Schweiss und sanfter Spott in der Steigung

Das Navigationsgerät zeigt elf Prozent Steigung, die Sonne brennt mir auf den Rücken, das T-Shirt klebt schweissnass am Leib. Im Schritttempo kurble ich bergwärts und höre meinem lauten Schnaufen zu. Links: Natur, rechts: Natur, vorne: Natur, oben: Blau. Nichts stört die Stille. Es ist einfach: schön.

Ein Gümmeler schiebt sich scheinbar mühelos auf meine Höhe. Als er mich schon fast überholt hat, schaut er herüber und mustert Velo und Gepäck. In seinem ledernen Rentnergesicht erkenne ich eine Mischung aus Bewunderung und sanftem Spott. Ich kenne diesen Blick.

«Bonne route!», stösst er hervor und zieht mit seinem 9-Kilo-Velöli davon. Ich tippe mit der linken Hand an die Stirn und denke: «Mein Herz schlägt noch viel länger als deines, ätsch!». Auf Velotouren überkommen mich bei Steigungen zuweilen derart bösartige Gedanken, dass ich selbst darüber erschrecke.

Zehn Tage, rund fünfhundert Kilometer und sechstausend Höhenmeter liegen hinter mir auf dieser Tour, die mich von Bern bis nach Marrakesch führen soll. Und ja, «ça roule», es läuft fast immer rund und gut. Keine Wildsau hat mich bislang umgerannt, keine Hornisse gestochen, kein Virus angefallen. An den Beinen habe ich ein paar Schrammen – Zeugnisse von Abfahrten durch wildes Gelände, die meine «Street Credibility» hoffentlich ein wenig erhöhen.

Vor genau zwei Jahren radelte ich von Bern nach Uzès in die Provence, um dort mit dem Chörli eine Woche lang zu proben. Damals war der Regen ein steter Begleiter. Als ob die Wettergötter das jetzt wiedergutmachen wollten, beschenken sie mich bislang mit prächtigen Spätsommertagen.

Beim Fahren lasse ich mir Zeit. Ich will den Flow geniessen und mich gleichzeitig an das neue Set-up am Velo gewöhnen. Das stattliche Gewicht von Gefährt, Gepäck und mir entwickelt bergab ordentlich Schub – und Felgenbremsen ziehen anders als die Hydraulikbremsen mit Öldruck, die ich die letzten zehn Jahre gewohnt war.

Am meisten Zeit verbringe ich allerdings nicht im Sattel, sondern liegend. Ich brauche unendlich viel Schlaf, und wenn das nicht geht, döse ich im Zelt vor mich hin. Zur Belohnung gibt’s jeden Abend ein Kapitel aus Alex Capus’ «Querfeldein» – ein wunderbarer Roman. Es geht eben nichts über gedruckte Bücher.

P.S.
Aktuell campiere ich am Fuss der Alpe d’Huez. Morgen ist sie an der Reihe und ich am Abend fix & foxy.

Neutralität ja – aber mit Verstand und Haltung

Seit Wochen prangt an zahllosen Orten das Plakatsujet mit der weissen Friedenstaube. Wenn sie wüsste, wofür sie missbraucht wird!

Die plakative Verdichtung – ein Ja zur «Neutralitätsinitiative» am 27. September schütze uns vor Krieg – ist dreist und ahistorisch. Belgien, die Niederlande, Dänemark, Norwegen und andere europäische Länder waren während des Zweiten Weltkriegs neutral, wurden 1940 aber dennoch von der deutschen Wehrmacht überfallen.

Zugespitzt: Was früher die Nazis waren, kann morgen Russland sein. Mit anderen Worten: Im Kriegsfall ist «Neutralität» so viel wert wie ein Fetzen Papier.

Wenn wir im Ausland unterwegs sind, werden wir fast immer auf zwei Themen angesprochen: Roger Federer und die Neutralität. Natürlich, die Schweiz ist neutral, «geschmeidig neutral» würden Kritiker ergänzen.

Eine Scheindebatte über die Neutralität

Entscheidend ist: Die Neutralität der Schweiz basiert auf demokratischen und rechtsstaatlichen Grundsätzen. Seit 2002 ist sie Mitglied der UNO – ein Volksentscheid –, was das Verständnis der Neutralität angepasst hat. So werden einerseits Verletzungen des Völkerrechts verurteilt, andererseits ist das Verhängen von Sanktionen erlaubt.

Laut Historiker Sacha Zala schürt die «Neutralitätsinitiative» Kriegsängste, zielt aber auf Wirtschaftssanktionen und die militärische Zusammenarbeit. In einem Interview am 20. August bei CH Media sagte er: «Das Neutralitätsrecht kennt kein allgemeines Verbot von Wirtschaftssanktionen. Genau das würde die Initiative ändern: Sie ist eigentlich eine Sanktionsverhinderungsinitiative. Stattdessen führen wir eine Scheindebatte über eine Neutralität, die gar nicht infrage steht.»

Es geht nicht nur um Sanktionen: Auf der Website politopia.ch wird gezeigt, welche Massnahmen nach einem Ja nicht mehr möglich wären.

Europa ist bedroht – seit viereinhalb Jahren durch den Krieg in der Ukraine, aber auch in hybrider Form, beispielsweise mit Desinformation und Cyberattacken. Der beste Schutz für unser Land ist der Austausch und die Kooperation mit anderen europäischen Ländern. Ein Ja zur «Neutralitätsinitiative» würde die Schweiz isolieren und die Geschäfte der Aggressoren schützen.

Dass der Bundesrat zu Beginn des Ukraine-Kriegs herumeierte, ist ein unrühmliches Kapitel. Wie Haltung geht, zeigte die Landesregierung früher: Als die sowjetische Armee 1956 die Freiheitsbewegung in Ungarn niederschlug und viele Zivilisten starben, solidarisierte der Bundesrat sich laut und unmissverständlich mit den Unterdrückten. Dasselbe geschah 1968 während des Prager Frühlings.

Damit es dereinst kein böses Erwachen gibt, sollten wir am 27. September die «Neutralitätsinitiative» an der Urne versenken.

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