Das Phantom der Ausgewogenheit

Am Mittwoch war Bundesrat Albert Rösti Gast im «Rundschau»-Talk von SRF. Medienpolitisch interessant ist, wie er dort den Ausgang der Halbierungsinitiative interpretierte. Zudem hat er einen Plan, wie er die neue Konzession der SRG «schärfen» will. Aus Sicht des Bundesrats soll dabei unter anderem das Online-Angebot eingeschränkt werden – also just dort, wo sich die bis 55-Jährigen heute mehrheitlich informieren.

Weiter betonte Rösti mehrfach, die «Ausgewogenheit» müsse gewährleistet sein. Er sagte, dieser Begriff sei in der Konzession festgehalten. Das ist nachweislich falsch. Weder in der Konzession noch im Radio- und Fernsehgesetz – und schon gar nicht in der Bundesverfassung – ist von Ausgewogenheit die Rede. Sie ist ein Phantom.

Der Begriff klingt zwar gut – gerade in Schweizer Ohren. Doch Vorsicht: Es droht die sogenannte false balance. Ein Beispiel:

Angenommen, Radio SRF produziert eine Sendung zu Ehren des italienischen Astrophysikers und Universalgelehrten Galileo Galilei. Dieser hat im 17. Jahrhundert mit anderen nachgewiesen, dass sich die Erde und die übrigen Planeten um die Sonne drehen.

Es gibt Menschen, die noch heute das Gegenteil behaupten. Stünde die «Ausgewogenheit» tatsächlich in der SRG-Konzession, müssten sie in diesem Beitrag ebenfalls zu Wort kommen.

Mit Verlaub, aber das kann es nicht sein.

Der Ruf nach Ausgewogenheit und die Kritik, die SRG habe einen «Linksdrall», wurden vom rechtsbürgerlichen Hofer-Club während des Kalten Krieges in ein politisches Narrativ gegossen. Was nicht der eigenen Meinung entspricht, gilt seither als «linkslastig». Dabei wird ausgeblendet, dass es zum journalistischen Auftrag gehört, mit professioneller Distanz kritische Fragen zu stellen. Dieselben Kreise popularisierten den Ausruf «Moskau einfach!».

Im Kontext von Wahlen und Abstimmungen muss Ausgewogenheit hingegen tatsächlich gewährleistet sein – und das ist sie auch. Beispielhaft zeigen das Abstimmungs-«Arenas», in denen die Redezeit beider Lager gestoppt und während der Sendung ausgeglichen wird.

Der Begriff Ausgewogenheit wird in medienpolitischen Debatten immer wieder ins Feld geführt – während des Abstimmungskampfs über die Halbierungsinitiative sogar inflationär. Das hat System, so meine Hypothese: Viele plappern den Begriff unreflektiert nach.

Lamentabel ist, dass etliche Journalistinnen, Politiker und Medienmanager offenbar nicht wissen, was in der Konzession tatsächlich steht. Dort heisst es: «Die SRG sorgt in ihren Informationsangeboten für eine umfassende, vielfältige und sachgerechte Berichterstattung.»

Wohin es führt, wenn Regierungen Medien gängeln, zensurieren oder gar steuern, zeigt die Entwicklung in Ungarn oder Russland. Dort wurde die Demokratie zunehmend geschwächt, ja ausgehebelt. Diese Entwicklung ist gefährlich und verpflichtet uns in der Schweiz, wachsam zu bleiben.

Bei der neuen Konzession geht es um viel mehr geht als nur neue Paragraphen. Der SRG Daumenschrauben anzusetzen, wäre falsch. Es reicht völlig, dass sie – wie vom Bundesrat verordnet – trotz Medienkrise ihr Budget bis 2029 um satte 17 Prozent kürzen muss.

 

 

Fazit:
Es ist sinnvoll, wenn die Allianz Pro Medienvielfalt weiterhin wachsam bleibt – und den Prozess zur neuen Konzession bis Ende 2027 aufmerksam begleitet. Ob sie das will, entscheidet sich in den nächsten Wochen.

Die Links:
– Der Talk in der «Rundschau» von SRF ist hier greifbar.
– Die Konzession der SRG gibt’s hier als PDF.

P.S. 
Wer mit einem Radio- oder Fernsehbeitrag des öffentlichen Rundfunks nicht zufrieden ist, hat die Möglichkeit, bei der SRG-Ombudsstelle eine Beschwerde einzureichen. Kann diese nicht geklärt werden, geht es weiter zur Unabhängige Beschwerdeinstanz (UBI), die sich mit diesem Fall befassen muss. Der Beschwerdeweg ist offen bis zum Bundesgericht.

Foto: Printscreen SRF-«Rundschau» vom 18. März 2026

Was einmal kaputt ist, ist kaputt

Die Libertären wollen die AHV abschaffen, das Gesundheitswesen privatisieren und unrentable Postautolinien stilllegen. Für sie gibt es eine Maxime: „Der Markt soll es richten.“ Mit No Billag führen sie derzeit einen verdeckten Kreuzzug gegen die SRG. Tatsache ist: Der Markt richtet zuweilen hin, beispielsweise wenn in der kleinräumigen Schweiz Radio- und TV-Sender ohne Gebühren auskommen müssten. Eine Abstimmungsempfehlung gegen die No-Billag-Initiative, über die wir am 4. März abstimmen.


Die Volksinitiative
ist eine grossartige Errungenschaft und ein Motor der Demokratie. Seit ihrer Einführung vor bald 130 Jahren haben Volksinitativen viele Themen angestossen, innovativen Ideen zum Durchbruch verholfen und uns zu verantwortungsbewussten Bürgerinnen und Bürgern gemacht. Die No-Billag-Initiative hingegen ist nicht innovativ, wie der Staatsrechtler und SRG-Kritiker Urs Saxer Ende Dezember in einem NZZ-Gastbeitrag monierte. Im Gegenteil, sie ist destruktiv. Sie schafft nicht Neues, sondern zerschlägt mit ihrer radikalen Formulierung die Medienvielfalt, die seit 1983 im audio-visuellen Bereich entstanden ist.

«No Billag» klingt beim ersten Hinhören attraktiv, ist aber irreführend. Ohne Radio- und TV-Empfangsgebühren verschwindet auf den 1. Januar 2019 auch die Finanzierungsgrundlage der SRG und von 34 privaten Radio- und Regional-TV-Sendern. Natürlich würden nach einem Ja einige Private versuchen, mit noch weniger Personal und noch tieferen Löhnen ein noch dünneres Programm anzubieten. Das Bundesparlament wiederum würde alles unternehmen, damit eine verstümmelte SRG wenigstens noch eine Informationssendung pro Tag produzieren könnte. Die Demokratie geht deswegen nicht unter, aber: Was einmal kaputt ist, ist kaputt. Die angepasste Bundesverfassung würden einen Wiederaufbau verunmöglichen.

Initianten zerlöchern ihre eigene Volksinitiative

Wie in jedem anderen europäischen Land wird der öffentlich-rechtliche Rundfunk auch in der Schweiz von der Allgemeinheit finanziert. Drei Viertel des SRG-Budgets kommen aus dem Billag-Topf, bei den privaten Regional-TV-Sendern macht der Gebührenanteil durchschnittlich 53 Prozent aus. Es wäre illusorisch, den Ausfall mit Bezahlmodellen und noch mehr Werbung kompensieren zu können. Genau das fordert aber der wirre «Plan B» des Gewerbeverbands. Die Initianten wiederum präsentierten vor wenigen Wochen ihre Vorschläge, die jährlich bis zu 300 Millionen Franken Subventionen vorsehen. Das sind Steuergelder. Damit zerlöchern sie ihre eigene Volksinitiative.

Beide Akteure blenden drei Realitäten aus:

– Das Werbevolumen für Radio und TV ist ausgeschöpft;

– Das TV-Publikum ist nur bereit, für Serien, Spielfilme, Porno sowie ein paar wenige Sportarten (insbesondere Fussball, Tennis, Boxen und Formel 1) zu bezahlen;

– Für das Medium Radio gibt es technisch noch keine Möglichkeiten, um Inhalte nur für Abonnenten bereitzustellen.

Natürlich, die SRG hat in der Vergangenheit Fehler gemacht; natürlich, ein paar ihrer Repräsentanten sind nicht volksnah; natürlich, das Medienhaus muss reformiert werden. Aber man kann nur eine SRG reformieren, die Substanz hat. Laut Wirtschaftsführern ist es nicht möglich, ein Unternehmen mit 6000 Angestellten innerhalb weniger Monate komplett neu auszurichten. Deshalb hinkt der Vergleich mit der Swisscom, die ab Ende der Neunzigerjahre schrittweise in den freien Markt entlassen wurde.

Was passiert, wenn die No-Billag-Initiative angenommen wird? Investoren träten auf den Plan, womöglich haben sie eine politische Agenda und verbreiten ihre Meinung ungefiltert. Mit Sicherheit sind sie gewinnorientiert, ihr Programm orientiert sich ausschliesslich an kommerziellen Kriterien: Gezeigt wird, was Quote bringt. Die Sparten Information und Kultur bringen keine guten Quoten und sind teuer; am Markt lassen sie sich nicht refinanzieren. Das ist in allen Ländern so. Eine solide Demokratie braucht aber unabhängige Medien.


Was im emotional
geführten Abstimmungskampf untergeht: No Billag würde auch Radio SRF treffen. Gerade seine Programme sind aber beim Publikum sehr beliebt und erreichen täglich 2,6 Millionen Menschen, die im Durchschnitt 105 Minuten zuhören. Radio SRF und seine Pendants in den anderen Sprachregionen liefern in den Sparten Information, Kultur und Unterhaltung seit jeher hohe Qualität. Bei Befragungen belegen Radio SRF, RTS, RSI und RTR nach den Kriterien Glaubwürdigkeit, Vielfalt und Professionalität Jahr für Jahr den ersten Platz.

Das komplette Medienangebot kostet ab 2019 jeden Privathaushalt nur noch einen Franken pro Tag. Die Abgabe von 365 Franken pro Jahr muss man in ein Verhältnis stellen: In jedem Haushalt werden für den Medienkonsum im Durchschnitt 2770 Franken jährlich ausgegeben. Die Radio- und TV-Empfangsgebühr entspricht also etwa 14 Prozent.

Richten wir unser Augenmerk abschliessend auf die Bundesverfassung: Bei einer Annahme der Initiative würden im Artikel 93 zwei zentrale Absätze gestrichen:

2   (…) Radio und Fernsehen stellen die Ereignisse sachgerecht dar und bringen die Vielfalt der Ansichten angemessen zum Ausdruck.

5   Programmbeschwerden können einer unabhängigen Beschwerdeinstanz vorgelegt werden.

Was bedeutet das konkret? Radio- und TV-Sender müssen sich nicht mehr an Minimalstandards halten, sie können ausgrenzen, lügen und nur noch Protagonisten, die ihnen passen, einladen. Ombudsstellen und die Unabhängige Beschwerdeinstanz (UBI) gibt es nicht mehr, das kostenlose Beschwerdeverfahren ist abgeschafft. Ombudsmann Roger Blum spricht von Wild-West-Verhältnissen, die drohen würden.


Wohin die Reise
gehen könnte, zeigt die «Rush Limbaugh Show» in den USA. Diese Radio-Talksendung erreicht wöchentlich bis zu 20 Millionen Leute, Gastgeber Limbaugh pöbelt und hetzt, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Seit Ronald Reagan 1987 die «Fairness Doctrine» abgeschafft hat, sind die amerikanischen Medien nicht mehr auf Ausgewogenheit verpflichtet.

Roger Köppel stünde zwar bereit, eine Show nach Limbaughs Vorbild wäre allerdings Gift für den Zusammenhalt in der Schweiz. Mit einem Nein am 4. März können wir eine Entwicklung in diese Richtung verhindern.

Ergänzend:
Ich zahle nur, was ich brauche (Die Zeit, 3. Februar 2018, Matthias Daum/Aline Wanner)
Wie das Gedankengut der Libertären in der Mitte der Gesellschaft landen konnte.


Transparenz:

Ich bin Kampagnenleiter beim Komitee «Nein zum Sendeschluss».