Spanien – von Schlamm, einem «Futterdefizit» und erdenschönen Momenten

Salamanca liegt zwischen Madrid und Porto – eine attraktive Stadt voller Geschichte, imposanter Gebäude und cooler Bars. Das wirkt wie ein Magnet auf Touristinnen und Sprachschüler aus aller Welt Hier mache ich ein paar Tage Pause.

In nur einer Stunde habe ich mehr Menschen angetroffen als zuvor in einer Woche auf der Fahrt durch die Provinzen La Rioja und Kastilien-León.

Hinter mir liegen 2500 Kilometer, 28’000 Höhenmeter, viel Schweiss, aber noch viel mehr pure Freude. Ich bin unfall- und beschwerdefrei unterwegs, auch das Knie hält. In Frankreich war es sommerlich warm, in den Pyrenäen herbstlich, aber nachmittags mild. Im Baskenland umkurvte ich die Tiefdruckgebiete oder sass die Regenschauer irgendwo am «Schärme» aus.

Meine Tour von Bern nach Marrakesch löst bislang ein, was ich mir erhofft habe. Okay, die Abende sind zuweilen eintönig, aber in den entlegensten Bergdörfern und Tälern, die ich mir ausgesucht habe, steppt nun mal der Bär nicht, sondern hat sich bereits zur Winterruhe gelegt.

Nächste Woche geht es weiter Richtung Atlantik, und wenn das schöne Wetter hält, rolle ich der Küste entlang südwärts bis in die Algarve. Spanien ist also schon bald Geschichte – fünf Streiflichter und zehn Fotos (die grösser werden, wenn du sie anklickst).


Kein halbwegs verrosteter Schlagbaum, kein Zollhäuschen und kein Schild lassen erahnen, dass hier die Grenze zwischen Frankreich und Spanien liegt. Ich merke es erst, als ich vor einem rustikalen Häuschen stoppe, vor dem Quellwasser aus einem Rohr schiesst. Ein bärtiger Mann lädt Holzscheite aus einem Pick-up, ich nicke ihm zu und labe mich am kalten Wasser. Er spricht mich an – auf Spanisch. Ein Wort ergibt das andere. Die Erkenntnis ist alt, aber weiterhin frustrierend: Auf Spanisch rede ich einfach drauflos, während ich mir auf Französisch ständig überlegen muss, ob das Verb nun den Subjonctif verlangt oder nicht. Ach – kann ich diese Bremse irgendwann einmal noch lösen?



Die Abfahrt auf dem schmalen Strässchen ist rasant und kurvenreich. Die Föhren duften. Ich jauchze vor Freude und rechne damit, in einer Dreiviertelstunde unter der heissen Dusche zu stehen. Doch es sollte anders kommen.

Urplötzlich zeigt das Navigationsgerät an, dass ich eine Rechtskurve von 90 Grad machen muss. Augenblicke später bin ich auf einem Waldweg – und es geht bergauf. Steil. Ich steige ab und kontrolliere die Karte auf zwei weiteren Apps. Es gibt keine Zweifel, hier führt der Weg durch, es sind noch 20 Kilometer und einige Höhenmeter bis ins Ziel. Er besteht aus Schotter, Sand und Schlamm. Die letzten Tage muss es heftig geregnet haben. Ich steige wieder auf, schreie ein «Stuzzi Cadenti!» in den Wald hinein und trete in die Pedale. Das kostet Kraft, und die Oberschenkelmuskeln, die während der langen Abfahrt kalt geworden waren, brennen.

Ich fluche und verwünsche das Velofahren im Allgemeinen und diese Tour im Speziellen.  «Ich hätte ja auch der Mittelmeerküste entlangrollen können, easy peasy», beginnt das Zwiegespräch mit mir selbst. Nach ein paar Minuten stoppe ich auf einer Lichtung und steige ab. So geht das nicht. (Wenn ich hässig bin, vergesse ich immer, Fotos zu machen.)

Der Umweg über die asphaltierte Strecke ist keine Option, das würde die Distanz verdoppeln, also muss ich hier weiter. Die Entscheidung habe ich schnell gefällt. Ich massiere die steifen Muskeln, wärme mich in den Sonnenstrahlen, die durch das Blätterdach dringen, und rede mit halblauter Stimme zu mir. «Es bleibt noch mindestens drei Stunden hell, du hast genügend Proviant und Wasser. Schluss mit Murren und Fluchen! Diese 20 Kilometer schaffst du auch noch – allez!»

Es funktioniert. Material und gute Beine sind zentral, doch am wichtigsten bleibt der Kopf.

Zweieinhalb Stunden später bin ich in der Herberge und feiere die Bonsai-«Camel Trophy» auf meine Art: Noch unter der heissen Dusche setze ich die Flasche «Mahou zero» an – selten hat alkoholfreies Bier besser geschmeckt als gerade jetzt.


Die ersten Tage in Spanien waren zäh, mir schien, als würden Yellow Jeffs Bremsklötze stetig an den Felgen schleifen. Klar, der Gegenwind war zermürbend, und mehr als einmal übernahm ich mich mit einer Etappe. Doch der wahre Grund für meine Baisse war ein anderer, wie ich inzwischen herausgefunden habe. Wegen eines Planungsfehlers musste ich auf eine Mahlzeit verzichten, der Hunger wurde zu meinem steten Begleiter. Manchmal hat es hier auf einer Distanz von 70 Kilometern keinen Laden, keine Beiz und keine Tankstelle, die auch nur ein müdes Mars anbieten würde.

Ich musste trotzdem weitertreten, und der Notvorrat war alle. Das war hart. Klar, am Bauch hätte es Fettreserven, doch der Körper funktioniert nicht automatisch so, dass er dort abzusaugen beginnt – leider.

Längst habe ich das «Futterdefizit» wieder kompensiert. Weil die frittierten Speisen, die in der spanischen Küche omnipräsent sind, nichts bringen, frage ich in den Restaurants jeweils direkt nach Reis, Pasta, gekochten Kartoffeln, Bohnen und Hühnchen – und vorab erzähle ich der Bedienung, dass ich auf einer langen Velotour sei. Die Kombination wirkt: Ich komme zu meinen Kohlenhydraten und Proteinen, und die Gastro kommt zu Trinkgeld – en efectivo. Die süssen Leckereien lasse ich nicht aus, weil: Zucker macht glücklich.

Das Navi ist mit meinem mobilen Hirnikocher verbunden. Wenn jemand anruft, erscheint der Name oder die Nummer auf dem Display. Das ist praktisch. So weiss ich mit etwas Vorlauf, ob ein Kunde, eine Journalistin oder ein Callcenter anruft, das mir Aktien, Heizkissen oder eine Versicherung andrehen will.

Jeden Tag arbeite ich für meine Firma, entweder am frühen Morgen oder nach der Ankunft am neuen Ort. Manchmal reicht eine Stunde, um Anfragen und E-Mails abzutragen. Manchmal wächst sich das auf einen halben Tag aus. Der Wechsel von der Bikepacker- in die Businesswelt ist unproblematisch – umgekehrt brauche ich ein paar Minuten länger.

Montagmorgen, etwas nach 11 Uhr. Andere sitzen jetzt vor ihren Computern, Yellow Jeff und ich rollen durch eine Schlucht, es geht leicht bergan. Ich bin guter Stimmung und ausgeruht, die Strasse gehört uns allein. Nach einem geschwungenen Bogen nach rechts öffnet sich die Landschaft und gibt den Blick frei auf die Farben des Herbstes: Die Pappeln sind gelb, der Acker rostrot, und die Strasse führt kilometerlang schnurgerade aus. Ich stoppe und lasse dieses erdenschöne Bild auf mich wirken.

Genau deshalb mache ich Velotouren.

Am Fluss werden Fremde zu Vertrauten

Berauscht von der langen, rasanten Abfahrt durch einen dichten Eichenwald spuckt mich das schmale Strässchen unten im Tal auf einem staubigen Platz aus. Ich schüttle mich wie ein Hund, dessen Pelz nass geworden ist, um die steifen Glieder zu lockern, gähne mehrmals herzhaft und ohne die Hand vor den Mund zu halten, bis es in den Ohren leise ploppt.

Unverhofft bin ich bereits am Ziel angelangt: auf dem Campingplatz Cozon, der sich an den Dorfrand schmiegt. Er ist klein und verwunschen, ich mag ihn auf Anhieb. Der gleichnamige Fluss gluckert talwärts. Saint-Pierre-d’Entremont hat 570 Einwohner und im einzigen Laden eine freundliche Verkäuferin, die mir den Unterschied zwischen Hafer und Haferflocken erklärt. Ich fragte nach «avoine», richtig wäre «flocons d’avoine» gewesen («Ach, tant pis.»)

Auf dem Campingplatz hat es drei Gäste, die alle fast zur selben Zeit eingetroffen sind: Olivier, Vincent und ich. Es ist kein Zufall, dass wir uns bald zusammentun.

Olivier kommt aus Lausanne, studierte Geografie und baut heute Tunnel. Er macht seine erste grössere Tour mit einem Mountainbike und hat heute eine wilde Etappe durch die Berge in den Knochen. Wenn er die Haare offen trägt, würde jeder Hardrocksänger blass vor Neid.

Vincent lebt in St-Étienne, hat eine hohe Stirn und wache Augen. Er ist Profimusiker, der mit einer Band, einem Duo und solo verschiedene Programme und Stile spielt. Er ist zu Fuss unterwegs und hat die letzten beiden Nächte im Wald übernachtet. Vom nächsten Tag an zieht er zusammen mit seiner Schwester weiter durch die Natur.

Ich mache einen Topf Pasta und strecke die Sauce Bolognaise mit Kürbiskernen (Zink!), frischen Tomaten, Zwiebeln und Knoblauch. Letzterer stärke das Immunsystem und sei gut für die Arterien, sagte mein Grosi jeweils. Knobli fördert aber auch die Verdauung und sorgt, wie sich Stunden später wieder einmal zeigen sollte, für das eine oder andere halblaute Tönli im Schlafsack – olfaktorisch ist das herausfordernd, aber halbwegs narkotisiert höre ich womöglich die Geräusche der Nacht weniger gut.

Einer der Jungs hat drei Dosen Bier organisiert, der andere steuert ein Dessert bei. So sitzen wir in den Abend hinein, erzählen einander von unseren Leben, und es fühlt sich an, als ob wir uns schon lange kennen würden. Die beiden könnten meine Söhne sein, aber solche Konstellationen erlebe ich erstaunlicherweise je länger, desto öfter.

Am nächsten Morgen ist es kalt. Wir bauen unsere Zelte ab und umarmen uns zum Abschied. Dann zieht jeder in seine Richtung: Olivier entschwindet mit seinem Bike im Wald, Vincent wandert dem Fluss entlang, ich habe einen weiteren Pass vor mir.

Es sind solche Begegnungen, die einen guten Tag on the road zu einem wunderbar runden Tag machen.


Foto oben: amis Chartreuse

Schweiss und sanfter Spott in der Steigung

Das Navigationsgerät zeigt elf Prozent Steigung, die Sonne brennt mir auf den Rücken, das T-Shirt klebt schweissnass am Leib. Im Schritttempo kurble ich bergwärts und höre meinem lauten Schnaufen zu. Links: Natur, rechts: Natur, vorne: Natur, oben: Blau. Nichts stört die Stille. Es ist einfach: schön.

Ein Gümmeler schiebt sich scheinbar mühelos auf meine Höhe. Als er mich schon fast überholt hat, schaut er herüber und mustert Velo und Gepäck. In seinem ledernen Rentnergesicht erkenne ich eine Mischung aus Bewunderung und sanftem Spott. Ich kenne diesen Blick.

«Bonne route!», stösst er hervor und zieht mit seinem 9-Kilo-Velöli davon. Ich tippe mit der linken Hand an die Stirn und denke: «Mein Herz schlägt noch viel länger als deines, ätsch!». Auf Velotouren überkommen mich bei Steigungen zuweilen derart bösartige Gedanken, dass ich selbst darüber erschrecke.

Zehn Tage, rund fünfhundert Kilometer und sechstausend Höhenmeter liegen hinter mir auf dieser Tour, die mich von Bern bis nach Marrakesch führen soll. Und ja, «ça roule», es läuft fast immer rund und gut. Keine Wildsau hat mich bislang umgerannt, keine Hornisse gestochen, kein Virus angefallen. An den Beinen habe ich ein paar Schrammen – Zeugnisse von Abfahrten durch wildes Gelände, die meine «Street Credibility» hoffentlich ein wenig erhöhen.

Vor genau zwei Jahren radelte ich von Bern nach Uzès in die Provence, um dort mit dem Chörli eine Woche lang zu proben. Damals war der Regen ein steter Begleiter. Als ob die Wettergötter das jetzt wiedergutmachen wollten, beschenken sie mich bislang mit prächtigen Spätsommertagen.

Beim Fahren lasse ich mir Zeit. Ich will den Flow geniessen und mich gleichzeitig an das neue Set-up am Velo gewöhnen. Das stattliche Gewicht von Gefährt, Gepäck und mir entwickelt bergab ordentlich Schub – und Felgenbremsen ziehen anders als die Hydraulikbremsen mit Öldruck, die ich die letzten zehn Jahre gewohnt war.

Am meisten Zeit verbringe ich allerdings nicht im Sattel, sondern liegend. Ich brauche unendlich viel Schlaf, und wenn das nicht geht, döse ich im Zelt vor mich hin. Zur Belohnung gibt’s jeden Abend ein Kapitel aus Alex Capus’ «Querfeldein» – ein wunderbarer Roman. Es geht eben nichts über gedruckte Bücher.

P.S.
Aktuell campiere ich am Fuss der Alpe d’Huez. Morgen ist sie an der Reihe und ich am Abend fix & foxy.