From Berne to Iran by bike – 50 pictures

Ever since I turned 20 I have got a «bucket list». It keeps me focused on what I really want to do in my life. While cycling to North Cape in summer 2016 the idea of a bike trip to Iran developed and eventually became a plan. I told myself: «One day I will go for it!» This «one day» came at the end of May 2022 as I hopped on «Yellow Jeff» and headed off.

A few days ago I returned to Switzerland.

Behind me:
– 12 countries
– 5200 kilometres
– 62’000 metres in elevation gain

These are just figures. What counts are the experiences, the joys and pains while heading east.

Fews things are as rewarding as bikepacking, #ToTehran2022 is my very own roadmovie. (I missed out on Tehran due to a heatwave and moved on from Tabriz to Türkiye instead.)
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 👉 👉 👉 For the German speakers among you: I published a number of little stories about my trip. For example here. You find all of them in the sidebar on the right hand side. 

Schöner Iran, schwieriger Iran

Zehn Minuten nachdem ich die armenisch-iranische Grenze passiert habe, bin ich schon Multimillionär. Eine Million Rial entspricht etwa drei Schweizer Franken. Ich kriege mehrere dicke Bündel in die Hand gedrückt, und die vielen Banknoten fühlen sich unangenehm an. Ich verteile sie auf alle Gepäckstücke und radle los.

Wenige Minuten später meldet sich der Darm, doch ich habe Glück: Wie durch eine kleine Fügung taucht eine öffentliche Toilette auf. Sie ist sauber, ich übe mich in der Kauertechnik und muss grinsen: «Kaum bin ich im Land der Mullahs angekommen, muss ich schon pfunden!»

Wie ich mir vor dem Häuschen die Hände mit Seife wasche, werde ich von einem Mann in meinem Alter angesprochen. Sein Englisch ist fliessend, er ist neugierig und lädt mich nach Täbris ein, wo er wohnt. «Ich nehme den Weg über die Berge und brauche wohl drei Tage bis dorthin», erkläre ich ihm. Hossein nickt, tippt seine Handynummer in mein Sklavengrätli und fährt mit seinen Angehörigen davon. Schon steht ein Trio vor mir – drei Frauen –, und lädt mich zu sich nach Hause ein. Wieder nach Täbris.

Der chaotisch organisierte Grenzübergang, die schmierigen Geldhändler, der Einkauf von Brot und Tomaten, die Einladungen – ich bin verwirrt und überfordert. Also nichts wie weg in die Berge.

Ich schwinge mich auf «Yellow Jeff», alsbald ist Nordooz, dieser charmefreie Ort an der Grenze, hinter den Hügeln verschwunden. Ich steige ab, tausche die langen Hosen gegen Shorts aus und kurble weiter. Die Landschaft ist karg, die Sonne brennt, das einzige Geräusch, das ich die nächsten Stunden höre, ist mein Schnaufen.

In der Abenddämmerung tauchen die Felder und Berge in verschiedene Farben. Ich setze mich an den Strassenrand und schaue dem Naturspektakel hingerissen zu.

Auf dem Hof einer Bauernfamilie darf ich campieren. Der Vater zeigt mir die Wasserquelle und die Toilette, dann stelle ich das Zelt auf, währenddessen die Kinder im Gras sitzen und mir aufmerksam zuschauen. Als ich am Essen bin, kommt der Vater vorbei und bringt mir frisches Gemüse.

Ich liege im Schlafsack – es ist inzwischen Nacht geworden –, und will den Tag Revue passieren lassen. Da huscht plötzlich ein Lichtkegel durchs Dunkel. Der älteste Junge steht mit Taschenlampe und Handy als Übersetzungshilfe vor meinem Zelt. Er will sich mit mir unterhalten, ich möchte schlafen. Wir finden einen Kompromiss.

Achtzehn Stunden später rolle ich im Schritttempo durch Arzil, ein anderes Dorf in den Bergen. Es liegt da wie ausgestorben, die wenigen Geschäfte sind verriegelt, ich finde keinen einladenden Platz zum Zelten. «Eine Null-Nummer», brumme ich und fahre enttäuscht weiter.

Etwas ausserhalb sitzen ein paar Männer im Schatten der Bäume und trinken Tee. Sie winken mich herbei. Ich setze mich zu ihnen auf die Decke, kriege Früchte und später ein leckeres Znacht. Meine Gastgeber sind sehr aufmerksam: Nachdem ich den Zucker im Tee mit dem Griff der Gabel gerührt habe, stecken sie mir beim Nachschenken diskret einen Löffel zu. Sie selber brauchen keinen, weil sie eine andere Technik anwenden: Den Würfel klemmen sie zwischen die Zähne und setzen dann das Teeglas an. So rinnt das Getränk bei jedem Schluck leicht gesüsst die Kehle herunter.

Mithilfe einer App reden und diskutieren wir stundenlang. Sie stürzt immer mal wieder ab oder übersetzt offensichtlich falsch, was uns zuweilen zum Lachen bringt. Die Atmosphäre ist entspannt, mir ist es wohl in dieser grünen Oase, die harten Stunden bergauf sind vergessen. Die Infrastruktur ist schlicht, aber funktional, hinter den Bäumen rauscht ein Bach talwärts. Junis und seine Frau verbringen jeweils den Sommer hier, weil das Klima viel angenehmer ist als in der Grossstadt. Hier bewirten sie Mitglieder ihrer weitverzweigten Sippe und Gäste wie mich.

«You are ivited» – immer wieder 

Wenn ich über die Strassen brettere, halten gelegentlich Autos, und ich kriege Früchte, Gebäck oder Getränke geschenkt. Die Übergaben geschehen ratzfatz, zuweilen gibt es noch schnell ein Foto – «Instagram? Instagram!» –, nach zwei Minuten ist der Spuck vorbei. In Restaurants passiert mir dasselbe – «you are invited!», zuweilen auch in den kleinen Geschäften, wenn ich ein Getränk kaufen will. Dazu kommen die Einladungen zum Essen und Übernachten.

Die Menschen in der nordwestlichen Ecke des Irans sind ausgesprochen aufmerksam und gastfreundlich, egal ob sie Türken, Kurdinnen, Perser oder Aserbaidschanerinnen sind. Gastfreundschaft ist etwas Schönes, in der Schweiz sollten wir uns eine Scheibe davon abschneiden.

Trotz spektakulärer Natur und der grossen Empathie der Menschen war ich meistens bedrückt, weil die Leute bedrückt sind. Eine schwere Decke liegt auf ihnen, sie leiden. Der Vielvölkerstaat ist ein Land in Moll. Wenn immer wir ins Gespräch kamen, stellten sie eine Frage mit Sicherheit: «Wie denkt ihr über uns?» Die Eindringlichkeit, wie diese Frage adressiert wurde, erlebte ich bislang nur im Kolumbien der Neunzigerjahre, das damals im Würgegriff von Guerilla und Paramilitärs war.

Natürlich redeten wir in überschaubaren Runden über Politik. Die Leute haben sich arrangiert mit Überwachung, Einschränkungen und dem «Filter», wie sie es nennen. Die Mehrheit der Bevölkerung ist nach der islamischen Revolution von 1979 zur Welt gekommen, sie kennt nur dieses System. Die reiferen Semester mussten schon das repressive Regime des Schahs erdulden, es war keinen Deut besser. Viele Menschen hadern mit ihrer Situation, so meine subjektive Einschätzung.

Nehmen wir das Beispiel von Yusuf, wie er hier heissen soll. Er ist 31 Jahre alt, Kurde und promovierter Agrarwissenschaftler. Jetzt verkauft er im Dorfladen seiner Eltern Zwiebeln, Waschmittel und Schleckzeugs. Er ist frustriert, möchte etwas erreichen in seinem Leben und denkt an Flucht. Hundertausende haben sie schon hinter sich, der Braindrain ist enorm. Ein Freund sei im Mittelmeer ertrunken, erzählt Yusuf. Für einen Moment wird sein Blick leer.

Ich empfehle ihm, intensiv Englisch zu lernen und sich dann im Netz nach einem Job aus seinem Bereich zu bemühen, am besten in den Niederlanden. Dort hat die Landwirtschaft einen höheren Stellenwert als in anderen Ländern Europas, zugleich sind sie innovativ und offener.

Wieder auf dem Fahrrad wird mir bewusst, wie hilflos mein Ratschlag war. Das Leben ist verdammt beschissen, wenn man auf seiner Schattenseite geboren wurde.

A little language lesson with Julia

Julia ist neun Jahre alt. Ich habe sie in Nikšič (phonetisch: Nikschitsch), einer Stadt in Montenegro, kennengelernt. Ihre Eltern führen dort ein kleines Hostel, das Charme und Ambiente hat.

Das Mädchen ist neu- und wissbegierig, keck und selbstbewusst. Als ich mit dem Fahrrad ankam, war sie die Erste, die mich begrüsste – per Handschlag und auf Englisch.

Wir verstanden uns auf Anhieb. Julia mag Sprachen, so wie ich auch. Also setzten wir uns in die Küche und machten eine kleine Lektion. So repetierten wir etwa zusammen die Wochentage. Zunächst auf Englisch für sie, dann auf Serbisch für mich. Beide kamen wir einmal ins Stolpern.

Ihr Vater filmte uns und hätte eigentlich auf Deutsch ergänzen sollen, getraute sich dann aber doch nicht.

Beim Abschied sagte mir Julia, dass sie vom nächsten Jahr an Deutsch lernen will. Kinder sind oft sprunghaft, Julia traue ich zu, dass sie sich dahinter klemmt.

PS:
Ja, das ist ein «Jöö»-Video, und ich bin mit dem Thema Kinderbilder und -videos vertraut. Julia und ihre Eltern haben ausdrücklich zugestimmt, dass es hier hochgeladen wird.

Die Idee begann in einer Bibliothek zu reifen

Als ich die Anwaltskanzlei verlasse, klebt mir das Hemd am Leib. Die Luft flirrt an diesem heissen Tag, aber ich gehe wie auf Wolken. Im Garten des Restaurants «Gotthard» in Brugg (AG) bestelle ich ein Glas Weisswein und fühle mich grossartig. Ein ehemaliger Pfadikollege hat den ganzen Papierkram für mich erledigt, jetzt bin ich Inhaber einer Kommunikationsfirma. Das war heute vor 20 Jahren. Der Tagebucheintrag ist knapp: «Die Chancen stehen bei 50 Prozent. Pack sie!!!»

Diese 20 Jahre waren manchmal Rock’n’Roll und manchmal Blues; längst nicht alles entwickelte sich so, wie ich wollte. Manchmal hatten wir zu wenig Büez, manchmal zu viel, Work & Life gerieten zuweilen aus der Balance, in den ersten Jahren getraute ich mich nicht, Ferien zu machen. Die langen Velotouren ans Nordkap (2016) und in den Iran (aktuell, noch bis Ende September) sind letztlich Kompensationen dafür. Einmal spielte ich gar mit dem Gedanken, meine Firma zu verkaufen, um endlich einen eigenen Roman schreiben zu können.

Wenn ich auf 20 Jahre Border Crossing zurückblicke, bin ich erfüllt von grosser Dankbarkeit, Freude und auch etwas Stolz. Die Idee der Selbständigkeit begann in der Bibliothek der Universität Cardiff zu reifen. Dort verbrachte ich viele Abende und zuweilen halbe Nächte. (Die Bibliotheken der britischen Unis sind rund um die Uhr zugänglich.) Sie liess mich nicht mehr los.

Würde ich, nach all den Erfahrungen und Fehlern, die ich gemacht habe, den Schritt in die Selbständigkeit wieder wagen? Auf jeden Fall.

Das eigene Ding durchzuziehen beflügelt und manchmal sorgt es für schlaflose Nächte. Beides braucht es. Als Kleinunternehmer bin ich mutig und unkonventionell, in finanzieller Hinsicht allerdings konservativ. So blieb das Aktienkapital immer unangetastet – für schwierige Zeiten. In der Schweiz gibt es prozentual weniger Selbständige als anderswo, das Sicherheitsdenken ist gross, die Angst vor dem Scheitern noch grösser. Das ist schade.

Meilensteine waren die drei Bücher, die ich schrieb, und das vierte, das ich 2020 während der Coronazeit herausgab. Eine Herzensangelegenheit war mir die Rettung der Tageszeitung «Der Bund», die wir 2008/2009 zu unserer Aufgabe machten, und die Rettung des Politforums Käfigturm in Bern, die ich 2015/2016 zusammen mit einem Berufskollegen initiierte und vorantrieb. Beide Projekte waren pro bono.

Zu derselben Kategorie, allerdings bezahlt, zählt 2017/2018 der Kampf gegen «No Billag», der episch lange dauerte. Dass dieselben traurigen Figuren bereits ein zweites Mal mit einer vergleichbarer Volksinitiative kommen, zeigt, was sie von klaren Volksentscheiden halten. Ihre Absicht ist klar: Nach der Halbierung des öffentlichen Rundfunks wollen sie ihn in einem zweiten Schritt ganz zerstören. Der Widerstand gegen «No Nillag 2» ist bereits gebündelt: Im letzten Winter habe ich zusammen mit der Bewegung Courage Civil die Allianz «Pro Medienvielfalt» lanciert. Sie wird zum Bollwerk gegen diese brandgefährlichen Attacke aus der libertären Ecke.

20 Jahre Selbständigkeit sind wie im Flug vergangen. Menschen, die mir wichtig sind, haben sie möglich gemacht.
– 🙏  Mein Dank geht an Beatrice, Manuela, Mathias, Thomas und Aline, die in meiner Firma Spuren hinterlassen haben. Sie haben kritisch, initiativ und mit Schwung mitgewirkt, nie musste ich sie antreiben.

– 🙏  Ich danke den Gspändli aus unserem Netzwerk, mit denen wir seit Jahren eng zusammenarbeiten. Mit ihnen läuft es rund, sie bringen Ideen und Inputs ein, und deshalb werden unsere «Produkte» schliesslich besser. Dieser Kreis vergrössert an Cracks vergrössert sich stetig.

– 🙏  Sie kamen mit einer Herausforderung auf uns zu und wurden zu Auftraggeberinnen und Auftraggeber. Viele von ihnen haben das wiederholt getan. Ihnen danke ich herzlich für das Vertrauen, das partnerschaftliche Kneten an einer Aufgabe und die Honorare.

Im 21. Jahr der Border Crossing AG ist alles im Fluss und ich bin ab dem 1. Oktober wieder im Büro. Was bleibt, ist unser Credo: Knowhow, Herzblut, Pfiff.

Unsere Disziplinen sind Medienarbeit, Krisenkommunikation, strategische Kommunikation und Auftrittskompetenz/Rhetorik. Gelegentlich machen wir auch Abstimmungs- und Wahlkampagnen. Ein Drittel der Aufträge stammt aus dem politischen Umfeld, Referenzen gibt’s hier. Dieser Werbespot musste zur Feier des Tages sein!

Und wie feiere ich dieses 20-Jahr-Jubiläum? Allein und ganz still, irgendwo in den Bergen Armeniens, mit dem Velo, aber ohne Weisswein. Ich werde mich heute für eine Stunde in den Schatten eines Baumes setzen und auf die Abenteuer meines «Budelis» zurückschauen.

Sujet:
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Die Bakschisch-«Nummer» musste ja einmal kommen

Kein Lüftchen weht, kein Hund liegt faul im Schatten, nichts bewegt sich. Stille. Im Schritttempo rolle ich auf den Schlagbaum zu, steige ab und stosse «Yellow Jeff» bis zum grauen Häuschen. Die Scheibe ist verspiegelt, ich sehe nichts, also warte ich und beginne, mich auf eine längere Pause einzustellen.

Da plötzlich blafft eine Männerstimme aus dem Häuschen: «What’s this?» Ich erschrecke. Eine Hand wird sichtbar. Sie zeigt auf den Holzstecken, den ich über der gelben Gepäcktasche angeschnallt habe.

«I defend myself with this wooden stick against aggressive dogs», antworte ich, immer noch etwas verdattert. Tatsächlich habe ich zu Beginn meiner Velotour das Hervorziehen des Steckens geübt. Wenn mich Hunde attackieren, muss es schnell gehen. In der Regel reicht eine drohende Geste.

Der Grenzbeamte scheint zufrieden zu sein mit meiner Antwort. Dann stösst er nach: «Do you have a licence to ride your bicycle?» Ich vermute, dass er die Velonummer meint und schüttle den Kopf. «Not anymore. The politicians in Switzerland abolished this system.»

Jetzt wird seine Stimme wieder laut und schneidend: «In Bulgaria you need to have a licence for your bicycle!»

«Irgendeinmal musste die Bakschisch-Nummer ja kommen», denke ich verdrossen und presse die Lippen zusammen. Ich habe mir keine Gedanken gemacht, wieviel ich zu bezahlen bereit wäre, um die Grenze passieren zu dürfen.

Der Grenzer hat mich in der Hand: Wenn er will, bleibe ich auf der nordmazedonischen Seite, bis seine Schicht vorbei ist. Oder ich schmiere ihn und seinen Kollegen, der trotz des Ventilators schwitzt.

«The licence is 100 Swiss Francs!» Der Zöllner hat inzwischen das Fenster geöffnet.

Ich ziehe die Augenbrauen hoch. Da zwinkert er mit den Augen.

Ich zwinkere zurück: «Cash or creditcard?»

Wir müssen beide lachen.

Ein Wort gibt das andere, und wir verstehen uns prächtig. Er hat nichts Besseres zu tun, als mit mir zu plaudern, ich muss bloss nach Petritsch, der ersten Stadt in Bulgarien, radeln. Der Beamte erzählt, dass seine 23-jährige Tochter eben in die Schweiz gereist sei, um dort während der Sommersaison in einem Restaurant zu arbeiten.

Dann zieht er ein Blatt Papier hervor und beginnt, ein Krokki zu zeichnen: den Weg nach Rupite, etwa 15 Kilometer von Petrisch entfernt. Dort habe es heisse Quellen, ich müsse sie unbedingt ausprobieren, das Wasser sei heilend, erklärt er. Er kritzelt weitere Details aufs Papier und wiederholt: ich müsse dorthin!

«Why do you want me to go there so badly?», frage ich. Dann schnuppere ich übertrieben hörbar an meinem verschwitzten Leibchen. «Do I smell that strong?»

Er nickt.

Wieder müssen wir beide lachen. Ich packe das Krokki in die Lenkertasche, «fäustle» mit dem Grenzer und trete in die Pedale.

PS:
Abends bin ich tatsächlich nach Rupite gefahren und habe mich 20 Minuten ins warm-heilende Wasser gelegt und dazu ein kaltes Bier getrunken. Das Bad tat gut, bloss: Nach der morgigen Etappe werde ich wieder stinken.

Carlito und Carmela in der Kartonkiste

Auf der Passhöhe mache ich Rast. In den Bergen Bulgariens gibt es eine Vielzahl von Hütten aus Holz, die mit robusten Tischen, Bänken und einer Feuerstelle ausgerüstet sind. Die meisten sind sauber und fliessendes Wasser haben sie auch. Hier können Touristinnen und Lastwagenfahrer picknicken oder eine Siesta machen.

Es ist kühl geworden im Wald, und zum ersten Mal auf dieser Tour musste ich die Ärmlinge anziehen. Nachdem ich «Yellow Jeff» parkiert habe, schlüpfe ich in eine Trainerjacke und lege mein Mittagessen auf einer Serviette aus. Es gibt dunkles Brot, Wurst, eine Banane, Aprikosen und Pflaumen.

Ich habe Hunger und lange zu, während die mächtigen Baumkronen sich leise im Wind wiegen. Plötzlich höre ich ein leises Rascheln aus der Ecke. Dort steht eine Kartonkiste mit der Aufschrift «Chio». Sie war vermutlich improvisiert für Abfall gedacht gewesen, bloss liegt dieser frei verstreut um die Kiste herum.

Da raschelt es wieder aus der Kiste, und ich höre ein Geräusch, das ich nicht zuordnen kann. Ein kleines spitzes Ohr mit schwarzen Haaren kommt zum Vorschein.

So beginnen Horrorfilme.

Ich zwicke mich kräftig in den Arm. «Autsch!» Das haarige Ohr ist immer noch dort.

Langsam stehe ich auf und nähere mich vorsichtig der Kiste. Da schnellt ein Katzenkopf aus der Kiste und das Tier faucht bedrohlich. Ich erschrecke und weiche zurück. Die Katze hat einen schwarzen Kopf und eine weisse Schnauze. Sie lässt keine Zweifel aufkommen, wo die Grenze für Fremde ist. Ich bleibe stehen, bewege mich nicht und atme flach.

Da taucht ein zweiter Katzenkopf auf, dann ein dritter. Die Neugierde der beiden Kätzchen war grösser, sie wollen auch sehen, was ihre Mutter enerviert. Nach ein paar Sekunden verlieren sie das Interesse und verknäulen sich wieder ineinander.

Ich setze mich und esse weiter. Die Katzenmutter beginnt, mit ihren Jungen zu spielen. Dazwischen leckt sie sie mit ihrer rauen Zunge fürsorglich ab. Irgendeinmal hat sie genug von den Kleinen, die nicht müde werden, sich zu balgen, und richtet sich auf. Mit einem eleganten Satz lässt sie die Kartonkiste hinter sich. Dann dehnt und streckt sie sich ausgiebig. Grazil und ohne Scheu läuft sie an mir vorbei, ohne mich weiter zu beachten und erkundet die nähere Umgebung. Ganz offensichtlich geht sie davon aus, dass ich keine Gefahr mehr für ihre Jungen darstelle.

Kaum ist die Katzenmutter verschwunden, setze ich mich neben die Kartonkiste und kraule die Kleinen. Beide sind gut genährt und unendlich knuffig. Ich taufe sie Carlito und Carmela.

Carlito ist schwarz, nur Schnauze und Halspartie sind weiss. Er versucht immer wieder, auf die Hinterbeine zu stehen, verliert aber das Gleichgewicht und purzelt auf die Seite. Carmela hat ein weisses Fell mit einigen schwarzen Flecken. Sie findet es lustiger, auf ihren Bruder zu klettern und ihm in den Rücken zu beissen. Meine Hände, die abwechselnd mit den Kätzchen spielen und sie dann wieder streicheln, finden sie als Abwechslung ganz okay.

Was hier vor ein paar Stunden oder Tagen passiert ist, liegt auf der Hand: In beide Richtungen der Passstrasse gibt es auf 25 Kilometer keine Häuser, so weit weg entfernt sich keine Katzenmutter zum Werfen. Das Trio wurde ausgesetzt.

Es wiederholt sich vorab zu Beginn der Sommerferien: Haustiere werden den Menschen überdrüssig und schliesslich auf Autobahnraststätten oder im Wald kaltherzig ausgesetzt. Laut dem Schweizer Tierschutz werden jedes Jahr etwa 20’000 wieder aufgegriffen und in Tierheime oder Aufnahmestationen gebracht. Wie viele Tiere vorher umkommen oder verwildern, ist nicht bekannt.

PS:
– Natürlich dachte ich darüber nach, die Katzenfamilie bis ins nächste Dorf, zu einer Bauernfamilie, zu bringen. In einer Sacoche hätte ich genug Platz schaffen können. Die Kleinen hätte ich problemlos einpacken können, die Mutter hingegen hätte sich vermutlich heftig gewehrt.

– Die Raststätte, die ich hier zeige, ist nicht identisch mit derjenigen des «Tatorts», zwischen den beiden liegen etwa zehn Kilometer.

– Auf Instagram folgte ich während Jahren einem Bikepacker aus Belgien auf seiner Weltreise. Unterwegs war ein Kaninchen so zutraulich geworden, dass er es schliesslich mitnahm. Das Duo wurde unzertrennlich und das Kaninchen überall, wo der Radler stoppte, mit viel Aufmerksamkeit und Streicheleinheiten eingedeckt.

Vergesst Netflix, das Dorfkino Moglicë ist besser

Velorennfahrerinnen und Gravelbiker hätten ihre helle Freude an dieser Stecke: Die Strasse ist in einem ausgezeichneten Zustand, das Gelände kupiert, die Steigungen sind knackig. Einmal sind es 50, dann 100 oder noch mehr Höhemeter, die man mit Schwung bewältigen kann. Die Verkehrsingenieure haben oft 10 bis 30 Meter tiefe Schluchten durch die Felsen bauen lassen. «Es fägt», würden richtige Berner sagen.

Für mich ist eine Mühsal: «Jellow Jeff» allein ist 24 Kilogramm schwer, dazu kommt das Gepäck und mein Eigengewicht. Meistens kurble ich im ersten Gang bergauf, komme nur langsam voran und muss keuchen. Der innere Schweinehund hockt auf meiner linken Schulter und flüstert: «Hey, weshalb quälst du dich?» Ich konzentriere mich auf die Berge Albaniens und den riesigen Stausee, der nicht enden will.

Das Wasserkraftwerk, das die norwegische Firma Statkraft vor zwei Jahren ganz in der Nähe fertigstellte, produziert pro Jahr 450 Gigawattstunden. Albaniens Premierminister Edi Rama streicht die Versorgung mit erneuerbaren Energien hervor, doch die vielen Projekte für Wasserkraftwerke im Westbalkan stossen auch auf massive Kritik

Doch zurück zu meiner Etappe: Das Thermometer zeigt 36 Grad, auf der App steht irgendwo diskret in gelber Schrift: «Gefühlt 41 Grad». «Ihr Wetterfrösche habt ja keine Ahnung!», knurre ich halblaut als ich wieder in einer Schlucht bergauf strample. Die Sonne brennt von oben, von unten und den Felswänden her reflektiert die Wärme. So muss sich das Güggeli im Backofen fühlen.

Am Rand eines Städtchens entdecke ich eine Beiz unter alten Bäumen, direkt neben einem rauschenden Bach, der Wind kühlt. Das Ambiente gefällt mir, und ich lasse mich auf einen Stuhl fallen. Es ist nach 14 Uhr. Ich bin der einzige Gast und die Gerantin, schüchtern wie sie anfänglich ist, lässt ihren etwa zehnjährigen Sohn für sie übersetzen. Dann verschwindet sie in der Küche und ich höre, wie ein Messer routiniert und in hohem Tempo auf das Schneidebrett trifft. Fünfzehn Minuten später habe ich einen griechischen Salat (erstklassig) und eine grosse Portion Spaghetti mit Tomatensause vor mir. Dazu eine grosse Flasche Wasser und ein Süssgetränk.

Ich bin satt und zufrieden, der Kampf im Backofen ist eine Randnotiz. Im Barbershop neben der Beiz gönne ich mir eine Nassrasur und kriege am Schluss einen kräftigen Spritzer Eau de Cologne auf Backen und Hals. Ich muss grinsen: Oben riecht es gut, von den Schultern abwärts kleben die verschwitzten Kleider an meinem Leib. Ich radle los und geniesse es, ab und zu eine Nase voll des Kölnisch Wassers einzuatmen. Zehn Minuten später hat es sich verflüchtigt.

Die Schatten sind länger geworden, ich kurble in gemächlichem Tempo durch die Landschaften und geniesse das Panorama. Kein Motorengeräusch zerreisst die Stille. Die Bauern werken auf den Feldern, die Schäfer winken, wenn ich an ihnen vorbeifahre. Unterwegs pflücke ich wilde Mirabellen und stopfe sie in meinen Mund, was jedes Mal wie ein Zuckerschub wirkt.

Die grösste Hitze ist gebrochen, als ich in einen Canyon einbiege. Rechts von mir gurgelt ein Bach talwärts, die Felsen sind zuweilen rot, es sieht aus wie im Wilden Westen.

Es ist Abend, als ich in Moglicë vom Velo steige. Auf dem Dorfplatz spielen die Kinder, und natürlich sind sie sofort neugierig, wer dieser Fremde mit dem riesigen gelben Göppel ist. Den vorwitzigsten Buben, vielleicht sechs Jahre alt, schwinge ich auf den Sattel, und er findet das nach ein paar Sekunden des unsicheren Balancierens ziemlich cool. Das Eis ist gebrochen, jetzt wollen die anderen auch.

Auf einem Mäuerchen sitzend, haben fünf Männer das unbeschwerte Treiben beobachtet. Ich winke ihnen zu, es den Kindern gleichzutun und eine Runde zu fahren. Sie schütteln den Kopf, also probiere ich es mit einem Schlüsselwort: «Birra?» Fünf Köpfe nicken. Im Tante-Emma-Laden nebenan kaufe ich sechs Dosen Bier. Beim Öffnen erklingt sechsmal ein metallenes Knacken, und wir prosten einander zu. Herrlich erfrischend – in der Bergluft und nach einem solchen Tag schmeckt es noch besser.

Ich setze mich vor die Männer auf den Boden. Sie schauen mich an, ich schaue sie an, und es ist nicht komisch. Es sind einfache Menschen, die in diesem Bergdorf leben. Sie halten Kühe, Schafe und Ziegen, und beim Hinfahren habe ich Kartoffeläcker gesehen. Wie ich nach einer Nacht im Zelt am nächsten Morgen feststellen werde, sind die Erwachsenen schon in der sechsten Stunde auf den Beinen. Sie nutzen die angenehmen Temperaturen, um zu arbeiten.

Ich beherrsche sechs Wörter Albanisch, meine neuen Kumpel können, wie sich herausstellt, «good» und «Where do you come from?» Das ist eine schmale Basis, aber wir finden einen Ausweg. Auf dem staubigen Boden zeichne ich den Weg, den ich mit dem Fahrrad hinter mir habe, auf, und nenne die Länder. Das interessiert sie. Pause – dann hat einer der Männer eine Idee: Wir sollen das Alter der anderen erraten.

Alle machen mit und schreiben jeweils verdeckt eine Zahl in den Staub, welches Alter wir der Person, die gerade im Zentrum steht, zuschreiben. So simpel dieses Spiel auch ist, wir machen eine theatralische Nummer daraus und amüsieren uns köstlich.

Urplötzlich wird es laut: Ein Esel trabt über den Dorfplatz. Er schleift ein sicher 20 Meter langes Seil hinter sich her. Ein Mann in Gummistiefeln rennt ihm schreiend nach, aber dieser hat offenbar keine Lust, eingefangen zu werden, vielmehr spielt er «Fangis» mit seinem Besitzer. Die Komik ist nicht zu übertreffen: Kinder, Männer und der Radfahrer aus der Schweiz müssen lachen. Leute, vergesst Netflix, das Dorfkino Moglicë ist besser!

 

PS:
Mein Wortschatz hat sich an jenem Abend um zwei Wörter vergrössert: Ich weiss jetzt, dass Gëzuar Prost heisst, und Gomar ist der Esel. Bei der nächstbesten Gelegenheit passiert es mir womöglich, dass ich die beiden Begriffe verkehrt herum anwende. Das gibt dann Stoff für ein neues Posting.

Midsommar in Montenegro

Die Kleinstädte an der Adriaküste Montenegros sind historisch und charmant. Bar ist die Ausnahme, hat dafür geostrategisch eine zentrale Bedeutung. Während des Kalten Kriegs nutzte die Sowjetunion den Hafen von Bar mit ihren Schiffen und hatte so Zugang zum Mittelmeer.

Während der Vielvölkerstaat Jugoslawien 1991 bis 1995 zerfiel, bildeten sich an seiner Stelle eigenständige Länder. Montenegro (übersetzt: Schwarzer Berg) musste sich zuerst schrittweise von der Schwesterrepublik Serbien und dem Regime von Slobodan Milošević loslösen, bevor es 2006 die Unabhängigkeit erlangte; das Volk sprach sich mit 55 Prozent Ja-Stimmen dafür aus.

2017 folgte ein weiterer Meilenstein in der Geschichte des Landes, das dreimal kleiner ist als die Schweiz und 14 Mal weniger Einwohner zählt: Montenegro wurde als 29. Mitglied von der Nato aufgenommen. Wer die Europakarte betrachtet, merkt schnell, weshalb ihr die Integration Montenegros so wichtig war. Moskau reagierte verärgert.

Bar hat aus einem zweiten Grund eine strategische Bedeutung: Von hier aus führt eine 476 Kilometer lange Eisenbahnlinie bis nach Belgrad. Die Strecke umfasst rund 250 Tunnel und ebenso viele Brücken. Bis zur Wasserscheide in den Bergen schraubt sie sich auf 1000 Meter über Meer und gilt als eine der attraktivsten Bahnlinien Europas. Sie war das teuerste Infrastrukturprojekt Jugoslawiens und ein Prestigeobjekt des Langzeitdiktators Josip Tito. Nach 25 Jahren Arbeit wurde es 1976 mit einem grossen Volksfest eröffnet.

Als Eisenbahnromantiker wollte ich diese Strecke natürlich kennenlernen. Das machte ich vor Wochenfrist – bis zur montenegrinisch-serbischen Grenze, abends fuhr ich zurück, «Jellow Jeff» und meine müden Müskeli kriegten einen Tag Pause.

Die Fahrt durch die Schluchten, Berge und Wälder ist spektakulär, die Panoramen sind atemberaubend, die Fensterscheiben dreckig. Die meisten Fotos, die ich machte, taugen deshalb nichts. Mehr als ein Ersatz ist dieses Youtube-Video.

Auf dem Rückweg von Bijelo Polje nach Bar bleibt unser Zug mitten in den Bergen plötzlich stehen. Die Passagierinnen gucken sich verdutzt an und dann passiert – nichts. Irgendeinmal wackelt der Zugbegleiter durch die Waggons und erklärt knapp, dass die Lokomotive kaputt sei und ausgewechselt werden müsse. Ein «Sorry» hören wir nicht. Die Türen gehen auf und wir vertreten uns draussen die Füsse.

Es ist immer so: Wenn im Bahnverkehr nichts mehr geht, beginnen wildfremde Leute miteinander zu reden. Ich komme mit drei jungen Leuten aus Schweden ins Gespräch. Sie sind lebenshungrig, witzig und voller Energie. Seit Kindsbeinen kennen sie sich, studieren inzwischen in Lund und bereisen Südosteuropa mit dem Interrail – zum Teil zu dritt, zum Teil allein.

Aus dem Nichts ist eine dunkle Wolkenwand aufgezogen und schon geht ein Platzregen darnieder. Wir stürmen in die Waggons, doch es als nur noch nieselt, sind wir schon wieder draussen und geniessen die warmen Regentropfen auf unserer Haut. Es riecht gut. Ein Paar beginnt zu tanzen.

Inzwischen sind zwei Stunden vergangen, und die Ersatzlok hätte schon lange hier sein sollen. «Never mind», unsere Laune und die Themen bleiben gut.

Ich weise die Schweden darauf hin, dass heute doch «Midsommar», das grosse Fest der Sommersonnenwende, gefeiert werde. Das Stichwort reicht und das Trio wieselt davon. Zwei Minuten später stehen sie wieder auf den Geleisen mit Snacks und einer Flasche Rotwein. Weil wir keine Gläser haben, kommt mein Sackmesser zu Einsatz. Wir zerschneiden ein paar Pet-Flaschen, was als Ersatz allemal taugt – und überhaupt: Wein ist Wein. «Skål!»

Irgendeinmal kommt die Ersatzlok doch noch. Wir ruckeln durch die Dunkelheit und kommen tief in der Nacht in Bar an.

Wie ich in der Pampa wieder aufgepäppelt wurde

Inzwischen bin ich seit fünf Wochen mit dem Velo unterwegs. Ich er-fahre den Balkan im Zickzack und habe ein Händchen für Passstrassen, die Stille und atemberaubende Panoramen bieten. Das bedeutet viel Auf und Ab, viel Schweiss und Leiden. Einmal kam ich an meine Grenzen, und davon handelt dieses Posting.

Die Beine sind schwer wie Blei, der Durst quält mich schon seit Stunden. Im Schritttempo rolle ich in das Dorf ein, das ich am Vorabend als Tagesziel festgelegt habe. Die schnelle Recherche ergab, dass es ein stattliches Dorf sein muss. «Stattliches Dorf» bedeutet bei mir, dass es einen Tante-Emma-Laden hat und in der Regel auch Gästezimmer.

Die Realität sieht anders aus: Viele Häuser sind am Zerfallen oder ihre Türen mit Brettern und schweren Kettenschlössern gesichert – Folgen des Kriegs und des Strukturwandels. Es herrscht Totenstille. Das Einzige, was sich bewegt, ist eine Kuh, die widerkäut. «Ein Geisterdorf», flüstere ich und erschrecke ob meiner eigenen Stimme.

Schon den ganzen Tag war ich im Sattel gesessen, die Etappe lang, anspruchsvoll, aber wunderschön. Fast immer fuhr ich auf schmalen Strassen, es herrschte praktisch kein Verkehr. Pro Stunde überholten mich oder kreuzten nicht mehr als ein halbes Dutzend Autos. Sonst gehörte die Pampa mir, und ich radelte und radelte.

Irgendeinmal waren die Bidons leer, aber weit und breit kein Bach, mit dessen Wasser ich sie hätte auffüllen können. «Egal», sagte ich mir, «bei Tante Emma gibt’s wieder Neues.»

Jetzt bin ich da, Tante Emma nicht mehr, aber: ICH BRAUCHE WASSER – JETZT!

Matt schiebe ich mein Fahrrad auf ein Haus zu, das einen bewohnten Eindruck macht, und lehne es an einen Pfosten. Da schiesst aus dem Nichts ein grosser Hund hervor und begrüsst mich euphorisch, so, als wären wir seit vielen Jahren beste Freunde. Er tanzt um mich herum und kann sich fast nicht erholen vor Freude. Ich setze mich zu Boden, streichle ihn ausgiebig und nenne ihn «Perito».

Als er sich beruhigt hat, stemme ich mich hoch. Im Schatten des Hauses sitzt ein älterer Mann und hat mich offenbar beobachtet. Ich versuche, keinen jämmerlichen Eindruck zu machen. «Ja sam… Švicarska… bicikl… nema voda… kaputt», radebreche ich und halte zwei Bidons in die Luft. Übersetzt heisst das: «Ich bin… Schweiz… Fahrrad… kein Wasser… kaputt.»

Mein aktiver Wortschatz in slawischen Sprachen umfasst etwa 300 Wörter, einen grammatikalisch korrekten Satz bringe ich nicht hin. «Kaputt» ist kein Wort auf dem Balkan, aber die Leute verstehen es dennoch.

Der Mann hat eine Glatze und keine Augenbrauen. Er wuchtet sich aus seinem Stuhl, winkt mit der Hand und tappt hinters Haus, ich hinterher. In der Mitte des Gartens steht ein Ziehbrunnen. Ich juble innerlich. Schnell ist der Deckel weggestossen und der Senior wirft einen Kessel hinunter. Ich höre, wie er auf dem Wasser aufschlägt – «platsch!» – und kann mich fast nicht mehr auf den Beinen halten. «Wasser – endlich!»

Am liebsten hätte ich direkt aus dem Kessel getrunken

Routiniert zieht der Hüne den Kessel am Seil hoch, stellt ihn am Brunnenrand ab, und da ist: d a s  W a s s e r. Es schimmert verführerisch in der Sonne. Am liebsten wäre ich in die Knie gesunken, hätte einen langen Hals gemacht und direkt aus dem Kessel getrunken. Mit zittrigen Händen fülle ich meine Bidons, dann gehen wir wieder unter das Vordach des Hauses. Der Mann deutet auf den zweiten Stuhl, ich setze mich und einen Bidon an. Resolut winkt er ab: «Ne!»

Er steht auf, verschwindet in der Küche und kommt mit einem grossen Glas Wasser zurück. Es ist gekühlt, ich sage «Hvala» (Danke) und trinke langsam und in kleinen Schlücken. Nie war Wasser besser als jetzt, nie! Als das Glas leer ist, zeigt mir der Hausherr, wo ich es wieder auffüllen kann. Nach dem dritten Glas fühle ich mich besser und wir beide versuchen eine Konversation. Die Übersetzungs-App auf dem Sklavengrätli mag ich nicht verwenden, das hätte nicht gepasst. Dank dem «Nichtwörterbuch», das mir ein Freund geschenkt hat, kann ich dem Gastgeber mit Piktogrammen und Bildern ein paar Informationen über mich geben.

Da tritt eine Frau vor die Tür. Sie stellt einen Teller mit Brot und Schinken auf den Tisch. Mit der Hand deutet sie auf den kleinen Stall nebenan, aus dem zwischenhindurch Quietsch-Geräusche und würzige Duftnoten herüberwehen. Ich belege die Brotstücke mit ihrem selbstgemachten Schinken und geniesse jeden Bissen. Dazwischen setze ich das Wasserglas an.

Langsam nehme die Umgebung wieder bewusst wahr. Der Garten ist gepflegt, vorne, hin zur Strasse, befinden sich die Blumen. Sie duften und werden von geschäftigen Bienen und ein paar Hummeln umschwärmt. Er erinnert mich an den grossen Garten, den meine Eltern mit viel Fleiss und Liebe pflegten. Die Frau taucht wieder auf und bringt eine Schüssel mit Kirschen. Ich klatsche in die Hände: «Šećar, Zucker!» Sie hat nussbraune Augen und lächelt. Die Kirschen sind reif und süss und sooo gut.

Es ist doch surreal: Da sitze ich irgendwo in der Pampa der Herzegowina und werde von einem wildfremden Ehepaar aufgepäppelt. Der heisse Sommertag ist einem milden Abend gewichen. Ich geniesse die friedliche Stille und das Gefühl, wieder zu Kräften zu kommen.

Kaum zu glauben, dass hier vor 30 Jahren Krieg herrschte. Zwischen 80’000 und 100’000 Menschen kamen dabei um, mit allen Gräueln: Konzentrationslager, systematische Vergewaltigungen, Genozid. Gegen zwei Millionen, die Hälfte der Bevölkerung, leben heute nicht mehr am selben Ort wie vor 1991, sie sind Flüchtlinge im eigenen Land. Zu ethnischen Säuberungen im grossen Ausmass war es hier schon gegen Ende des Zweiten Weltkriegs gekommen. Zwei Generationen später wiederholte sich die Geschichte.

Schlimm ist, dass sich seit Kriegsende 1995 nur wenig zum Positiven verändert hat. Die grossen radikal-nationalistischen Parteien (SDS, HDZ, SDA), für jede Volksgruppe eine, sind weiterhin an der Macht. (Seit den Nullerjahren hat die SNSD von Milorad Dodik die SDS überholt; er ist der starke Mann der Republika Srpska (nicht zu verwechseln mit Serbien). Wer zu seiner Clique gehört, geniesst Protektion und Privilegien. Als Mitglied des dreiköpfigen Staatspräsidiums (mit je einem Serben, einem Kroaten und einem Bosniaken) blockiert und hintertreibt er jeden Versuch, das fragile Land zu stabilisieren und vorwärts zu bringen.

In den letzten 25 Jahren habe ich mit vielen Serben, Kroatinnen und Bosniaken (muslimisch-stämmige Bosnier) gesprochen, praktisch alle kritisierten die nationalistischen Parteien massiv. Gewählt werden diese trotzdem, aus Angst, dass die anderen sonst Überhand nehmen könnten. Auf diese Weise wird der Stillstand zementiert und die Nationalisten, diese korrupten Saubanden, scheren sich einen Dreck um das Wohl der Allgemeinheit.

Der Friedensvertrag von Dayton hat zwar den Krieg beendet, aber keine Prosperität gebracht. Hunderttausende von Bosnierinnen und Bosnier sind inzwischen ausgewandert, weil sie in ihrem Land keine Perspektiven sehen. Das ist kultureller Selbstmord. (Ständige Wohnbevölkerung gemäss Wikipedia, 1990: 4,3 Millionen Menschen, 2020: 3,3 Millionen.) Man hätte den nationalistischen Parteien die Teilnahme an den Wahlen von Anfang an verbieten müssen, weil sie alle direkt am Krieg beteiligt waren. Amtsträger während des Krieges hätten auf 20 Jahre ausgeschlossen werden müssen, für irgendwelche anderen oder neue Parteien zu kandidieren. So hätte man diesen Sumpf trockengelegt. Die Weicheier aus dem Westen schafften es nicht.

Und dann rolle ich davon, in den Sonnenuntergang hinein

Ich schüttle die schweren Gedanken ab und schiele zum Gastgeber hinüber. Schliesslich gebe ich mir einen Ruck und stehe auf. «Enegije!», sage ich laut und deute auf meine bescheidenen Bizeps. Der Mann nickt. Ich bedanke mich beim Ehepaar, verabschiede mich von «Perito», mache das Velo startklar und will losfahren. Da steht der Senior neben mir, drückt mir eine Gurke in der Hand und wirkt etwas verlegen. Dann klopft er mir linkisch auf die Schultern und trottet zurück zum Haus.

Ich stecke die Gurke in die Lenkertasche, trete in die Pedale und rolle in den Sonnenuntergang hinein. Kein Motorenlärm stört die Stille, wie ich auf einem Strässchen bergauf radle. Die Energie ist zurück, die Temperatur angenehm, und ich komme zügig voran.

Nach etwa einer Stunde finde ich, dass es für heute reicht. In einer Waldlichtung stelle ich das Zelt auf und beginne zu kochen. Es gibt Penne und gut gewürzte Pelati. Für den zweiten Gang schäle ich die Gurke, schneide sie in feine Scheiben und streue etwas Satz drüber. Den dunklen Balsamico di Modena denke ich mir dazu – funktioniert. Während ich futtere, haben die Vögel ringsum ihr Abendkonzert begonnen.

Die einfachsten Mahlzeiten sind oft die besten, die schwierigsten Tage letztlich die schönsten.

PS:
– Vom Ehepaar und ihrem Garten machte ich keine Fotos, ich getraute mich nicht. Die Aufnahmen in diesem Posting stammen alle von der aktuellen Velotour, die mittlere von jenem Tag in der Pampa.
– Seit diesem Erlebnis habe ich eine weitere Flasche mit Wasser dabei – nur für Notfälle. Eine gewisse Lernfähigkeit ist also vorhanden.
– Mein Interesse für Bosnien kommt nicht von ungefähr: 1996 und 1997 arbeitete ich dort. Konkret: Ich baute eine unabhängige Radiostation auf. Mehr über dieses Projekt und jene Phase gibt es auf meinem beruflichen Blog zu lesen.
– Schliesslich noch etwas Technisches: Wer einen Kommentar hinterlassen möchte, muss Name und E-Mail-Adresse hinterlassen, sonst wird er nicht aufgeschaltet.

Den schönsten Strand liess ich links liegen

Im Frühling 1996 flog ich über die dalmatinische Küste und war hingerissen von der Landschaft und dem intensiven Blau des Wassers. Vorgelagert sind zahllose Inseln, die sich aneinanderreihen wie eine Perlenkette. Ich beschloss, einmal zurückzukehren. Dieser Tage habe ich das Inselhüpfen an der kroatischen Adria versucht. Ganz ohne Frust ging das nicht, «an Yellow Jeff» lag es nicht.  

Nach der Feinplanung waren Brač und Hrvar aussortiert, weil sie zu nahe bei Split und zu touristisch sind. Stattdessen nahm ich die Fähre nach Vis, einer Insel, die früher ein militärisches Schutzgebiet war und erst 1995 für Leute aus dem Ausland zugänglich gemacht worden war.

Die Atmosphäre auf Vis ist entspannt, die Menschen sind freundlich, die Strassen verkehrsarm. «Gut gewählt, Mark!», lobe ich mich selbst.

Mehrere Einheimische empfehlen mir, Stiniva zu besuchen. Das sei laut einer Erhebung der schönste Strand Europas, ergänzen sie nicht ganz ohne Stolz.

Am Sklavengrätli werfe ich Google an und tippe den Namen ein. Tatsächlich wurde Stiniva im Jahr 2016 zu «Europe’s most beautiful beach» gekürt. Mehr als 10’000 Leute hatten sich an der Befragung von Tripadviser beteiligt, über die Methodik bringe ich nichts in Erfahrung.

Von Rankings und Superlativen halte ich wenig, aber meine Neugierde ist geweckt. Am zweiten Tag sattle ich «Jellow Jeff» und radle los. Irgendeinmal kommt ein diskretes Schild, ich biege ab und fahre auf einem schmalen, zuweilen staubigen Strässchen weiter. Fünfzehn Minuten später bin auf einem Parkplatz angelangt. Nichts stört die Stille, nur drei Fahrzeuge dösen in der Hitze vor sich hin, aus der Ferne funkelt das Blau des Meers. «Das könnte etwas werden mit diesem Strand», denke ich vorfreudig und lehne mein Fahrrad an einen Baum.

Zu Fuss geht es weiter, der Marsch dauere etwa eine halbe Stunde, steht im Reiseführer. Ich muss mich konzentrieren, weil der Abstieg steil und anspruchsvoll ist. Nach ein paar Minuten erklingt durch das Dickicht der Sträucher plötzlich – Geschnatter. Es sind Wortfetzen auf Englisch. Kurze Zeit später entdecke ich auf dem schmalen Pfad den ersten Rücken eines Menschen, dann einen zweiten, einen dritten. Schliesslich mache ich 15 Teenager aus, die vor mir bergab stolpern. Sie tragen Flip-Flops und halten ihr Smartphone in der Hand. «Herr, lass Hirn regnen!», murmle ich in einem Anflug von Boshaftigkeit. Die jungen Amis schnattern und schnattern. «You’re filling the air!», war eine meiner Provokationen, als ich in den USA gelebt hatte.

Den hintersten Teil der Gruppe habe ich bald einmal überholt. Ich grüsse freundlich – kein Echo. Die anderen Teenager machen keine Anstalten, mich vorbeizulassen. Meine Laune verschlechtert sich. «Macht doch Urlaub am Santa Monica Beach!», denke ich und tadle mich für meinen Egoismus.

Auf einer Lichtung wird der Blick hinunter plötzlich frei, und ich bleibe wie angewurzelt stehen. In der Bucht liegen sicher zehn Boote und Jachten, zwei weitere brausen gerade in hohem Tempo herein.

Der Landweg ist etwas für Dummköpfe

Da fällt es mir wie Schuppen vor den Augen: «Natürlich, die Touristinnen und Touristen lassen sich so bequem zum Stiniva-Strand bringen, der beschwerliche Landweg ist was für Dummköpfe.»

Wenn sich auf jeder Jacht zehn oder fünfzehn Menschen befinden, sind das…. hach, rechnen bei 35 Grad!… ziemlich viele, die sich am Strand tummeln. Sie schnattern sicher alle, und es gibt es eine Happy-Hour-Bar, das übliche Angebot mit Schnocheln, Muscheln und Souvenirs… ach! Fast sämtliche Klichees, die ein Touristenstrand bietet, jagen durch meinen Kopf und ich tadle mich zum zweiten Mal. Dann mache ich rechtsumkehrt, beginne wieder bergwärts zu stapfen und lasse «Europe’s most beautiful beach» links liegen.

Einen Tag später bin ich auf einer anderen Insel unterwegs. Während der Mittagszeit, die Sonne brennt erbarmungslos auf meinen Nacken, entdecke ich einen Strand, der mich die Mühsal sofort vergessen lässt. Er ist verwunschen, naturbelassen und menschenleer. Stattdessen liegt eine herrliche Ruhe über der Bucht. Ich tauche ein und mache ein paar kräftige Züge im türkisblauen Wasser. «That’s my cup of tea!»

Wie dieser Strand heisst, weiss ich nicht, womöglich hat er gar keinen Namen. Ich hoffe einfach, dass er nie einen «Titel» holt.

PS:
– Von meinem Traumstrand machte ich keine Fotos. Die hier verwendete Symbolbild stammt von einem Strand auf Vis – auch schön, auch menschenleer. Ich übernachtete dort unter freiem Himmel.
– Von Stiniva Beach gibt’s selbstverständlich eine eigene Website, sogar auf Deutsch. Und viele schöne Fotos.