I pimped my bike

Für viel, viel Geld lässt der Schweizer Verteidigungsminister Guy Parmelin die Flotte der Militärlastwagen vom Typ “Duro” aufrüsten. Als passionierter Fahrradfahrer konnte ich nicht zurückstehen. Ich nahm mir das Ordonnanzrad 05 der ehemals bestens Armee der Welt zur Brust…

velo_militaer_balsiger_766

…and I pimped it.

veloXneu_766_IMG_4164

Et voilà. Sieht jetzt aus wie ein Velo der Post.

 

My new baby from the desert – or from China

tea_pot_766_pixel_IMG_1352
New Year’s Eve
in Essaouira/Maroc: Totally relaxed I stroll through the Bazar looking for a teapot. Even though I have become a heavy tea drinker ever since I had lived in London I still do not own such a piece. The Maroccans are as addicted as me so I assumed that my search would be rather easy.

Booom! – a teapot appears, it simply jumps at me: a silver-grey coloured, slightly dented example with a rugged look, a nice shape and yes – character! I already saw that beauty sitting back home in my kitchen. The voice of a man pulls me back to the narrow street. It belongs to the owner of the little store and within two and a half seconds he has started “the full tourist program” explaining in three languages that this teapot is a very, very, very special edition, you know, more than 50 years old, you know, and originally used by the Berbers in the desert, you know. Then the program stopps and he mentions a price – surely a “special price” only for me, you know.

I take the teapot gently in my hands and start my program: “See, just by holding this beautifully made piece I can tell you that many decades ago, Boujir Abdullah Rahmani, a prince of the Sahara owned it. He was a wise man, tall, highly respected and the father of 43 kids. He usually drank tea out of this pot while collecting his thoughts at night, after he went hunting with his falcons or just before he set off for new adventures.” I pause.

The shop owner looks at me pretty puzzled. “Ok, half the price and it’s yours.”

I pay and he wraps the teapot into an old newspaper. As I reach the door he shouts: “What do you do for living?”

I stop and turn around: “See, I support the Maroccan economy. And sometimes I tell stories. Just like you.”

He smiles. “By the way, there’s no Boujir Abdullah Rahmani.”

I’m counting slowly to five and switch on a serious face. Finally I reply: “I know.”

For a moment, we are looking at each other and then, all of a sudden, we both burst out laughing.

P.S.  It is easily possible that this teapot was produced a few months ago in China, put into some chemical liquid to get the patina look, and was then smashed on the floor in order to be dented. But you know what: I don’t care. imagination ist stronger than reality. So I stick to the story of Boujir Abdullah Rahmani and I just love drinking tea out of my new baby from the desert. No doubt, I can feel the spirit of the prince and the Sahara, too, you know.

Die Frauenstimme aus dem Nichts

marzili_garderobe_nr_124_766_IMG_1737

Genüsslich beisse ich in die Kirschenwähe der legendären Bäckerei Fürst (echte Berner sagen: “Chueche“), ein laues Lüftchen bläst mir ins Gesicht, die Sonnenstrahlen tanzen, es ist wunderbar still. Vor ein paar Minuten bin ich der Aare entstiegen, wo ich den murmelnden Steinchen zuhörte, der Körper fühlt sich angenehm frisch an, die Haut riecht nach Sonne, Sonnencrème und Flusswasser – mein „Marzili“-Ritual an Tagen wie diesen.

Plötzlich ertönt eine weibliche Stimme aus dem Nichts:
„Allo, kann misch jemand ören?“
Ich blicke um mich, entdecke aber niemanden. Höre ich schon Stimmen in meinem Kopf?, frage ich mich besorgt. Da – wieder:
„Allo, kann misch jemand ören?“

Ein Klopfen gegen Holz ertönt. Mir geht ein Licht auf, jemand muss eingeschlossen sein. Ich lasse den angenehm-kühlen Schatten hinter mir und gehe zügigen Schrittes der Stimme nach zu den Einzelgarderoben. Nr. 124 vibriert leicht unter den Schlägen, ein Schlüssel steckt.

Nun muss man wissen, dass im ältesten Freibad der Schweiz auch die Einzelgarderoben in die Jahre gekommen sind. Wind und Wetter haben die Holztüren stark gezeichnet, die Schlösser lottern. Wer den Schlüssel draussen stecken lässt, die Türe hinter sich zudrückt und sie von innen verriegelt, ist eingeschlossen, “rien ne va plus” – wie ein Naturgesetz. Ich muss es wissen, weil ich in der dritten Saison stolzer Mieter einer Einzelgarderobe bin. (Acht Jahre lang war ich auf der Warteliste.)

Doch zurück zur Frauenstimme aus dem Nichts.

„Ich mache Ihnen jetzt die Türe auf“, rufe ich. „Sind Sie angezogen?“
„Ja.“

Ich drehe den Schlüssel um vielleicht 20 Grad und die verwitterte Türe schwingt auf. Eine blonde Frau mittleren Alters tritt heraus, die Erleichterung ist ihr ins Gesicht geschrieben.
„Combien de temps avez-vous passé là?“ frage ich sie mit meinem Schulfranzösisch.
„Dix minutes. Aber isch abe einer Freundin telefoniert. Merci!”
Ich grinse: „De rien. Ich war einmal Pfadfinder!“
Sie verschwindet wieder in ihrer Kabine, dieses Mal mit dem Schlüssel.

Hätte Madame mich zum Dank zu einer Glace in die “Gelateria di Berna” (echte Bernerinnen sagen: “es Tschelati”) eingeladen, wüsste sie jetzt, was ich Ihnen/euch gestehe: dass ich mich schon zweimal in meiner Kabine eingeschlossen habe. Dabei musste ich viel länger warten als “Madame Allo”.

Wenn ein Linker mit dem linken Fuss aufsteht

balsiger_766_telem1_talktaXXglich_2014_03_18


Dienstagabend, kurz vor sechs
, Telli-Quartier Aarau. Im Studio von “TeleM1” soll “TalkTäglich” in Szene gehen. Der Aargauer SVP-Chef Thomas Burgherr, gepudert, Gesprächsleiter und AZ-Chefredaktor Christian Dorer, gepudert, und das Expertli für politische Winkelzüge, gepudert – alle sind bereit. Die Kameramänner sowieso.

Einer fehlt: SP-Nationalrat Cédric Wermuth. 18.02 Uhr. Wermuth ruft an. Er habe in Bern den falschen Zug erwischt und sei nun in Liestal…

Murphy lächelt süffisant, Wermuth hechtet in ein Taxi und donnert via Frick und die Staffelegg nach Aarau. Der Kampf um die Minuten beginnt, die Sorgenfalten des Aufnahmeleiters werden grösser, der Talk wird künstlich nach hinten geschoben, Wermuth trifft ein, hat zu wenig Geld für das Taxi, Dorer hilft aus – und schon sind wir auf Sendung.

Nach der Aufnahme bekennt Wermuth, er sei mit dem linken Fuss aufgestanden und fragt in die Runde: “Ist heute Vollmond?”

Merke: Politiker sind zwar immer im richtigen Film, aber gelegentlich nicht im richtigen Zug.

Eine Bumm-bumm-Massage an Weihnachten

Andere beschenken sich in diesen Stunden, also darf ich mir am Abend des zweiten Weihnachtstages auch etwas gönnen – eine Massage.

buth_kamboscha_766_IMG_0495

Ich erkläre Buth (Foto) meinen Wunsch. Der Kambodschaner ist Tuk-Tuk-Fahrer und ein Glücksfall: Er ist ehrlich, extravertiert (als Asiate!), immer guter Laune, und er hat ein runden fröhliches Gesicht. Die ausgezeichneten Englischkenntnisse, die er sich bei buddhistischen Mönchen aneignete, erleichtern den Austausch enorm. Er zeigte mir heute die Tempel, das schwimmende Dorf auf dem Mekong, das Vietnamesen gebaut hatten, weil ihnen das Geld fehlte, Land zu erwerben. Dazwischen spielen wir Billard und trinken Kaffee. Buths Stadt heisst Kampong Cham. Sie besteht aus verschwenderisch breiten Strassen und Pseudo-Kolonialhäuser mit viel Umschwung und noch mehr Kitsch. Die Liegenschaften der regionalen Regierung gleichen Palästen, und die Autos, die davor parken, sind neu, fett und teuer. Wer sich hier einen Posten holt, hat gute Beziehungen und viel Geld, und nach vier oder acht Jahren nochmals ein bisschen mehr von beidem.

Doch zurück zu meinem persönlichen Weihnachtsgeschenk – der Massage. „Do you want Bumm bumm massage or regular massage?“, fragt Buth. Ich muss verdutzt dreingeblickt haben. Buth bricht in schallendes Gelächter aus und los geht die Fahrt. Nach ein paar Minuten bringt er sein Gefährt in einer Seitenstrasse zum Stehen. Hühner trippeln geschäftig herum, irgendwo liegt eine Katze, Hunde begutachten die Neuankömmlinge neugierig, bleiben aber auf Distanz, kleine Kinder sitzen im Staub und spielen, auf einem improvisierten Grill brutzelt irgendetwas. Vor dem Hauseingang erkenne ich im Halbdunkel einen jungen Mann, klein und dicklich, mit nacktem Oberkörper und nur mit einer hellblauen Seidenhose bekleidet. Unsicher tappt er umher. Im Neonlicht sieht er aus wie ein Bonsai-Sumo-Kämpfer. Wie sich herausstellt, ist er blind. Das also ist der Masseur. Mit seiner Mutter – oder Schwester? – handle ich eine Behandlung für eine Stunde aus.

Schnell ist die Pritsche vor dem Haus hergerichtet, nur von einer kleinen Wand aus Bambus geschützt, ich ziehe mich bis auf die Unterhosen aus und mache es mir bequem, und schon ertasten die Hände des Blinden fachmännisch meinen Rücken, den Nacken und die Beine. „Wie eine Kontrolle“, schiesst er mir durch den Kopf. Und dann geht es los: Von wegen Massage, phoah!, hat dieser Kerl Kraft in den Fingern; er knetet, ja walkt mich durch. Zielsicher findet er jeden, aber aaauch wirkliiich jeeeden Trigger-Punkt. Der Ablauf ist stets derselbe: Wenn er an einer dieser heiklen Stellen zu drücken beginnt, eine Minute, zwei Minuten, eine halbe Ewigkeit lang, kräftig und immer kräftiger… schiessen mir zuerst die Tränen in die Augen. Ich beisse in das Kissen, um nicht laut zu schreien. Wenn der grösste Schmerz vorüber ist, stellt sich das Gefühl einer Lähmung ein. Ich liege und leide still vor mich hin und hadere mit mir: „Dämlicher Masochist. Und das an Weihnachten.“

Rings um mich herum geht das Leben weiter: Ich höre Kindern herumwuseln, Nachbarn kommen auf einen Schwatz vorbei und gehen wieder. Vermutlich gucken sie meine Rückseite ausgiebig an, so einen langen Falang sieht man hier schliesslich nicht aller Tage. Schliesslich die Erlösung: „Finished!“, sagt der Masseur. Ich atme auf, drehe mich um – und erschrecke: Vor mir steht ein anderer Mann, gross und schlank, aber auch nur mit einer hellblauen Seidenhose bekleidet. Ganz offensichtlich ist auch er blind. Er muss meine Reaktion gespürt haben: „My brother“, bringt er hervor und deutet mit der rechten Hand nach hinten. Und tatsächlich: Dort döst der Dickliche in einer Hängematte. Während der Prozedur müssen sie sich abgewechselt haben. Cleveres Geschäftsmodell.


Auf dieser Reise musste mein Rücken auch noch anderswo leiden: Am ersten Segeltag im Andamanensee schlummerte ich, zufrieden und faul im gespannten Netz liegend, ein. Die reflektierende Sonne hinterliess Spuren. Sie sehen “gfürchig” aus, taten aber nicht weh. Dermatologen: weggucken!

segeltoXXrn_2013_12_20_mark_ruXXcken_

 

Mundart in ihrer urwüchsigen Kraft

mundart_srf_ch_large_57190.100511_mundart_empfehlungen-3
Gestern Abend entstand auf Twitter
aus dem Nichts heraus eine spassige Kooperation: Ein paar Leute stöberten in Kindheitserinnerungen und sinnierten über die Kraft der Mundart. Die Folge: Schöne, urchige, zum Teil schon weitgehend vergessene Worte in verschiedenen Dialekten purzelten in die Timeline. Und gleichzeitig lief auf Radio SRF1 das „Spassepartout“ mit Franz Hohler, fürwahr ein begabter Wortakrobat. Vielleicht eine Fügung.

Ich fände es schade, wenn diese kleine Sammlung „Schöne Worte“ nicht kuratiert (ha!) würde. Deshalb ein paar Müsterchen dieser Ad-hoc-Session, zu denen sich natürlich weitere gesellen dürfen:

Bildschirmfoto 2013-02-21 um 11.48.54

– pfuusä

– gigampfa

– umechessle

– kömmerle

– brösmele

– umechnuschte

– schnüfele

– chüschele

– grümschele

– ärfele

– umehootsche (herumkriechen)

Bildschirmfoto 2013-02-21 um 11.49.10
– Potz Heiland Dunner

– Khasch miar am Ranza hanga

– Chempe id Glungge schiesse

– Bisch e Durlips

– Hoofili, nid z roos (Vorsichtig, nicht zu fest!)

– Hurtigschwind warte

– Dr Mischt isch garettlet

– Ig chönnti grad jutze u holeie

– Dr Schnurre e Schupf gä

– Dr Salat fatigiere (Den Salat durcheinander mischen)

– Rugele schier ab em Schemeli vor luttr gigele

– Es Gnosch ha im Fadechörbli

– Zeige, wo dr Bartli dä Moscht holt

– Heit ihr Gigeli-Suppe gässe?

Bildschirmfoto 2013-02-21 um 11.49.27
– Fägnäscht

– Ranggifüdle

– Tschapadalpi (nie gehört, help!)

– Mürggu

– Chnorzi

– Himugüegeli

– Lumpelisi

– Ürbsi (Kerngehäuse des Apfels)

– Schnurepfluderi (Eine Fasnachts-Clique in Basel heisst auch so)

– Rätschbäse

– Schnudergoof

– Anggewegglimaitli

– Äckegstabi

– Chrüsimüsi

– es Bangseli (aus dem Fricktal; steht für Stiefmütterchen, also die Blume)

 

– ulidig

– dussä strubussets

– füddleschturm

Wie erwähnt ist das eine Auswahl, die ich alleine getroffen habe. Sie lässt sich beliebig ergänzen. Eine E-Mail reicht: mark.balsiger@border-crossing.ch – oder mit einer Twitter-Direktnachricht. Ich selber werde am Wochenende im Bücherregal nach Ernst Burrens Werken suchen.

Mitgewirkt haben bislang bei dieser Session folgende Mitglieder der Twitter-Community: annatinaheuss, cimnic13, fatimavidal, flugere, froumeier, Hofnaerrin, kmRunabout, KurFrau, Landeieiei, LisaMathys, MadMenNa, merzthurgau, michellebeyeler, PapstBischof, RegulaAeppli, RomanaGanzoni, SandroBrotz, SonjaHasler, vongreyerz, zoradebrunner, Caro (Nicht-Twitterin, aber auch nett), vinsanto und ich: Mark_Balsiger

Sollte ich jemanden vergessen haben: Asche über mein Haupt, bitte ne E-Mail schicken, danke.

Auge in Auge mit dem Justizminister

Mittwochmorgen. Irgendwoher erklingen sieben Glockenschläge durch das Halbdunkel. Ich radle gut gelaunt und in gemächlichem Tempo zur Arbeit. Linker Hand der Bundesplatz, rechts das legendäre „Café Federal“.

Vor der Berner Kantonalbank biege ich scharf links ab. Unvermittelt treten zwei Gestalten auf die Strasse! Ich ziehe eine Vollbremse. Es reicht um zwei Haaresbreiten. Die vordere Person merkt von allem nichts. Sie scheint noch zu dösen und trottet auf die andere Strassenseite. Bei der zweiten Person mache ich zuerst eine hängende Unterlippe aus. Der Mann bleibt stehen, dreht sich um – für eine Sekunde blicken wir einander an, Auge in Auge. Als ich ihn erkenne, stockt mir der Atem. Danach bringe ich ein schwächliches „Göht nume wiiter“ heraus. Angelerntes Berndeutsch.

Wortlos überquert Bundesrat Christoph Blocher die Strasse. Auf der anderen Seite wartet sein Leibwächter.

Im leichten Wind der Weiterfahrt finde ich: „Irgendwie sympathisch, dass auch ein Justizminister sich nicht immer haargenau an die Gesetzgebung hält.“ Der Kritikus in mir hingegen moniert: „Das wäre deine Chance gewesen. Ganz malziös hättest du auf den Fussgängerstreifen, 20 Meter nebenan, hinweisen können – die Krönung eines jungen Tages.“

Auch Bürokollege Suppino kritisiert: „Hättest du doch den Blocher über den Haufen gefahren! Du warst ja im Recht.“ Nun, was wäre passiert, wenn ich den Justizminister mit 15 Stundenkilometern angefahren hätte? Mein Stadtvelo, Jahrgang 1995, Marke Villiger, und ich versus Blocher, den Titan der Schweizer Politik, 90 Kilogramm schwer und 66 Jahre alt.

Wäre der Rahmen gebrochen? Blocher tonlos zu Boden gegangen? Der Radfahrer mit einem Salto über den Lenker auf das Pflaster geknallt? Wären wir beide wieder im Spital erwacht? Nebeneinander? Hätten wir Duzis gemacht?

Denken wir an die Schlagzeilen: „Wahlkämpfer bringt Blocher zu Fall!“ Schweizweite Bekanntheit für einen Tag. Es soll Menschen geben, die die Schweiz retten wollen. Ich rettete Blocher – vor ein paar blauen Flecken und Prellungen. Allenfalls vor gebrochenen Rippen.

Christoph Blocher nicht von den Beinen zu holen war eine wahlkämpferische Tat. Vermutlich nicht meine schlechteste in diesem Jahr.

 

 

Die Illustration dieses Blog-Postings machte Lorenz «Lopetz» Gianfreda vom Büro Destruct. Vielen Dank.