Mumpitz von Matter


Der Zürcher SVP-Nationalrat Thomas Matter ist der geistige Vater der SRG-Halbierungsinitiative. Im Interview mit Tamedia platziert er eine ganze Reihe faktenwidrige Aussagen.

Das bedarf einer Richtigstellung:

Matter sagt: «Junge konsumieren praktisch keine SRG-Formate.»
✅ Richtig ist: 53 Prozent der Jungen zwischen 15 und 34 konsumieren SRG-Inhalte. Pro-Tipp: Sie tun es vor allem auf Instagram und Youtube.
(Quelle: Studie IGEM-Digimonitor 2023)

Matter sagt: «Der Initiativtext verbietet der SRG nicht generell Onlineaktivitäten.»
✅ Richtig ist: Der Initiativtext hält fest, dass die Abgabe der «Finanzierung von Radio- und Fernsehprogrammen» dient. Das bedeutet: Bei einem Ja dürfte die SRG keinen Online-Journalismus mehr betreiben.
(Quelle: Website srg-initiative.ch)

Der Bundesrat hat auf dem Verordnungsweg beschlossen, dass das SRG-Budget bis 2029 massiv sinkt. Die SRG-Spitze rechnet mit 270 Millionen Franken weniger.
Matter sagt, dass aufgrund der Zuwanderung und dem Zuwachs von 40’000 Haushalten pro Jahr die SRG «nicht viel sparen» müsse.
✅ Richtig ist: Der Gebührenanteil der SRG ist per 2029 auf eine Summe fixiert, egal wie sich die Zahl der Haushalte entwickelt.
(Quelle: Botschaft des Bundesrats zur SRG-Halbierungsinitiative)

Matter sagt: «Ich höre von der SRG Drohungen, dass Regionalbüros geschlossen würden.»
✅ Richtig ist: Diese Aussage machte auch Medienminister Albert Rösti, Matters Parteikollege. Er sagte, dass bei einem Ja zur Halbierungsinitiative «wohl nur noch ein Produktionsstandort übrigbleibt: Zürich.»
(Quelle: Medienkonferenz Bundesrat Rösti, 21. Januar 2026, auf dem Youtube-Kanal des Bundesrats abrufbar)

Matter sagt: «Die SRG-Direktorin verdient mehr als ein Bundesrat.»
✅ Richtig ist: Isoliert betrachtet beträgt die Lohndifferenz zwischen Susanne Wille und den Bundesratsmitgliedern 2 Prozent. Aber Bundesrätinnen und Bundesräte erhalten nach ihrem Rücktritt ein Ruhegehalt von rund 50 Prozent des früheren Lohnes. Bei Wille ist das nicht der Fall. Der Vergleich hinkt.

Zum Vergleich: Die CEO von SBB und Post verdienten 2024 rund 50 Prozent mehr als die Person an der Spitze der SRG, die CEO der Stromkonzerne Axpo und BKW sogar dreimal so viel wie sie (inkl. Boni). Die Stromkonzerne gehören übrigens den Kantonen, also uns.
(Quellen: Website admin.ch, Geschäftsberichte der erwähnten Unternehmen)

Fazit: Matter liefert viel Mumpitz, pardon l’expression. Das strapazierte Wort «Fake News» wollte ich nicht schon wieder bemühen. Das Interview wird keinen Medienpreis ergattern.

Disclaimer:
Ich bin seit 2008 Dozent an einer Journalistenschule und seit 2022 Geschäftsführer der Allianz Pro Medienvielfalt, die sich gegen die SRG-Halbierungsinitiative stellt. Zu Ihr gehören inzwischen 6500 Einzelpersonen und 35 Organisationen.

📸 Yoshiko Kusano

Nemo ist nicht Bundesrätin Keller-Sutter

Seit Monaten hat sich ein Mob auf Nemo eingeschossen. Aus dem Nichts kommt das nicht. Dennoch sollten Medien und PR-Leute verantwortungsvoller mit dem Star aus Biel umgehen. Der Abbruch eines Interviews mit ihm schadet letztlich allen.  

Direkt nach dem Auftritt am Lakelive Festival sprach Nemo mit dem «Bieler Tagblatt». Als die Journalistin eine Frage zum «politisch aufgeladenen ESC» in Malmö stellte, intervenierte die Presseverantwortliche des Stars. Schliesslich brach Nemo das Gespräch ab, weil «sich jede Frage wie eine Provokation anfühlt». Am Samstag wurde das Rumpf-Interview publiziert und schlägt seither Wellen. (Es ist hier als PDF verlinkt.)

Natürlich, es gehört zum Job der Journalistinnen und Journalisten, Fragen zu stellen. Natürlich, Interviews sollen kritisch sein. Tatsache ist, dass sie es in den Bereichen Sport, Kultur und Showbusiness oftmals nicht sind, weil den Medienschaffenden die Distanz fehlt oder sie sogar Fans sind. Selbst Roger Schawinski, der härteste Talker der Nation, stellte keine harten Fragen mehr, als er Emil zu Gast in seiner Sendung hatte.

Politikerinnen, Wirtschaftsführer und Sängerinnen wollen alle dasselbe: in den Medien gut herüberkommen. Vor, während und nach Interviews tun sie und ihre Entouragen alles, um dieses Ziel zu erreichen. Sie wollen die Bedingungen diktieren, Redaktionen lassen sich nicht selten darauf ein, weil sie Prominenz und Exklusivität hoch gewichten. Das Resultat sind glattgebügelte Interviews, die uns beim Lesen langweilen.

Ich habe früher oft über Musik geschrieben und viele Interviews geführt, etwa mit Marla Glen, Kuno Lauener, 4 Non Blondes oder Gianna Nannini. Das war manchmal beglückend und manchmal zäh. Und manchmal sagten die Stars Dinge, die sie in die Bredouille gebracht hätten. Ich liess allzu Provokatives oder Unreflektiertes stets weg – zuweilen müssen Künstlerinnen und Künstler vor sich selbst geschützt werden.

Der Fall von Nemo ist anders gelagert: Das Talent aus Biel wird seit Monaten im grossen Stil mit Bösartigkeiten und Hass eingedeckt: Zum einen, weil es nicht-binär ist und ein drittes Geschlecht propagiert, zum anderen, weil es beim ESC den Boykottaufruf gegen Israel mitgetragen haben soll.

Nemo zu den Vorgängen in Malmö keine kritischen Fragen zu stellen, wäre unjournalistisch, natürlich, aber die Medien haben auch eine Verantwortung, nicht unnötig Öl ins Feuer zu giessen. Was im «Bieler Tagblatt» seinen Anfang nahm, hat den Mob sofort mobilisiert.

Keine überzeugende Rolle spielte Nemos Management: Zunächst legte es schriftlich fest, dass die Journalistin auf politische Fragen verzichten solle, rückte aber später wieder davon ab. Zudem verzichtete es darauf, das Interview zurückzuziehen.

Was wir nicht vergessen sollten: Nemo ist gerade einmal 25 Jahre alt und erst seit dem letzten Mai auf der Weltbühne. Im eigenen Lager ist Nemo eine Ikone, für andere eine Hassfigur, allein der Name triggert enorm. Das legt nahe, einen anderen Massstab anzuwenden, als beispielsweise bei Karin Keller-Sutter, die seit 24 Jahren Berufspolitikerin ist.

Foto: Benjamin Ramsauer, SRF

Dieser Beitrag ist zuerst bei «Persönlich», dem Portal der Kommunikationsbranche, erschienen.