„Lerchen trällern auch im Landregen“

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Seit rund zwei Wochen bin ich wieder in der Schweiz. Die Anpassung an ein sesshaftes Leben hat zum Glück problemlos geklappt, ich bin wohl in Bern. Zugleich schwelge ich in Erinnerungen. Zusammen mit Bürokollege Suppino habe ich meine dreimonatige Velotour von Bern ans Nordkap Revue passieren lassen. Ein Gespräch über den „Flow“ und die soziale Isolation, platte Reifen, Hornhaut und den „Läck-mir“, über Ueli Giezendanners Haare und meine Learnings.

Bürokollege Suppino: Du warst 72 Tage lang im Sattel. Wie dick ist eigentlich die Hornhaut am A…, ach, du weißt schon.

Mark: Wir beginnen dieses Gespräch also mit dem Hintern (grinst) – grossartig! Dann halt. Es ist ein Mythos, dass sich am Arsch, pardon l’expression, Hornhaut bildet. Er schmerzte die ersten vier, fünf Tage, danach ging es. Gut gepolsterte Velohosen, ein passender Sattel und Hygiene haben sicher geholfen. Es gibt übrigens Radler, die schwören auf „Füdlecrème“, ich halte sie für ein Placebo.

Du hast die Ausrüstung angeschnitten. Erfahrene Tourenbiker sagen, dass sie 80 Prozent des Erfolgs ausmacht.

futter_383_img_2581Für jedes Wetter geeignete Kleider dabei zu haben hilft enorm, klar. Ich habe unterwegs mehrmals Sachen dazugekauft und ausgewechselt. Mein postgelbes Velo ist übrigens eine Einzelanfertigung; es hat sich bewährt. Genauso wie Zelt, Schlafsack und das Kochmaterial. Sehr wichtig ist allerdings auch die mentale Verfassung. Wenn es im Kopf nicht stimmte, kam ich nicht voran. Und noch etwas, Suppino: Ich musste futtern wie noch nie in meinem Leben – Pasta, viel Pasta, manchmal wars auch Reis. Oder Pizzen. Mein Kalorienverbrauch hatte sich von einem Tag auf den anderen verdoppelt. Ich konnte mir auch täglich Erdbeertörtchen und andere Süssigkeiten als Belohnung erlauben – hach! (Bei dieser Aussage habe ich wohl die Augen verzückt geschlossen.)

Hast du eigentlich vor deiner Tour trainiert?

Nein. Ich habe eine gute Grundkondition, weil ich schon seit vielen Jahren fünfmal pro Woche im Hallenbad schwimme und oft in den Bergen unterwegs bin. Die Kondition auf dem Velo kam mit dem Fahren. Ich wollte ja nicht möglichst schnell möglich weit kommen.

Sondern?

Ich wollte Zeit haben und die Natur er-fahren. Das funktioniert nur mit dem Fahrrad: Ich machte Halt, wo es mir gefiel, setzte mich unter einen Baum, um zu lesen, beobachtete Tiere in der freien Wildbahn, besuchte alte Freunde und radelte mit Tempi, die mir gerade behagten. Manchmal sportlich, manchmal sehr gemächlich. Was ich unterwegs erlebte, kann ich weiterhin nicht in Worte fassen. Nur so viel: Velofahren bedeutet für mich Freiheit. Frische Luft in den Lungen, die Stille der Natur, sanft vorbeiziehende Landschaften und dabei den eigenen Körper spüren – das war der Mix, der immer wieder zu einem Flash führte.

Das klingt esoterisch?

Wie es klingt, ist mir egal. Ich erzähle dir, wie ich mich unterwegs fühlte. Von wenigen Tagen ausgenommen schüttete das Velofahren Glückshormone aus. Kombiniert mit dem „Flow“, der beim Radeln meistens kam, war das, hach… schlicht wunderbar!

Viele Leute glauben, dass längere Velotouren langweilig und monoton sind.

Es gibt auch Leute, die behaupten, die Wüste sei tot. Dabei ist sie voller Leben! Doch zurück zum Velofahren: Ich konnte mich an den Landschaften und Wolkenbildern nicht sattsehen, und ich habe seit Kindsbeinen ein geschultes Auge für Tiere in freier Wildbahn. Das half: Ich habe Elche, Fischadler, eine Wildsau, Eisvögel und viele andere Tiere gesehen. Unterwegs kam nie Langweile auf; ich hatte auch viel Zeit zum Nachdenken.

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Andere machen solche Touren zu zweit oder mit einer kleinen Gruppe, du warst alleine unterwegs.

Ich fuhr tatsächlich fast immer alleine, und das habe ich sehr genossen. Ich gehe auch gerne ab und zu alleine wandern oder ins Theater. Meine Route nordwärts richtete ich nach den Leuten in Deutschland und Skandinavien aus, die ich in den letzten 25 Jahren kennen gelernt habe. Etwa 40 Nächte kam ich so bei Bekannten und Freunden unter, und das war schön. Sie stellten mir ein Gästebett oder eine Couch zur Verfügung, nach meiner Ankunft hüpfte ich jeweils unter die Dusche, wusch meine Veloklamotten, machte zehn Minuten Stretching und beantwortete Geschäftsmails. Hernach gabs Znacht und wir verbrachten kurzweilige Abende. Gerade wegen dieser Kombination spreche ich so euphorisch über meine Velotour. In Deutschland kenne ich nur wenig Leute, dort erlebte ich die soziale Isolation mehrmals, und sie bekam mir nicht. Mit Wohnmobil-Pensionären ins Gespräch zu kommen war kaum möglich, und falls doch, fand ich es nicht bereichernd.

Gabs eigentlich auch brenzlige Situationen?

Die Hunde waren selten aggressiv, ich wurde von keinem Elch überrannt und blieb auch sonst unfallfrei. Auf der Strasse hatte ich ein paar Mal Glück, etwa wenn ein Automobilist den Rechtsvortritt missachtete oder zu knapp überholte. In vielen Tunneln Norwegens übermannte mich die Angst oder ein mulmiges Gefühl, weil sie schlecht ausgeleuchtet, eng und zugig-kalt sind. Wenn mich ein übermüdeter Lastwagenchauffeur übersehen hätte… Mon Dieu!

Und wie viele Platten hast du eingefangen?

Zwei. Eine davon im strömenden Regen irgendwo im Nowhere Dänemarks. Zuerst stiess ich meinen Standardfluch aus: „Stuzzi cadenti rotondi!“, was übrigens bloss „runde Zahnstocher“ heisst, aber eindrücklich klingt. Dann schob ich mein Rad zu einem Bauernhof, wo ich in einer offenen Scheune den Schlauch flickte. Nach einer halbe Stunde war ich wieder unterwegs – vergnügt pfeifend. Dreissig Kilometer entfernt warteten Freunde und ein warmes Nachtessen auf mich, kein Grund also, missmutig zu sein.

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Trotzdem, hattest du manchmal auch den „Läck-mir“? (Für die Leser ausserhalb der Schweiz: “Läck-mir” ist ein Helvetismus, zu übersetzen mit: Es kackt mich an. Etwa.)

(Lacht.) Der Optimismus ist ein treuer Begleiter, man kann ihn mir vermutlich nicht austreiben. Wenn etwas schiefläuft, erkenne ich dennoch auch positive Aspekte, und wenn etwas nicht richtig läuft, stachelt mich das an. Ganz pragmatisch versuche ich immer, aus einer Situation das Beste zu machen. Lassen wir doch die Esoterik, die du ja schon sanft ins Spiel gebracht hast, nochmals anklingen. Mir gefällt ein Sprichwort aus Uganda: „Wende dich der Sonne zu, dann fallen die Schatten hinter dich.“ All das half mir auf meiner Tour. Ein Beispiel: Wenn es stundenlang regnete, und das tat es oft, konzentrierte ich mich auf die Lerchen. Die trällern nämlich auch während eines Landregens. Ein erstaunlicher Vogel: klein, unscheinbar und in der Luft kein eleganter Flieger. Aber er singt – unverdrossen. Also radelte ich – unverdrossen.

Okay, okay, du Gute-Laune-Mensch! Hast du trotzdem ab und zu mit dem Gedanken gespielt, die Tour abzubrechen?

Ja, einmal. Es war am zweiten Tag, in den Jurahöhen. Ich musste über den Passwang, die Steigung betrug bis zu 13 Prozent, eineinhalb Stunden lang schob ich mein Gefährt, keuchte und schwitzte – und die Sonne brannte darnieder. Ich fluchte wie ein Fuhrhalter, Ueli Giezendanner wären die Haare zu Berge gestanden. Ein latentes Risiko war mein rechtes Knie: Das hat die letzten 20 Jahre keine langen Etappen auf dem Velo mehr zugelassen. Aber auf dieser langen Tour ging es, nur sieben Tage fuhr ich mit Schmerzen. Dafür bin ich unendlich dankbar.

Wie hast du eigentlich navigiert?

Für die grobe Orientierung kaufte ich mir jeweils Landkarten im Massstab 1:250’000 oder 1:300’000. Mal auf dem Rad halfen diese natürlich nicht mehr. Dafür hatte ich die App „Komoot“, die mir meistens einen guten Routenvorschlag machte. Ergänzend nutzte ich „Naviki“ und in den Städten „Google Maps“. Auf Wegweiser für Radwege konnte man sich nicht verlassen. Ich habe auch Leute auf der Strasse angehauen, oder andere Biker.

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Du betonst bei jeder Gelegenheit die 5500 Kilometer, die du im Sattel zurückgelegt hast. War es dir wichtig, das Nordkap zu erreichen?

Nein, es ging mir darum, unterwegs zu sein. Die längste Zeit war #ToNorthCape2016 bloss eine Chiffre. Sie klingt spektakulärer als #nordwärts. Erst auf den Lofoten-Inseln meldete sich der Ehrgeiz, und ich definierte das Ziel glasklar: „Jawohl, ich will ganz hoch.“ Die letzten acht Tage bzw. 600 Kilometer war es oft empfindlich kalt, aber fast immer trocken. Hätte es ständig geregnet, wäre ich an meine Grenzen gestossen. Die Kombination von Kälte, Wind und Regen macht mürbe. Eine befreundete Radtourenfahrerin sagt zwar, das forme den Charakter. Ich kann auf die Zähne beissen, aber tagelang würde ich mich nicht quälen.

Wie hast du deine Abenteuer „On the Road“ festgehalten?

Wie immer! Seit nunmehr 30 Jahren schreibe ich Tagebuch, zwar nicht täglich, sondern immer dann, wenn etwas für mich Relevantes passiert. Auf meiner Velotour tippte ich jeden Abend vor dem Einschlafen meine Erlebnisse in den Laptop. Das ging ratzfatz. Einzelne Abschnitte habe ich später ausgebaut, veredelt und als Postings auf dieses Blog gestellt. Hier führte ich auch ein „Log Book“ in englischer Sprache; es war primär gedacht für die internationalen Freunde, die mich beherbergten. Du hast die Postings doch sicher auch gelesen, Suppino!

Ähh, ja… ich meine, nein. Hmm…. doch! Ich habe die Story mit der schönen Schwedin mit Genuss reingezogen. Darf ich jetzt wieder die Fragen stellen?

Go on.
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Was würdest du anders machen?

Die Routenwahl durch Deutschland war ein Fehler. Ich würde entweder in Basel mit einem Schiff den Rhein hinunter bis Rotterdam schippern oder durch die Bundesländer im Osten radeln. Der Mosel und dem Rhein entlang zu fahren war landschaftlich deutlich weniger attraktiv als durch Schleswig-Holstein und Skandinavien. Zudem würde ich mein Gepäck noch viel stärker limitieren, ich schleppte zu viel Gewicht mit. Okay, das erhöhte den Trainingseffekt (lacht). Bei der nächsten grossen Velotour werde ich eine gute Kamera und ein separates Navigationsgerät, etwa von Garmin, verwenden. Für alles das iPhone zu brauchen war riskant, gerade im Dauerregen.

Aha, die nächste grosse Velotour!

Mit dem Trip von Bern ans Nordkap konnte ich eine Position auf meiner „Bucket List“ streichen. Während des Fahrens sind mir aber neue Ideen gekommen. Nur so viel: Es wird nicht 20 Jahren dauern, bis ich das nächste Abenteuer mit dem Velo starte.

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Wie ich mich tief in den Morast geritten habe

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In Norwegen regnet es jeden Tag, es ist wie ein Naturgesetz. Unverzagt sattle ich das Velo und fahre los. Kaum habe ich die 2000-Seelen-Gemeinde Os i Østerdalen (auf Deutsch: Osttal) hinter mir gelassen, geht es steil bergauf. Ich muss in den ersten Gang schalten und komme nur noch im Schritttempo vorwärts. Nach einer Viertelstunde bin ich bachnass. „Wieso wasche ich eigentlich jeden Abend mein Outfit?“, schiesst es mir durch den Kopf.

Die Fahrt geht durch Wälder, vorbei an einzelnen Bauernhöfen, Ferienhäuschen und Bächen. Es ist still geworden, ich höre nur das Rauschen des Regens. Bei diesem Wetter lässt man keinen Hund nach draussen, aber ich reagiere wie immer bei widrigen Umständen: unverdrossen. Der sture Kopf meldet sich.

Ich will den Forollhogna-Nationalpark von Süden nach Norden durchqueren. Er umfasst 1000 Quadratkilometer, ist also etwa gleich gross wie der Kanton Thurgau bzw. sechsmal grösser als der Schweizer Nationalpark im Engadin. Der Forolhogna ist mit 1332 Metern über Meer der höchste Berg in dieser Region.

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Seit nunmehr zwei Monaten
setze ich auf den Routenplaner von Komoot. Seine App schlägt mir jeden Tag zuverlässig eine Route mit wenig Verkehr, aber gut befestigten Strässchen vor. Heute zeigt Komoot an, dass ich durch den Nationalpark fahren soll. Es sei „eine sehr schwere Fahrradtour“, heisst es zwar im Beschrieb. Aber das hat es auf dieser Velotour schon oft geheissen und kann mich deshalb nicht abschrecken. Anhand einer Landkarte wird mir klar, dass ich grosse Höhenunterschiede bewältigen muss.

Zwischen der letzten Siedlung im Süden und der ersten im Norden liegen rund 20 Kilometer, die Distanz zwischen dem Startpunkt, eben Os, und meinem Ziel, dem Dorf Budal, beträgt etwa 70 Kilometer. „Das packst du!“, sage ich mir, schliesslich bin ich fit, habe Proviant und Wasser für zwei Tage dabei, zudem Zelt, Schlafsack und Benzinkocher. „Come on! Regen, Wind und Kälte formen den Charakter!“

Bei der letzten Siedlung mit ein paar wenigen Häuschen steht ein Schild: „Rum“, was so viel wie Raum bedeutet, oder eben: Gästezimmer. Für einen Moment bin ich versucht, abzusteigen und das garstige Wetter auszusitzen. Aber es ist noch nicht einmal Mittag – weiterfahren! Ein Pferd und eine Ziege schauen mir gwundrig nach, wie ich eingepackt in mein farbiges Regenzeugs an ihnen vorbeistrample.

Aus dem soliden Strässchen wird bald einmal ein schmaler Wanderweg. Er führt so steil bergan, dass ich mein Gefährt stossen muss. Schliesslich erreiche ich ein Plateau und hier kriege ich einen Vorgeschmack darauf, wie gross dieser Nationalpark ist: Bis zum Horizont nur Felsen, Moos, Flechten und Hügel. Viele Hügel.

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Der Weg ist mal ausgewaschen und glitschig, mal erschweren Steinbrocken das Weiterkommen, mal bleibe ich im Morast stecken. Plötzlich versperrt mir ein Bach den Weg, wegen des heftigen Regens ist er auf vielleicht vier Meter Breite angeschwollen, das Wasser wadentief. „Die Camel Trophy wurde doch eingestellt“, maule ich. Aber es gibt keine Option: Ich muss den Bach überqueren, will aber keine nassen Füsse, weil: wenn ich etwas hasse, dann sind es nasse Füsse. Also steige ich auf, schalte in den vierten Gang und trete kräftig in die Pedale. Ich habe fünf Meter Anlauf zur Verfügung. Der Schwung reicht bis auf die andere Seite des Baches – für das Vorderrad. Mit den Schuhen lande ich im Wasser. „Dammit!“ Bisher war ich guter Laune gewesen. Jetzt kippt sie.

Der Pfad ist inzwischen unbegehbar geworden, weil er sich tief in den Boden gefressen hat. So komme ich mit „Yellow Bob“, dem Anhänger, nicht mehr weiter. Also kämpfe ich mich durch das offene Gelände, Schrittchen für Schrittchen, und es wird immer kälter. Ich stosse und zerre, keuche und fluche, das Herz pocht – alle zwei, drei Minuten muss ich innehalten, um wieder zu Atem zu kommen. Manchmal fällt das Velo um, ich kann es nicht mehr halten. So vergeht Stunde um Stunde, meine Kräfte schwinden, dafür setzt der Körper Adrenalin frei. Immer wenn ich glaube, den letzten Hügel vor dem grossen See bestiegen zu haben, taucht wieder ein neuer auf.

Dann endlich sehe ich ihn, den ersehnten See, der gemäss Karte schon längst hätte zum Vorschein kommen müssen. An seinem Ufer erkenne ich – hurra! – ein paar Ställe und mehrere Hütten, eine davon ist aus hellem Holz. Helles Holz bedeutet neu gebaut, Zivilisation und vielleicht, vielleicht sogar wieder einen brauchbaren Weg. Und tatsächlich: Nach wenigen hundert Metern gelange ich auf ein passables Strässchen. Ich stosse einen Jauchzer aus, steige auf und verscheuche euphorisch ein paar Schafe vor mir. Doch die Freude ist nur von kurzer Dauer: Das Strässchen verbindet bloss die wenigen Hütten untereinander, es führt nicht weiter. „Gopf!“

Zweifel überkommen mich. „Soll ich umkehren?“ Das GPS-Signal auf der Komoot-Offline-Karte zeigt, dass ich mich auf dem vorgeschlagenen Weg bewege. Etwa die Hälfte der Strecke durch den Nationalpark habe ich hinter mir. „Also vorwärts!“, mache ich mir selber Mut. „Schlimmer kann es nicht mehr kommen.“ Dachte ich.

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Zwischen dem Seeufer und der Ostflanke des mächtigen Forollhogna stolpere ich weiter. Ein giftiger Wind pfeift mir ins Gesicht, es ist eiskalt geworden, den Helm habe ich mit einer warmen Wollkappe ausgetauscht, die Finger spüre ich schon lange nicht mehr. Ein Königreich für richtige Handschuhe! Irgendwann muss es den Wimpel mit der Schweizer Flagge, den ich „Yellow Bob“ ansteckte, abgerissen haben; vermutlich in einem Gestrüpp. Ich lasse das Velo stehen und gehe etwa einen Kilometer zurück. „Wenn sie meine Überreste im nächsten Sommer finden, soll wenigstens die Nationalität sofort geklärt sein“, mache ich auf Galgenhumor. Doch der Wimpel bleibt unauffindbar.

Unbeflaggt stosse ich das Gefährt vorwärts, allerdings komme ich nur noch voran, wenn ich mein volles Gewicht einsetze. Manchmal verliere ich die Balance und falle hin. „Was, wenn ich einen Fuss brechen oder arg verstauchen sollte?“ Bei diesem Gedanken wird mir mulmig zumute. Natürlich habe ich die Notfallnummern Norwegens notiert und fotografiert, aber was hülfe es? Ich blicke auf mein Handy – „kein Netz“. „Natürlich“, denke ich, in diesem abgeschiedenen riesigen Kessel kann ja kein Signal durchkommen. Wenn mir etwas zustiesse, müsste ich das Zelt aufstellen, mich in den Schlafsack robben und darauf hoffen, dass ich entdeckt werde. Das könnte dauern. Ein kalter Schauer läuft meinen Rücken hinab: An Tagen wie diesen ist hier niemand unterwegs – nur ein Dummkopf.

Schliesslich kommt, was in den Bergen fast immer irgendeinmal kommen muss: eine Geröllhalde. Der Pfad ist kaum mehr zu erkennen, an ein Weiterkommen mit dem Anhänger nicht zu denken. Also: absatteln – Wasser trinken – nachdenken. Inzwischen habe ich am Ende des Sees zwei Hütten entdeckt und schöpfe neue Hoffnung. Bis dorthin will ich es heute noch schaffen und in deren Windschatten campieren. Zuerst trage ich die beiden Sacochen zu den Häuschen, 17 Minuten hin, 15 Minuten zurück zur Geröllhalde. 20 Minuten mit dem Velo auf dem Buckel hin, 16 Minuten zurück. Schliesslich „Yellow Bob“ mit der grossen gelben Segeltuchtasche – 22 Minuten hin. Keuchend lasse ich mich zu Boden fallen, der Nordwind fegt über mich hinweg.

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Schliesslich rapple ich mich wieder hoch und drücke die Türklinke der grösseren Hütte nieder. Und siehe da – unverschlossen. Ich juble innerlich. Der Raum ist aufgeräumt, mit hellem Holz ausgekleidet und heimelig. Er ist ausgerüstet mit einem kleinen Tisch, zwei Stühlen, einer Kochnische und einer Pritsche. Die Infrastruktur steht Fischern und Bergsteigern zur freien Verfügung, entziffere ich auf einem Blatt, das an die Wand geheftet wurde. Von waghalsigen Bikern steht nichts.

Auch die kleinere Hütte ist nicht abgeschlossen. Sie hat ein Plumpsklo, ist sauber und olfaktorisch keine Herausforderung; zwei Rollen Toilettenpapier liegen bereit.

Und dann klettert die Angst in mir hoch

Ich braue mir zuerst eine Tasse Tee, ziehe trockene Kleider an und reisse eine Packung Hurtig-Reis auf. Hurtig ist Norwegisch und heisst – Bernerinnen und Berner erahnen es: schnell. Ich hätte mir auch zwei Stunden Zeit gelassen für dieses Mahl, das ich still zu mir nehme. Draussen bricht die Nacht herein, der Wind hat nachgelassen, die Bergkämme schauen zu mir hinab. Ich schaue verzagt zu ihnen hinauf, das Herz tut mir weh. Tagsüber in Wind und Kälte fühlte ich mich besser als jetzt in der Hütte. Die Anspannung hat nachgelassen, dafür setzen mir Ungewissheit und Einsamkeit zu. Also spreche ich laut mit mir selbst. Ich rede mir ins Gewissen: “Weshalb hast du dich bloss derart in den Morast geritten?” Die Angst klettert in mir hoch.

Plötzlich zerreisst ein Geräusch die Stille. Ich zucke zusammen. Mein Handy hat eben zweimal gefiept. Ich glotze es an als ob es ein Ufo wäre. Drei Whazzup-Nachrichten sind hereingetrudelt: Monique findet die Beschreibung meiner gestrigen Etappe „erdenschön“, Ben schickt ein Foto von seinem Göppel und schreibt: „You never ride alone. Wenigstens nicht heute.“ Nicole, eine Tanzpartnerin, fragt nach, wann ich wieder in Bern sei.

Nachrichten aus einer anderen Welt. Dann reisst die Verbindung wieder ab: „Kein Netz“, heisst es auf dem Display.


> Teil II dieses Abenteuers ist am 22. August 2016 erschienen – hier klicken und reinziehen. Schweissfrei.