Nederlands für Einsteiger

Ein englischer Schriftsteller, sein Name ist mir selbstverständlich entfallen, definierte einmal, wie die niederländische Sprache entsteht: “Man setzt sich einfach auf eine mechanische Schreibmaschine – mit Anlauf.” Eine hübsche Veräppelung.

Ich mag diese Sprache. Bei jedem Aufenthalt in Holland ergänze ich meine Liste mit logischen und kurligen Worten. Dieses Mal habe ich das teilweise mit Fotos dokumentiert.

Wegen meiner Velotour #ToNorthCape2016 ist es naheliegend, dass der Fokus zunächst einmal beim Drahtesel liegt. Also:

– Velo = fiets
– Töffli = bromfiets

So weit, so logisch. Werden wir kreativ:
– E-Bike = e-nix-brom-fiets

Diesen Vorschlag habe ich inzwischen der Akademie für niederländische Sprache und Dichtung eingereicht.

Nochmals das Thema Fahrräder:

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Das verstehen wir Schweizerinnen und Schweizer mit links.

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Wenn fietsen also Fahrräder sind, müssen fietsers entsprechend Radfahrer sein. Das Wort oversteken tönt in unserer Mundart verblüffend ähnlich: überestäche.

In einem neuen Quartier in Nijmegen fand ich dieses Schild, womit wir auch das Wort Strasse verinnerlicht hätten. Hanna Arendt können wir ohnehin schon lange rückwärts deklinieren.

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Die Bakkerij ist die Bäckerei, entsprechend ist die Pottenbakkerij die… Töpferei – logisch.

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Zunächst komplett überfordert war ich bei dieser Werbung:

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Dubbel heisst doppelt. Also geht es um “doppelt so günstig”, was auch Holländerinnen als doofes Wortspiel bezeichnen. Werber – nachsitzen!

Schliesslich sind wir wieder bei den Velos angelangt. Letztes Wochenende stand ich ausserhalb von Utrecht an einer Kreuzung und erblickte dieses Schild – eine Rarität. Ich war verwirrt.

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Tegelijk groen verstand ich so: Täglich einmal grün. Das hätte dauern können. Also fuhr ich gleich los. Bei Rot.

Tegelijk heisst, wie ich jetzt dank Twitter-Freunden weiss, gleichzeitig bzw. zusammen. Alles klar, die Niederlande habe ich inzwischen doch wieder verlassen. Alleine.

 

Manchmal liegt die Karibik gleich um die Ecke

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Die Oberschenkel brennen, der Hintern schmerzt, das Trikot aus Polyester klebt schweissnass am Leib wie eine zweite Haut, die Schuhe sind ein Feuchtgebiet. Den ganzen Tag hat es geschüttet wie aus Kübeln, ich fröstle. „Schönwetter-Radler haben etwas begriffen, du offensichtlich noch nicht!“, schelte ich mich selbst.

Ich bin in Saarbrücken angelangt und pausiere unter einer Brücke, rechts rauscht die hellbraune Saar, ihr Pegelstand ist hoch. Unvermittelt erblicke ich ein kleines Schild, die ursprünglich einmal weisse Schrift auf rotem Grund wird von Efeu umrankt. „Erlebnisbad Calypso“ entziffere ich.

„Bad“ klingt immer gut, zumal mich Wasser seit jeher magisch anzieht. Und dann, ja… Calypso. Calypso ist ein Musikstil, der in der Karibik entstand, aber nie so populär wurde wie Reggae oder Son. Mein Kopfkino geht an.

In Gedanken bin ich – schwups – an den Stränden und Open-air-Bars von Roatán. Es ist herrlich warm, ich erinnere mich an die durchgetanzten Nächte mit Liolyn Marilyn, einer dunkelhäutigen Insulanerin mit perlweissen Zähnen, 1 Meter 80 gross, immer guter Laune, und ihre Hüften kreisten und kreisten und kreisten.

Meine Neugierde obsiegt. Ich schiebe das Bike durch einen feucht-dunklen Tunnel, oben donnert der Schwerverkehr über die sechsspurige Autobahn. Zwei Minuten später stehe ich vor dem „Calypso“, eine riesige Anlage mit viel Glas und unzähligen Parkplätzen, Familien sind im Anmarsch. In grossen Lettern wird ein „Bade-, Sauna- und Wellnessparadies“ angepriesen.

Mit Sack und Pack stelle ich mich vor eine der Kassen, durchnässt, die Sacochen strotzen vor Dreck, vom Velohelm lösen sich einzelne Wassertropfen, fett und schwer. Schliesslich bin ich an der Reihe und bringe vor, was ich mir zurechtgelegt habe:

„Ich komme nicht vom Mars, sondern aus der Schweiz, und für den Geruch, den ich vermutlich verströme, entschuldige ich mich präventiv. Wie sie unschwer erkennen können, reise ich eher atypisch. Ich habe 500 Kilometer mit dem Fahrrad in den Knochen und nach diesem Regentag einfach Lust auf zwei Stunden in der Sauna. Badetücher habe ich keine. Könnten Sie mir welche leihen und mein dreckiges Gepäck an einem sicheren Ort lagern? Es ist keine Bombe drin.“

Der Mann im weissen Poloshirt und Bart mustert mich von oben bis unten und kann sich den Anflug eines Lächelns nicht verkneifen. „Ausnahmsweise ja. Die Badetücher kosten aber extra.“

„Geht klar, vielen Dank! Ich weiss Ihr Entgegenkommen sehr zu schätzen.“

Zehn Minuten später bin ich in der grosszügig angelegten Saunalandschaft. Nach dem ersten Aufheizen – 10 Minuten – und dem schnellen Abkühlen im Eiswasser – 10 Sekunden, okay vielleicht waren es auch bloss siebeneinhalb – fläze ich mich entspannt und zufrieden auf einen Liegestuhl.

„Hallo!“ Von Weitem dringt eine Stimme an mein Ohr. Dann lauter und eindringlicher: „Haaaalllooo!“ Jemand stupst mich an der rechten Schulter. Ich schlage die Augen auf. Vor mir steht eine blonde Frau in den Fünfzigern, sie ist in einen Bademantel gehüllt und trägt ausgelatschte Flipflops. Ich musste eingenickt sein.

„Ich habe drei volle Sauna-Durchgänge gemacht, und Sie rührten sich in der Zwischenzeit nicht von der Stelle. Auf alle Fälle habe ich nichts dergleichen beobachtet. Einen solch tiefen Schlaf möchte ich auch einmal haben“, schnattert sie drauflos.

Ich denke: „Toll, manchmal liegt die Karibik gleich um die Ecke – CO2-neutral.“ Und ich gestehe es gerne: Mein Traum war verzückend.

Die Blondine kann mein Lächeln nicht deuten. Sorgen- und zugleich etwas vorwurfsvoll sagt sie: „Womöglich warten zu Hause Frau und Kinder auf Sie, das Abendbrot auf dem Tisch.“

„Auf mich warten 3500 Kilometer“, kläre ich sie auf. Und nach einer Kunstpause: „Schweden – mit dem Fahrrad.“

Sie schlägt die Hände über dem Kopf zusammen: „Grosser Gott!“

Jetzt meldet sich meine Schlagfertigkeit zurück: „Mark, morgens nach dem Aufstehen 1 Meter 85 gross, protestantisch erzogen, aber sonst vermutlich ganz normal.“

Damit habe ich den Bogen offensichtlich überspannt. Die Frau dreht sich wortlos um die eigene Achse und zieht ab.

P.S.  Am nächsten Morgen bin ich wieder mit dem Velo der Saar entlang unterwegs. Das erste Frachtschiff, das mir entgegenkommt, heisst: „Calypso“.

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Der Assos-Verkauf, der in die Hosen ging

Wenn Richard erzählt, lohnt es sich zuzuhören. Er erzählt gerne und gut über das Leben, die Liebe, Bücher. Und er hat auch eine Ahnung vom Radfahren, oft macht er selber Touren.

Als ich Richard um Tipps für meine Velotour in den Norden bat, sagte er zuerst nur ein Wort – beschwörend: „Assos“. Nach einer Kunstpause schob er nach: „Assos ist das Mass aller Dinge!“ Für Nicht-Velofahrer: Assos sind Radhosen, laut Richard sehr gut verarbeitet, sie wärmen vorne, dort, wo der bissig-kalte Wind heftig hinwehen kann, sie sitzen hauteng und sind hinter besser gepolstert als alle anderen Marken. Auf die Füdlecrème darf man dennoch nicht verzichten.

Also mache ich mich auf, um diese Wunderhose zu testen – im Wankdorf-Center, im Westside und in drei Geschäften in Berns Zentrum – überall Fehlanzeige. Alle haben ihr Sortiment längst auf den Sommer ausgerichtet und bieten nur noch kurze Radhosen an.

Im sechsten Sportgeschäft klappt es endlich: Es führt Assos lang. Der Verkäufer, ein kleiner drahtiger Mann mit stahlblauen Augen und ohne Brauen, guckt mich gelangweilt-dumpf an. In seinem Gesicht steht, was er nicht sagt: „Schon wieder so einer, der bei uns Kleider probiert und sie dann günstiger online bestellt.“

In mir steigt Ärger auf. Ich schüttle den Kopf und sage laut: „Nein, ich gehöre nicht zu dieser Kategorie. Gute Beratung darf etwas kosten!“ Das Wort g-u-t betone ich leicht. Die Miene des Verkäufers hellt sich nicht auf.

Es ist ein Kraftakt, in diese Assos-Hose zu steigen. Von wegen eng – sie ist extrem eng! Das Material fühlt sich auf der Haut unangenehm an, es zwickt an den Testikel und die Träger drücken. Das Bild, das ich im Spiegel abgebe, ist kläglich. Die dünnen Beine sind noch dünner. Okay, alle Männer in Radhosen sehen lächerlich aus.

Ich werde nicht warm mit diesem schwarzen Stück Textil, lege es wieder hin und wende mich zum Gehen. Ich grüsse beim Ausgang, der Nicht-Verkäufer lässt es bleiben. „Wart nur!“, knurre ich leise als ich draussen bin.

Zu Hause ziehe ich meine Radhosen mit Dreiviertel-Länge an, braue einen Chai, setze mich entspannt vor den Mac und gebe bei Google ein paar Suchbegriffe ein. Schliesslich bestelle ich Beinlinge – online. Die stille Rache fühlt sich gut an.

P.S.
Für Nicht-Sachverständige: Beinlinge sind wie Stockings. Allerdings sind Material und Verarbeitung nicht ganz so edel, wie Figura zeigt:

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I pimped my bike

Für viel, viel Geld lässt der Schweizer Verteidigungsminister Guy Parmelin die Flotte der Militärlastwagen vom Typ “Duro” aufrüsten. Als passionierter Fahrradfahrer konnte ich nicht zurückstehen. Ich nahm mir das Ordonnanzrad 05 der ehemals bestens Armee der Welt zur Brust…

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…and I pimped it.

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Et voilà. Sieht jetzt aus wie ein Velo der Post.

 

Bundespräsident Johann Schneider-Ammann spricht – Franzzz…ösisch

Das Dîner ist beendet, der Fromage zum Abrunden war succulent. Der Sprachstudi mit ergrautem Haupthaar sitzt zusammen mit seiner französischen Gastfamilie vor der Kiste. Es läuft “Le petit journal” auf Canal+. Das ist eine locker-flockige Show, manchmal lustig, manchmal doof – oftmals verstehe ich die Pointen und Dialoge nicht. Mon Dieu, cette vitesse! Ich habe dieses Programm aber längst zu einem integralen Teil meines Sprachunterrichts erklärt.

Gestern Abend zucke ich ganz plötzlich zusammen: Unser Bundespräsident wird eingeblendet! Er flimmert in die warme Stube. Und dann… spricht er. Französisch. Langsam, aber voller Enthusiasmus und mit raumgreifender Gestik, so wie man ihn kennt. Er spricht zum Tag der Kranken. Diese Ansprache habe Kultpotenzial, hatte ich tagsüber auf Schweizer Kanälen knapp mitgekriegt.

Et bien, mes compatriotes, président Johann Schneider-Ammann, tout à coup célèbre en France – regardez cette séquence du “petit journal” (6:51 min):

Was Johann Schneider-Ammann von Ronald Reagan unterscheidet und was die Berater des Bundespräsidenten verpasst haben, erläutere ich in einem Gastbeitrag auf dem Branchenportal “Persönlich”.

 

 

My new baby from the desert – or from China

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New Year’s Eve
in Essaouira/Maroc: Totally relaxed I stroll through the Bazar looking for a teapot. Even though I have become a heavy tea drinker ever since I had lived in London I still do not own such a piece. The Maroccans are as addicted as me so I assumed that my search would be rather easy.

Booom! – a teapot appears, it simply jumps at me: a silver-grey coloured, slightly dented example with a rugged look, a nice shape and yes – character! I already saw that beauty sitting back home in my kitchen. The voice of a man pulls me back to the narrow street. It belongs to the owner of the little store and within two and a half seconds he has started “the full tourist program” explaining in three languages that this teapot is a very, very, very special edition, you know, more than 50 years old, you know, and originally used by the Berbers in the desert, you know. Then the program stopps and he mentions a price – surely a “special price” only for me, you know.

I take the teapot gently in my hands and start my program: “See, just by holding this beautifully made piece I can tell you that many decades ago, Boujir Abdullah Rahmani, a prince of the Sahara owned it. He was a wise man, tall, highly respected and the father of 43 kids. He usually drank tea out of this pot while collecting his thoughts at night, after he went hunting with his falcons or just before he set off for new adventures.” I pause.

The shop owner looks at me pretty puzzled. “Ok, half the price and it’s yours.”

I pay and he wraps the teapot into an old newspaper. As I reach the door he shouts: “What do you do for living?”

I stop and turn around: “See, I support the Maroccan economy. And sometimes I tell stories. Just like you.”

He smiles. “By the way, there’s no Boujir Abdullah Rahmani.”

I’m counting slowly to five and switch on a serious face. Finally I reply: “I know.”

For a moment, we are looking at each other and then, all of a sudden, we both burst out laughing.

P.S.  It is easily possible that this teapot was produced a few months ago in China, put into some chemical liquid to get the patina look, and was then smashed on the floor in order to be dented. But you know what: I don’t care. imagination ist stronger than reality. So I stick to the story of Boujir Abdullah Rahmani and I just love drinking tea out of my new baby from the desert. No doubt, I can feel the spirit of the prince and the Sahara, too, you know.

Weshalb es das Polit-Forum Käfigturm braucht

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Womöglich gedeihen schlechte Ideen in dieser garstigen Jahreszeit besonders gut: So wollte ein Zürcher Medienkonzern vor genau sieben Jahren die Traditionszeitung „Der Bund“ einstellen. Unsere Antwort damals war die Kampagne „Rettet den Bund“.

Vor genau drei Wochen entschied die Bundeskanzlei, dass sie das Polit-Forum Käfigturm in Bern schliessen will. Ich war just bei der Bekanntgabe im Käfigturm und glaubte zunächst, mich verhört zu haben. Und dann gab ich den adaptierten Mörgeli: „Sind die eigentlich vom Affen gebissen?“

Das Polit-Forum Käfigturm ist kein elitärer Kulturtempel. Dort wird Politik und Geschichte vermittelt – anschaulich, konkret und klug aufgebaut. Die Ausstellungen überzeugen auf hohem Niveau, die Räumlichkeiten, ausgestattet mit viel Ambiente, werden aber auch fast täglich für Podien, Medienkonferenzen und andere Veranstaltungen genutzt. Ich durfte sie auch schon für eine Buchvernissage mieten.

Die Angebote des Käfigturms werden rege genutzt – gerade von zahllosen Schulklassen aus der ganzen Schweiz. Drei Jahre lang waren die Büros meiner Firma direkt nebenan und so konnte ich das Kommen und Gehen aus der Nähe beobachten. Was mir dabei immer wieder auffiel: der Gesichtsausdruck der Besucherinnen und Besucher. Menschen, die sich lieber die Kuppelshow „Der Bachelor“ anschauen, gucken anders in die Welt.

Der Besuch im Polit-Forum regt zum Denken und Diskutieren an. Es geht um politische Bildung, die an den Schulen seit Jahren nur noch kümmerlich vermittelt wird. Und jetzt wollen Rotstift-Gauchos diese Institution auf Ende 2016 schliessen! Das ist kurzsichtig und, mit Verlaub, einfach nur dumm. Die Hauptstadtregion Schweiz muss gestärkt werden. Bern braucht eine Institution wie das Polit-Forum, um die Akteure zusammenzuführen.

In Fronarbeit habe ich die letzten drei Wochen zusammen mit Walter Stüdeli, einem Berufskollegen, in langen Nachtstunden eine Kampagne entworfen. Sie heisst: „Rettet den Käfigturm“. Knapp 20 Persönlichkeiten sind bislang im Co-Präsidium des Komitees vertreten, z.B. Peter Stämpfli, Roger Blum, Steff La Cheffe, Röbi Koller und die beiden Berner Ständeräte Werner Luginbühl und Hans Stöckli, das Sujet kreierte Claude Kuhn, die Website von Andi Jacomet ist seit heute früh online.

Mit einer Online-Petition wollen wir sensibilisieren und Druck aufbauen. Die Aktion „Jeder Rappen zählt“ war gestern, jetzt gilt: Jede Unterschrift zählt. Danke fürs Verlinken, Weitersagen und Mitkämpfen.

Das Polit-Forum Käfigturm muss erhalten bleiben – weil es die Demokratie stärkt.

Die Rettungsaktion zugunsten der Zeitung „Der Bund“ hatte womöglich einen Einfluss auf die Entscheidung der Tamedia; sie wird weiterhin herausgegeben. Hoffen wir, dass es das Polit-Forum Käfigturm auch in sieben Jahren noch gibt. In der jetzigen Form.

 

P.S.   Weil das “Rettet-den-Bund”-Sujet von damals mit Kuno Lauener so viele Emotionen weckte, zeigen wir es hier noch einmal:

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We are not afraid – wir bleiben frei!

Die Terror-Anschläge von Paris und Beirut haben mich mit 24 Stunden Verzögerung unvermittelt zu Boden geworfen, seit Samstagabend schmerzt mein Körper. Ich bin sprachlos, also schreibe ich die Gedanken nieder, die mir durch den Kopf schiessen. Sie müssen raus, und nein, das wird für einmal keine luftig-leichte Geschichte.

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Weit nach Mitternacht, der Bundesplatz in Bern ist leer und verlassen, Hunderte von Kerzen flackern im Dunkeln, viele davon schwächlich, irgendwo mache ich die Form eines Herzens aus – Zeugen der Solidarität. Stille. Das Bild, das sich hier präsentiert, beruhigt. Trotzdem hat es etwas Gespenstiges.

Unvermittelt rücken andere Bilder in den Vordergrund: Vor elf Jahren wurde dieser Platz eingeweiht, an einem herrlich warmen Abend im August wars. Nach den Konzerten installierte sich ein DJ auf der Bühne und legte los. Hunderte von Menschen feierten bis tief in die Nacht hinein. Ein Silberfuchs, etwas steif in den Hüften, tanzte neben Teenagern, Asiatinnen auf der Durchreise neben einem stadtbekannten SVP-Mitglied, Korpulentere neben Schlaksigen, Leute mit teuren Markenkleidern neben solchen mit ausgetragenen Klamotten. Das Set war grandios, die Stimmung ausgelassen, in den Gesichtern widerspiegelte sich Fröhlichkeit.

Wir stehen vor einem neuen Krieg gegen „das Böse“. Der französische Präsident François Hollande braucht martialische Worte, er kann gar nicht anders, sonst ist er politisch erledigt. Die Schläge gegen Terrorzellen in Syrien, Jemen, Irak und anderswo werden Unsummen verschlingen. Bei Lichte betrachtet kann sich Frankreich diesen Krieg gar nicht leisten, schlingert es doch wirtschaftlich schon seit vielen Jahren gefährlich. Und wenn schon: Anderswo wäre dieses Geld besser investiert. In den Banlieus der französischen Grossstädte hocken zahllose Junge, es sind Kinder und Grosskinder von Migranten aus dem Maghreb und anderen arabischen Ländern, ohne Job, ohne Perspektiven. Ihre Tage sind unendlich lang und langweilig. Das bildet den Nährboden für ihre Radikalisierung. Hunderte von ihnen wurden Dschihadisten, kämpften im Irak und in Syrien und leben nun wieder in Frankreich oder Brüssel.

Die Vergeltungsschläge werden das Gegenteil von dem bewirken, was die hilflosen Politiker versprechen. Die jüngste Geschichte zeigt es in gnadenloser Klarheit: Die Operationen gegen die „Achse des Bösen“, welche die USA und ihre Verbündeten seit 9/11 führen, haben den Nahen und Mittleren Osten destabilisiert, der Bevölkerung im Irak geht es heute schlechter als zu Saddam Husseins Zeiten, nach dessen Sturz wuchs wegen des Machtvakuums die Terrormiliz des sogenannten „Islamischen Staats“ heran, auch Afghanistan ist in einen hoffnungslosen Strudel geraten. Laut Kollegen, die dort arbeiteten, haben die „Internationals“ trotz starker Präsenz und zig Milliarden nichts zustande gebracht. Kein Wunder, sind viele Menschen nur noch von einem Gedanken beseelt: Sie wollen weg, koste es, was es wolle. Viele ziehen Richtung Europa los. Seit ein Dschihadist auf der Balkanroute geortet wurde, stehen alle Flüchtlinge unter dem Generalverdacht, Terroristen zu sein. Scharfmacher vergiften das Klima, der Hass gedeiht, die Auftragsbücher der Rüstungskonzerne füllen sich, die Gewaltspirale dreht sich stetig, Parteien, die Probleme bewirtschaften statt angehen, werden weiter Zulauf haben.

Wenn nachts die Banden und die Angst regieren

Mehr als ein Jahr lang bereiste ich Lateinamerika, eine Phase, die mich reich mit Begegnungen und Erfahrungen beschenkte. Viele Städte sind dort nachts wie leergefegt, wer sich dann bewegen muss, nimmt ein Taxi. Ich erinnere mich an Santa Ana in El Salvador: Beim Einchecken in einer Posada erklärte mit der Besitzer, ein Hüne von einem Mann, was Sache ist: „Nach 20 Uhr öffne ich die Eingangstüre nicht mehr, wenn du zu spät bist, kannst du rufen und klopfen wie du willst, es ist mir egal. Santa Ana ist tagsüber eine hübsche Stadt, nachts regieren die Banden in den Strassen. Wer dann noch draussen ist, riskiert sein Leben.“

Ich entgegnete: „Und weshalb kämpft ihr nicht dagegen an? Macht Demonstrationen, immer am selben Wochentag, abends, dann, wenn es gefährlich wird. Wenn Hunderte von Menschen durch die Strassen ziehen, sind sie sicher und ziehen noch mehr Leute an. Das wäre ein starkes Signal und ihr lockert schliesslich sogar das Korsett, abends festzusitzen.“

Der Hüne blickte mich lange schweigend an. „Gringo“, sagte er schliesslich, „du vergisst etwas: Wir haben Angst, grosse Angst.“

In vielen Städten Lateinamerikas konnte sich die Angst festsetzen. Das darf in Europa nicht passieren, wir müssen sie so schnell als möglich überwinden, die Normalität zurückgewinnen, an Konzerte und in Fussballstadien gehen, tanzen. „We are not afraid.“ Wir sind frei und leben in aufgeklärten Ländern.

Den Brandstiftern unter uns treten wir anständig, aber resolut entgegen. Die Solidaritätsbekundungen der letzten 48 Stunden waren der Anfang. Und so soll es weitergehen: Dabei ist unser Tun geprägt von Respekt, Toleranz und Menschlichkeit. Jetzt erst recht. Mit Gutmenschentum hat das nichts zu tun.

So, jetzt geht es mir wieder besser.


Weitere Texte zum Thema:

Scharfmacher predigen noch mehr Gewalt (Heiner Flassbeck, Watson, 17.11.2015)
Der Mann, der in Paris seine Frau verlor (Martina Meister, Tages-Anzeiger, 10.05.2016)

Schawinski, Michael Hermann und Bügelhilfe Balsiger

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Mit 12 war er mein Held, weil er uns mit Pop-Musik – unserer Musik! – versorgte. Vom Pizzo Groppera aus, 24 Stunden am Tag, das „Phone in“ mit Jürg Hofer und Dani Ambühl, jeweils samstags tief in der Nacht, war für mich das höchste aller Radiogefühle. Nicht einmal “Sounds”, die eine Stunde pro Tag mit François Mürner, die Mutter SRG vor 1983 mit unserer Musik erlaubte, konnte das “Phone in” toppen.

Mit 20 schrieb ich Roger Schawinski einen zweiseitigen Brief. Ob er das „Hofstatt Festival“ in Brugg (AG), das ich mit Freunden aus dem Boden stampfte, auf der Frequenz von Radio24 live übertragen wolle, fragte ich ihn. Eine Antwort blieb aus, und ich war enttäuscht.

Mit 48 sass ich ihm gegenüber. Am letzten Montag wars, abends um 23 Uhr. In irgendeinem Studio im Leutschenbach. Zusammen mit Politgeograf Michael Hermann analysierte ich bei „Schawinski“ die Wahlen.

Schawi ist auch aus der Nähe ein Phänomen: Sobald die Kameras laufen, sprintet er los wie ein Gepard auf der Jagd, schlägt Hacken, rudert mit den Händen, wackelt mit dem Kopf, in seinem Gesicht wetterleuchtet es. Er springt von einem Thema zum nächsten, Hermann ist ihm dicht auf den Fersen, ich keuche hinterher. Mein einziger Gedanke – immer wieder: „Ich will meine Sätze beenden! Ich will einfach meine Sätze beenden! Sei knapp und präzis! Sprich verständlich!“ Bereits bei einem ultrakurzen Zögern fährt Schawinski sofort dazwischen, und schon sind wir wieder anderswo, mein Argument bleibt in der Steppe liegen.

Etwa die Hälfte meiner Sätze bringe ich zu Ende.


Gestern schrieb mir via Twitter eine Frau, die ich nicht kenne. Sie habe uns zugeschaut und dazu ihre Wäsche gebügelt. Ich antwortete nur mit einem Wort und einem Satzzeichen: faltenfrei?

P.S.  Im “Club” von SRF wäre das Sprechdenken erlaubt. Die Idee “Bügelhilfe Balsiger” bleibt auf der Liste.