«Bike to Work» am arbeitsfreien 1. August

Die Etappen meiner diesjährigen Sommertour über die Alpen hatte ich präzis geplant. So ist es kein Zufall, dass ich am 1. August den Gotthardpass hinaufkurbelte. Ich wollte am Bundesfeiertag über unser Land nachdenken, während ich dieses gigantische, geschichts- und symbolträchtige Bergmassiv leise keuchend von allen Seiten bestaunte.

Es war ein Zufall, dass just während einer Verschnaufpause der mobile Hirnikocher vibrierte. Am anderen Ende SRF-Redaktorin Ivana Imoli. «10vor10» würde etwas zum 25-Jahr-Jubiläum des arbeitsfreien 1. August machen, der auf eine Volksinitiative zurückzuführen ist. Ob ich dazu Auskunft geben könne, fragte sie. «Nun ja», druckste ich herum, im Prinzip schon. Aber ich würde derzeit auf der alten Gotthardstrasse kleben, und das in einem Velodress, was bei mir besonders lächerlich aussehe. Imoli musste lachen.

Wir fanden einen Ausweg: Ich fuhr die Etappe zu Ende, duschte im Hotel und kurz darauf rauschte auch schon ein «10vor10»-Duo mit dem Auto heran. Der routinierte Kameramann fand im Nu einen guten Standort, um das Gotthardmassiv und meine Soundbites einzufangen.

Fazit: Ich fuhr am 1. August ziemlich weit zur Arbeit. Das war «Bike to Work adapted»! Als Belohnung konnte ich heute die Tremola hinunterbre-t-t-t-t-ern, 12 Kilometer und viele wunderbare Haarnadelkurven ging es nidsi.

Den Hintergrundbeitrag von «10vor10» zum 1. August gibt es hier zum Nachschauen.

Wie ein miserabler Tag in eine rauschende sizilianische Party mündete

Es gibt sie, diese Tage, wo du schon in den Morgenstunden weißt: Egal, was passiert, es geht heute alles in die Hosen. ALLES, tutto, du bist chancenlos. Mein aktuelles Bespiel aus Sizilien, das wir zurzeit mit dem Fahrrad erstrampeln.


Ich habe schlecht geschlafen und noch schlechtere Laune. Es braucht eine geschlagene Stunde und viele Höhenmeter, bis wir auf den zahllosen verwinkelten Gassen in der Mafia-Stadt Corleone den richtigen Weg Richtung Süden finden. Und natürlich habe ich keine guten Beine heute, es will sich partout kein Rhythmus einstellen. Ich beisse auf die Zähne, blicke stur geradeaus und pedale schweigsam durch den Tag.

Etappenziel ist Burgio, ein Bed & Breakfast ausserhalb der Stadt, das auf einem Hügel mit wunderbarer Aussicht liegt. Der Aufstieg dorthin ist giftig, ich fluche leise vor mir hin und komme kaum mehr vom Fleck. Oben wird uns beschieden: kein Platz mehr, scusi. Aber wir sollen es doch bei einem Bekannten in der Stadt versuchen, der nehme manchmal auch Gäste auf. Zwanzig Minuten später schaut uns dieser einen Augenblick lang an und schüttelt dann bestimmt den Kopf. Durchgefallen, porca miseria!


Zurück auf die Strasse.
Zur nächsten Kleinstadt. 21 Kilometer entfernt. Ventiuno kilometri! Gegenwind, Stuzzi Cadenti! Auf einem Online-Portal haben wir zur Sicherheit irgendetwas in Ribera gebucht. Abgekämpft erreichen wir dieses «Irgendetwas»: ein hässlicher Zweckbau am Stadtrand, direkt an einer stark befahrenen Strasse gelegen, der Putz ist weg, ein Namensschild fehlt. Ich fluche lautstark, checke nochmals die Adresse im Netz – alles korrekt! –, Ben drückt alle Klingeln gleichzeitig, was zu einem Sprachengewirr im Gegensprecher, aber keiner Lösung führt.

Da stehen wir im Dunkeln in unseren lächerlichen Velo-Klamotten, komplett verschwitzt, frierend, hungrig und ohne Dach über dem Kopf. Ich sehe uns schon zusammengekauert unter einer Brücke übernachten.

Im Nebengebäude befindet sich ein kleiner Supermercato. Ich stolpere hinein und nehme die junge Verkäuferin in Beschlag. Sie versteht mein mit spanischen Vokabeln durchsetztes Schwachstrom-Italienisch, zieht eine Augenbraue hoch, lächelt und verschwindet im Backoffice. Fünf Minuten später fahren ein paar Männer ein, sie gestikulieren und reden und reden und reden. Ich lärme zurück, verwerfe die Hände und finde Sizilien den letzten Flecken auf diesem Planeten. Ob das, was ich sage, Sinn macht, ist mir egal. Sono molto stanco. Wütend bin ich auch. Der A… tut weh.

Irgendeinmal wird ein Schlüsselbund gezückt und wir können rein. Die Bude ist zu unserer Verblüffung neu, sauber und aufgeräumt, aber charmefrei. Egal, die Dusche funktioniert, c’è agua freddo, und es hat zwei Betten, die das Probesitzen überstehen. Jetzt brauchen wir nur noch Kalorien. Viele Kalorien.

Wir schlendern die Strasse abwärts und entdecken schon bald ein leuchtendes Schild in der Ferne. Es ist, was wir uns erhofft haben: eine Trattoria. Laute Musik schallt nach draussen, überall stehen Leute herum, ein Glas in der Hand, die Klamotten sind teuer. Wir ernten prüfende Blicke, kämpfen uns aber trotzdem an der Menschenmenge vorbei an die Bar. Der Kellner macht ein zerknirschtes Gesicht, gefolgt von einer unzweideutigen Handbewegung: «Geschlossene Gesellschaft!»

Die gute Erziehung lässt uns keine Wahl

Wir drehen uns enttäuscht um und wollen davonschleichen. Ein Mann, etwa 60 Jahre alt, leicht gerötetes Gesicht, Adlernase, imposanter Bauch, versperrt uns den Weg. Seine Gesten sind raumgreifend, die Stimme rauh. Er bedeutet uns zu bleiben, es habe genug von allem und überhaupt werde heute nur gefeiert. Seine Frau sekundiert ihn resolut. Einen Augenblick später haben wir einen Drink in der Hand – «Salute!»

In einer Ecke entdecken wir einen Berg kunstvoll verpackter Geschenke. Auf einer Schiefertafel steht: «Alexandra e Alberto». Die beiden haben sich heute verlobt.

Am Buffet stillen wir unseren Hunger – delicioso! –, aus den Boxen wummern Bumm-Bumm-Sounds, Bachata und andere Verbrechen auf Tonträgern. Trotzdem wird die Stimmung immer ausgelassener, die Leute tanzen, aber wir stehen etwas verloren in einer Ecke. Abschleichen oder abtanzen – das ist die Frage? Wir entscheiden uns für Zweiteres; es ist die gute Erziehung, die uns letztlich keine Wahl lässt.

Die müden Beine wollen zuerst nicht recht, ich fühle mich wie ein Spastiker, aber schliesslich kommen auch wir in Fahrt und drücken ab.

Der Kontrast ist frappant:

Hier die offiziellen Gäste in ihren massgeschneiderten Kleidern, le donne betörend schön, aufgebrezelt und mit gefährlich hohen Absätzen – weshalb verliert eigentlich keine auch nur für eine halbe Sekunde das Gleichgewicht auf diesen High Heels?

Dort die beiden hereingeplatzten Svizzeri in verbeulten Jeans, alten Latschen und einfachen T-Shirts. Ben, 2 Meter 02, und ich, 1 Meter 86, wir beide überragen alle um einen bis eineinhalb Köpfe. Das sieht lustig aus, wie zwei Bojen, die im Hafen auf den Wellen schaukeln. Aber nach den Smash-Hits von «Village People» gehören wir definitiv zur Festgemeinde.

That’s what the desert looks like

The Oasis Siwa is located some 500 kilometres west of Cairo. That’s the region we spent ten days out in the desert, enyoing the silence, the delicious food as well as watching the stars at night sitting on a bonfire. There was no internet – luckily.

I can highly recommend detoxing in the desert. A couple of pictures:






Als mich plötzlich zwei Elche anglotzten


Nebelschwaden hängen
in den Baumwipfeln und Sträuchern – erste Anzeichen des Herbstes, der hier im Norden schon begonnen hat. Ich befinde mich zurzeit in der schwedischen Provinz Värmland, nahe an der Grenze zu Norwegen. In gemächlichem Tempo radle ich auf einem Schottersträsschen nordwärts. Es ist kühl an diesem frühen Morgen, ein leichter Gegenwind bläst, es nieselt und ich bin noch nicht ganz wach. Kein Mensch weit und breit, kein anderer Radfahrer, keine Autos, kein Traktor – einfach Stille. Herrlich.

Eine leichte Rechtskurve – und dann plötzlich sehe ich sie, etwa 25 Meter vor mir, mitten auf dem Strässchen: Sie haben dünne und unendlich lange Beine, ihre Köpfe sind unförmig. Die beiden ausgewachsenen Elche glotzen in meine Richtung, machen aber keinen Wank. Ich bin nun hellwach, drossle das Tempo und rolle langsam auf sie zu.

Die Elche glotzen. Ich glotze.

Sie scheinen etwas verwirrt zu sein. Womöglich ist es wegen meinem Outfit, bestehend aus einer knallgelbe Regenjacke, einer giftig-grüne Regenhose sowie einem Velohelm, der an einen Kübel erinnert. Ich sehe zweifellos ziemlich doof aus. Das gilt allerdings auch für die Elche. Bei ihnen ist das seit Geburt so. Arme Geschöpfe.

Das gegenseitige „Schau-mir-in-die-Augen-Schlaks“ dauert keine drei Sekunden. Dann galoppieren die beiden ohne jegliche Eleganz davon, halten aber nach 30 Metern auf einem Stoppelfeld inne und glotzen wieder zu mir hinüber. Dann verschwinden sie im Dickicht.

Ein Ausschnitt aus meinem Tagebuch – datiert vom 4. August 2016.

Seit Anfang Juni ist es ein Ritual: Jeden Abend scrolle ich vor dem Einschlafen durch das Tagebuch #ToNorthCape2016 und lese nach, was ich genau vor einem Jahr erlebte. Ergänzt mit Fotos desselben Tages bin ich so noch einmal auf dieser Velotour, die von Bern ans Nordkap führte. Schweissfrei.


In einer Sommerserie
porträtiert die “Aargauer Zeitung” Leute, die einen Roadtrip unternommen haben. Vorgestern war meine Velotour von Bern ans Nordkap an der Reihe.

Als PDF zum Herunterladen:

“Velofahren bedeutet für mich Freiheit” (PDF, 2. August 2017)

 

From Copenhagen to Berlin by bike – 19 pictures

Whenever I enter the basement my lovely yellow bicycle looks at me with puppy eyes and says: “Hey partner, I wanna go for a ride again, pleeeeaaase!”

The truth is: my tour bike has not been moved ever since I came home from the North Cape last September. So it’s high time to hop on the saddle again. I’ve chosen Copenhagen-Berlin, a route which is very popular in summer and flat like a pancake – perfect for the opening of the season. Denmark in May is absolutely marvellous and I guess this applies to Northern Germany, too. I can’t wait to “fly” across the mild spring inhalling the air filled with blossoming flowers and trees. It’s about the flow.

> That’s what I wrote ath the end of April 2017.

Now I’m on the road. “A flash light”:

Three – two – one – blossoming! In the countryside it smells so intensely that I was flashed after inhaling for a half an hour. The sunrays hit the bright yellow fields of rape while the larks never get tired singing their melodies – welcome to Danish spring. It’s magic. If it’s mild and sunny.

Two nights ago, the temperature dropped below zero. Next morning, while sitting on the saddle my butt felt rather frosty. The weather has changed dramatically: now it’s ice cold, the wind is blowing often quite heavily, and the rain falls mostly horizontally which means: Straight. Into. My. Face.

It was a rough day but after six hours I stopped at a cozy little hotel, meanwhile in Northern Germany, with an extremely friendly staff. I’m their only guest and they fixed me a lavish dinner. So in fact I have no reason to complain.

> Another jump forward:

Today, I arrived safely in Berlin. Three half days warming up (along the Roskilde Fjord) followed by the seven day tour were awesome in many ways. I’ll do it again. Soon.

#CopenhagenBerlin2017

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Mordgedanken an einem Traumstrand

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Das Wasser schimmert in verschiedenen Blautönen, Wellen mit Schaumkrönchen rollen landwärts, die Palmen wiegen sich im sanften Wind. Röhrende Wasserjets, penetrante Souvenirverkäufer, testosterongetriebene „Spring Break“-Jungs und lästige Sandfliegen gibt es hier nicht. Nur etwas: Ruhe – meditative Ruhe. Willkommen am Traumstrand, irgendwo auf der Insel Palawan.

Keine 20 Touristen haben sich auf verschlungenen Pfaden bis zu dieser verwunschenen Ecke durchgeschlagen. Die Infrastruktur ist simpel: Sie besteht aus einem Beizli mit drei Tischchen, ein paar wackeligen Stühlen und einem halben Dutzend riesiger Kissen, in die man sich fläzen darf.

Ich löffle das einzige Gericht, das es gibt: eine Fischsuppe, dick, mit kleinen Gemüsestücken und vielen Kräutern versetzt. Bei jedem Bissen platzt ein Feuerwerk an Aromen auf der Zunge. Dazu trinke ich eiskaltes San Miguel Pilsen. Die Light-Version sei etwas für Memmen, erklärte mir das Oberhaupt der Familie, die hier wirtet. Also entschied ich mich für das echte Bier. „Do you need a glas?“ Ich schüttle den Kopf: „Real men drink beer from the bottle.“ Er grinst und unsere Hände klatschen zusammen – High Five.

Später lasse ich mich im Schatten nieder, sehr zufrieden mit meinem Leben, blinzle in die Sonne und beginne zu lesen. Doch plötzlich kommt Bewegung in die schläfrige Schar Gäste, die es sich hier gut gehen lässt. Vier junge Blondinen sind eingetroffen, schlank, braun gebrannt, durchtrainiert und voller Energie. Nein, es sind keine Rettungsschwimmerinnen aus Kalifornien und rote Einteiler tragen sie auch nicht. Wie sich herausstellt, kommen die Girls aus Finnland und, boy, wie sie surfen können! Unermüdlich zeigen sie ihre Kunststücke, was mein Ritual durcheinanderbringt: Lesen, dösen, lesen, dösen wird ergänzt. Subito.

Im Verlaufe des Nachmittags taucht ein Mann mit rot-blonden Haaren auf, Europäer oder Nordamerikaner, wohl zwischen 25 und 30 Jahre alt. Er packt umständlich seine Tasche aus, Minuten später beginnt es zu surren, eine Drohne steigt in die Luft. „What the hell!“, murmle ich. Der Rotblonde steuert den weissen Flugkörper dem Strand und lässt ihn über der kleinen Beiz und den Surferinnen kreisen. Stets ist das feine, aber unangenehme Surren zu hören. Auch andere Touristinnen und Touristen fühlen sich gestört, wir werfen uns vielsagende Blicke zu.

Neben mir liegt eine unreife Kokosnuss. Ich wiege sie in der Hand, sie hat eine gute Grösse, das Gewicht wäre ideal. Plötzlich blitzt ein Gedanke auf, der mich erschreckt: Mord. Der Vollzug wäre simpel: Ich pirsche mich von hinten an den Rotblonden heran und erschlage ihn mit der Kokosnuss – zack! Oder ich warte, bis die Drohne in Wurfdistanz ist – und dann: bumm! Man muss wissen: Präzisionswürfe waren lange vor der Rekrutenschule eine Befähigung von mir, ich treffe fast immer.

Zum Glück beginnt sich eine weitere Option zu entwickeln, und sie gewinnt die Oberhand. Ich rapple mich hoch, was erst beim dritten Versuch gelingt, atme einmal tief durch, stapfe durch den Sand zum Rotblonden und formuliere eine Ich-Botschaft, hoch anständig und in etwas gestelztem British English. Er blickt mich einen Augenblick wortlos an. Dann nickt er. Kurz darauf landet seine Drohne sanft im Sand, ich hole in der Beiz zwei San Miguel – Pilsen, what else.

 

 

Nachtrag vom 4. Januar:

Hinter den Kulissen hat mir eine Leserin geschrieben. Eine grüne Kokosnuss reiche nicht aus, um jemanden “zack” totzuschlagen, sie sei zu weich. Damit hat sie vermutlich recht, mir geht die Erfahrung in diesem Bereich noch ab. Was ich aber sicher weiss: Um eine Drohne vom Himmel zu holen hätte diese Nuss alleweil gereicht. Das nächste Mal werde ich den Beweis antreten.

Nachtrag vom 30. März 2017:

In der Schweiz besitzen inzwischen etwa 100’000 Personen eine Drohne. Was sie beim Fliegen beachten sollten und welche Konsequenzen rechtlich drohen, beleuchtet .

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James kann nicht kochen – eine Weihnachtsgeschichte

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Kurz vor 23 Uhr checke ich ein. Das Hotel hat drei Sterne, neunzehn Stockwerke und eine unsympathische Rezeptionistin; es ist seelen- und geruchslos, ein Bunker. Aus dem zweiten Stock dröhnt übersteuerte Karaoke-Musik, die Stimmen treffen die Töne selten, aber egal: Ich bleibe ja nur eine Nacht, am nächsten Morgen geht die Reise weiter. Die Versuchung, mich auf Manila, diesen Moloch einer Stadt einzulassen, war auch während der Ferienvorbereitung nie erwacht.

Im Zimmer angelangt, stelle ich meinen Rucksack in eine Ecke, klatsche mir kaltes Wasser ins Gesicht, ziehe ein frisches T-Shirt an und schon bin ich wieder draussen. Die tropische Wärme empfängt mich. Überall blinken Lampen, Lämpchen und Reklamen, Motorräder, Taxis und Tuk-Tuks rollen vorbei, „diese Stadt schläft nie“, erzählte mir ein Kollege, der einmal hier gelebt hat.

Ich will nicht um die Häuser ziehen, sondern mir bloss noch etwas die Füsse vertreten. Schon nach ein paar Minuten entdecke ich die ersten Obdachlosen: Sie schlafen in den Eingängen der Läden, unter Bäumen, auf den Treppen einer Kirche – überall, wo sie ein wenig Schutz finden. Standard ist eine Unterlage aus Karton, einige haben zusätzlich eine verfilzte Decke zur Verfügung, Dritte wiederum liegen auf dem blossen Boden. Es sind Teenager, Greise und viele elternlose Kinder, die jüngsten dürften noch nicht einmal im schulpflichtigen Alter sein.

Als ich die Hotellobby betrete, löst sich gerade eine Hochzeitsgesellschaft auf, eine Hundertschaft gut gekleideter Leute macht sich auf den Weg nach Hause. „Nehmt doch Gesangsstunden!“, brummle ich vor mich hin und verschwinde in meinem heruntergekühlten Zimmer.

Zwei Tage später.

Die Güggel in der erweiterten Nachbarschaft geben alles, damit ich vor den ersten Sonnenstrahlen aufwache – Concerto Grosso. Ich bin inzwischen auf der Insel Palawan angekommen, eine Flugstunde westlich von Manila, und habe mich in einer gemütlichen Lodge einquartiert. Nach dem Frühstück – phoa, diese Fruchtsäfte! – schnüre ich meine Wanderschuhe und packe einen kleinen Rucksack, was ich für die nächsten Stunden brauche: eine grosse Flasche Wasser, das Sackmesser, den Fotoapparat (die gute alte Canon) und ein Buch, aber bewusst keine Landkarte und auch das mobile Sklavengrätli bleibt zurück. Ich will einfach mal drauflos. Das mache ich seit vielen Jahren immer mal wieder – ein Erfolgsrezept.

Zügigen Schrittes streife ich durch das grüne Dickicht, die Sonne dient als grobe Orientierung. Plötzlich stehe ich auf einer Lichtung, Hühner trippeln geschäftig herum, zwei Hunde liegen faul in der Sonne, im Hintergrund sind ein solides Holzhaus und zwei Bungalows zu erkennen. Vorne, unter einem einfachen runden Bambusdach, das von acht Pfählen getragen wird, nehme ich Bewegungen war. Aus der Nähe entpuppt sich die auf allen Seiten offene Hütte als Freiluftküche. Töpfe sind aufgereiht, Kellen hängen an einer Schnur, auf der Theke stehen mehrere Plastiksäcke mit Gemüse.

Zwei junge Leute schälen Gurken. Als sie mich entdecken, grüssen sie freundlich. „Do you want to try our cookies?“ Schon streckt mir die Frau ein Teller mit ihren Güetzi entgegen. Das Gebäck ist grünlich…, schmeckt vorzüglich, allerdings habe ich keine Ahnung, was ich mir in den Mund schiebe. So sind wir flugs in ein munteres Gespräch über Zutaten im Speziellen und das Leben im Allgemeinen verwickelt. Beide sind Frohnaturen und neugierig, ihr Englisch ist fliessend.

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Ziel des Tages
sei, dass James endlich kochen lerne, erklärt Mimi. Und so kommandiert sie Schritt für Schritt, was er zu tun hat, mal greift sie ein, mal tadelt sie kumpelhaft – die Kochsession wird zur Comedy und wir müssen oft lachen. Schliesslich hat sie doch das Meiste selber erledigt, und vor mir steht eine Mahlzeit, die lecker duftet: Reis, gegrillter Fisch, eine pikante Sauce und ein mit viel Liebe dekorierter Gurkensalat. Wir futtern zu dritt, das Zmittag schmeckt vorzüglich. (Okay, eine richtige Salatsause fehlte. Aber… das hätte ja mein Job sein können, stupid!)

Nun müssen Mimi und James für die Gäste, die die Bungalows gemietet haben, kochen. Ich schultere den Rucksack und frage die beiden, was ich ihnen schulde. „Nothing“, klingt es zurück. Mimis Stimme tönt bestimmt. „You were our guest.“

Ich klaube mein Schweizer Sackmesser hervor und lege es auf den Tresen. „Merry Christmas!“ Sie danken und winken, wie ich mich zum Gehen wende. Nach ein paar Metern drehe ich mich nochmals um: „One day, I’ll be back. Make sure you know how to cook then, James!“

Der junge Mann lacht über das ganze Gesicht und macht das „Daumen-hoch“-Zeichen. „Sure!“

„Lerchen trällern auch im Landregen“

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Seit rund zwei Wochen bin ich wieder in der Schweiz. Die Anpassung an ein sesshaftes Leben hat zum Glück problemlos geklappt, ich bin wohl in Bern. Zugleich schwelge ich in Erinnerungen. Zusammen mit Bürokollege Suppino habe ich meine dreimonatige Velotour von Bern ans Nordkap Revue passieren lassen. Ein Gespräch über den „Flow“ und die soziale Isolation, platte Reifen, Hornhaut und den „Läck-mir“, über Ueli Giezendanners Haare und meine Learnings.

Bürokollege Suppino: Du warst 72 Tage lang im Sattel. Wie dick ist eigentlich die Hornhaut am A…, ach, du weißt schon.

Mark: Wir beginnen dieses Gespräch also mit dem Hintern (grinst) – grossartig! Dann halt. Es ist ein Mythos, dass sich am Arsch, pardon l’expression, Hornhaut bildet. Er schmerzte die ersten vier, fünf Tage, danach ging es. Gut gepolsterte Velohosen, ein passender Sattel und Hygiene haben sicher geholfen. Es gibt übrigens Radler, die schwören auf „Füdlecrème“, ich halte sie für ein Placebo.

Du hast die Ausrüstung angeschnitten. Erfahrene Tourenbiker sagen, dass sie 80 Prozent des Erfolgs ausmacht.

futter_383_img_2581Für jedes Wetter geeignete Kleider dabei zu haben hilft enorm, klar. Ich habe unterwegs mehrmals Sachen dazugekauft und ausgewechselt. Mein postgelbes Velo ist übrigens eine Einzelanfertigung; es hat sich bewährt. Genauso wie Zelt, Schlafsack und das Kochmaterial. Sehr wichtig ist allerdings auch die mentale Verfassung. Wenn es im Kopf nicht stimmte, kam ich nicht voran. Und noch etwas, Suppino: Ich musste futtern wie noch nie in meinem Leben – Pasta, viel Pasta, manchmal wars auch Reis. Oder Pizzen. Mein Kalorienverbrauch hatte sich von einem Tag auf den anderen verdoppelt. Ich konnte mir auch täglich Erdbeertörtchen und andere Süssigkeiten als Belohnung erlauben – hach! (Bei dieser Aussage habe ich wohl die Augen verzückt geschlossen.)

Hast du eigentlich vor deiner Tour trainiert?

Nein. Ich habe eine gute Grundkondition, weil ich schon seit vielen Jahren fünfmal pro Woche im Hallenbad schwimme und oft in den Bergen unterwegs bin. Die Kondition auf dem Velo kam mit dem Fahren. Ich wollte ja nicht möglichst schnell möglich weit kommen.

Sondern?

Ich wollte Zeit haben und die Natur er-fahren. Das funktioniert nur mit dem Fahrrad: Ich machte Halt, wo es mir gefiel, setzte mich unter einen Baum, um zu lesen, beobachtete Tiere in der freien Wildbahn, besuchte alte Freunde und radelte mit Tempi, die mir gerade behagten. Manchmal sportlich, manchmal sehr gemächlich. Was ich unterwegs erlebte, kann ich weiterhin nicht in Worte fassen. Nur so viel: Velofahren bedeutet für mich Freiheit. Frische Luft in den Lungen, die Stille der Natur, sanft vorbeiziehende Landschaften und dabei den eigenen Körper spüren – das war der Mix, der immer wieder zu einem Flash führte.

Das klingt esoterisch?

Wie es klingt, ist mir egal. Ich erzähle dir, wie ich mich unterwegs fühlte. Von wenigen Tagen ausgenommen schüttete das Velofahren Glückshormone aus. Kombiniert mit dem „Flow“, der beim Radeln meistens kam, war das, hach… schlicht wunderbar!

Viele Leute glauben, dass längere Velotouren langweilig und monoton sind.

Es gibt auch Leute, die behaupten, die Wüste sei tot. Dabei ist sie voller Leben! Doch zurück zum Velofahren: Ich konnte mich an den Landschaften und Wolkenbildern nicht sattsehen, und ich habe seit Kindsbeinen ein geschultes Auge für Tiere in freier Wildbahn. Das half: Ich habe Elche, Fischadler, eine Wildsau, Eisvögel und viele andere Tiere gesehen. Unterwegs kam nie Langweile auf; ich hatte auch viel Zeit zum Nachdenken.

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Andere machen solche Touren zu zweit oder mit einer kleinen Gruppe, du warst alleine unterwegs.

Ich fuhr tatsächlich fast immer alleine, und das habe ich sehr genossen. Ich gehe auch gerne ab und zu alleine wandern oder ins Theater. Meine Route nordwärts richtete ich nach den Leuten in Deutschland und Skandinavien aus, die ich in den letzten 25 Jahren kennen gelernt habe. Etwa 40 Nächte kam ich so bei Bekannten und Freunden unter, und das war schön. Sie stellten mir ein Gästebett oder eine Couch zur Verfügung, nach meiner Ankunft hüpfte ich jeweils unter die Dusche, wusch meine Veloklamotten, machte zehn Minuten Stretching und beantwortete Geschäftsmails. Hernach gabs Znacht und wir verbrachten kurzweilige Abende. Gerade wegen dieser Kombination spreche ich so euphorisch über meine Velotour. In Deutschland kenne ich nur wenig Leute, dort erlebte ich die soziale Isolation mehrmals, und sie bekam mir nicht. Mit Wohnmobil-Pensionären ins Gespräch zu kommen war kaum möglich, und falls doch, fand ich es nicht bereichernd.

Gabs eigentlich auch brenzlige Situationen?

Die Hunde waren selten aggressiv, ich wurde von keinem Elch überrannt und blieb auch sonst unfallfrei. Auf der Strasse hatte ich ein paar Mal Glück, etwa wenn ein Automobilist den Rechtsvortritt missachtete oder zu knapp überholte. In vielen Tunneln Norwegens übermannte mich die Angst oder ein mulmiges Gefühl, weil sie schlecht ausgeleuchtet, eng und zugig-kalt sind. Wenn mich ein übermüdeter Lastwagenchauffeur übersehen hätte… Mon Dieu!

Und wie viele Platten hast du eingefangen?

Zwei. Eine davon irgendwo im Nowhere Dänemarks, und zwar bei strömendem Regen. Zuerst stiess ich meinen Standardfluch aus: „Stuzzi cadenti rotondi!“, was übrigens bloss „runde Zahnstocher“ heisst, aber eindrücklich klingt. Dann schob ich mein Rad zu einem Bauernhof, wo ich in einer offenen Scheune den Schlauch flickte. Nach einer halbe Stunde war ich wieder unterwegs – vergnügt pfeifend. Dreissig Kilometer entfernt warteten Freunde und ein warmes Nachtessen auf mich, kein Grund also, missmutig zu sein. Den zweiten Platten holte ich mir 50 Meter vor dem Haus einer Freundin – also no big deal.

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Trotzdem, hattest du manchmal auch den „Läck-mir“? (Für die Leser ausserhalb der Schweiz: “Läck-mir” ist ein Helvetismus, zu übersetzen mit: Es kackt mich an. Etwa.)

(Lacht.) Der Optimismus ist ein treuer Begleiter, man kann ihn mir vermutlich nicht austreiben. Wenn etwas schiefläuft, erkenne ich dennoch auch positive Aspekte, und wenn etwas nicht richtig läuft, stachelt mich das an. Ganz pragmatisch versuche ich immer, aus einer Situation das Beste zu machen. Lassen wir doch die Esoterik, die du ja schon sanft ins Spiel gebracht hast, nochmals anklingen. Mir gefällt ein Sprichwort aus Uganda: „Wende dich der Sonne zu, dann fallen die Schatten hinter dich.“ All das half mir auf meiner Tour. Ein Beispiel: Wenn es stundenlang regnete, und das tat es oft, konzentrierte ich mich auf die Lerchen. Die trällern nämlich auch während eines Landregens. Ein erstaunlicher Vogel: klein, unscheinbar und in der Luft kein eleganter Flieger. Aber er singt – unverdrossen. Also radelte ich – unverdrossen.

Okay, okay, du Gute-Laune-Mensch! Hast du trotzdem ab und zu mit dem Gedanken gespielt, die Tour abzubrechen?

Ja, einmal. Es war am zweiten Tag, in den Jurahöhen. Ich musste über den Passwang, die Steigung betrug bis zu 13 Prozent, eineinhalb Stunden lang schob ich mein Gefährt, keuchte und schwitzte – und die Sonne brannte darnieder. Ich fluchte wie ein Fuhrhalter, Ueli Giezendanner wären die Haare zu Berge gestanden. Ein latentes Risiko war mein rechtes Knie: Das hat die letzten 20 Jahre keine langen Etappen auf dem Velo mehr zugelassen. Aber auf dieser langen Tour ging es, nur sieben Tage fuhr ich mit Schmerzen. Dafür bin ich unendlich dankbar.

Wie hast du eigentlich navigiert?

Für die grobe Orientierung kaufte ich mir jeweils Landkarten im Massstab 1:250’000 oder 1:300’000. Mal auf dem Rad halfen diese natürlich nicht mehr. Dafür hatte ich die App „Komoot“, die mir meistens einen guten Routenvorschlag machte. Ergänzend nutzte ich „Naviki“ und in den Städten „Google Maps“. Auf Wegweiser für Radwege konnte man sich nicht verlassen. Ich habe auch Leute auf der Strasse angehauen, oder andere Biker.

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Du betonst bei jeder Gelegenheit die 5500 Kilometer, die du im Sattel zurückgelegt hast. War es dir wichtig, das Nordkap zu erreichen?

Nein, es ging mir darum, unterwegs zu sein. Die längste Zeit war #ToNorthCape2016 bloss eine Chiffre. Sie klingt spektakulärer als #nordwärts. Erst auf den Lofoten-Inseln meldete sich der Ehrgeiz, und ich definierte das Ziel glasklar: „Jawohl, ich will ganz hoch.“ Die letzten acht Tage bzw. 600 Kilometer war es oft empfindlich kalt, aber fast immer trocken. Hätte es ständig geregnet, wäre ich an meine Grenzen gestossen. Die Kombination von Kälte, Wind und Regen macht mürbe. Eine befreundete Radtourenfahrerin sagt zwar, das forme den Charakter. Ich kann auf die Zähne beissen, aber tagelang würde ich mich nicht quälen.

Wie hast du deine Abenteuer „On the Road“ festgehalten?

Wie immer! Seit nunmehr 30 Jahren schreibe ich Tagebuch, zwar nicht täglich, sondern immer dann, wenn etwas für mich Relevantes passiert. Auf meiner Velotour tippte ich jeden Abend vor dem Einschlafen meine Erlebnisse in den Laptop. Das ging ratzfatz. Einzelne Abschnitte habe ich später ausgebaut, veredelt und als Postings auf dieses Blog gestellt. Hier führte ich auch ein „Log Book“ in englischer Sprache; es war primär gedacht für die internationalen Freunde, die mich beherbergten. Du hast die Postings doch sicher auch gelesen, Suppino!

Ähh, ja… ich meine, nein. Hmm…. doch! Ich habe die Story mit der schönen Schwedin mit Genuss reingezogen. Darf ich jetzt wieder die Fragen stellen?

Go on.
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Was würdest du anders machen?

Die Routenwahl durch Deutschland war ein Fehler. Ich würde entweder in Basel mit einem Schiff den Rhein hinunter bis Rotterdam schippern oder durch die Bundesländer im Osten radeln. Der Mosel und dem Rhein entlang zu fahren war landschaftlich deutlich weniger attraktiv als durch Schleswig-Holstein und Skandinavien. Zudem würde ich mein Gepäck noch viel stärker limitieren, ich schleppte zu viel Gewicht mit. Okay, das erhöhte den Trainingseffekt (lacht). Bei der nächsten grossen Velotour werde ich eine gute Kamera und ein separates Navigationsgerät, etwa von Garmin, verwenden. Das iPhone für alles zu brauchen war riskant, gerade im Dauerregen.

Aha, die nächste grosse Velotour!

Mit dem Trip von Bern ans Nordkap konnte ich eine Position auf meiner „Bucket List“ streichen. Während des Fahrens sind mir aber neue Ideen gekommen. Nur so viel: Es wird nicht 20 Jahren dauern, bis ich das nächste Abenteuer mit dem Velo starte.

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Nachtrag:
Die «Aargauer Zeitung» porträtierte in einer Serie mehrere Leute, die Roadtrips gemacht hatten. Am 2. August 2017 war ich an der Reihe. Hier als PDF: «Velofahren bedeutet für mich Freiheit» (PDF)

From Berne to North Cape by bike – 25 pictures

From Berne to North Cape by bike – 25 pictures

– June 3th 2016, I left Berne behind me in the pouring rain;
– August 31th, I arrived at the North Cape, it’s a sunny morning.

After 90 days and 5500 kilometers on the road, I reached “The Top of the World” as the Norwegians advertise their site in the Arctic. I cycled across parts of Switzerland, France, Germany, The Netherlands, Denmark, Sweden and Norway. A long lasting dream of mine came through. It was even more precious than I expected. Take a look at the pictures and you know why.


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For 20 years this bike trip had been on my bucket list. Few things in my life have been as rewarding and fulfilling, #ToNorthCape2016 is my very own “Road Movie”.

For those of you who understand German: I’ve published a couple of stories about my trip. Why don’t you start with the “thriller”. But watch out, it’s a longread!

Die Nacht, die ich nicht im Zelt verbrachte

Das Schild auf der Strasse verkündet: „Åtvidaberg“. In gemächlichem Tempo pedale ich in das Städtchen hinein. Es hat eine gute Energie, Amselmännchen geben ihr abendliches Konzert, die warme Sonne wirft lange Schatten. Dann wird der Blick frei auf den See und die Entscheidung ist gefallen: Hier bleibe ich für eine Nacht.

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Dass es in Schweden
überhaupt eine Gemeinde namens Åtvidaberg gibt, weiss ich erst etwa seit einer Stunde. Sie hat 7000 Einwohner und liegt zwischen Göteborg und Stockholm. Im Verlaufe des Nachmittags entdeckte ich sie irgendeinmal auf meiner Landkarte.

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Wie ich im Schatten eines alten Baumes dank diesem Internet und meinem Sklavengrätli in Erfahrung bringe, ist Åtvidaberg die Heimat von Frida „Golden Girl“ Wallberg, einer hübschen, 1 Meter 69 grossen Frau (Foto). Sie hat keine goldene Kehle, sondern eiserne Fäuste. Als Boxerin holte sie unter anderem den Profi-Weltmeistertitel im Superfeder-Gewicht.

Der Glanz des FC Åtvidaberg ist hingegen schon länger verblasst: Zu Beginn der Siebzigerjahre war dieser Fussballklub eine grosse Nummer im Land gewesen: 1970 und 1971 gewann er den Cup, in den beiden darauffolgenden Jahren die Meisterschaft. Adaptiert auf Schweizer Verhältnisse hiesse das: Eine Mannschaft wie der FC Oberglatt hätte vor 40 Jahren die damaligen Platzhirsche der Nationalliga A, Basel, FC Zürich, GC und Servette, hinter sich gelassen. Eine ulkige Vorstellung.

Doch zurück zum Jetzt: Am Bysjön, so heisst der See, will ich zelten. Wild, wie immer, weil während der Hochsaison auf den Campingplätzen Schwedens die Wohnmobile ausgerichtet sind wie in Rimini die Badetücher.

Binnen weniger Minuten habe ich mehrere geeignete Plätzchen für mein Zelt entdeckt. Doch das Aufstellen kann warten, ich muss zuerst ein anderes Grundbedürfnis stillen. Der Magen macht sich schon ein Weilchen bemerkbar: “Futter – aber dalli!” Zehn Minuten später parkiere ich meinen postgelben Göppel vor dem Restaurant des örtlichen Golfklubs. Ich bestelle Lachs, Kartoffeln und Gemüse, setze mich in die Abendsonne, strecke die müden Beine, bin zufrieden mit dem Leben und geniesse die Aussicht.

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Mit meinem Radler-Outfit falle ich unter den Golfspielerinnen und -spielern etwa so auf wie ein Löwenzahn unter Orchideen. Am Tisch nebenan sitzt ein Pärchen, das mich nach wenigen Minuten prompt darauf anspricht. Ob ich denn auch Golf spiele, fragt mich der Mann. Ich komme nicht in Versuchung, den beiden irgendetwas von meiner vermasselten Karriere als Minigolfer oder von meiner ruhigen Hand zu erzählen, vom richtigen Golf habe ich soviel Ahnung wie ein Ozelot von Algebra. Also lenke das Gespräch auf meine Velotour in den hohen Norden.

Ich finde die beiden auf Anhieb sympathisch und sie mich offenbar auch. Nach wenigen Minuten rücken wir die Stühle um einen Tisch herum. Wir unterhalten uns blendend, Mia und Peter haben Humor und sind wie alle Schwedinnen und Schweden sehr höflich. Es stellt sich heraus, dass er Chairman des lokalen Golfclubs ist. Ich dürfe mein Zelt auf der 18-Loch-Anlage aufstellen, wenn ich wolle. Ich finde den Gedanken reizvoll, die Heringe in diesen gepützelten Rasen zu drücken und am Morgen die ersten Spieler mit meiner verschlafenen Visage zu erschrecken. Wir plaudern und scherzen weiter, nach einer Stunde bietet mir das Ehepaar an, dass ich bei ihnen zu Hause im Gästezimmer übernachten dürfe – was für eine schöne Geste. Ich muss nicht überredet werden, zumal ein richtiges Bett allemal für einen besseren Schlaf sorgt.

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Wir spazieren durch die Quartiere, eine Viertelstunde später erreichen wir ihr Haus, das am Waldrand liegt. Auf dem Gartensitzplatz machen wir es uns gemütlich, die beiden sind aufmerksame Gastgeber, Sohn Jimmie, der in Chicago studiert und gerade Semesterferien hat, gesellt sich mit einem Kollegen dazu, ein guter Whisky macht die Runde. Es ist mir wohl bei den Björlings, ich mag offene, unkomplizierte Menschen, die die Kultur „des offenen Hauses“ pflegen.

Es ist möglich, dass ich ihnen zu später Stunde versprach, im nächsten Sommer zurückzukehren, um das Golfspielen zu lernen. Es könnte ja sein, dass ich Talent habe. Sonst werde ich Boxtrainer. In Åtvidaberg.

 

P.S.
Ja, liebe Leserin, ich bin mir bewusst: Der Titel dieses Postings weckte womöglich Hoffnungen auf eine „Juicy Story“ – ein alter Journalistentrick. Nope, lieber Leser, daraus wurde nichts, pardon. Aber: Åtvidaberg ist eine Reise bzw. einen Zwischenstopp wert. Mit oder ohne Golfschläger.

Als Trösterli: So sieht mein Zelt aus, wenn ich die Nacht darin verbracht habe und währenddieser nur etwas geschah: Es fiel Regen. Viel Regen.

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