Am Fluss werden Fremde zu Vertrauten

Berauscht von der langen, rasanten Abfahrt durch einen dichten Eichenwald spuckt mich das schmale Strässchen unten im Tal auf einem staubigen Platz aus. Ich schüttle mich wie ein Hund, dessen Pelz nass geworden ist, um die steifen Glieder zu lockern, gähne mehrmals herzhaft und ohne die Hand vor den Mund zu halten, bis es in den Ohren leise ploppt.

Unverhofft bin ich bereits am Ziel angelangt: auf dem Campingplatz Cozon, der sich an den Dorfrand schmiegt. Er ist klein und verwunschen, ich mag ihn auf Anhieb. Der gleichnamige Fluss gluckert talwärts. Saint-Pierre-d’Entremont hat 570 Einwohner und im einzigen Laden eine freundliche Verkäuferin, die mir den Unterschied zwischen Hafer und Haferflocken erklärt. Ich fragte nach «avoine», richtig wäre «flocons d’avoine» gewesen («Ach, tant pis.»)

Auf dem Campingplatz hat es drei Gäste, die alle fast zur selben Zeit eingetroffen sind: Olivier, Vincent und ich. Es ist kein Zufall, dass wir uns bald zusammentun.

Olivier kommt aus Lausanne, studierte Geografie und baut heute Tunnel. Er macht seine erste grössere Tour mit einem Mountainbike und hat heute eine wilde Etappe durch die Berge in den Knochen. Wenn er die Haare offen trägt, würde jeder Hardrocksänger blass vor Neid.

Vincent lebt in St-Étienne, hat eine hohe Stirn und wache Augen. Er ist Profimusiker, der mit einer Band, einem Duo und solo verschiedene Programme und Stile spielt. Er ist zu Fuss unterwegs und hat die letzten beiden Nächte im Wald übernachtet. Vom nächsten Tag an zieht er zusammen mit seiner Schwester weiter durch die Natur.

Ich mache einen Topf Pasta und strecke die Sauce Bolognaise mit Kürbiskernen (Zink!), frischen Tomaten, Zwiebeln und Knoblauch. Letzterer stärke das Immunsystem und sei gut für die Arterien, sagte mein Grosi jeweils. Knobli fördert aber auch die Verdauung und sorgt, wie sich Stunden später wieder einmal zeigen sollte, für das eine oder andere halblaute Tönli im Schlafsack – olfaktorisch ist das herausfordernd, aber halbwegs narkotisiert höre ich womöglich die Geräusche der Nacht weniger gut.

Einer der Jungs hat drei Dosen Bier organisiert, der andere steuert ein Dessert bei. So sitzen wir in den Abend hinein, erzählen einander von unseren Leben, und es fühlt sich an, als ob wir uns schon lange kennen würden. Die beiden könnten meine Söhne sein, aber solche Konstellationen erlebe ich erstaunlicherweise je länger, desto öfter.

Am nächsten Morgen ist es kalt. Wir bauen unsere Zelte ab und umarmen uns zum Abschied. Dann zieht jeder in seine Richtung: Olivier entschwindet mit seinem Bike im Wald, Vincent wandert dem Fluss entlang, ich habe einen weiteren Pass vor mir.

Es sind solche Begegnungen, die einen guten Tag on the road zu einem wunderbar runden Tag machen.


Foto oben: amis Chartreuse

Schweiss und sanfter Spott in der Steigung

Das Navigationsgerät zeigt elf Prozent Steigung, die Sonne brennt mir auf den Rücken, das T-Shirt klebt schweissnass am Leib. Im Schritttempo kurble ich bergwärts und höre meinem lauten Schnaufen zu. Links: Natur, rechts: Natur, vorne: Natur, oben: Blau. Nichts stört die Stille. Es ist einfach: schön.

Ein Gümmeler schiebt sich scheinbar mühelos auf meine Höhe. Als er mich schon fast überholt hat, schaut er herüber und mustert Velo und Gepäck. In seinem ledernen Rentnergesicht erkenne ich eine Mischung aus Bewunderung und sanftem Spott. Ich kenne diesen Blick.

«Bonne route!», stösst er hervor und zieht mit seinem 9-Kilo-Velöli davon. Ich tippe mit der linken Hand an die Stirn und denke: «Mein Herz schlägt noch viel länger als deines, ätsch!». Auf Velotouren überkommen mich bei Steigungen zuweilen derart bösartige Gedanken, dass ich selbst darüber erschrecke.

Zehn Tage, rund fünfhundert Kilometer und sechstausend Höhenmeter liegen hinter mir auf dieser Tour, die mich von Bern bis nach Marrakesch führen soll. Und ja, «ça roule», es läuft fast immer rund und gut. Keine Wildsau hat mich bislang umgerannt, keine Hornisse gestochen, kein Virus angefallen. An den Beinen habe ich ein paar Schrammen – Zeugnisse von Abfahrten durch wildes Gelände, die meine «Street Credibility» hoffentlich ein wenig erhöhen.

Vor genau zwei Jahren radelte ich von Bern nach Uzès in die Provence, um dort mit dem Chörli eine Woche lang zu proben. Damals war der Regen ein steter Begleiter. Als ob die Wettergötter das jetzt wiedergutmachen wollten, beschenken sie mich bislang mit prächtigen Spätsommertagen.

Beim Fahren lasse ich mir Zeit. Ich will den Flow geniessen und mich gleichzeitig an das neue Set-up am Velo gewöhnen. Das stattliche Gewicht von Gefährt, Gepäck und mir entwickelt bergab ordentlich Schub – und Felgenbremsen ziehen anders als die Hydraulikbremsen mit Öldruck, die ich die letzten zehn Jahre gewohnt war.

Am meisten Zeit verbringe ich allerdings nicht im Sattel, sondern liegend. Ich brauche unendlich viel Schlaf, und wenn das nicht geht, döse ich im Zelt vor mich hin. Zur Belohnung gibt’s jeden Abend ein Kapitel aus Alex Capus’ «Querfeldein» – ein wunderbarer Roman. Es geht eben nichts über gedruckte Bücher.

P.S.
Aktuell campiere ich am Fuss der Alpe d’Huez. Morgen ist sie an der Reihe und ich am Abend fix & foxy.

Leiden am Berg

Aus der Ferne sieht er aus wie ein unförmiger Klotz, der nicht zur lieblichen Provence passen will. Hobby-Radler aus halb Europa flüstern seinen Namen mit grossem Respekt: Mont Ventoux. Der Schweizer Veloprofi Beat Breu, der in den Achtzigerjahren am Berg die Konkurrenz oft stehen liess, würde ihn «einen Sauhund» nennen. Ich habe mich an diesem legendären Tour-de-France-Pass versucht. Protokoll eines episch langen Aufstiegs.

Auf meinen Velotouren habe ich etwas schnell gelernt: Nichts geht über Haferbrei am Morgen! So gibt es auch heute einen grossen Topf davon, angereichert mit Nüssen, Bananenrugeli, Trauben, Honig und Gewürzen. Während ich Löffel um Löffel in den Mund schiebe, bin ich mental schon unterwegs.

Ich schwinge mich aufs Rad und blicke auf die Uhr. Es ist 9.50 Uhr. Aus dem Nichts imitiere ich SRF-Moderator Arthur Honegger: «10vor10 – das ist der Blick hinter die einzige Schlagzeile des Tages: Schafft es Bausi auf den Monsterberg? Wir sind dabei!»

Langsam rolle ich über die farbigen Herbstblätter, die am Boden liegen. Von Malencène aus beginnt der Kampf am Berg. Vor mir liegen 21 Kilometer und 1580 Höhenmeter bis zur Passhöhe. Der Mont Ventoux sei sehr anspruchsvoll, haben mir schon viele Velofahrerinnen erzählt, die Steigung variiert zwischen 4 und 14 Prozent. Ich habe Respekt. Zugleich rufe ich mir in Erinnerung, dass ich vergleichbare Pässe in der Türkei und in Armenien auch schaffte – mit deutlich mehr Gepäck und bei mehr als 30 Grad. «Ça marche!», rede ich mir zu.

Schon bald habe ich einen Rhythmus gefunden. Eine fröhliche Wandergruppe wünscht mir vielstimmig «bonne route!». Die Temperatur ist angenehm, ich atme die frische Waldluft tief ein, da macht sich aus dem Nichts der Mistral bemerkbar. Gefühlt wird es 10 Grad kälter. Ein paar Minuten später ist er wieder weg, die Sonnenstrahlen wärmen meinen Rücken. Das tut unendlich gut. Ich kurble weiter.

Am Berg fahre ich immer sehr langsam, weil ich meine Grenzen kenne. Für die heutige Etappe habe ich festgelegt, 5 Kilometer und 400 Höhenmeter pro Stunde zurückzulegen, «auso nume ned gschprängt». Am Strassenrand mache ich einen gelb-weiss markierten Stein aus: Noch 20 Kilometer, die Steigung beträgt aktuell 9 Prozent. Zwei Momente lang überkommen mich Zweifel: «Schaffst du das?» Mein T-Shirt ist schon schweissnass.

Die Ruhe ist herrlich. Es gibt nur den Wald und mich. Manchmal rauschen die Baumkronen leise im Wind. Glücksgefühle kommen auf, ich liebe diese Phasen. Dann wird der Anstieg ruppig – 12 Prozent. Ein Schweisstropfen trifft den Lenker, eine halbe Minute ein zweiter, ein dritter. «Was macht ihr da?», frage ich sie halblaut. Wie immer, wenn ich allein radle, führe ich Selbstgespräche.

Ein Gümmeler schiebt sich an mir vorbei und mustert dabei «Yellow Jeff» und mein Gepäck. «Bonjour!» Ich erwidere seinen Gruss und staune über seine Leichtigkeit, während ich im zweiten Gang kräftig treten muss. «Hätte ich doch ein kleineres Ritzel montiert!», schelte ich mich. Diese Selbstkritik wurde in den letzten Jahren zu einem Evergreen. Selbst schuld.

Nach einer halben Stunde fühlen sich die Oberschenkel schon ziemlich hart an, ich muss eine Pause einlegen. Ich stakse herum wie ein Graureiher auf Futtersuche, strecke mich der Sonne entgegen und massiere die Muskeln. Und wieder melden sich Zweifel: «Schaffst du das?»

Der feine rote Strich am Navigationsgerät zeigt an, wo am Berg ich mich befinde – noch nirgendwo. Ermutigender ist die Zahl nebenan: 450 Höhenmeter habe ich hinter mir, also ungefähr einen Viertel. Es ist 10.50 Uhr und wieder gebe ich den Arthur Honegger: «10 vor 11 – der Schweiss läuft, der Protagonist kämpft, seine Muskeln sind hart. Schafft er es bis hinauf? Bleiben Sie dran!», gebe ich mit sonorer Stimme von mir.

Ein Pärchen mit schiggen Rennvelos und schiggen Dresses schliesst zu mir auf. Nach einem kurzen Wortwechsel können wir Mundart weiterreden. Sie kommen aus Basel und klingen auch so. Bald fehlt mir die Luft für eine brauchbare Konversation, und die beiden ziehen davon. Wieder löst sich ein Schweisstropfen von der hohen Stirn und trifft den Lenker.

Nach Kilometer 9 beträgt die Steigung 14 Prozent. Ich mühe mich keuchend im ersten Gang ab, spüre, wie mein Herz pumpt, und leide. «Stuzzi Cadenti!»

Der Blick wird frei auf die Region. Er ist spektakulär, aber ich kann ihn nicht geniessen. Also: pausieren. Ich setze mich ins Gras und packe ein kleines Picknick aus: einen Schockoriegel, der besser schmeckt als er aussieht, Haselnüsse und eine Nektarine. Für jeden Bissen lasse ich mir Zeit.

Je höher ich klettere, desto kälter wird es. Wenn ich ausatme, bilden sich Wölkchen. Wieder macht sich der Mistral bemerkbar.

Unangemeldet entfährt mir ein lauter Furz. Ich erschrecke. «Pardon!», murmle ich in die Stille hinaus und muss grinsen. Da ist niemand weit und breit, der Wind zerstäubt die Duftnote sofort.

Ein grosser Parkplatz wird sichtbar, an dessen Ende steht ein Gebäude. Als ich näherkomme, stellt es sich als ein Restaurant heraus. «Ouvert» prangt am Eingang in grünen Lettern. «Ein Geschenk des Himmels!», juble ich innerlich. Minuten später dampft eine heisse Schokolade vor mir. Ich halte die grosse Tasse mit beiden Händen und spüre, wie die Wärme zurückkommt. Die Uhr zeigt 11.50 Uhr. «Es ist 10 vor 12! – der Kampf wird hart und härter.» Die Honeggersche Schlagzeile gebe ich halblaut von mir. Die Leute am Nebentisch schauen mich verwundert an, ich zucke entschuldigend die Schultern.

Draussen ist es bissig kalt. Ich ziehe die Windjacke über und die Wollkappe noch tiefer ins Gesicht. Es fehlen noch 500 Höhenmeter, «come on, das schafft du!», mache ich mir selbst Mut. Die Strasse wird schmaler. Im Rückspiegel kommt etwas auf mich zu. Ein paar Sekunden später surrt ein E-Biker an mir vorbei, «Weichbecher!», zische ich. In einer Kurve steht eine Frau mit blonden Zöpfen und einem rotem Kopf. «Ça va?», frage ich und denke: «Doofe Frage.» Sie antwortet mit einem Schwall an Worten, die ich als Niederländisch verorte.

Weiterkurbeln. Schwitzen. Leiden.

Längst wurden die Föhren durch Eichen abgelöst. Auf beiden Seiten der Strasse wächst Moos. Meine Kraft hat nachgelassen. Praktisch immer fahre ich im ersten Gang und kann ihn nicht mehr richtig durchtreten. «Ach, das Ritzel, das verdammte Ritzel!»

Die Holländerin hat wieder aufgeholt. Zwei Minuten rollen wir nebeneinander bergan und schweigen. Dann fragt sie unvermittelt: «Why are we doing this?» Ich muss mich konzentrieren, um überhaupt eine verständliche Antwort zu formulieren. «Cause we are nuts!» Sie nickt nur, tritt in die Pedale und setzt sich von mir ab.

Plötzlich taucht ein Turm über den Baumwipfeln auf. Kein Zweifel, das muss das Gebäude auf der Passhöhe sein. Die Perspektive auf ein baldiges Ende der Plackerei wirkt besser als Koffein. Aus «Schaffe ich das?» wird «Ich schaffe es!»

Weiterkurbeln.

Die Baumgrenze liegt hinter mir. Der Blick in die Weite ist atemberaubend. Dieses Mal kann ich ihn geniessen. Bei der nächsten Spitzkehre setzt der Wind wieder ein. Er ist eisig und trägt eine milchig-weisse Wand mit sich. Die Nebelschwaden erschweren die Sicht. Ich mache mit klammen Fingern ein paar Fotos, der rote Strich auf der Navigations-App ist fast auf der Bergspitze angelangt. Mehrere Velofahrerinnen und -fahrer rollen vorsichtig die Strasse runter. Einige von ihnen feuern mich an: «Allez!», Daumen hoch, «Good job!» Das motiviert.

Mein Körper ist unterkühlt. Ich strample weiter. Honeggers «10 vor 1»-Ausgabe lasse ich aus. Es fehlen mir der Schnauf und die passende Schlagzeile.

Wegen des Nebels sehe ich vielleicht noch 20 Meter weit. Schliesslich ist sie laut Navigation da, die allerletzte Kurve. Ein mächtiger Gebäudekomplex wird rechter Hand sichtbar. Auf der Passhöhe steige ich ab, was ähnlich viel Zeit braucht, wie wenn Joe Biden zu einem Rednerpult trippelt.

Ich schlüpfe in die Regenhosen, die letzte Schicht, die ich dabei habe. Mir ist kalt bis auf die Knochen. Ein anderer Tourist fotografiert mich vor der obligaten Tafel, die mit Klebern übersäht ist. Der Wind heult und mir wird klar, wieso der Berg Ventoux heisst – der Wind ist überall.

Ein Mann mampft stoisch an seinem Sandwich und schaut in die Ferne. Ich habe keinen Hunger, sondern will so schnell wie möglich den Berg hinunter. «Zur Belohnung des Tages darfst du für einmal Warmduscher sein», erkläre ich mir selber.

Plötzlich steht die Holländerin mit einem lachenden Gesicht vor mir. Unsere Hände klatschen zusammen – «High Five»! Wir haben den «Sauhund» geschafft.

Das Streckenprofil stammt von der Website quaeldich.de