Der Flirt im Shopville

Gleis 31. Der Zeiger der Bahnhofsuhr hüpft auf sieben Uhr dreissig. Hunderte von Pendlerinnen und Pendlern quellen aus dem überfüllten Intercity auf das Perron. Dann hasten sie davon, den Blick auf den Boden geheftet. Die Gesichter sind ausdruckslos, der Beton kalt, das Licht der Lampen grell. Die Atmosphäre ist steril wie in einem Chemielabor, ein eisiger Wind bläst, der Novemberblues potenziert sich – willkommen im Untergrund des Bahnhofs Zürich. Gegen 450’000 Leute eilen hier täglich durch die endlosen Gänge, unterwegs von A nach B.

Ich lasse mich von der Menge mittreiben. In einem Take-away hantiert ein junger Mann geschäftig herum, von anderswo wimmert Gary Moores traurige Gitarre. Das Shopville ist charmefrei.

Plötzlich tritt mir aus dem Nichts jemand in den Weg, ich stoppe abrupt. Vor mir steht eine vielleicht 40-jährige Frau, halblange blonde Haare, dezent geschminkt, Business-Look. Bürokollege Suppino hätte ihr sofort das passende Adjektiv verpasst: apart.

Es ist sieben Uhr zweiunddreissig und mein Hirn beginnt zu rattern. Will die mir eine Versicherung aufschwatzen? Mich bekehren? Auf der Stelle heiraten?

Die Blondine beginnt zu sprechen. In akzentfreiem Züridütsch sagt sie: «Grüezi, Si, chönnd Si mir sägä, wo d Bahnhofstrass isch?»

Ich zupfe an meiner Nase, gucke wohl ziemlich überrascht und verbeisse den dümmlichen Kommentar, der sich sofort aufgedrängt hat. Wieso fragt eine Zürcherin ausgerechnet mich, einen Berner mit Aargauer Wurzeln, wo die Bahnhofstrasse ist? Wie plump ist das denn, denke ich. Wenn die Dame nach dem Moods, dem Travel Bookshop im Niederdorf oder dem Bernhard-Theater gefragt hätte, wäre ich vermutlich schwach geworden und hätte ihr meine Handynummer gegeben.

Stattdessen durchzuckt mich ein fieser Gedanke: Ich will diese Episode auskosten. Bevor ich meinen Mund öffne, hole ich tief Luft und beginne dann, langsam zu sprechen. Richtig langsam. Es ist nicht einfach angelerntes Bärndütsch, nein, es ist Bärndütsch à la «Flügzüg», dem famosen Komikerduo, das die Berner Langsamkeit beim Sprechen herrlich zelebriert und verkompliziert.

«Itz göht Dir eifach hie d’Stägä ufä u när immer grediuus. Scho öppe zwöihundert Meter immer grediuus, gäuit, u am Ändi vom Gleis, auso dert, wo aui Gleis ände, bieget Dir nach rächts ab bis zur Routräppe.»

Meine Lungen sind leer, ich atme langsam und geräuschvoll ein. Die Frau vor mir guckt mich mit einer Mischung aus Erstaunen und Irritation an. Meine Zunge fährt im Johann-Schneider-Ammann-Tempo über die Lippen, dann fahre ich fort: «Uf dr Routräppe, auso eigentlich mit dr Routräppe zäme, gäuit, fahret Dir i ds erste Ungergschoss. We d’Routräppe u Dir unge syt, auso eigentlich Dir beide zäme, göht Dir wider eleini grediuus, auso ohni Routräppe, bis es nümme wyter grediuus geit, und nächär links. Dert hets ä Stägä u diä göht Dir ufä. We Dir a dr früsche Luft obe acho syt, syt Dir am richtige Ort, a dr Bahnhofstrass.»

Der Gesichtsausdruck der Zürcherin hat sich inzwischen komplett verändert. Sie guckt mich entgeistert an. Hastig murmelt sie «Danke», macht auf hohen Absätzen kehrt und weg ist sie. Es ist sieben Uhr fünfunddreissig, und ich habe mich noch nie bernischer gefühlt als gerade jetzt. «Yesss!» Meine linke Faust fährt geballt in die Höhe, wie alben bei den Schüttelern, wenn sie ein Tor erzielt haben. Im Schaufenster kontrolliere ich, ob die Pose cool aussieht.

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Disclaimer: Was ich hier schildere, erlebte ich vor genau zwei Jahren und hielt es damals in einem Facebook-Posting fest. Gestern erinnerte mich Facebook daran, und ich musste schmunzeln. In Zeiten der Pandemie ist flirten deutlich anspruchsvoller geworden.

Diese Kurzgeschichte schaffte es aber zwischen zwei Buchdeckel, zusammen mit 23 anderen Geschichten von 23 anderen Autorinnen und Autoren; jede wurde wunderbar illustriert von «Lopetz». (Ein animiertes Beispiel finden Sie nach dem Werbeblock ganz unten. Es zeigt im Zeitraffer, wie eine Illustration entsteht.) Das schlanke schöne Buch heisst «dazwischen. Unterwegs mit 24 Pendlergeschichten». Sie können es hier online für 28 Franken bestellen, und ich bleibe dabei: Es ist ein ideales Geschenk.

Kleine Geschenke zwischen zwei Buchdeckeln

Als im Frühling die Corona-Welle von Süden her über die Schweiz rollte, entschleunigte sich das Leben schlagartig: Kleintheater, Beizen, Kinos und Buchhandlungen waren von einem Tag auf den anderen geschlossen – bonjour tristesse. Wie viele andere Leute sass ich zu Hause und kämpfte gegen den Blues. Ich wollte mich auf etwas Positives konzentrieren, und so entstand das Projekt zu diesem Buch. Es ging mir um fair bezahlte Arbeit für Kreative aus den Bereichen Grafik, Illustration und Lektorat, sie, die fast alle Aufträge verloren hatten. Das Projekt beseelte mich und drängte die lauten Schlagzeilen über die Pandemie in den Hintergrund.

Von Anfang an klar war, dass es ein süffiges Buch werden sollte. Aber auch eines, das Denkanstösse gibt, genauso wie die Corona-Krise uns Denkanstösse lieferte, sofern wir es zuliessen. Mit diesen Vorstellungen im Kopf fragte ich rund zwei Dutzend Leute an, ob sie für das neue Pendlerbuch eine Geschichte beisteuern möchten – Menschen, deren Texte ich mag, seien diese zwischen Buchdeckeln, als Kolumnen oder Reportagen, in Blogs, als Facebook-Postings oder Tweets verfasst.

Einige dieser Autorinnen und Autoren kenne ich schon ein halbes Leben lang, andere habe ich erst vor kurzem auf meinen Streifzügen durch die Welt der Texte entdeckt. Fast alle haben zugesagt, und während der «Lockdown»-Phase konnte ich mich 23 Mal über die Geschichten freuen, die in meine Mailbox purzelten. Es waren kleine Geschenke, und diese kann ich nun, gebunden zu einem schlanken und grandios illustrierten Buch, weitergeben. Vorgestern ist es aus der Druckerei eingetroffen, es riecht gut und beim Umblättern der Seiten raschelt es leise.

Hier können Sie das Buch – oder mehrere Exemplare – online bestellen und – hach, wie praktisch! – auch gleich bezahlen. Es kostet 28 Franken.