunmehr zwei Monaten
setze ich auf den Routenplaner von Komoot. Seine App schlägt mir jeden Tag zuverlässig eine Route mit wenig Verkehr, aber gut befestigten Strässchen vor. Heute zeigt Komoot an, dass ich durch den Nationalpark fahren soll. Es sei „eine sehr schwere Fahrradtour“, heisst es zwar im Beschrieb. Aber das hat es auf dieser Velotour schon oft geheissen und kann mich deshalb nicht abschrecken. Anhand einer Landkarte wird mir klar, dass ich grosse Höhenunterschiede bewältigen muss.

Zwischen der letzten Siedlung im Süden und der ersten im Norden liegen rund 20 Kilometer, die Distanz zwischen dem Startpunkt, eben Os, und meinem Ziel, dem Dorf Budal, beträgt etwa 70 Kilometer. „Das packst du!“, sage ich mir, schliesslich bin ich fit, habe Proviant und Wasser für zwei Tage dabei, zudem Zelt, Schlafsack und Benzinkocher. „Come on! Regen, Wind und Kälte formen den Charakter!“

Bei der letzten Siedlung mit ein paar wenigen Häuschen steht ein Schild: „Rum“, was so viel wie Raum bedeutet, oder eben: Gästezimmer. Für einen Moment bin ich versucht, abzusteigen und das garstige Wetter auszusitzen. Aber es ist noch nicht einmal Mittag – weiterfahren! Ein Pferd und eine Ziege schauen mir gwundrig nach, wie ich eingepackt in mein farbiges Regenzeugs an ihnen vorbeistrample.

Aus dem soliden Strässchen wird bald einmal ein schmaler Wanderweg. Er führt so steil bergan, dass ich mein Gefährt stossen muss. Schliesslich erreiche ich ein Plateau und hier kriege ich einen Vorgeschmack darauf, wie gross dieser Nationalpark ist: Bis zum Horizont nur Felsen, Moos, Flechten und Hügel. Viele Hügel.

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Der Weg ist mal ausgewaschen und glitschig, mal erschweren Steinbrocken das Weiterkommen, mal bleibe ich im Morast stecken. Plötzlich versperrt mir ein Bach den Weg, wegen des heftigen Regens ist er auf vielleicht vier Meter Breite angeschwollen, das Wasser wadentief. „Die Camel Trophy wurde doch eingestellt“, maule ich. Aber es gibt keine Option: Ich muss den Bach überqueren, will aber keine nassen Füsse, weil: wenn ich etwas hasse, dann sind es nasse Füsse. Also steige ich auf, schalte in den vierten Gang und trete kräftig in die Pedale. Ich habe fünf Meter Anlauf zur Verfügung. Der Schwung reicht bis auf die andere Seite des Baches – für das Vorderrad. Mit den Schuhen lande ich im Wasser. „Dammit!“ Bisher war ich guter Laune gewesen. Jetzt kippt sie.

Der Pfad ist inzwischen unbegehbar geworden, weil er sich tief in den Boden gefressen hat. So komme ich mit „Yellow Bob“, dem Anhänger, nicht mehr weiter. Also kämpfe ich mich durch das offene Gelände, Schrittchen für Schrittchen, und es wird immer kälter. Ich stosse und zerre, keuche und fluche, das Herz pocht – alle zwei, drei Minuten muss ich innehalten, um wieder zu Atem zu kommen. Manchmal fällt das Velo um, ich kann es nicht mehr halten. So vergeht Stunde um Stunde, meine Kräfte schwinden, dafür setzt der Körper Adrenalin frei. Immer wenn ich glaube, den letzten Hügel vor dem grossen See bestiegen zu haben, taucht wieder ein neuer auf.

Dann endlich sehe ich ihn, den ersehnten See, der gemäss Karte schon längst hätte zum Vorschein kommen müssen. An seinem Ufer erkenne ich – hurra! – ein paar Ställe und mehrere Hütten, eine davon ist aus hellem Holz. Helles Holz bedeutet neu gebaut, Zivilisation und vielleicht, vielleicht sogar wieder einen brauchbaren Weg. Und tatsächlich: Nach wenigen hundert Metern gelange ich auf ein passables Strässchen. Ich stosse einen Jauchzer aus, steige auf und verscheuche euphorisch ein paar Schafe vor mir. Doch die Freude ist nur von kurzer Dauer: Das Strässchen verbindet bloss die wenigen Hütten untereinander, es führt nicht weiter. „Gopf!“

Zweifel überkommen mich. „Soll ich umkehren?“ Das GPS-Signal auf der Komoot-Offline-Karte zeigt, dass ich mich auf dem vorgeschlagenen Weg bewege. Etwa die Hälfte der Strecke durch den Nationalpark habe ich hinter mir. „Also vorwärts!“, mache ich mir selber Mut. „Schlimmer kann es nicht mehr kommen.“ Dachte ich.

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Zwischen dem Seeufer und der Ostflanke des mächtigen Forollhogna stolpere ich weiter. Ein giftiger Wind pfeift mir ins Gesicht, es ist eiskalt geworden, den Helm habe ich mit einer warmen Wollkappe ausgetauscht, die Finger spüre ich schon lange nicht mehr. Ein Königreich für richtige Handschuhe! Irgendwann muss es den Wimpel mit der Schweizer Flagge, den ich „Yellow Bob“ ansteckte, abgerissen haben; vermutlich in einem Gestrüpp. Ich lasse das Velo stehen und gehe etwa einen Kilometer zurück. „Wenn sie meine Überreste im nächsten Sommer finden, soll wenigstens die Nationalität sofort geklärt sein“, mache ich auf Galgenhumor. Doch der Wimpel bleibt unauffindbar.

Unbeflaggt stosse ich das Gefährt vorwärts, allerdings komme ich nur noch voran, wenn ich mein volles Gewicht einsetze. Manchmal verliere ich die Balance und falle hin. „Was, wenn ich einen Fuss brechen oder arg verstauchen sollte?“ Bei diesem Gedanken wird mir mulmig zumute. Natürlich habe ich die Notfallnummern Norwegens notiert und fotografiert, aber was hülfe es? Ich blicke auf mein Handy – „kein Netz“. „Natürlich“, denke ich, in diesem abgeschiedenen riesigen Kessel kann ja kein Signal durchkommen. Wenn mir etwas zustiesse, müsste ich das Zelt aufstellen, mich in den Schlafsack robben und darauf hoffen, dass ich entdeckt werde. Das könnte dauern. Ein kalter Schauer läuft meinen Rücken hinab: An Tagen wie diesen ist hier niemand unterwegs – nur ein Dummkopf.

Schliesslich kommt, was in den Bergen fast immer irgendeinmal kommen muss: eine Geröllhalde. Der Pfad ist kaum mehr zu erkennen, an ein Weiterkommen mit dem Anhänger nicht zu denken. Also: absatteln – Wasser trinken – nachdenken. Inzwischen habe ich am Ende des Sees zwei Hütten entdeckt und schöpfe neue Hoffnung. Bis dorthin will ich es heute noch schaffen und in deren Windschatten campieren. Zuerst trage ich die beiden Sacochen zu den Häuschen, 17 Minuten hin, 15 Minuten zurück zur Geröllhalde. 20 Minuten mit dem Velo auf dem Buckel hin, 16 Minuten zurück. Schliesslich „Yellow Bob“ mit der grossen gelben Segeltuchtasche – 22 Minuten hin. Keuchend lasse ich mich zu Boden fallen, der Nordwind fegt über mich hinweg.

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Schliesslich rapple ich mich wieder hoch und drücke die Türklinke der grösseren Hütte nieder. Und siehe da – unverschlossen. Ich juble innerlich. Der Raum ist aufgeräumt, mit hellem Holz ausgekleidet und heimelig. Er ist ausgerüstet mit einem kleinen Tisch, zwei Stühlen, einer Kochnische und einer Pritsche. Die Infrastruktur steht Fischern und Bergsteigern zur freien Verfügung, entziffere ich auf einem Blatt, das an die Wand geheftet wurde. Von waghalsigen Bikern steht nichts.

Auch die kleinere Hütte ist nicht abgeschlossen. Sie hat ein Plumpsklo, ist sauber und olfaktorisch keine Herausforderung; zwei Rollen Toilettenpapier liegen bereit.

Und dann klettert die Angst in mir hoch

Ich braue mir zuerst eine Tasse Tee, ziehe trockene Kleider an und reisse eine Packung Hurtig-Reis auf. Hurtig ist Norwegisch und heisst – Bernerinnen und Berner erahnen es: schnell. Ich hätte mir auch zwei Stunden Zeit gelassen für dieses Mahl, das ich still zu mir nehme. Draussen bricht die Nacht herein, der Wind hat nachgelassen, die Bergkämme schauen zu mir hinab. Ich schaue verzagt zu ihnen hinauf, das Herz tut mir weh. Tagsüber in Wind und Kälte fühlte ich mich besser als jetzt in der Hütte. Die Anspannung hat nachgelassen, dafür setzen mir Ungewissheit und Einsamkeit zu. Also spreche ich laut mit mir selbst. Ich rede mir ins Gewissen: “Weshalb hast du dich bloss derart in den Morast geritten?” Die Angst klettert in mir hoch.

Plötzlich zerreisst ein Geräusch die Stille. Ich zucke zusammen. Mein Handy hat eben zweimal gefiept. Ich glotze es an als ob es ein Ufo wäre. Drei Whazzup-Nachrichten sind hereingetrudelt: Monique findet die Beschreibung meiner gestrigen Etappe „erdenschön“, Ben schickt ein Foto von seinem Göppel und schreibt: „You never ride alone. Wenigstens nicht heute.“ Nicole, eine Tanzpartnerin, fragt nach, wann ich wieder in Bern sei.

Nachrichten aus einer anderen Welt. Dann reisst die Verbindung wieder ab: „Kein Netz“, heisst es auf dem Display.


> Teil II dieses Abenteuers ist am 22. August 2016 erschienen – hier klicken und reinziehen. Schweissfrei.